Sightseeing in Van

Wir treffen uns um 7:30 Uhr mit Harun in der Lobby und er fährt uns in ein Frühstücks-Restaurant in der Innenstadt. Es ist bereits jetzt gut besucht und Harun meint, dass man in einer Stunde keinen Platz mehr bekommt. Van ist im ganzen Land berühmt für sein Frühstück und wir sitzen keine fünf Minuten, da wird aufgetischt: Spiegeleier mit Fleischstreifen, Pommes, Oliven, verschiedene Sorten Käse, unsere Lieblingspampe aus Tomate, Ei, und Pepperoni, frische Tomaten und Gurken, Aufstriche aus Getreide, Ei und Honig, Marmelade die aus eingelegten, unreifen Walnüssen hergestellt wird, Milchrahm mit Honig, Cay und natürlich ganz, ganz, ganz viel Weißbrot.

Blöderweise wird Harun sofort wieder zum Auto gerufen. Da für heute eine große Demonstration der Kurden geplant ist, darf kein Auto in der Innenstadt parken. Er geht zurück zum Auto und Roland und ich essen weiter. Da wir nicht alles schaffen, packe ich den restlichen Käse und Oliven ein.

Wir wollen heute zur Insel Akdamar fahren, dort schwimmen und uns die Kirche aus dem 9. Jahrhundert ansehen. Als wir kurz beim Autohändler anhalten – Harun muss irgendwas organisieren – meint Roland zu mir, dass er lieber alleine und mit den Motorrädern fahren will. Ich war eigentlich froh, nach 10 Fahrtagen endlich mal Pause zu haben, und mich chauffieren zu lassen, aber Roland hat recht. Wenn wir den ganzen Tag mit Harun unterwegs sind, zahlen wir ihn und das Auto, obwohl wir selber mobil sind. Wir besprechen es mit Harun, er versteht das und fährt uns zurück ins Hotel.

Es sind ca. 50km bis zum Boot und wir erwischen die erste Fahrt auf die Insel. Mit uns sind nur 10 weitere Menschen an Bord und entsprechend wenig los ist auf der Insel. Wir haben 1,5 Stunden Zeit bis zur Rückfahrt und so sehen wir uns zuerst die Kirche an. Es ist eine kleine, armenische Kirche mit wundervollen Freseken auf der Außenseite, die Szenen aus der Bibel darstellen. Lukas, David und Goliath, Maria mit dem Jesuskind und weitere.

Wir laufen über die Insel, bis wir einen schönen, fast nicht einsehbaren Badeplatz gefunden haben. Hier am See habe ich Frauen immer nur komplett angezogen im Wasser gesehen und deswegen möchte ich mich nicht zu prominent im Bikini in die Wellen stürzen. Das Wasser ist klar, hat eine angenehme Temperatur und ist nur leicht salzig. Nach einer knappen halben Stunde Baden und Sonnen gehen wir wieder zurück zum Boot und fahren aufs Festland.

Auf dem Rückweg kaufen wir noch EFES Bier im Migros für das Deutschlandspiel heute Abend. Vorher putzen wir unsere Bikes blitzeblank, ich schmiere wieder meine Kette und Roland überprüft die Steckverbindung zum Cockpit. Seit ein paar Tagen fällt bei meiner Zicki immer wieder der Tacho aus. Steckverbindung sieht gut aus, also bleibt uns nichts anderes übrig, als weiter zu beobachten. Und wenn ich ehrlich bin: Ich bin der Türkei braucht man sowieso keinen Tacho. Hier hält sich niemand an die Geschwindigkeitsbegrenzung.

Das Deutschlandspiel sehen wir uns auf dem Zimmer an, so kann ich nebenbei noch ein bisschen unsere Einreise in den Iran vorbereiten und den Blog schreiben. 95 Minuten lang liegt ein besorgter Roland neben mir im Bett, bevor Kroos in der 95. Minuten das 2:1 macht. Jetzt können wir auch im Iran nach Hotels mit Fußball-Übertragung suchen…

Am Vansee

Als letztes Ziel in der Türkei bevor wir in den Iran weiterfahren, haben wir uns den Vansee ausgesucht. Hier wollen wir 2 Tage bleiben, um ein bisschen zu Verschnaufen und die Bikes zu checken, Routen planen, Unterkünfte suchen usw. Der Vansee liegt auf 1.650m und ist der größte See der Türkei. Wir erhoffen uns ein milderes Klima und werden nicht enttäuscht.

Noch in Batman erfährt Roland von einem deutsch-türkischen Bauunternehmer, dass es in Van das beste Frühstück der ganzen Türkei gibt und wenn wir an den Vansee wollen, sollen wir unbedingt ein Hotel in Van suchen.

Roland hat sich für das Hotel Dosco entschieden und noch am späten Nachmittag erreichen wir unser Ziel. Van ist eine Großstadt mit viel Charme und wir fühlen uns sofort wohl. Das Hotel liegt in einer kleinen Seitenstraße und wir können die Bikes direkt am Eingang im Hinterhof parken. An der Rezeption wird zwar kein Englisch gesprochen aber wie immer in solchen Fällen wird einfach jemand angerufen, der uns versteht. Die Dame sagt, es ist der Manager. Er heißt Harun und wir sagen ihm, dass wir ein Doppelzimmer mit gutem WLAN brauchen, da wir unsere Weiterreise organisieren müssen. Er spricht wiederum mit der Dame an der Rezeption und wir erhalten ein tolles Zimmer und sogar noch einen Discount, da wir 2 Nächte bleiben.

Kurz darauf ist Harun auch schon da und wir kommen ins Reden. Immer wenn Touristen hier sind, kümmert er sich um sie. Fährt mit ihnen die Sehenswürdigkeiten ab, organisiert Trekking-Touren in den umliegenden Bergen oder geht mit vorzugsweise hübschen Iranierinnen Essen. Ob er wirklich in dem Hotel angestellt ist, können wir nicht 100%ig sagen. Aber er ist sehr nett uns sympathisch und nimmt uns abends mit in die Stadt. Zuerst bringen wir Rolands Motorradjacke zum Schneider, der Reißverschluss klemmt. Dann geht’s für Roland zum Berber (so sagt der Türke). Bart und Haare werden in Form gebracht und ehe wir uns versehen, fackelt der lustige Berber Rolands Ohrhaare mit dem Feuerzeug ab. Turkish moda sagt Harun und lacht.

Anschließend holen wir die Jacke ab, der Reißverschluss funktioniert wieder einwandfrei. Repariert für 5 türkische Lire. Letzte Station in Van für heute ist Haruns Lieblingsrestaurant. Er bestellt für uns und wie immer in der Türkei biegt sich kurze Zeit später der Tisch unter den vielen Speisen: Es gibt Lammkarree, Fleischbällchen, eine Art Gulasch, Salat, Meze, Joghurt-Schaum, Linsensuppe, Lahmacun und ganz, ganz, ganz viel Weißbrot. Und natürlich nach dem Essen einen Cay.

Den restlichen Abend verbringen Roland und ich auf der Hotel-Terrasse, die sie extra für uns aufsperren. Wir sind die einzigen Hotelgäste. Rechts von der Terrasse sieht man zum Vansee und links steht eine schöne, große Moschee, die nachts grün beleuchtet ist. Der perfekte Ort für ein, zwei Bier und unsere Vorbereitungen auf den Iran.

 

 

Hasankeyf – 12.000 Jahre Geschichte sind bald Geschichte.

An der Tankstelle neben dem Hotel prüfen wir Reifendruck, ich schmiere meine Kette und wir spritzen zumindest Licht und Blinker sauber, für eine komplette Wäsche bleibt keine Zeit. Dann geht’s los Richtung Batman. Allerdings müssen wir 5 Minuten später wieder anhalten für ein Foto, da wir die 4.000 km erreicht haben. Wir haben beschlossen, alle 1.000 km ein Foto zu machen und zwar exakt an der Stelle, wenn der km-Zähler von Rolands nineT umspringt. Egal, was sonst noch auf dem Bild zu sehen ist.

Wir nehmen die gut ausgebaute Schnellstraße nach Batman, da wir heute ausnahmsweise bereits am Nachmittag im Hotel ankommen, unser Gepäck abladen und dann weiter nach Hasankeyf fahren wollen. Wir überqueren den größten Stausee der Türkei, den Atatürk-Stausee, über die Nissibi Brücke und abgesehen von der schönen Landschaft war die Brücke das Highlight der heutigen Etappe bis Batman.

Nachdem wir eingecheckt haben, fahren wir Richtung Hasankeyf am Tigris entlang. Die Landschaft ist vor allem eines: Gelb. Die Berge haben einen sandig-gelben Farbton und die Felder auch, da die Gegend vor allem vom Getreideanbau lebt.

Hasankeyf ist ca. 30 Minuten entfernt und wir sind sehr froh, dass wir uns diesen 12.000 Jahre alten Ort überhaupt noch ansehen können. Bereits vor ein paar Jahren hatte die Süddeutsche Zeitung geschrieben, dass der Ort bald in einem Stausee untergehen wird und seitdem gab es immer wieder Berichte dazu in deutschen Medien.

Die türkische Regierung hat in den letzten Jahren 15 Staudämme entlang des Euphrat und Tigris bauen lassen, bei Hasankeyf entsteht seit 2006 Staudamm Nr. 16 und weitere 8 sind geplant. Ich kenne mich nicht im Detail mit Staudämmen aus, aber mein gesunder Menschenverstand sagt mir, dass es nicht gut sein kann, so stark in die Natur einzugreifen.

Vor allem wenn dafür eine so bedeutende, historische Stätte einfach im Wasser versinken soll. Die alten Höhlensysteme wurden bereits mit Sand zugeschüttet, antike Bauten, wie Brückenpfeiler, Moscheen usw. werden Stück für Stück abgebaut und 75 km entfernt wieder aufgebaut. Menschen werden in Neubausiedlungen mit Blick auf den Stausee (welche Ironie) umgesiedelt, für die sie auch noch bezahlen müssen.

Wir sitzen am Tigris und unterhalten uns mit dem Restaurant-Chef und anderen Einheimischen über diese Situation. Sie meinen, es hängt von den Wahlen am Sonntag ab, ob der Bau und damit die Zerstörung ihrer Heimat gestoppt werden kann. Wir beten, dass das noch gelingt.

 

Kültür

Heute steht Kültür auf dem Programm. Auf dem Weg zum Nemrut Dagi stoßen wir zufällig auf eine alte Steinbrücke über einem Fluss, der mich mit seiner türkisblauen Farbe und den Kiesbänken an meine geliebte Isar erinnert. Von der Brücke aus blickt man direkt in die Felsen, aus denen der breite Fluss entspringt. Einige Einheimische baden, offensichtlich Familien mit Kindern und zwischen großen Steinen im Wasser haben sie ganze Wassermelonen platziert. Wir überlegen kurz, ob wir ebenfalls baden gehen, werden dann aber von dem Eigentümer der kleinen Pension an der Brücke angesprochen und auf einen Cay eingeladen.

Er lebt seit Jahren in Tirol und verbringt die Sommer hier an der Cendere Bridge und führt die Pension. Die Brücke wurde 200 v. Chr. von den Römern erbaut, erzählt er uns. Früher kamen viele Touristen hierher, unter anderem auch das Rotel, das  selbstrollende Hotel aus Tittlingen, das Roland natürlich kennt. Aber vor drei, vier Jahren ist der Tourismus massiv eingebrochen. Ab und an kommen ein paar Einheimische, die hier Urlaub machen. Es gibt noch viele weitere antike Sehenswürdigkeiten in dieser Gegend, aber auch dort sieht man keine Touristen mehr. Wir alle wissen, woran das liegt.

Nach zwei Cay setzen wir unsere Fahrt zum Nemrut Dagi fort. Der Nemrut, mit 2.150m eine der höchsten Erhebungen im Taurusgebirge, ist nicht nur ein Vulkan, sondern auch Grabstätte und gehört zum UNESCO Weltkulturerbe. Die gut ausgebaute Straße führt bringt uns in einer knappen halben Stunde von der Brücke auf den Berg.

Bis zum Besuchszentrum dürfen wir fahren, dann müssen wir die Bikes auf dem Parkplatz stehen lassen und ein Bus-Shuttle zur Grabstätte nehmen. Es ist das erste Mal, dass unsere voll beladenen Bikes unbeaufsichtigt sind und uns nicht ganz wohl dabei. Der Shuttlefahrer meint, es sei kein Problem und unsere Sachen sind hier sicher. Wir vertrauen ihm, packen aber trotzdem zumindest alle wichtigen Dokumente in unsere Tankrücksäcke und steigen in das Shuttle. Leider müssen wir dann noch weitere 20 Minuten steil den Berg hinauf gehen, was normalerweise kein Problem darstellt. Aber die Fahrerei in der Hitze hat uns zugesetzt und wir schwitzen in unseren Motorradklamotten.

Zum Glück lohnt sich der Aufstieg. Oben erwartet uns eine großartige Kultstätte mit drei Terrassen, die um einen aufgeschütteten Geröllhügel angeordnet sind. In dem Hügel soll sich angeblich das Grab des Antiochos befinden, bisher konnte das Innenleben noch nicht erforscht werden, da man Angst hat, dabei zu viel zu zerstören. Auf den Terrassen stehen riesige, aus Stein gehauene Statuten, die Antiochos selbst sowie Herakles, Zeus und andere Götter darstellen. Ihre Köpfe wurden durch Erdbeben oder Blitzeinschlag abgetrennt und liegen nun direkt vor den Körpern. Ich hatte gelesen, dass die Statuen besonders bei Sonnenauf- bzw. -untergang ein Erlebnis sind, da das Licht zusammen mit dem rötlichen Stein eine faszinierendes Farbenspiel ergibt. Aber auch so sind wir tief beeindruckt von dem über 2.000 Jahre alten Denkmal.

Auf dem Weg nach unten treffen wir den allerersten Motorradreisenden überhaupt, einen Russen auf einer Suzuki. Er ist alleine unterwegs auf einer Tour um das Schwarze Meer, seine Frau muss arbeiten. Er empfiehlt uns noch Marokko als Reiseziel und fährt ab.

Wir machen uns ebenfalls auf den Weg und fahren eine wunderschöne Strecke durch den Nemrut Nationalpark. Es ist bereits nach 19 Uhr und unser eigentliches Tagesziel ist noch knapp 150km entfernt. Also müssen wir umplanen und steuern die nächstgelegene Stadt Kahta an. Katha wirkt leider sehr heruntergekommen und die zwei Hotels, die ich über das Navigationsgerät gefunden habe, gefallen uns gar nicht. Ich möchte gern in die 50 km entfernte Großstadt Adiyaman, denn dort finden wir sicher ein Hotel. Roland will lieber weiter der Nase nach Richtung Süden zu einem Stausee und irgendwo auf der Strecke wird sich schon eine Unterkunft auftun. Das ist mir aber zu stressig, es wird bereits dunkel. Ich setze mich durch und bis wir in Adiyaman ankommen, herrscht eine klitzekleine Spannung zwischen uns.

Am Ortseingang von Adiyaman sehe ich ein Schild zum Grand Isias Hotel und steuere es an. Der Preis für ein Doppelzimmer mit Frühstück liegt bei 180 Lire also checken wir ein, bestellen zwei EFES aufs Zimmer, schauen die Fußballspiele in der Wiederholung und haben uns wieder lieb.

Der erste Offroad-Tag.

Was gestern Abend bei unserer Ankunft noch wie eine kleine, ruhige Seitenstraße aussieht, entpuppt sich heute Morgen als offensichtliches Zentrum des Dorfes. Unsere Bikes sind eingeparkt von einem Traktor, einem Moped und Waschkörben voll mit weißen Klumpen  – ich schätze eine Art Käse. Überall wuseln Menschen, es ist laut und geschäftig. Mit meinen schweren Taschen in der Hand stehe ich leicht verzweifelt auf dem Bürgersteig. Der Besitzer vom Laden neben unserem Hotel erkennt das Dilemma und bittet den Fahrer des Mopeds wegzufahren, das so nah an Rolands nineT steht, als wolle es mit ihr kuscheln. Nun kann Roland zumindest sein Bike manövrieren und dann meines soweit weg von den weißen Klumpen, dass auch ich aufpacken kann.

Die heutige Etappe hat es in sich. Kilometermäßig und auch landschaftlich. Wir bewegen uns ausschließlich durch die pontischen Berge weiter Richtung Süden, nach Malatya. Teils auf Asphalt, teils auf Offroad Tracks. Es ist das erste Mal, dass ich so voll beladen auf losem Untergrund unterwegs bin. Und es klappt gut! Ich spüre das Gewicht fahrtechnisch gar nicht, merke lediglich, dass bei den sehr steilen Passagen ein paar PS mehr ganz nett wären.

Es ist heiß und die Fahrt anstrengend, was bin ich froh, dass ich mich für einen Camelbak entschieden habe. Die 1,5l sind im Nu leer und ich fülle Wasser aus meiner Alu-Trinkflasche um.

Wir bewegen uns nun schon eine ganze Weile durch die Berge, ohne eine Spur von Zivilisation. Der Blick auf die umliegenden Berge ist atemberaubend. Immer wieder bleiben wir stehen, machen Fotos und bestaunen das Farbenspiel der Natur. Es gibt graue, stark zerklüftete Felswände, ein Stückchen weiter sind die Berge glatt und mit einem feinem roten Sand bedeckt, wir fahren durch grüne Vegetation und dann wieder durch eine karge steinwüstenähnliche Landschaft.

Irgendwann erreichen wir ein kleines Bergdorf. In der Mitte des Dorfplatzes steht ein Brunnen, daneben ein großer Baum und in seinem Schatten eine Bank. Perfekt für eine Pause. Wir halten an und es dauert nicht lange, bis aus dem kleinen Dorf, das aus maximal 10 Häusern besteht, zuerst ein alter Mann, dann noch einer, dann Kinder zu uns kommen. Als würden wir uns schon seit ewigen Zeiten kennen, geben uns die alten Männer die Hand, und murmeln durch den fast zahnlosen Mund „Merhaba“, was Guten Tag heißt. Und dann reden sie weiter. Gucken uns an und reden auf uns ein. „Almanya“ sage ich, damit sie kapieren, dass wir kein Türkisch sprechen. Egal, sie reden weiter, freundlich und langsam aber trotzdem verstehe ich kein Wort. Irgendwann holt Roland die Straßenkarte und zeigt auf den Ort Malatya. Es fallen die Worte „Autobahn“ und als wir nicken um wenigstens irgendwie an dem Gespräch teilzunehmen, wirken sie erleichtert. Sie rufen einen jungen Mann und wie sich herausstellt, soll er uns zur Hauptstraße bringen. Was wir ja eigentlich gar nicht wollen, wir haben ja unseren Track. Aber wir haben keine Chance. Der junge Mann holt sein Moped, wir verabschieden uns von den anderen und fahren los.

Nach knapp 10km sind wir auf der Hauptstraße – wir bedanken uns und er möchte noch ein Selfie machen. Wir fahren ein kurzes Stück auf der Straße und biegen sobald es möglich ist, wieder ab in die Berge.

Kurz vor Malatya kommen wir in unsere erste Militärkontrolle. Es stehen ca. 8 Soldaten um uns herum, außerdem ein paar Zivilisten und Kinder. Eine komische Gruppe, denke ich mir. Ich habe hinter Roland angehalten und gebe meinen Führerschein und Personalausweis einem Soldaten und er geht damit vor zu Roland. Beide reden irgendwas und der Soldat zeigt zuerst auf meinen Führerschein und dann auf mich und sagt „No Motorcycle“. Gut vorbereitet wie ich bin, hole ich meinen internationalen Führerschein heraus, setze meinen Helm ab und gehe vor. Ich sehe, dass bei A1 kein Datum ist, sondern nur ein Stern als Verweis zu der Stelle, wo das Datum nachträglich eingetragen ist. Und dieses Datum wurde auf einem Aufkleber notiert, ist aber kaum noch lesbar. Er akzeptiert zum Glück meinen internationalen Führerschein, lächelt uns an und wir dürfen weiterfahren.

Es ist bereits dunkel als wir in Malatya ankommen. An einer Tankstelle halten wir an und ich frage zwei junge Türken nach einem Hotel. Einer sagt sofort Hilton, ich winke ab und mache das internationale Zeichen für zu teuer. Dann ruft er in einem Hotel an und macht uns ein Zimmer klar. Er redet die ganze Zeit türkisch, untermalt von Handzeichen und ich „höre“ raus, dass es ein Doppelzimmer mit Frühstück ist. Sein Freund holt ein Bündel Geld raus und zählt 150 Lira (keine 30€) ab. Der Preis passt und ich gebe das Hotel im Navi ein.

 

 

 

 

Ein Stopp an der Tankstelle ist immer ein Erlebnis.

Gerade als wir anfangen aufzupacken, regnet es wie aus Eimern. Ich hole schnell die Regenklamotte aus der Tasche, obwohl sie sowieso sinnlos ist, da sie an diversen Stellen bereits undicht ist.

Wir fahren die Küste Richtung Osten und der Regen zieht mit uns. Und scheinbar auch der aktuelle Präsident Erdogan, denn wir durchfahren eine Polizeisperre nach der anderen und es staut sich auf der Küstenstraße. Gestern haben wir erfahren, dass diesen Sonntag Wahlen sind. Das erklärt die vielen Plakate und Fahnen und die herumfahrenden Autos mit Lautsprechern auf dem Dach, aus denen für uns unverständliche Musik kommt. Ich habe bei dem zähen Verkehr Zeit, mir die Plakate genauer anzusehen und meine durch den Starkregen zu erkennen, dass Erdogan heute in Samsun und danach in Ordu spricht – also genau auf unserer Route. Als wir aus Samsun herausfahren, sehen wir sogar bewaffnete Soldaten auf den Dächern.

Wie immer werden wir von vielen Autofahrern gegrüßt – also angehupt. Ob vor Bewunderung oder Mitleid wegen des Dauerregens weiß ich nicht. Ein Autofahrer ist besonders auffällig, mit seinem roten SUV verfolgt er uns eine längere Zeit, überholt, winkt aus dem Fenster, dann überholen wir wieder. Als wir in die Tankstelle fahren, biegt er ebenfalls ab, parkt direkt neben uns rammt dabei fast ein anderes Auto links neben ihm. Der Fahrer springt aus dem Auto, rennt zum Kofferraum, holt ein Karton heraus, rennt ums Auto zu uns und hält uns frische Baklava unter die Nase. „Please, eat, please please!“ sagt er. Ich nehme mir mit meinen vom Handschuh blau-schwarz verfärbten Fingern ein Baklava raus, dann Roland, dann muss ich wieder, dann wieder Roland – und dann der Tankwart, der parallel unsere Bikes betankt. Die Frau auf dem Beifahrersitz reicht uns Feuchttücher, die Baklava sind nämlich echt klebrig. Aber lecker. Und eine Wohltat bei dem Sauwetter.

Natürlich bekommen wir wieder Tee an der Tankstelle, den wir unter den neugierigen Blicken der anderen Kunden trinken. Als wäre das alles nicht schon skurril genug, hält ein großes Jandamerie Auto neben meinem Bike. Zwei Polzisten steigen aus, in der Mitte führen sie einen Mann in Handschellen. Sie gehen in die Tankstelle Richtung Toilette und kommen nach ein paar Minuten wieder raus und führen den Mann zurück zum Auto. Außer uns fand das scheinbar keiner merkwürdig. Dann steigen drei weitere Polizisten aus und einer kommt mit zwei Ekmek auf uns zu und drückt sie uns in die Hand. Es beginnt das übliche Gespräch, wo wir herkommen, wo wir hinfahren etc. Und ich muss die ganze Zeit an den Mann in Handschellen denken und frage mich, was er angestellt hat, dass er von fünf Polizisten begleitet wird.

Wir setzen unsere Fahrt fort und nach 200km biegen wir endlich Richtung Süden ins Landesinnere und die Berge ab. Bye bye Schwarzes Meer. Du warst zwar verregnet, aber trotzdem sehr schön.

Die Route, die Roland ausgesucht hat, geht ziemlich schnell bergauf und bereits nach 30 Minuten sind wir auf 1000 Höhenmeter. Die Straße ist sandig und zusammen mit dem Regenwasser ergibt das eine herrlich braune Färbung auf unseren Bikes, dem Gepäck und uns.

Der Gipel des Egribel Gecidi liegt auf 2200 Höhenmeter und hier oben ist es verdammt kalt. Trotzdem finden wir Zeit für ein paar schöne Aufnahmen. Außer uns und ein paar Schafen ist hier oben niemand mehr und die untergehende Sonne taucht die Berglandschaft um uns herum in ein tiefes Rot-Orange. Und nachdem der bisherige Tag schon so verrückt war, bin ich kaum verwundert, als ich auch noch einen Jungen auf einem Pferd den Bergkamm entlang reiten sehe – hinter ihm der Sonnenuntergang.

 

 

Zuhause bei Arzu, Cem und Ege.

Kurz nach dem Aufstehen lernen wir unsere Nachbarn kennen: Arzu, ihren Mann Cem und deren 13-jährigen Sohn Ege. Arzu spricht perfekt Deutsch, da sie für die Vertretung von Kraus Maffai in Samsun arbeitet. Sofort kommt das Gespräch auf die Party der letzten Nacht. Sie hat es auch so sehr gestört, dass Cem sich beschwert und gedroht hat, die Polizei zu holen. Das hat gewirkt.

Wir unterhalten uns noch eine Weile und sie geben uns den Tipp, das Naturreservat bei Bafra anzusehen. Man kann mit dem Motorrad einmal hindurchfahren, wilde Pferde, Büffel und vor allem viele verschiedene Vogelarten beobachten. Und da sie ebenfalls heute abreisen und Samsun direkt nach Bafra auf unserem Weg liegt, sollen wir uns melden, sobald wir dort angekommen sind.

In Bafra haben wir zunächst Schwierigkeiten, das Reservat zu finden. Es sind zwar große Plakate von Vögeln inkl. deren Namen an den Straßenlaternen aufgehängt, aber kein Wegweiser zu finden. Wir fragen an einer Tankstelle nach. Und bekommen nicht nur eine Beschreibung auf Englisch, der junge Mann zeichnet sogar eine Landkarte für uns. Das Reservat ist beeindruckend, eine saftig-grüne, große Sumpf- und Steppenlandschaft und es dauert nicht lange, bis die ersten Büffel vor uns auf der Straße stehen. Wir sehen außerdem Schafe, Wildpferde, Graureiher, Störche und diverse andere Vögel, deren Namen ich nicht kenne.

Um 18 Uhr lokale Zeit spielt Deutschland, also machen wir uns rechtzeitig auf den Weg ins Hotel, das uns ebenfalls Cem empfohlen hat. Um 17:58 sitzt Roland in der Hotel-Lobby vor dem Fernseher. Als das erste Tor für Mexiko fällt, stellt ihm ein Kellner einen Cay hin. Das ist lieb gemeint, hilft aber nicht. Deutschland verliert.

Wir melden uns wie abgemacht bei Arzu und fahren zu ihnen nach Hause. Wir erleben eine Gastfreundschaft, die kaum zu beschreiben ist. Es gibt türkischen Kaffee, Wein und Käse. Und eine der besten Eiscremes, die ich jemals gegessen habe. Dunkle Schokolade und eine Art Karamell. Ege erklärt, dass zur Herstellung Büffelmilch verwendet wird.  Wie sitzen also bei Menschen im Wohnzimmer, die wir erst am selben Morgen kennen gelernt haben und werden verköstigt. Wir führen bis 1 Uhr nachts Gespräche über Politik, Religion, Wissenschaft, Schulbildung, die deutsche und die türkische Kultur, tauschen Meinungen und Zukunftstheorien aus, es wird fast philosophisch. Roland und ich sind stark beeindruckt von dem Abend. Ernsthaft berührt und dankbar für dieses schöne Erlebnis fahren wir zurück ins Hotel.

Ich liebe die Küstenstrasse D010!

Wir starten den Tag wie wir den gestrigen beendet haben: Essen im Hotelrestaurant am Hafen. Danach finden wir endlich Zeit, mein Bike fahrwerkseitig an die Ladung anzupassen. Seit Abreise wackle ich mehr um die Kurven als dass ich fahre. Und bei 100km/h war sowieso Schluss. So komme ich Roland nicht hinterher. Also erhöht er die Federvorspannung und die Dämpfung. Das wirkt Wunder, wie sich auf der heutigen Etappe herausstellen wird.

Die Küstenstraße von Cide nach Sinop ist ein Paradies für Biker. Es gibt kein gerades Stück, nur Kurven. Lange, weite, enge schnelle, rechts, links, rechts, links. Dazu bewegt sich die Straße ständig Auf und Ab. Nachdem Zicki wieder ordentlich läuft hab ich entsprechend Geschwindigkeit drauf. Nach einer Stunde Fahrt in dieser Achterbahn spucke ich mir fast in den Helm und wir halten für eine kurze Pause an.

Die Straße verläuft bis Sinop genauso weiter, mal direkt am Meer, mal weiter oben am Berg mit einem herrlichen Blick auf die Felsenküste.

Kurz vor Sinop haben wir uns einen Campingplatz direkt am Meer ausgesucht, der sogar auf Rolands Karte von 1987 eingezeichnet ist. Wir stellen unser Zelt auf, kaufen ein bisschen Brotzeit ein, bauen den Tisch auf Rolands nineT auf und genießen unser erstes Abendessen neben unseren Bikes.

Der Campingplatz ist gut besucht. Es ist nicht Beginn des Ramadan, wie ich ursprünglich dachte, sondern Ende der Fastenzeit, genannt Bayram. In diesen vier „Feier“tagen feiern die Türken was das Zeug hält. So auch auf dem Campingplatz. Sie essen, trinken und tanzen zu lauter Musik aus ihren Autoradios. Bis spät nachts. Weit nach Mitternacht. Ich hatte mich so sehr auf eine schöne Nacht unter freiem Himmel gefreut und dann steigt neben uns der größte Rave der Schwarzmeerküste. Irgendwann ist die Musik dann doch aus, unsere Nachbarn – eine Familie aus Samsun – hat sich beschwert, wie wir am nächsten Tag erfahren. Gott sei Dank, endlich Ruhe.