Ali Sadr: Die schönste Höhle der Welt

Wir starten den Tag gemütlich, mit einem langen und ausgiebigen Frühstück in unserer schattigen Sitzecke. Der Springbrunnen plätschert vor sich hin und ich genieße die Abgeschiedenheit und damit auch die Freiheit, so angezogen zu sein wie ich möchte. Und es in meinen Augen bei 35°C im Schatten angebracht ist.  Die beiden Töchter sind auch schon wach und suchen den Kontakt. Die iranische Schule geht erst am 23. September wieder los und daher besuchen viele Kinder – wenn es sich die Eltern leisten können – diverse Sommerschulen. Die beiden haben Klavier-Unterricht, lernen Englisch und Französisch. Sie haben keine Scheu, sich mit uns auf Englisch zu unterhalten und stellen uns viele Fragen. Geduldig antworten wir, während wir die zweite Runde Kaffee genießen. Dann müssen sie los zum Französisch-Unterricht. Und wir machen uns fertig für die Fahrt zur Ali Sadr Höhle, die ca. 60 km entfernt liegt.

Wir stellen unsere Bikes auf dem Parkplatz ab, machen Helme und Jacken an den Bikes fest und laufen 15 Minuten durch ein Wirrwarr aus Souvenier-Läden, Restaurants und Kindern-Karussells bis wir endlich am Ticket-Schalter ankommen. „Price Ali Sadr Cave for foreigners: 750.000 Rial“ steht auf dem Schild über dem Kassierer. Je nach Wechselkurs sind das zwischen 7€ und 10€. Halleluja ist das teuer im Vergleich zu allem anderen bisher im Iran.  Nach weiteren 10 Minuten Fußmarsch (in Motorradklamotten, zur Erinnerung) sind wir am Eingang der Höhle. Wir befinden uns in einem modernen Warteraum, der an einen Bahnhof erinnert und viel zu groß ist, für die paar Leute, die hier rumlaufen. Im Reiseführer stand, man soll die Wochenenden meiden, da die Höhle viel zu überlaufen sei. Das können wir so nicht bestätigen.

Wir zeigen unser Ticket, bekommen blaue Schwimmwesten angezogen und steigen eine breite Treppe hinunter. Nach der Treppe folgen wir einem Weg und bereits jetzt befinden wir uns direkt in der Höhle. Der Weg wird teilweise von herabhängenden Felsen versperrt und rechts und links vom Weg sieht man immer wieder klares Wasser. Wir kommen an eine Bootanlegestelle und setzen uns auf die gleichen Plastikstühle wie im Warteraum. Uns gegenüber sitzt eine Familie, Vater, Mutter und Sohn. Zu ihren Füßen Körbe und Tüten voll Essen, außerdem sehe ich eine Thermoskanne und andere Flaschen. Für den Fall, dass wir hier unten eingesperrt sind, ist die Verpflegung für die nächsten zwei Wochen gesichert., denke ich mir. Vermutlich habe ich die Vorräte zu lange inspiziert, denn kaum sitzen wir, drückt uns der Vater ein Glas Tee in die Hand und reicht uns eine Schale mit Würfelzucker. Wir haben nicht mal den Hauch einer Chance, nein zu sagen. Der Tee ist gut und heiß, leider muss ich ihn hinunterstürzen, da wir angewiesen werden, in die Boote zu steigen. Meine Speiseröhre hat jetzt Verbrennungen 1. Grades.

Wir sitzen mit der Mutter und dem Sohn im letzten von drei Booten, die hintereinander an einer Schnur hängen und von einem Tretboot durch die Höhle gezogen werden. Im Tretboot sitzt der Vater neben einem Angestellten aus der Höhle. So fahren wir eine gute Weile, sehen interessante Felsformationen, Kristalle und Tropfsteine an den Decken, die hin und wieder dank geschickter Beleuchtung in allen Farben des Regenbogens schimmern. Kitschig, aber irgendwie auch schön. Wir steigen aus und laufen ein Stück geführt durch die Höhle. Die Höhlennetz ist angeblich über 60 km lang, der bisher erforschte Teil ist 11km lang und davon sind 3km für den Tourismus freigegeben. Wir sind beeindruckt von der Größe der einzelnen Räume, den vielen verschiedenen Gesteinen und Formen. Es ist wirklich die schönste und größte Höhle, die ich jemands besichtigt habe.

Der Vater mit dem Tee von vorhin bittet mich immer wieder, von ihm, seiner Frau und seinem Sohn Bilder zu machen. Dann mit uns beiden. Dann nur er und Roland. Seine Frau und ich. Alle fünf Minuten ein Foto. Misses, Misses, ruft er immer, stellt seine Körbe ab und positioniert sich und seine Familie. Ich sehe Roland an, dass es ihn langsam nervt, aber nachdem wir nach jedem Foto gefüttert werden, mit Trauben, Nüssen, Kirschen, Keksen lässt er das Theater über sich ergehen. Gute zwei Stunden waren wir in der Höhle, die 10€ haben sich wirklich gelohnt.

Auf dem Rückweg ins Hostel sehen wir uns noch den Steinlöwen aus der Zeit Alexander des Großen, von ca. 330 v. Chr. an und kaufen für das Abendessen sein. Ich koche und Roland plant die Route für morgen, wir wollen versuchen die knapp 500 km bis Isfahan durchzufahren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.