Von Kermashah nach Hamedan

Um 8.30 klingelt der Wecker, wie jeden Morgen. Und keine zwei Minuten später klopft es an der Zimmertür. Roland öffnet und vor ihm stehen zwei Damen. „Cleaning!“ meinen sie. Roland sagt etwas erstaunt „Äh yes, later“ und schließt die Tür wieder. Was soll das denn! Wir haben heute beide keine besonders gute Laune, sind vom gestrigen Tag noch geschlaucht, die Militärkontrolle hat vor allem mich mitgenommen und die Luft hier in Kermanshah ist unerträglich. Es riecht bereits morgens auf dem Balkon nach Benzol. Oder Öl oder Chemie. Die Seidenstraße haben wir uns anders vorgestellt.

Es ist es genauso diesig wie gestern und bereits nach ein paar hundert Metern Fahrt fangen unsere Augen an zu Tränen. Blöderweise wollen wir uns in der näheren Umgebung zwei Reliefs ansehen, sowie einen bedeutenden Ort der Seidenstraße mit Karawanserei.  Nach Taq-e Bostan fahren wir noch – es handelt sich hierbei um zwei Grotten mit Reliefs aus dem 4. Jahrhundert. Aber dann suchen wir das Weite und halten bis zum 160km entfernten Hamadan nur noch 1x an, um Wasser zu kaufen. An Bisotun rauschen wir auf der Schnellstraße vorbei. Es ärgert mich sehr, denn ich hätte das Relief und die Karawanserei gern gesehen. Mein Bauchgefühl sagt aber, dass wir hier so schnell wie möglich verschwinden sollten.

In Hamedan haben wir ein Hostel rausgesucht, wir haben genug von abgewohnten 4-Sterne-Hotels mit schlechtem Wifi und noch schlechterem Frühstück. Aber als wir dort ankommen, ist niemand da. Wir fahren in die Stadt zum Essen und bitten anschließend den Besitzer des kleinen Imbiss, sein Telefon benutzen zu dürfen. Roland macht eine Zeit aus und als wir vor dem Hostel stehen, öffnet wieder niemand. Roland spricht daraufhin den Nachbarn von gegenüber an, ob er uns helfen kann. Er spricht zwar kein Englisch, versteht aber unser Problem und ruft die Nummer vom Hostel an. Nach dem Gespräch bedeutet er uns, dass es eine Stunde dauert, bis jemand kommt und bittet uns in sein Haus. Zuerst lehnen wir ab, aber dann kommt eine ältere Dame im schwarzen Tschador gekleidet zu uns gelaufen und winkt uns herein. Sie lächelt dabei so nett, dass ich nicht ablehnen kann.

Kurz darauf sitzen wir mit 3 Frauen und 2 Männern und einem kleinen Mädchen im Wohnzimmer zusammen. Die ältere Dame deutet an, ich soll Jacke und Kopftuch ausziehen. Ich bin nicht sicher, aber auch die beiden Männer machen eine Handbewegung nach dem Motto: Nur keine Angst, runter damit. Also gut, ich bin froh, beides los zu sein. Dann zeigen sie mir das Bad und zuerst darf ich mir Hände und Gesicht waschen und dann Roland. Die Klimaanlage läuft auch Stufe 10 und man serviert uns ein Saftgetränk mit Crushed Ice. Keiner spricht Englisch, außer: Germany football out ohohoho. Keine Ahnung wie oft sich Roland das anhören musste in den letzten Tagen. Er reißt sich wie immer zusammen, lächelt und antwortet: But Iran also out ohohohoho. Wir stellen uns gegenseitig vor und einen Namen kann ich mir gut merken. Das kleine Mädchen heißt Anis, übersetzt „Liebe“. Was für ein wundervoller Name denke ich mir. Die Unterhaltung funktioniert ab jetzt nur noch über google translator und wir werden gefragt, wie lange wir schon im Iran sind, ob es und gefällt, wie lange wir bleiben, und was wir uns in Hamedan ansehen wollen. Wie immer ziehen wir in diesem Moment unseren Reiseführer heraus und zeigen auf die Sehenswürdigkeiten. Die Ali Sadr Höhle wird uns empfohlen. Sehr gut, denn dort wollen wir morgen hin.

Es klingelt an der Tür und es ist die Dame vom Hostel. Wir verabschieden uns, machen noch ein Foto und fahren mit den Bikes in den kleinen Innenhof vom Hostel. Es gefällt mir sofort. Der Innenhof ist zum Teil mit Kies aufgeschüttet, es gibt mehrere Sitzecken, eine Außenküche und einen kleinen Springbrunnen in der Mitte. Alle Wände sind bemalt oder mit bunten Ornamenten versehen und überall stehen Blumen und Pflanzen. Es wirkt sehr orientalisch und ich fühle mich sofort wohl. Wir bekommen ein Zimmer im Erdgeschoss, mit Kitchenette, Bad, Wohnzimmer und Schlafzimmer (klein und ohne Fenster, aber wir haben sowieso nicht vor uns dort lange aufzuhalten.) Die Besitzerin meint, ich darf hier rumlaufen, wie ich möchte, erveryone is free here. Begeistert ziehe ich das Kopftuch aus, werfe mich in Sommerhose und Tanktop und mache es mir auf der Bank vor unserem Zimmer gemütlich. Die Besitzerin wohnt mit ihren beiden Töchtern, 10 und 7 Jahre, im Haus nebenan, ihr Mann arbeitet als Sport-Lehrer in Teheran.

Um 20 Uhr gehen wir nochmal raus in die Innenstadt, genauer gesagt zum Basar. Im Gegensatz zu Tabriz herrscht hier richtiger Trubel. Es ist voll, Menschen drängeln sich kreuz und quer durch die Gänge. Die Händler preisen lautstark ihre Ware an, Mopeds bahnen sich hupend ihren Weg und sogar ein Taxi versucht zwischen den Obstständen voran zu kommen. Uns gefällt‘s und wir beschließen kurzerhand, nicht nur eine Nacht zu bleiben, sondern zwei und kaufen alles für ein ordentliches Frühstück ein. Eier, Pilze, Tomaten, Zwiebeln, Erdbeeren, gelbe Pflaumen, Milch, Orangensaft und lassen in einem kleinen Laden Espressobohnen frisch mahlen.

Auf dem Heimweg werden wir von zwei Mädels Mitte 20 angesprochen. Wir wurden von der Tante der beiden gesehen und sie möchte uns heute Abend zu sich einladen und wenn wir noch kein Hotel haben, sollen wir bei ihnen schlafen. Der Onkel der beiden arbeitet bei Amazon in Hamburg erzählen sie uns, sie lieben Deutschland und sie würden sich so sehr freuen, wenn wir heute Abend zu ihnen kommen. Es ist fast 23 Uhr und wir sind ehrlich gesagt zu müde und sagen ihnen das. Schade, denn nach der schönen Erfahrung von heute Nachmittag wäre ich eigentlich gern mitgegangen.

18 Uhr. 40° Celsius.

Der Tag beginnt, wie der gestrige geendet hat. Mit Blick auf die Festung. Der Wecker klingelt um 5:45 Uhr, wir wollen den Sonnenaufgang nicht verpassen. Es ist immer noch sehr frisch, sogar das Wasser in unseren Trinkflaschen ist wieder kalt. Nach dem Sonnenaufgangsspektakel legen wir uns nochmal kurz ins Zelt – wir sind eigentlich beide keine Frühaufsteher.

Gegen 9 Uhr frühstücken wir, es gibt Porridge mit Aprikosen und Kaffee aus der Bialetti. Mit jeder Minute wird es wärmer, aber nachdem unser Platz hier oben nicht einsehbar ist, laufe ich ungeniert und gegen alle iranischen Kleidervorschriften für Frauen in meinem Seidentop (Seide kühlt!), kurzer Hose und Flip Flops durch die Wiese.

Wir packen zusammen und fahren runter zum Parkplatz und den Waschanlagen, um unser Geschirr abzuspülen. Der Parkplatz hat sich inzwischen gut mit Autos gefüllt, es ist Freitag, für Iraner aber Sonntag und den einzig freien Tag nutzen sie oft für einen Ausflug mit der Familie. Interessanter als die Festung scheinen allerdings wir zu sein. Sofort hat sich wieder eine Traube Menschen um uns gebildet, es werden die üblichen Fragen gestellt und Selfies gemacht.

Unsere heutige Route führt uns weiter Richtung Süden, über Sanandaj nach Kermanshah durch die Provinz Kurdistan. Die Strecke ist anfangs sehr schön, sie führt durch das Zagros-Gebirge vorbei an türkisblauen Seen und durch goldgelbe Weizenfelder. Heute knacken wir die 6.000 km und ab jetzt bis 10.000 km mache ich die Beweisfotos.

Plötzlich ruft Roland: „Schildi, da ist eine Schildi auf dem Mittelstreifen.“ Ich bremse und komme direkt hinter hier zum Stehen, stelle mein Bike quasi in der Mitte der Fahrbahn ab. Die kleine Schildi krabbelt munter weiter Richtung Gegenverkehr. Ich springe ab, nehme sie hoch und trag sie zwischen den Autos auf die andere Straßenseite. Vorbeifahrende Lkw-Fahrer hupen und grüßen.

100 km vor Kermanshah wird der Himmel immer diesiger, irgendwann sind die Sonne und die umliegenden Berge hinter dickem Smog verschwunden. Immer mehr Lkws sind auf der Straße unterwegs und so kommen wir nur mühsam voran. Ständig müssen wir sie auf kurviger Strecke überholen.

Am späten Nachmittag halten wir an einem kleinen Imbiss an und essen eine Kleinigkeit. Ich bestelle anschließend noch einen Tee und bekomme ihn auf kurdische Art serviert. Ein kleines Glas wird auf einen tiefen Unterteller gestellt und es wird so viel Tee hinein geschüttet, dass er über das Glas in den Teller fließt. Man gießt dann selbst nach und nach den Tee aus dem Glas in den Teller, steckt sich ein Stück Würfelzucker in den Mund und schlürft den Tee. Lecker.

Kurz vor Kermanshah werden wir vom Militär kontrolliert. Nachdem sie unsere Reisepässe kopiert und irgendetwas notiert haben, dürfen wir nach 20 Minuten Warten endlich weiterfahren. Zu allem Überfluss zeigt das Thermometer auch noch 40°C – um 18 Uhr abends. Erschöpft erreichen wir um 20 Uhr unser Hotel. Ich finde gerade noch genug Kraft, unsere Wäsche zu waschen, Roland spannt wie immer die Leine quer durchs Zimmer und wir gehen schlafen.

Romantischer geht’s kaum.

Unser heutiges Ziel ist Takth-e Soleiman, eine Festung knapp 400km entfernt von Tabriz. Kurz nach Tabriz fahren wir an dem Salzsee Urmia vorbei, der seit den 1970ern fast 90% seiner Wasseroberfläche verloren hat. Dort wo früher Wasser war, findet man jetzt dicke Salzschichten. Eine Katastrophe für die Tier- und Pflanzenwelt und natürlich auch den Menschen. Soweit ich erfahren habe, gibt es seit Kurzem Bestrebungen, den Wasserstand des Sees wieder zu erhöhen. Hoffen wir, dass das funktioniert.

Auf der Weiterfahrt Richtung Süden bleiben wir ein paar Mal stehen, um unsere Wasservorräte aufzufüllen. Kaum haben wir angehalten, sind wir umringt von Menschen, die alles Mögliche wissen wollen: Wo wir herkommen, ob uns der Iran gefällt, ganz wichtig auch, wie viele Zylinder unsere Motorräder haben und wieviel Kubik. Sie machen Selfies und wollen unseren Instagram Account wissen. Roland ist froh, dass er hat keinen und sie zu mir schicken kann.

Kurz vor Takht-e Soleiman kaufen wir Vorräte ein. Pasta mit Tomatensauce für heute Abend, Milch, Orangensaft und eingelegt Aprikosen für das Frühstück morgen. Als wir bei der Festung ankommen, entdeckt Roland einen Hügel in unmittelbarer Nähe. Wir fahren mit unseren Bikes hinauf und bauen oben unser Zelt auf. Es ist der perfekte Platz – von unten sieht uns keiner, aber wir haben den direkten Blick auf den Sonnenuntergang hinter der Festung.

Nachdem die Sonne untergegangen ist, wird es tatsächlich kühler, immerhin haben wir unser Nachtlager auf 2.230m aufgeschlagen. Wir sitzen satt und zufrieden auf unseren Campingstühlen, schauen auf die mittlerweile beleuchtete Festungsmauer und immer mehr Sterne erscheinen am Himmel – wir können uns momentan keinen schöneren Ort vorstellen. Lediglich ein kühles Bier in der Hand könnte dem Abend noch die Krone aufsetzen.

Sightseeing in Tabriz

Unseren zweiten Tag in Tabriz verbringen wir mit Sightseeing und auf dem Basar, der aufgrund des wunderschönen, alten Gebäudekomplex in dem er untergebracht ist, zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Wie vermutlich jeder andere Basar ist auch dieser hier in Tabriz in unterschiedliche Bereiche aufgeteilt: Schuhe, Obst, Gemüse, Schmuck und natürlich Teppiche. Allerdings drängen sich die Händler hier nicht auf, rennen dir nicht hinterher oder wollen dich in ihren Laden zerren. Wir schlendern gemütlich von Stand zu Stand, entdecken frische Jasminblüten für Tee, natürlich allerhand Gewürze, sehr viel Reis und kuriose, hauchdünne Platten aus Fruchtkonzentrat. Und auch ganze Ziegen- und Kuhbeine.

Ein junger Iraner spricht uns an und fragt uns, ob er uns ein bisschen herumführen darf. Meistens verlangen die Einheimischen dafür Geld, bzw. sagen hinterher, du darfst ihnen geben was du für richtig hältst. Ein netter Trick um mehr Bezahlung zu erhalten, denn das was wir Europäer für angemessen halten, ist ein Vielfaches mehr, als was sie verlangen würden. Wir willigen ein, weil wir unbedingt in die Jame-Moschee im Basar-Komplex möchten und der Zutritt in Begleitung eines Iraners viel leichter ist. Außerdem kennt er sich tatsächlich gut aus, kann uns viel über die Geschichte des Islams und der Moscheen von Tabriz erzählen. Wir laufen durch die Moschee und anschließend über den Basar, nach einer knappen Stunde bedanken wir uns bei ihm, geben ihm 5 Dollar und ziehen alleine weiter.

Als nächstes sehen wir uns die Blaue Moschee, das Rathaus und den Iwan der ehemaligen Ali Shah Moschee an, den wir bereits nachts so schön beleuchtet gesehen hatten. Vor allem die Blaue Moschee von 1465 ist beeindruckend. Von außen wirkt sie fast langweilig, aber innen fasziniert sie umso mehr. Die Innenräume sind über und über mit Mosaiken verziert, die Blumen, Sternenbilder, Wolken und Schriftzeichen darstellen. Für die Blautöne hat man Kobalt oder sogar Lapislazuli und für die Gelbtöne Blattgold verwendet. Viele der Mosaike sind noch sehr gut erhalten und man kann sich gut vorstellen, welcher Aufwand dahinter gesteckt haben muss.

Zurück im Hotel rufen wir Ali an, den wir an der Grenze kennen gelernt hatten. Mit ihm wollen wir uns heute noch treffen, aber zuerst schickt er uns Amin, einen seiner Deutschschüler, der mit uns zum Geldwechseln geht. Wir hatten in der Türkei ein paar Euro gewechselt und wie sich jetzt herausstellt zu einem unfassbar schlechten Kurs: Nämlich dem offiziellen Wechselkurs der Banken. Für 1€ haben wir 50.000 Rial erhalten, bei der Wechselstube in der Nähe des Basars sind es ganze 90.000 Rial. Ich tausche 200€ und bin jetzt Multimillionär.

Wir gehen mit Amin ins Cafe Nuts, einen süßen, kleinen Laden im Nordosten von Tabriz, den ein Armenier führt. Er braucht zwar ziemlich lange, bis er drei Kaffee zubereitet hat, aber es lohnt sich zu warten. Es gibt einen richtigen Cappuccino, die Bohnen werden frisch gemahlen und man bekommt eine Praline mit 76% Kakaoanteil. Inzwischen sind Ali und ein weiterer Freund von Amin gekommen und wir unterhalten uns prächtig, lachen viel und es fühlt sich an, als würden wir uns schon sehr lange kennen. Nebenbei läuft Fußball. Deutschland verliert und fliegt aus der WM.

Die Entdeckung in Tabriz: ein iranischer Biergarten

Beim Frühstück beschließen wir, noch eine Nacht in Tabriz zu bleiben und den heutigen Tag für einen Ausflug nach Kandovan zu nutzen. Das über 800 Jahre alte Felsendorf liegt keine 60 km von Tabriz entfernt, auf gut 2.000 Höhenmetern. Kurz vor dem Dorf müssen wir Eintritt bezahlen: 40.000 Rial (80 Cent für uns beide)

Angeblich leben noch ca. 1.000 Menschen in den Höhlen, unterhalb der Felsen wurden aber auch einige neue, kleine Häuser gebaut. Es ist kaum etwas los im Dorf, nur ein paar Touristen schlendern umher. Wir haben unsere Helme und Jacken am Motorrad befestigt und sehen uns die Höhlenwohnungen an. Vor den Eingängen sitzen Frauen, sie verkaufen gestrickte und gewebte Kleidung, Taschen und getrocknetes Obst.

In manchen Höhlenwohnungen wurden ganz neue, helle Holztüren verbaut, oder auch gern mal ein kleines, weißes Kunststofffenster. Die interessante Mischung aus Alt und Neu lässt mich schmunzeln. Aber warum sollte man auf die Errungenschaften der Moderne verzichten, nur weil man in einer Höhle wohnt?

Auf dem Rückweg zum Hotel verfahren wir uns (mal wieder). Ich bin immer noch nicht ganz fit, hatte morgens kaum etwas gegessen um meinen Magen zu schonen, und die Hitze setzt mir zu. Nachdem wir das zweite Mal im Kreis gefahren sind, reicht es mir. Ich kann und mag nicht mehr. Ich habe Durst und mir ist schwindlig. Entkräftet stelle ich das Motorrad hinter ein parkendes Auto und setze mich unter einen Baum, japse nach Luft. Sofort kommen zwei Männer angelaufen, einer mit Wasser, der andere drückt mir eine Art Apfelschorle in die Hand. Oh je denke ich mir. Apfelschorle. Öl ins Feuer gießen. Egal, Hauptsache der Schwindel geht weg und ich komme wieder zu Kräften.

Während ich mich von ihnen aufpeppeln lasse, unterhält sich Roland mit ein paar anderen Männern. Sie erklären ihm den Weg zum Hotel. Dort angekommen, gehe ich sofort kalt duschen und lege mich kurz hin. Bevor wir uns wieder dem Navigationsthema widmen. Wir haben es immer noch nicht geschafft, das Navi zum Laufen zu bringen. Tobi und Stefan supporten aus der Ferne, was bin ich froh, dass es im Hotel ein stabiles Wifi gibt. Nach 2 Stunden zumindest ein Teilerfolg, es gibt mittlerweile einige Straßen mehr auf dem Navi, wenn auch nicht alle.

Gegen 21 Uhr gehen wir nochmal raus und spazieren durch Tabriz. In einem Hinterhof entdecke ich ein Cafe, versteckt hinter einem großen Feigenbaum und ein paar Sträuchern. Wir gehen durch das Grün und stehen auf Kies in einem iranischen Biergarten. In der Mitte ist ein kleiner Teich mit Fischen und einem winzigen Springbrunnen, drumherum sind Tische aufgestellt. An den Wänden schwarze Malereien. Wir bestellen Getränke und ich Spaghetti (Spaß muss ein) und Roland Kufteh Tabrisi, iranische Fleischpflanzerl. Beides schmeckt ausgezeichnet. Umgerechnet zahlen wir für alles 8€

Der Garten gehört zu einem Haus, in dem Gemälde und Kunstwerke ausgestellt sind. Der Künstler selbst sitzt neben seiner Staffelei in der Ecke der Terrasse. Er hat mittellanges, schwarz-grau gesträhntes Haar, zieht an seiner Zigarette und begrüßt uns in „seinem Cafe und seinem Haus“. Wir dürfen uns gern seine Gemälde ansehen, was wir auch tun. Ich bin ganz hin und weg von der Atmosphäre hier, der Kunst und dem guten Essen, dem gemütlichen Garten mitten im trubeligen Tabriz. Für alle die Instagram haben, hier der Kontakt: pelake7

Auf dem Heimweg zum Hotel kaufen wir noch Getränke ein. Supermärkte gibt es hier nicht, aber man bekommt in jedem kleinen Imbiss alles was man braucht, von Getränken über Butter bis Thunfisch aus Dosen.

1 Uhr nachts, Update zur Navigationsproblematik: Es funktioniert! Wir hatten die Datei nicht richtig entzipt. Trotzdem bleiben wir noch einen Tag hier, Tabriz gefällt uns einfach zu gut.

 

 

 

 

 

Der erste Tag im Iran

Die Nacht war leider etwas unruhig, da ich Bauchkrämpfe und „noch was anderes“ bekommen habe. Heute Morgen ist es noch nicht wirklich besser, wir packen trotzdem zusammen, frühstücken und machen uns auf den Weg Richtung Iran. Wir hatten den Tipp bekommen, den Grenzübergang in Kapiköy zu nehmen, er ist keine 100 km von Van entfernt und die Abwicklung soll dort recht einfach sein.

Der Grenzübergang wird gerade umgebaut und so verpassen wir zuerst den schmalen Kiesweg, der von der Schnellstraße abgeht und zum Grenzübergang führt, und stehen vor einem großen leeren Gebäude. Zwei Teenager weisen uns den Weg und wir können es zuerst gar nicht glauben, dass das der Weg zur offiziellen Grenze sein soll. Rechts und links stehen Autos, Menschen räumen vollgestopfte Plastiktüten in Kofferräume oder packen Taschen und Koffer aus und verteilen den Inhalt auf dem Boden. Am Ende des Kieswegs stehen mehrere Blechbaracken, über ihnen weht die türkische und iranische Fahne.

Wir fahren in einen Innenhof, mein Blick fällt auf ein Schild über einem Fenster, hier steht auf Farsi und der englischen Übersetzung: „Vehicle Registration“. Hallelujah denke ich mir, das kann ja heiter werden. Wir stellen unsere Bikes ab und gerade als ich den Helm abnehme, kommt ein junger Polizist vorbei. Er trägt eine Pilotensonnenbrille, ein dunkelblaues Polohemd mit der Aufschrift Polis, eine dunkelblaue Hose und schwarze Stiefel. Seine Waffe steckt locker hinten in der Hose. Ich spreche ihn an und sage ihm, dass wir in den Iran wollen. Er fragt nach unseren Pässen und dem Carnet und geht mit Roland los. Von einem Schalter zum nächsten. Dann lässt er Roland mit dem Carnet an einem Schalter stehen und trägt unsere Pässe wieder hin und her. Dann will er meinen Personalausweis sehen – ich schätze, weil wir mit Personalausweis in die Türkei eingereist sind und nicht mit Reisepass.

Roland und ich hatten gewettet, wie lange die ganze Prozedur dauern wird. Ich habe eine Stunde geschätzt, Roland zwei. Inzwischen steht er seit 20 Minuten in der Schlange ganz vorne, aber immer wieder drängeln sich dreiste Männer vor ihn. Sie diskutieren laut und wedeln mit ihren Carnets in der Luft. Roland bleibt ruhig, lacht immer wieder zu mir rüber. Ich schaue das Schauspiel aus der Entfernung an und koche innerlich vor Wut. Irgendwann kann ich es mir nicht verkneifen und schnauze in seine Richtung: „Lass dich von denen nicht abdrängeln, setzt dich durch.“ Roland antwortet schmunzelnd: „Wieso, ich hab Zeit, ich will gewinnen.“

Der Polizist hat mir inzwischen alle meine Dokumente wieder gebracht. Wenigstens das hat geklappt. Roland steht immer noch an. Vor mir hält mal wieder ein Kleinbus, Passagiere steigen hektisch aus. „Ja servus, aus Passau!“ sagt auf einmal ein Mann zu mir. „Ich ko a boarisch sprechn, kim aber aus Minga.“ Ich beginne zu lachen, kann den Wahnsinn kaum glauben. Der Mann stellt sich vor, er heißt Ali, lebt in Freising und arbeitet gerade am Goethe Institut in Tabriz als Deutschlehrer.
Er diktiert mir schnell seine Handynummer und sagt, wir sollen uns melden, wenn wir Hilfe brauchen. In Tabriz oder egal wo. Roland hat alles erledigt, aber nur auf türkischer Seite. Jetzt fahren wir ein paar Meter weiter durch das rechte von zwei Metalltoren. In München würde man in einem Shabby Chic Store in Haidhausen ein Vermögen für solche Metalltore bezahlen. Hier ist das wohl echter Verschleiß.

Die iranische Grenze. Sofort stürzen fünf Soldaten auf uns zu: „Where are you from. Ah nice Motorcycle.“ Sie klopfen Roland auf die Schulter bevor er überhaupt irgendwas sagen konnte. Dann möchte einer von ihnen unsere Namen wissen. Er schreibt Pamela auf, das klappt noch ganz gut, bei Beckmann macht er eine „egal“ Handbewegung und weist uns an, unsere Motorräder abzustellen.

Roland geht mit unseren Carnet und den Pässen in ein Häuschen rein, ich soll bei den Bikes bleiben. Sofort kommen Kinder zu mir, reden auf mich ein, fassen mein Motorrad an, wollen wissen wo das „Benzin“ reinkommt, und soweit ich das verstehe, wie schnell das Motorrad fährt. Dann kommt ein Mann, mit einem Bündel Rial in der Hand zu mir, und deutet mit an, Geld zu tauschen. Ich sag sofort nein und drehe mich weg. Hin zu den penetranten Kindern. Wir tauschen unsere Namen aus und ich erkläre ihnen den Unterschied zwischen „his name“ und „her name“. Sie verstehen und wiederholen artig. 5 Minuten Schulbildung am Grenzübergang.

Es sind ungefähr 15 Minuten vergangen, als ein Mann den Kopf zu mir raus streckt und möchte, dass ich in das Häuschen hineingehe. Ha, sicher nicht denke ich mir, und winke freundlich ab. Eine Frau versucht zu übersetzen: „You, Passport.“ Aber ich denke nicht daran, mich von den Bikes wegzubewegen. Unser gesamtes Bargeld steckt in den Seitentaschen. Ich sage ihr, dass mein „husband“ meinen Reisepass hat und lächle.

Kurz darauf kommt Roland wieder raus und meint, ich soll schnell reinschauen. Der Beamte will mich sehen. Also doch. Ich ziehe den Motorrad Schlüssel hab, sag kurz hallo und dann gehe ich wieder raus zu den Bikes. Das war also die Passkontrolle. Wir dürfen ein Stückchen weiterfahren. Zu dem nächsten Beamten, der die Carnet prüft. Ali ist zum Glück da und hilft uns bei der Kommunikation. Der Beamte checkt die Motornummern, allerdings ist meine so versteckt hinter Krümmern und Sturzbügel, dass er nach kurzer Zeit abwinkt und OK sagt. Wir fahren wieder ein Stückchen weiter zum nächsten Häuschen. Inzwischen kann ich das große Eisentor sehen, das in den Iran führt. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen.

Roland verschwindet wieder mit einem Beamten und überlässt mich der Meute Kinder und dem Geldwechsler, die nur auf die nächste Gelegenheit warten, mich zu nerven. Ich übe mich in Geduld und Verständnis, rede so gut es geht mit den Kindern und warte. Bis auf einmal zwei Männer nicht weit von mir entfernt anfangen zu streiten, sich anbrüllen und dann auch handgreiflich werden. Sie ziehen und zerren aneinander bis ein Beamter sie trennt, beide anbrüllt und damit offensichtlich beruhigt. Oder einschüchtert. Ich will so schnell wie möglich hier weg.

Endlich kommt Roland raus und sagt, dass alles erledigt ist. Ich atme erleichtert auf, steige auf mein Bike. Doch noch ist das Tor zu. Roland spricht mit dem Beamten, der die beiden streitendenden Männer eben getrennt hat. Und er lässt sich bitten und hat offensichtlich Gefallen daran, seine Macht zu demonstrieren. Erst wendet er sich ein Stück ab, dann geht er langsam Richtung Tor. Holt den Schlüssel aus seiner Hosentasche. Hält kurz an und sieht sich um. Na, sehen auch wirklich alle, dass ich die Macht habe? Er schließt das Tor auf und wir fahren los. Endlich sind wir im Iran.

Und, wie lange hat der Grenzübertritt gedauert? Exakt 1,5 Stunden. Auf die Minute. Wir hatten quasi beide Recht. Wenn Verliebte eine Reise tun…

Bis Tabriz sind es 240 km und leider haben wir immer noch Probleme mit dem Navi. Die geplante Route wird zwar ordentlich angezeigt, aber sonst nichts. Rechts und links um die Routenführung ist alles weiß. Wir schaffen es trotzdem nach Tabriz, haben allerdings in der Stadt Schwierigkeiten, uns zu orientieren und das Hotel zu finden. Zwei Jungs auf einem Moped, ca. 12 oder 13, sprechen uns aufgeregt an, woher wir kommen, und ob sie ein Foto machen können. Bei voller Fahrt! Roland erklärt ihnen, dass wir ein Hotel suchen und so führen sie uns durch den wilden Verkehr zum Hotel. Nachdem wir abgeladen haben, parkt Roland die Bikes in der privaten Garage vom Manager, wir ziehen uns schnell um und suchen uns einen kleinen Imbiss, damit wir gleich wieder im Hotel sind, und das Spiel sehen können.

Man hat uns gesagt, dass es im Iran kein Public Viewing gibt, aber in dem Laden steht ein kleiner Röhrenfernseher und so sitzen wir bald mit drei Brüdern und einem Teenager-Sohn Ali zusammen und schauen das Spiel an. Ali spricht etwas Englisch und wir unterhalten uns natürlich vor allem über Fußball. Sie kennen Klinsmann und Matthäus. Na dann wissen sie ja so gut wie alles über den deutschen Fußball. Beim Elfmeter für Iran stehen alle zusammen und schauen gebannt in den Fernseher. Was für ein Jubel, als Iran den Elfmeter versenkt, auch wenn es trotzdem nicht reicht, um weiterzukommen.

Als wir gehen, möchten sie kein Geld von uns. Wir spielen das Nein-Doch Spiel bestimmt sechs- oder siebenmal, aber sie bleiben dabei: Wir sind heute ihre Gäste und müssen nicht bezahlen. Die Gastfreundschaft, die wir bereits aus der Türkei kennen, geht im Iran weiter.

Van lässt uns nicht los!

Van gefällt uns so gut, dass wir beschließen, noch eine Nacht zu bleiben. Und uns noch einen Tag mehr Zeit für die Vorbereitungen für den Iran zu verschaffen – wir haben immer noch das Gefühl, dass uns die paar Seiten, die wir bisher gelesen haben nicht ausreichen.

Trotzdem möchte Roland heute auch Motorrad fahren und er hat einen Wasserfall 80km von Van gefunden, den man besichtigen kann.

Heute ist Wahlsonntag und ich bin ganz froh, nicht in der Stadt zu sein. Wir fahren Richtung Norden am See vorbei und haben einen wundervollen Blick auf den Berg Süphyon und seinen mit Schnee bedeckten Gipfel. Wir biegen auf einem Feldweg Richtung Seeufer ab und fahren ein Stück Offroad, bis wir die perfekte Stelle für ein Foto von unseren Bikes finden.

Überall am Ufer wird gecampt und gegrillt, Kinder schwimmen im dunkeltürkis-farbigen See. Ich will auch, denke ich mir. Am See liegen, schwimmen, die Sonne genießen und entspannen. Aber wir müssen weiter, Roland sitzt schon wieder auf dem Bike und will los.

Der Wasserfall ist gut besucht. Bereits auf den Grünflächen rund um den vollen Parkplatz wird gegrillt, überall wuseln Kinder, Verkäufer preisen ihre gegrillten Maiskolben an und in dem ganzen Trubel werden wir auf deutsch angesprochen: „Ganz schön langer Weg, mein lieber Scholli!“ Vor uns steht eine Gruppe Türken und wie sich herausstellt, drei deutsche Wahlbeobachter aus Frankfurt. Sie sind ebenfalls in Van und besuchen dort und in der Umgebung die Wahllokale. Wir sprechen kurz, dann geht die Gruppe weiter.

Wir machen uns ebenfalls auf zum Wasserfall und sind erstaunt, wie viel Wasser er hat, obwohl es doch Hochsommer ist. Mehrere Wasserfälle nebeneinander stürzen rauschend in die Tiefe. Es sieht ein bisschen aus wie die Krka Wasserfälle in klein. Nur leider ist es hier ziemlich vermüllt. Überall liegen die Essensreste vom Grillen, Plastikverpackungen, Tüten, Flaschen rum. Es macht mich richtig wütend, dass manche Menschen solche Schweine sind.

Wieder im Hotel angekommen, laden wir die OSM Karten der wilden Länder, die uns Tobi freundlicherweise geschickt hat. Und Stefan hilft uns bei der  Routenplanung und der Installation der Spot Tracker. Ohne unsere Freunde wären wir aufgeschmissen. Roland plant also die Route über die Grenze Richtung Tabriz und sucht uns Hotels auf der Strecke – falls wir die 450km nicht komplett schaffen. Ich packe meine Taschen und wasche die letzte Wäsche.

Inzwischen steht das Ergebnis der Präsidentenwahl fest. Erdogan hat gewonnen und bis weit nach Mitternacht fahren Autos laut hupend durch die Straßen, aus den Fenstern werden Türkei-Fahnen geschwenkt. Es gibt Feuerwerk am Himmel und Menschen laufen feiernd durch die Straßen. Wir schließen Fenster und Vorhang und versuchen zu schlafen.