Einreise nach Georgien

Die Nacht war ruhig, es hat nur ein bisschen geblitzt und geregnet. Allerdings sieht die Klippe bei Tageslicht gleich nochmal gefährlicher aus. Es sind locker 15 m bis zum Fluss. Drei Jungs aus dem Dorf stört das nicht, sie springen immer wieder von der Klippe und lassen sich im Wasser ein Stück weitertreiben. Ich bin beeindruckt. Ich würde mich das nicht trauen. Roland findet ein Stück von unserem Zelt entfernt einen Weg zum Ufer. Am Ufer stehen seltsame, große Begrenzungen, für was die wohl sind?

Wir starten unseren letzten 130 Kilometer in Russland bis zur Grenze und es ist ein Spießroutenlauf. Überall Polizei und Militär. Teilweise steht alle 500 m ein Polizist am Straßenrand. Wir werden auch kontrolliert. Das erste Mal verläuft ganz normal, der Beamte sieht, dass ich genau wie er 1980 geboren bin. Das findet er total toll und als er auch noch mein Nummernschild mit der 80 sieht flippt er aus. Sein Auto hat ebenfalls die 80 als Kennzeichen. Wir dürfen sofort weiter fahren. Wunderbar, das war easy.

Keine zwei Minuten später Blaulicht hinter mir und die Sirene. Wir halten an. Drei Beamte sitzen im Auto, einer steigt aus. Er will Rolands Papiere sehen. Ich werde ignoriert. Er redet mit Roland aber ich verstehe auch so, dass wir hier nicht fahren dürfen. Roland zeigt ihm die Navigation, die uns genau hier entlang führt. Dem Polizisten ist das egal. Wir sollen ihm aufs Revier folgen für eine Strafe. Sicher nicht, sagt Roland zu mir und setzt den Helm ab. Dann beugt er sich zu dem Polizisten vor und fragt SEHR bestimmt: „Tell me, what’s the reason? What’s the problem? Political reason?“ Diesen Roland kenne ich. Jetzt versteht er keinen Spass mehr, seine Geduld ist zu Ende. Der Polizist spricht kurz mit seinen Kollegen, dann gibt er Roland seine Papiere und sagt: Ok, go! Und das machen wir auch so schnell wie möglich.

Panzer kommen uns entgegen und wir passieren mehrere Militär- und Polizeikontrollen, aber ohne weitere Zwischenfälle. Ich beobachte die Umgebung genau. Ganz wohl fühle ich mich nicht. Natürlich gibt es eine Sicherheitswarnung des Auswärtigen Amtes für den Nordkaukasus. Aber vor welchem Land warnt dieses Amt bitte nicht. Selbst bei Reisen nach Österreich wird empfohlen, sich in die Krisenvorsorgeliste einzutragen. Und für uns gibt es keinen anderen Weg heim. Also Augen zu und durch. Oder besser Augen auf!

Einige Kfz-Kennzeichen tragen neben der russischen Flagge auch die weiß/rot/gelbe und das Kürzel RSO für Südossetien. Südossetien ist genau wie Abchasien eine von Georgien abtrünnige Region, angeblich eigenständig aber Russland hat seit dem Krieg 2008 dort Truppen stationiert. Georgien erkennt die Unabhängigkeit nicht an und spricht von einer Annexion durch Russland.

Rechts neben der Straße entdecke ich ein großes Stalin Plakat, das ich fotografiere und mir später übersetzen lasse. Ich kann mir den Inhalt jetzt schon denken und bin entsetzt und traurig.

Das und die viele Polizei- und Militärpräsenz drücken auf die Stimmung. Passend dazu beginnt es auch noch zu regnen, als wir die Bergstraße richtig Grenze hochfahren. Als ob der Himmel für mich weint.

Ehrlich gesagt, ich bin erleichtert, als wir aus Russland aus- und kurz darauf nach Georgien einreisen. Beides geht zügig, wir fahren bei beiden Kontrollen an den Lkw vorbei. Für die Einreise nach Georgien müssen wir nicht mal das Motorrad verlassen.

Endlich wieder Berge! Ich genieße die kurvige Fahrt auf der A301, der sogenannten „Georgischen Heerstraße“. Der Regen hat kurz nach der Grenze aufgehört. Ein Zeichen. Nach wenigen Kilometern nehmen wir die erste Offroad Piste hinauf zur Gergeti Trinity Church dem Wahrzeichen Georgiens. Vom Parkplatz aus fahren Taxen die sehr steile und von tiefen Schlaglöchern übersähte Piste die Touristen nach oben. Wir versuchen es selber mit den Bikes. In der dritten Kurve liege ich das erste Mal. Es war eher eine schiefgelaufene Bremsung und ein Hinabschlittern als ein Sturz. Roland hilft Zicki aufzustellen und weiter geht’s. Oben angekommen sehen wir uns relativ zügig das Kloster an, die umliegenden Berge des Kaukasus verstecken sich hinter dicken Wolken. Schade, denn so bleibt uns der Blick auf den höchsten Berg Georgiens, den 5.047 m hohen Kazbegi verwehrt. Auf dem Weg nach unten passiert mir das gleiche wieder. Gegenverkehr, ich bremse, rutsche und falle. Es ist echt scheiße steil hier. Krone richten, weiter geht’s.

Im für den Tourismus bestens erschlossenen Ski-Gebiet um Gudauri holen wir Geld, kaufen ein uns fahren die A301 weiter Richtung Süden. Eine gute Stunde später entdeckt Roland einen schönen Platz direkt am Fluss zum campen. Große gelbe Rafting-Boote stehen am Ufer, es gibt eine Feuerstelle und eine Chillout Area. Wir fragen bei der Besitzerin nach, ob wir hier zelten dürfen. Der Grund gehört Lika und ihrer Familie, der Rafting Verein hat sich hier eingemietet. Lika lässt uns hier kostenlos übernachten, macht uns sofort Tee und zeigt uns das Gelände. Als wir unser Zelt aufbauen, bringt sie uns Chacha, den georgischen Schnaps, was zu essen und stellt uns ihren Vater Givi vor, der die ganze Nacht auf dem Platz Wache halten wird. Er spricht kaum Englisch aber wird sie anrufen, falls wir etwas brauchen. Sie wohnt direkt hier um die Ecke und kann dann sofort kommen. Dann machen die beiden noch ein Feuer für uns. Wir sind überwältigt von ihrer Herzlichkeit und Fürsorge und der Stress in Russland ist längst vergessen. Wir kochen nicht mehr, trinken noch zwei Bier am Feuer und freuen uns auf die nächsten Tage in Georgien.

Fast Georgien

Yeah, es gibt Cappuccino zum Frühstück! Zwar kostet er extra, 120 Rubel, aber das ist mir egal. Ich trinke zwei. Wir verlassen Elista und fahren Richtung Süden, knapp 600 km sind es bis zur Grenze nach Georgien. Mal sehen wie weit wir kommen.

Die Route ist nichts besonderes, sie führt durch die Steppe, wenige Orte liegen direkt an der Straße. Es ist karg und einsam. Und es weht ein ekelhafter Wind von links, der ungebremst über die Ebene fegt und uns in Schräglage zwingt. Kein Baum oder Hügel im Weg, der ihn schwächen könnte.

430 km schaffen wir, bevor es dämmert. Je weiter westlich wir kommen, desto früher geht die Sonne unter. Heute bereits um 18.45 Uhr. Roland entdeckt einen kleinen Weg zu einem Fluss. Was man auf der Karte leider nicht gesehen hat, ist dass das Ufer ca 15m super steil zum Wasser abfällt. Der Blick auf den Fluss ist toll, morgen baden leider unmöglich.

Wir bauen unser Nachtlager auf und ich merke, dass ich durch den blöden Wind einen steifen Hals bekommen habe. Es zieht und sticht bis ins Schulterblatt. Heute Abend werde ich die Voltaren brauchen.

Gerade als wir fertig sind, blitzt es westlich am Horizont. Und zwar ordentlich. Grelle, zackige Blitze bis zur Erde. Immer wieder. Zwar weit weg und man hört noch keinen Donner aber ich mach mir sofort ins Höschen. Bitte, bitte nicht schon wieder ein Gewitter beim Zelten. Ich hatte mich so darauf gefreut, heute unter freiem Himmel zu schlafen. Eigentlich wollten wir wieder Pasta kochen, aber ich bin zu nervös. Roland macht das Bier auf, die gute 1,5 l Plastikflasche, und wir setzen uns auf die Stühle, beobachten die Blitze, trinken Bier und essen geräucherten Käse dazu. Mal abwarten, wie sich das Gewitter entwickelt.

Buddhismus, Schach und 12 Stühle

Unsere Vorbereitungen auf diese Reise waren ja eher mittelmäßig. Aus mehreren Gründen: Roland bekam erst im Februar die Zusage für sein Sabbatical und ist bis zu unserer Abreise Anfang Juni knietief in Arbeit gesteckt. Er hatte nichtmal ausreichend Zeit, sein Bike in vollem Umfang umzubauen. Ich hab mich seit Anfang des Jahres mit möglichen Routen beschäftigt, aber nach ein paar Wochen Recherche hat mir so der Kopf geraucht, dass ich wieder aufgehört habe. Die vielen Meinungen und teilweise widersprüchlichen Erzählungen anderer Reisende haben mich zu sehr verwirrt.

Roland und ich haben daher beschlossen, uns nur noch auf das Wichtigste zu konzentrieren, wie die Visa oder Notfälle bei uns und den Bikes. Routen und das ganze Drumherum machen wir dann on-the-go. So auch Russland. Statt wie ursprünglich angedacht, auf dem schnellsten Weg nach Georgien zu fahren, waren wir die letzten Tage im Wolga Delta und fahren heute nach Kalmückien, von dem ich bis gestern noch nie etwas gehört hatte. Und zugegeben, zuerst musste ich etwas Schmunzeln, als ich den Namen Kalmückien gelesen habe und vor allem deswegen war mein Interesse geweckt.

Kalmückien ist eine Republik in Russland und ist die einzige buddhistische Nation in Europa. Ursprünglich lebten hier die Nachfahren der alten Mongolen, bis sie im 2. Weltkrieg vertrieben wurden und erst 1956 wieder nach Kalmückien zurückkehren durften. Es dauerte allerdings bis nach dem Ende der Sowjetunion, bis sie ihrem buddhistischen Glauben wieder öffentlich nachgehen durften.

Wir haben uns als Ziel Elista, die Haupdtadt Kalmückiens, ausgesucht. Etwas über 300 km sind es von Astrachan Richtung Westen. Die Straße ist gut, es gibt kaum Verkehr und wir halten nur einmal an, als wir an einem großen Salzsee vorbei fahren.

In Elista checken wir in einem Biker Hotel direkt gegenüber vom buddhistischen Tempel ein, den wir auch gleich als erstes besichtigen. 2005 wurde die sogenannte „Goldene Heimstätte des Buddha Shakyamuni“ eröffnet, nur 1 Jahre nachdem der Dalai Lama das Grundstück selbst ausgewählt hatte. Die gesamte Tempelanlage ist beeindruckend. Rund um den 63m hohen Tempel findet man Gebetstrommeln, Pagoden mit Statuten und einen großen Brunnen.

Im Tempel steht die mit 9 Metern größte Buddha Statue in Europa. Die Statue ist mit Gold überzogen und steht erhöht direkt gegenüber des Eingangs. Daneben Kleidung des Dalai Lama, ein Geschenk an den Tempel, da er selbst wohl seit einigen Jahren aus politischen Gründen nicht mehr nach Russland einreisen darf, erzählt uns ein junger Mann am Eingang. Wie sich herausstellt, spricht er ein bisschen Deutsch, da er im Rahmen seines Landwirtschafts-Studiums an der Universität in Elista für ein Praktikum in Deutschland war. Und zwar auf Demeter und Bioland Höfen in Bayern und bei Hamburg. Ich brech zusammen. Ein Buddhist aus Russland bei Demeter. Deutschland hat ihm sehr gut gefallen meint er. Außer dass er bei der Gast-Familie in Hamburg so wenig Fleisch bekommen hat. Er brauche Fleisch, damit er stark ist.

Er schickt uns noch zu einer weiteren Kuriosität in Elista. Chess City, ein Stadtteil, der in den 90ern unter Kalmückiens Präsident Iljumschinow erbaut wurde. Iljumschinow war nicht nur bis 2010 Präsident Kalmückiens sondern ist seit 20 Jahren Vorsitzender des Weltschachverbands FIDE. Aufgrund seiner Nähe zu diversen Diktatoren wie al Gaddafi und Assad sowie dubiosen Finanzgeschäften stand er lange in der Kritik und diesen Sommer hat die FIDE ihren Vorsitzenden suspendiert. In Chess City findet man hier und da übergroße Schachfiguren zwischen den leerstehenden Gebäuden. Der Platz wirkt ansonsten verlassen und trostlos.

Wir laufen weiter durch die Stadt. An jeder Ecke entdecken wir buddhistische Bauten, Denkmäler und Statuen. Unter anderem eine Statue von Ostap Bender, der Protagonist aus dem Roman „12 Stühle“. Die Statue ließ ebenfalls Iljumschinow bauen, der den Roman wohl ganz toll fand. Den meisten Kalmücken ist ihr ehemaliger Präsident ziemlich unangenehm. weil er mehrmals öffentlich behauptet hat, von Außerirdischen entführt worden zu sein.

Zum Abendrssen suchen wir uns ein Restaurant, das lokale Spezialitäten serviert, die da heißen „Machan Scholtahan“, „Hursn Machn“ und „Böricki“.  Roland bestellt sich einen Mixteller allerdings ohne die ersten beiden Gerichte, da das irgendwas mit Hammelinnereien ist. „Böricki“ sind Teigtaschen und schmecken ihm sehr lecker. Nebenbei spielt die Kellnerin auf einer Art Gitarre, mit 3 Seiten und ja ich würde sagen, sie ist total verstimmt. Aber vermutlich muss sie genauso klingen hier im kuriosen Elista, in Kalmückien.

Das Wolga Delta

Um 10 Uhr ist Abfahrt vor dem Hotel Azimut, das 20 Minuten zu Fuß von unserem Hotel und direkt an der Wolga liegt. Unsere Reisegruppe ist bunt gemischt, aber keiner spricht Englisch.
Wir verlassen die Stadt in Richtung Süden, am Flughafen vorbei und bald darauf fahren wir nicht mehr auf Asphalt sondern Arschbrett. Aber uns ist es diesmal egal. Wir werden ordentlich durchgerüttelt und ein paar Mal verliere ich sogar völlig den Kontakt mit der Sitzfläche, so sehr hüpfe ich in die Luft. Aber ich muss mir keine Sorgen um meine Felge machen und tiefen Rillen oder großen Steinen ausweichen.

Zweimal müssen wir mit einer Art Fähre bzw. Floß einen Fluss überqueren. Die zweite ist ein Highlight. Ein alter russischer Van wurde als Zugmaschine umgebaut und zieht das Floß. Der Fahrer gibt mit der Gangschaltung Gas, manövriert wird ganz „normal“ über das Lenkrad. Das Ding qualmt wie verrückt und macht einen Höllenlärm und nach 2 Minuten ist das Spektakel vorbei. Roland freut sich jetzt schon auf die Heimfahrt meint er.

Nach 1,5 Stunden Fahrt erreichen wir das Reservat. Zuerst gibt es eine Einführung durch die russische Rangerin und wir verstehen natürlich kein Wort, danach legen wir Schwimmwesten an und steigen ins Boot. Es dauert nicht lange und wir sehen den ersten Weissschwanz-Seeadler über den Fluss fliegen. Immer wieder passieren wir große Lotus Felder. Das Boot legt an und wir laufen auf einem Pfad durch einen Wald, im Wasser davor steht ca. 6m hohes Schilfrohr. Wir verstehen weder die Erklärungen der Rangerin noch was auf den Tafeln steht – schön ist es trotzdem. Bis Roland eine Schlange auf einem Baum neben dem Pfad entdeckt. Ich erschrecke kurz, aber die Rangerin meint, die Schlange sei nicht giftig. Das war dann auch schon das wildeste Tier für heute. Auf dem Rückweg mit dem Boot sehen wir nochmal einen Adler und viele große und kleine Frösche auf den Lotus Blättern. Die Blätter sind übrigens riesig und dass das Wasser komplett von ihnen abperlt stimmt tatsächlich, die Rangerin hat es ausführlich demonstriert. Zwei Stunden hat der Rundweg gedauert und auch wenn wir nichts verstanden haben, war es ein schöner Ausflug.

Der Bus nimmt wieder den gleichen Weg zurück nach Astrachan. Am Astrachaner Kreml steigen wir aus und laufen zum Hotel. Auf unserem Balkon planen wie den morgigen Tag. Es geht nach Elista, die Hauptstadt von Kalmückien.

Astrachan, Russland

Das Frühstück im Hotel fällt bescheiden aus und passt irgendwie zu meinem ersten Eindruck gestern. Die Eier sind lieblos angebraten und zerfleddert und das Brot ist alt und trocken. Meine Blinis mit Quark sind allerdings mega lecker.

Unser Ziel heute: Irgendwie ins Wolga Delta zu kommen. Das Wolga Delta ist ein fast 30.000 km2 großes Naturschutzgebiet mit einer einzigartigen Flora und Fauna. Hier mündet Europas längster Fluss, die Wolga in über 800 Armen in das Kaspische Meer. Je nach Jahreszeit leben hier mehr als 300 Vogelarten, z.B. Reiher, Fisch- und Seeadler, Falken, Komorane, Bartmeisen und viele weitere. Rolands Interesse gilt mehr den Fischen – denn er bewirtschaftet in der Nähe von Passau zusammen mit seinem Vater in seiner Freizeit mehrere Fischteiche, u.a. für Karpfen. Angeblich soll es im Wolgadelta bis zu 35kg schwere Wildkarpfen geben. Und Welse, die sogar 100 kg auf die Waage bringen. Daneben Stöer, Zander, Hechte, Rodfedern und andere im Vergleich zu den monströsen Welsen und Karpfen langweilig wirkende Fische. Also zum Angeln komme ich nicht mit, das mache ich Roland gleich klar, aber bei einer Bootstour auf der Wolga bin ich gern dabei.

Roland hat im Internet das Reisebüro „Pegas Tours“ um die Ecke gefunden. Wir erkundigen uns dort nach einem Ausflug in das Astrachan Nature Reserve. Am liebsten würden wir auf eigene Faust dorthin, wir hoffen aber, dass wir bei einer geführten Tour mit dem Boot viel mehr über Flora und Fauna im Delta erfahren und auch mehr Tier sehen.

Angelina und ihr Kollege vom Büro sind super nett und hilfsbereit und telefonieren gleich mit dem Reservat. Eine individuelle Führung ist so spontan leider nicht möglich, aber wir können uns morgen einer kleinen Gruppe anschließen. Leider ist die Führung nur auf Russisch, wir buchen sie trotzdem. Morgen um 10 Uhr geht’s los.

Wir spazieren durch die Stadt, sehen uns den Kreml an und gehen in ein Fischladen, der auch den berühmten Kaviar aus Astrachan verkauft.

Dann entdeckt Roland einen Anglerladen. Und jetzt wird geshoppt. Eine Fischerhose, Stiefel, T-Shirt, eine Outdoor-Hose, ich bekomme ein Cap und ein Tuch und wir kaufen uns jeder einen Tarnhut mit Moskitonetz. Mit drei vollen Tüten verlassen wir den Laden. Keine Ahnung wie wir das auf unseren Bikes unterbringen sollen.

Auf dem Fischmarkt und im Supermarkt nebenan kaufen wir für das Abendessen ein. Wir mussten heute in ein anders Zimmer umziehen, das im 2. Stock liegt und einen sehr schönen Balkon mit Blick auf den Astrachaner Kreml hat. Dort verbringen wir den Abend mit geräuchertem Stör und Gösser Bier.

Einreise nach Russland

Roland ist total aufgeregt. Er hat bis spät Nachts recherchiert, was man im Wolga Delta nahe Astrachan alles sehen und erleben kann. Er möchte mindestens zwei Nächte dort bleiben.

Aber zuerst mal hin kommen. Wir sind noch gar nicht raus aus der Stadt, da entdeckt Roland einen Schrottplatz, auf dem ein altes Flugzeug der UdSSR zwischen russsichen Trucks und anderem Schrott verrostet. Neugierig wie er nunmal ist, will er sich das genauer ansehen und wird tatsächlich von einem älteren Mann hineingelassen. Der Mann hinkt und geht am Stock aber er führt Roland gern über den Schrottplatz und zeigt ihm die Überreste des Cockpits und weitere Flugzeiteile, die dort verteilt rumliegen. Ein Flugzeugheck schaukelt leicht im Wind und macht knarzende Geräusche. Wie kamen diese riesen Flugzeugteile bloß hier her? Eine skurrile Atmosphäre, Roland ist völlig aus dem Häuschen als er mir davon erzählt. Der geilste Schrotrplatz, den er jemals gesehen hat. Und das wsren viele.

Die Straße zur russischen Grenze ist leider in einem sehr schlechten Zustand. Voller Schlaglöcher und Furchen und wir kommen daher nur langsam voran. Auf halber Strecke halten wir an einem feuerrot leuchtenden Salzsee kurz für ein paar Fotos.

Die Ausreise aus Kasachstan ist easy, die Einreise nach Russland ebenfalls. Der russische Zöllner möchte kurz in unsere Tankbags gucken, das war’s. Wir sind in Russland, Land Nummer 12 auf unserer Reise.

In Astrachan hab ich ein Hotel rausgesucht, das nur 1.300 Rubel, umgerechnet 16€/Nacht kostet. Der Check-in gestaltet sich schwierig, da die unglaublich unsympathische Frau an der Rezeption quasi kein Englisch spricht. Und dann rollt sie auch noch mit den Augen, weil ich kein Russisch spreche. „You Phone Translate“ sagt sie. „No Internet. Do you have wifi?“ antworte ich. Augenrollen Nr. 2 aber ich bekomme das Passwort. Als ich bei booking nachsehe, kostet das Zimmer nur noch 900 Rubel. Ich zeige ihr mein Telefon. Sie will trotzdem 1.700 Rubel. Also buche ich das Zimmer kurzerhand direkt vor ihrer Nase über booking. Nicht mit mir, unfreundliches Fräulein. Es folgen weitere Augenroller, weil wir mit Karte zahlen wollen und dann weil ich die russische Frühstückskarte nicht lesen kann. Kaffee versteht sie, Blinis „niet mjersa“ und Hühnergackern für ein paar Eier auch. Geht doch.

Als sie mir das Zimmer zeigt, spricht sie auf einmal etwas Englisch, zwar unglaublich schlecht aber es reicht, um mich erneut zu beschuldigen, dass ich kein Russisch spreche. Why? und sie schüttelt den Kopf. I’ve learned Englisch at school erkläre ich ihr versöhnlich. Why all learn English not Russian will sie wissen. Weil Russland nicht der Nabel der Welt ist auch wenn du das glaubst, du Nuss. Denke ich mir und schweige den restlichen Weg zum Zimmer.

Nachdem wir alles im Zimmer verstaut haben, kaufen wir uns noch ein Bier im Hotel, es gibt Gösser. Unglaublich. Roland und ich sitzen auf der Terrasse, als die Frau von der Rezeption zu uns kommt und eine Zigarette raucht. Sie beginnt ein Gespräch über Russland und die Welt und ich bin froh, dass sich Roland ihrer annimmt. Sie liebt Putin und Stalin war ja auch so super, ach was war der Typ toll. So stark. Wie Putin. Ich glaub ich muss gleich kotzen. Sie fragt, warum Europa Russland nicht mag. Russland ist ja gar nicht böse. Auch nicht zur Urkaine. Ukraine is not our enemy meint sie. Mädel, schonmal daran gedacht, dass Russland aber für die Ukraine der Feind ist? Wer ist denn mit militärischer Gewalt dort einmarschiert? Ich kann mir das nicht länger anhören, sage Gute Nacht, Roland folgt mir und wir gehen aufs Zimmer. Was für ein wahnsinniger erster Tag in Russland!

Ans kaspische Meer

Die heutige Etappe führt uns aus dem Nordwesten Kasachstans bis an das Kaspische Meer. 450 km geht es fast ausschließlich geradeaus. Als wir tanken, hält ein Auto mit Aserbaidschanischem Kennzeichen neben uns an. Der Fahrer fragt, ob es hier nach Belgrad geht. Hat er wirklich Belgrad gesagt? Das ist ja so wie wenn man mich in München auf der A9 fragt, ob es hier zum Nordkap geht.

Am Spätnachmittag feiern wir unser 20.000 km Jubiläum. Das Foto dazu soll etwas Besonderes sein und wir probieren mehrere Posen aus. In die Luft springen und mit Timer das Foto auslösen ist eine fiese Kombination. Wir hüpfen entweder zu spät oder zu früh oder nicht synchron. Es dauert über eine Stunde, bis wir ein vernünftiges Foto haben. Weil die Outtakes so lustig sind, lade ich davon auch ein paar hoch.

Wir erreichen abends Atyrau, checken im Hotel ein und überlegen uns beim Abendessen das Ziel für morgen. Ich denke, wir fahren auf dem schnellsten Weg durch Russland. Hier gibt’s nix Besonderes. Ich will nach Georgien! Roland meint, er hat da eine interessante Gegend am Kaspischen Meer entdeckt, mit ganz vielen Flüssen. Dort könnten wir unseren ersten Stopp machen. Nach kurzer Recherche stellen wir fest: Die „interessante Gegend“ ist das Wolga Delta. Da müssen wir auf jeden Fall hin!

Tankstelle vermisst!

Auch heute wieder wollen wir viele Kilometer machen und mindestens bis zur Stadt Oral kommen, die unser nördlichster Punkt sein wird und an der Grenze zu Russland liegt. Leider haben wir heute ekligen Wind von schräg vorne, der das Fahren anstregend macht und vor allem den Benzinverbrauch in die Höhe treibt. Wir haben uns blöderweise nicht schlau gemacht, wann Tankstellen auf der Strecke kommen. Zwar haben wir beide unsere Kanister voll aber Rolands nineT verbraucht wesentlich mehr Benzin als meine. 200 km vor Oral geht seine Warnleuchte für die Tankanzeige an. Das heißt laut offiziellen Angaben kommt er noch 50 km weit. Laut Navi und maps.me ist die nächste Tankstelle in Oral. Roland fängt an zu rechnen. Selbst mit seinen beiden Kanistern kommt er nicht bis Oral. Ich hab noch ca. 100 km Restreichweit und bin auch auf meine Kanister angewiesen, könnte es dann aber bis Oral schaffen. Also bleibt uns nur eine Möglichkeit: Wir fahren kraftstoffsparend bis Rolands Tank leer ist, dann bekomme ich alle Kanister und schleppe ihn ab. Ein Seil haben wir ja dabei. Also klemmt er sich in meinen Windschatten und wir tuckern eine gute Stunde mit 80 km/h dahin.

Nach 85 km dann das kleine Wunder: es taucht unerwartet eine Tankstelle auf. Ich biege ein und im selben Moment höre ich, wie der Motor der nineT ausgeht. 25 m vor der Tankstelleneinfahrt. Und wenn die Einfahrt nicht ein kleines Stück bergauf gehen würde, hätte Roland es geschafft, bis zur Zapfsäule zu rollen. So muss er die letzten 10m schieben. Was haben wir doch für ein Dusel.

Mit vollem Tank geht es weiter. Kurz vor Oral verliere ich eine Schraube vom Scheinwerferhalter. Ich spüre zwar noch wie sie auf meinen linken Fuß fällt aber die Suche an der vermeintlichen Stelle bleibt erfolglos. Roland hat zum Glück eine passende Schraube dabei und nach 10 Minuten „Reparatur“ können wir wieder weiter fahren. In Oral kaufen wir Vorräte ein und suchen uns ein paar Kilometer weiter einen Platz zum Zelten. Es wird ein Platz mit Blick auf den Fluss, wenn auch ohne direkten Zugang zum Wasser. Egal, wir haben ja heute Morgen ausgiebig gebadet.

Statt Spaghetti gibt es heute Brotzeit mit Käse und selbstgemachtem Wurstsalat – die Kasachen haben doch tatsächlich sowas wie Knacker. Zufrieden sitzen wir in unseren Stühlen und sehen zu, wie der Mond zwischen den Bäumen aufgeht.