Über Tash Rabat zum Songköl See

Heute Morgen gibt’s nur Kaffee. Wir hatten gestern keine Gelegenheit mehr Brot einzukaufen. Bleibt mehr Zeit für die Reparatur. Roland montiert den rechten Spiegelfuß auf die demolierte linke Seite und der linke Protektor wird rechts mit Draht befestigt. Sobald wir wieder in einer größeren Stadt mit Basar sind, will Roland den Tankrucksack nähen lassen. Für die nächsten Tage muss Klebeband ausreichen.

Wir setzen unseren Weg auf der Arschbrettstraße (sorry Mama für den Ausdruck) fort. Das kann einem ganz schön die Stimmung verhageln, vor allem wenn man nichts zum Frühstück hatte. In dem nächstgrößeren Ort Baetov halten wir daher an einem  kleinen Laden an und kaufen Brot, Käse, Trinkjoghurt und Kekse. Während wir frühstücken, checkt Roland den Luftdruck von seinem Hinterreifen, irgendwie fährt sein Bike komisch meint er. Und tatsächlich, der Reifen verliert ordentlich Luft. Da ich keine Zeit verlieren möchte, frage ich die Taxifahrer am Eck, ob man hier einen Reifen reparieren kann. Wie? Ich zeige auf den Reifen, mache ein Pffffft Geräusch und sage „Reparatur“. Sie verstehen was ich meine. Sofort stehen fünf, sechs Mann um Rolands Bike, tasten den Reifen ab und reden wild durcheinander. Dann meinen sie, dass es eine „Reparatur“ hier im Ort gibt, aber der Typ ist zu Mittag (Arme bilden zuerst ein X, dann wird symbolisch Essen in den Mund geschoben. Das Zeichen kennen wir schon, gibt es als Variante auch mit „Beten“  statt „Essen“). Wir besprechen uns mit Vincent, er kann gern vorfahren nach Tash Rabat und wir treffen uns dann auf dem Rückweg zum Song-Kul See. Er verneint, er bleibt lieber bei uns und wir fahren später zusammen, wenn der Reifen repariert ist. Vincent hat wirklich eine Engelsgeduld. Davon könnte ich mir eine Scheibe abschneiden.

Die Männer sind zurück und kippen Wasser über den Reifen und suchen nach dem Loch. Roland weiß gar nicht wie ihm geschieht und es tut mir fast ein bisschen leid, dass ich mich eingemischt habe und jetzt Wildfremde an seinem Bike rumdoktern. Aber er lässt es über sich ergehen und rollt das Bike vor und zurück, damit die Männer den gesamten Reifen abtasten können. Als sie wieder Wasser holen, wage ich mich auch mal ran. Ich halte mein Ohr an den Reifen und höre sofort das Geräusch von entweichender Luft. Ein Stück vor sage ich und finde das Loch mit dem Stein drin. Freude ist vielleicht das falsche Wort in diesem Zusammenhang aber irgendwie „freut“ es mich, dass ich das Loch entdeckt habe. Ich packe unser Reparatur-Set aus. Einer der Männer nimmt es sofort an sich, drückt die Kautschuk-Wurst mit dem Werkzeug in das Loch und verklebt es. Zack erledigt. Roland füllt mit dem Airman Luft nach. Der Reifen hält. Wir können weiterfahren, was für ein Glück!

Unser erstes Ziel ist heute Tash Rabat, die Karawanserei aus dem 15. Jahrhundert. Die Route, die Vincent ausgewählt hat, ist fantastisch. Wir fahren wieder abseits der geteerten Straßen und außer ein paar wenigen Jeeps und zwei Bikern aus Italien treffen wir auf keine Menschen. Das Wetter ist perfekt, nicht zu heiß aber schön sonnig. Die Wasserdurchfahrten, die auf dem Track liegen sind easy machbar – ich möchte mir nicht vorstellen, wie die Flüsse hier aussehen, wenn es mal ein paar Tage geregnet hat.

Der Pass, den wir überqueren liegt wieder auf über 3.000m. Kurz danach erreichen wir Tash Rabat. Oha. Was für ein Menschenauflauf. Ziemlich ungewöhnlich. Ein Reisebus steht auf dem Parkplatz. Eine Gruppe koreanischer Touristen hat sich die Karawanserei angesehen und steht jetzt am einzigen Souvenierstand. Wir unterhalten uns kurz mit einem Koreaner, bevor der Reisebus wieder abfährt. Jetzt sind wir wieder alleine hier. So mag ich das. Vincent und ich sehen uns die historische Stätte an, Roland möchte nicht. Tash Rabat unterscheidet sich in zwei wesentlichen Punkten von allen anderen Karawansereien, die ich bisher gesehen habe: Sie ist erstens nicht aus Lehm sondern Stein und ist zweitens deswegen unglaublich gut erhalten.

Lange halten wir uns allerdings nicht dort auf, wir haben noch knapp 250 km vor uns und ja, wen wundert’s, uns läuft mal wieder die Zeit davon. Die Reifenreparatur hat uns über eine Stunde gekostet. Es ist 18 Uhr, als wir in Tash Rabat wieder Richtung Norden aufbrechen. Zwar auf Asphalt, aber trotzdem brauchen wir über zwei Stunden, bis wir nach Naryn zur Abzweigung gelangen, die uns wieder in die Berge und auf einen Offroad Track Richtung Songköl, zum zweitgrößten Bergsee Kirgisistans, bringt. Der Track wäre ein Traum, wenn ich was sehen würde. Es ist finstere Nacht, als wir die 33 Haarnadelkurven und den über 3.500m hohen Pass erklimmen. Die Straße ist eng und steinig, ich muss mich höllisch konzentrieren, nicht auf einen Felsen oder noch schlimmer den Abhang runter zu fahren. Ich schwitze und fluche und bereite Roland darauf vor, dass ich heute NICHT mehr kochen werde. Hunger hin und her.

Noch später als gestern erreichen wir unser Ziel. Der Songköl liegt auf 3.000 m. Es hat 4,5°C. Zum Glück habe ich mir vor der Reise einen warmen Daunenschlafsack und eine isolierende Daunen-Isomatte gekauft. Wir bauen unsere Zelte auf, ich putze Zähne und lege mich sofort in meinen warmen Schlafsack. Vincent und Roland kochen sich noch eine Suppe und trinken ein wohlverdientes Arpa (kirgisische Biersorte). Ich schlafe bereits tief und fest, als Roland später ins Zelt krabbelt.

Spaghetti um Mitternacht

Ganz im Süden, direkt an der chinesischen Grenze liegt der kleine See Chatyr-Kul und in der Nähe auf 3.000m die Karawanserei Tash Rabat aus dem dem 15. Jahrhundert. Vincent schlägt vor, dass wir zuerst zur Karawanserei fahren und dann am See Zelten. Es sind 400 km. Das wird ein langer Tag.

Wir fahren zuerst ein Stück Richtung Osh zurück und biegen nach ca. 50km von der Asphalt Straße nach Osten ab. Ab jetzt bewegen wir uns nur noch offroad. Die breite Pass-Straße windet sich in langen Kurven um den Berg und auf der gegenüberliegenden Seite des Berges sehen wir den ersten Schnee.

Die Landschaft ist ganz anders als in Tadjikistan. Statt schroffen, grauen Felsen sieht man in Kirgisistan grüne und mal braune Bergketten, die sich unendlich weit erstrecken. Über 90% des Landes liegen über 1.500m, das heisst man befindet sich quasi immer in den Bergen. Nahezu perfekt – leider sind die Straßen oft ein Albtraum. So auch diese hier. Arschbrett sagen Roland und ich dazu. Hartes Waschbrett mit feinstem Kies. Man wird unendlich durchgerüttelt und eingestaubt.

Als wir den Pass auf 3.300m überqueren ist es kurz vor 17 Uhr und es beginnt zu dämmern. Noch liegen über 200 km und ein 2. Pass vor uns. Wenn die Straße genauso weiter verläuft, schaffen wir es nie und nimmer bis zum See. Es bleibt beim Arschbrett und wir quälen uns weiter. Kilometer für Kilometer. Vincent fährt voraus, ich in der Mitte. Plötzlich höre ich Roland schreien. Nein, scheiße nein! gefolgt von einem lauten Ahhhhhhh! Er ist gestürzt. Ich drehe hektisch um. Roland steht schon wieder neben seinem Bike, ich will wieder umdrehen, um in der richtigen Fahrtrichtung zu stehen und zack – jetzt liege ich auch. Zwischen den beiden Fahrbahnen wurde eine Begrenzung aus Kies und Steinen aufgeschüttet, die an dieser Stelle so hoch ist, dass ich einfach stecken geblieben bin. Roland ist es ähnlich ergangen, er ist mit dem Vorderrad über die Begrenzung gekommen und das Hinterrad blieb auf der anderen Fahrspur. Wir haben das beide in der Dämmerung und mit den verstaubten Visieren schlichtweg übersehen. Blöder Fehler. Roland und seine nineT hat es ein bisschen mehr erwischt. Der linke Handprotektor ist abgerissen weil der Fuss vom Spiel abgebrochen ist. Außerdem hat sie diverse Kratzspuren an Windschild und Verkleidung und der Tankrucksack ist aufgerissen. Roland selbst hat sich vermutlich die Rippen ein bisschen geprellt und der Ellbogen tut ihm weh. Zum Glück nichts Ernstes. Ich gebe ihm trotzdem Arnica Globuli. Wir stecken die losen Teile ein, Roland klebt den Tankrucksack mit Klebeband zu und wir fahren weiter.

Es wird immer später und ist bereits stockdunkel. Ich bin müde und genervt, weil wir einen schönen Pass fahren aber nichts von der Landschaft sehen und Rolands Stimmung ist aus gegebenem Anlass auch nicht die Beste. Wir besprechen uns mit Vincent und auch ihm ist klar, dass wir es nicht zum See schaffen werden. Also suchen wir ab jetzt irgendwo auf der Strecke einen Platz zum Übernachten. Vincent entdeckt irgendwann einen kleinen Feldweg, der zu einem verlassenen Haus mit Stall führt. Dort bauen wir im Dunkeln die Zelte auf und kochen. Es geht doch nichts über eine ordentliche Portion Spaghetti um Mitternacht, während über einem Millionen von Sterne funkeln. Ein schöner Abschluss für einen anstrengenden Tag. Zufrieden gehen wir drei ins Bett.

Wandern in Arslanbob

Es dauert, bis wir alles gepackt haben. Also bei Roland und mir. Vincent war bereits kurz nach dem Frühstück fertig und wartet auf uns. Um 13 Uhr fahren wir los.

Unser heutiges Ziel Arslanbob ist nicht weit von Osh entfernt und die Strecke verläuft ausschließlich auf relativ gutem Asphalt. Um 16.30 stehen wir im CBT, dem Community Based Tourism Büro von Arslanbob, um uns ein Homestay auszusuchen. An der Wand im Büro hängen eine Karte, Bilder und Beschreibungen und der nette Mann vom CBT empfiehlt uns Nummer 12. Dort schickt er alle Biker hin, weil man sich in dem großen Garten so gut entspannen kann. Das klingt prima, auch wenn wir heute gar nicht entspannen wollen – wir sind ja kaum gefahren.

Im Homestay 12 beziehen Roland und ich ein großes Doppelzimmer, Vincent ein Bett in einem 4er Zimmer. Der Garten des Homestay ist wunderschön grün, voller Blumen und Bäume und am Ende liegen 2 große mit Teppich ausgelegte Terrassen. Ein gelber Vorgang schützt vor der Sonne. Es ist wirklich sehr gemütlich hier.

Touristen kommen nach Arslandbob wegen der schönen Natur. Es gibt zwei Wasserfälle und den angeblich größten, natürlich gewachsenen Walnuss-Wald der Welt. Den kleinen Wasserfall und den Wald kann man gut mit einer Wanderung verbinden, die ca. 3 Stunden dauert. Wir laufen kurz vor 18h los und machen mit unserer Gastgeberin aus, dass wir um 20.30 Uhr zum Essen zurück sind.

Zum kleinen Wasserfall ist es nicht sehr weit. Die letzten 50m sind gesäumt mit Souvenier-Shops, der Tourismus ist auch hier angekommen. Der Wasserfall an sich ist gar nicht so klein, 23m stürzt er in die Tiefe. Über eine unglaublich wackelige und rostige Brücke kann man ganz nah an ihm vorbeilaufen und pitschnass werden.

Auf der anderen Seite angekommen, steigen wir eine steile Treppe empor und gehen auf einem schmalen Wanderweg in Richtung Walnuss-Wald. Es ist weiter als gedacht und die Sonne geht gerade hinter einem Berg unter, als wir kurz vor dem Eingang des Waldes stehen. Wir haben noch nochmal die Hälfte der Strecke geschafft und sollen in einer Stunde wieder im Homestay sein. Egal ob mit dem Motorrad oder zu Fuss, es passiert uns viel zu oft, dass wir Strecken unterschätzen.

Irgendwann meint Roland, eine Abkürzung auf der Karte zu erkennen und wir verlassen den eigentlichen Wanderweg. Hier hätten meine Alarmglocken läuten sollen. Ich erinnere mich noch gut an einen Familienurlaub in Frankreich. Ich war damals vielleicht 12 und mit meinen Eltern und jüngeren Schwestern auf dem Weg zum Strand. Vollgepackt bis obenhin mit Badesachen liefen wir in der Mittagssonne durchs Gebüsch. Mein Vater meinte, er kennt eine Abkürzung. Am Ende waren wir zwei Stunden unterwegs, bis wir endlich in der Bucht ankamen.

Heute ist es ähnlich. Roland, Vincent und ich laufen querfeldein, über Kartoffelfelder, durch Apfelbaumplantagen und durch mannhohes Gras, wir steigen über Zäune und krabbeln durchs Unterholz. Alle drei in kurzer Hose, Roland und ich tragen Trekkingsandalen. Ich will gar nicht wissen, wie viele Zecken und Spinnen gerade an meinen Beinen krabbeln und fordere bei Roland eine ausgiebige Leibesvisitation ein, sobald wir im Homestay sind.

Es ist dunkel, als wir endlich auf den eigentlichen Wanderweg zurückfinden. Weitere 30 Minuten laufen wir einen Berg hinunter, inklusive Panoramablick auf ein beleuchtetes Arslanbob. Um 21.30 Uhr – mit einer Stunde Verspätung – erreichen wir endlich unser Homestay. Unsere Gastgeberin erwartet uns bereits sehnsüchtig mit dem Essen. Wir verschlingen den „Pichelsteiner Eintopf“ wie Roland das Gericht nennt und gehen alle drei anschließend zügig ins Bett.

Drei Nächte in Osh

Das Unwetter von gestern ist vorüber, heute Morgen scheint wieder die Sonne. Roland und Vincent kümmern sich direkt nach dem Frühstück um die Bikes. Ich hatte mit Roland abgemacht, dass er sich auch um Zicki kümmert und ich einen kleinen Office Tag einlegen darf. Und Wäsche waschen. Im Guesthouse gibt es eine Maschine, die wir nutzen dürfen. Ich wasche alles. 5 Ladungen inkl. unserer Motorrad-Kleidung.

Die Jungs kärchern die Bikes zuerst ordentlich ab, Vincent zerlegt seine GS fast komplett und Roland bringt meine Felge zur Reparatur, die wie sich herausstellt, nicht nur eine Delle sondern auch einen Riss hat, der geschweisst werden musste. Danach geht Roland mit Stas auf Teilesuche. Eine Schraube vom Gepäckträger der nineT ist abgerissen und das Metall-Gehäuse vom Scheinwerfer ist durch vibriert. Letzters kann erstmal nur geklebt werden.

Den ganzen Tag schrauben beide im Innenhof an den Bikes und führen Fachgespräche. Sie haben ihr Werkzeug auf dem Boden ausgebreitet und Vincent hat die Bose Box voll aufgedreht. Es läuft eine bunte Mischung von Tom Petty bis Five Finger Death Punch. Irgendwanm gibts auch das erste Bier. Zwei Ingenieure im Schrauber-Himmel.

Nachmittags checken zwei weitere Deutsche ein. Ein junges Pärchen, Sascha und Annabelle, die mit dem Fahrrad bis nach Australien reisen. Sie haben in Tadjikistan einen kleinen, kranken Welpen aufgesammelt und bei einem Tierarzt versorgen lassen. Und jetzt überlegen sie, ob sie die kleine Jeanny mit auf Tour nehmen oder ob sie eine Familie für sie finden sollen.

Den nächsten Tag nutzen wir für eine kleine Sightseeing Tour durch Osh. Roland möchte unbedingt auf den Basar. Wir laufen durch die Stadt am Fluss entlang und stehen auf einmal in einem Vergnügungspark, der gefühlt aus der Sowjet-Zeit stammt. Als wäre die Zeit still gestanden. Kinder fahren in alten, verrosteten Karussells und essen pinke Zuckerwatte, auf den Schiessbuden ist der junge Rambo zu sehen und dann steht da auf einmal ein echtes, altes Flugzeug von Aeroflot. Mitten im Gebüsch. Ich bin irritiert und begeistert zugleich. Wir geben uns gleich die volle Dröhnung und essen im Park zu Mittag. Lagman, Schaschlick und Salat. Es schmeckt sensationell und da die Preise anscheindend auch aus Sowjet-Zeiten sind, kostet alles zusammen keine 5€.

Auf dem Basar kaufen wir eine Bürste zur Reinigung meiner Kette und noch ein bisschen anderes Krimskrams, danach gehen wir auf den Soleiman Berg. Von hier oben hat man einen herrlichen Blick über die Stadt.

Der Teilemarkt, bei dem Roland gestern eingekauft hat, ist leider geschlossen. Wir gehen auf dem Rückweg zum Guesthouse trotzdem kurz durch die Container-Stadt. Hier gibts alles, meint Roland. Von der Schraube bis zum Autositz. Jeder Container hat sein Spezialgebiet. Wie ein riesengroßer gut sortierter Schrottplatz.

Den letzten Abend verbringen wir bei Stas mit ein paar Bier und besprechen die Route, die wir morgen fahren wollen. Unsere drei Bikes sind repariert, gewartet und bereit für viele abenteuerliche Kilometer in Kirgisistan.

Einreise nach Kirgisistan

Heute ist unser letzter Fahrtag in Tadjikistan. Insgesamt acht Tage waren wir auf dem Pamir Highway unterwegs, davon mehrheitlich abseits geteerter Straßen durch fantastische Landschaft, sind Berge rauf und wieder runter gefahren und haben unglaublich nette Menschen getroffen. Leider hat ein Vorfall unser Abenteuer überschattet: Der Anschlag auf die Radfahrer südlich von Dushanbe. Wir haben erst heute davon erfahren und sind erschüttert über die Brutalität.

Wir verabschieden uns von Abd und seiner Familie und fahren Richtung kirgisischer Grenze. Der Grenzübergang Kyzyl-Art ist mit 4.250m der zweithöchste der Welt (der höchste liegt auf dem Karakoram Highway zwischen China und Pakistan) und da wir für Kirgisistan kein Visum benötigen, sollte die Einreise zügig funktionieren. Denkst du!

Von Karakul aus ist es nicht weit bis zur Grenze. Die Sonne scheint aber es ist kalt. 5°C hat es, als wie oben ankommen. Ich schnappe mir Rolands Pass und gehe zuerst links ins Gebäude. Passkontrolle Ausreise Tadjikistan. Ein Blick reicht dem Beamten, dann meint er: Ok, Goodbye. Jihaaa das war einfach. Auf der gegenüber liegenden Seite ist die Zollkontrolle. Ich will gerade zum Fenster, da kommt ein großer, dunkler Mann in Tarnanzug auf mich zu: „What do you want?“ Ich: „Custom Control.“ Er nicht ganz so nett: „You wait, 4 cars first. They wait 1 hour!“ 4 Autos! Das heißt nicht etwa 4x 5 Personen sondern mindestens 8 oder sogar 9 Personen pro Auto – auf der Rücksitzbank sitzen gern 4 Erwachsene mit 3 Kindern auf dem Schoß. Das dauert. Ich geb Roland Bescheid und lege mich ins Gras. Dann schlaf ich halt ein bisschen.

Nach über einer Stunde sind wir endlich dran. Ich gehe mit unseren Pässen in das Zimmer. Oder doch nicht. Ich soll meine Stiefel ausziehen, meint der Beamte. Ich schaue runter vor die Tür und da stehen tatsächlich 3 Paar Schuhe. Daher der muffige Geruch. Die beiden Beamten tragen keine und ein andere Reisender auch nicht. Der Raum ist super unordentlich und alles andere als sauber – gesaugt wurde hier vermutlich noch nie! Es steht ein Kohleofen im Eck und schmutziges Geschirr im Regal. Ich ziehe meine Stiefel nicht aus. Lieber bleibe ich draußen stehen und reiche unsere Pässe zu dem Beamten rüber. Er akzeptiert es und trägt unsere Daten in ein Buch ein.

Als Vincent fertig ist, fahren wir durch die Schranke zur nächsten Kontrolle. Wir müssen hier zum Glück nur kurz warten, dann werden die Daten aus unseren Pässen wieder in ein großes Buch eingetragen.

Ab jetzt befinden wir uns für die nächsten 20 km im Niemandsland zwischen Tadjikistan und Kirgisistan. Landschaftlich wunderschön – wir durchqueren die Berge mit Blick auf noch viel höhere Berge mit schneebedeckten Gipfeln, die mindestens 6.000m hoch sind. Die Passtraße allerdings ist eine Katastrophe. Eigentlich ein eibziges, riesiges Schlagloch mit ein bisschen Asphalt dazwischen. Ungenießbar.

Außerdem ist es immer noch kalt, Roland meint sogar ein paar winzige Schneeflocken gesehen zu haben. Ich hab die Griffheizung auf höchster Stufe und von mir aus dürfte sie ruhig noch heißer sein. In diversen Foren liest man immer wieder, dass sich BMW Fahrer über die Griffheizung aufregen. Stufe 1 sei zu kalt und bei Stufe 2 verbrenne man fast. Leute, ihr seid noch nie bei Schneeregen nach Kirgisistan eingereist. Da kann eine Griffheizung gar nicht heiß genug sein.

Als wir die kirgisische Grenze erreichen, sehe ich die vier Jeeps wieder. Sie stehen bei der Fahrzeugregistrierung. Wir müssen zuerst zur Passkontrolle, die in 5 Minuten erledigt ist. Der Beamte trägt zur Abwechslung Silber statt Gold im Mund. Auch schön.

Die Fahrzeugregistrieung und gleichzeitig Zollkontrolle ist mein persönliches Highlight und gern gebe ich eine Live-Parodie des Beamten, wenn ich wieder daheim bin.

Hier nur dir Kurzzusammenfassung: Leider komme ich hier nicht darum, die Schuhe auszuziehen. Tür und Schreibtisch des Zollbeamten sind zu weit von einander entfernt. Ein Mann Ende 20 sitzt hinter einem Computer. Als ich ihm die beiden Pässe gebe, fragt er mich, warum mein „Husband“ nicht auch rein kommt. Also hole ich Roland. Wir nehmen ihm gegenüber Platz. Dann stellt er uns die üblichen Fragen, woher wir kommen, wo hin wir fahren wollen, ob wir Waffen dabei haben etc. Wir beantworten alle Fragen und als wir erzählen, dass wir mit zwei Bikes einreisen, meint er, wir müssen eine Ökosteuer zahlen. 500$ pro Fahrzeug. Ich will gerade losschimpfen, da zeigt er auf das Schild hinter mir auf dem steht: 500 Som pro Motorrad. Ich schau ihn an, der Scherzkeks grinst. Wir spielen mit und lachen auch. Wir können in Dollar (20$) zahlen, er wechselt zu einem etwas schlechteren Kurs aber wir haben keine Wahl.

Dann fragt er uns mit ernster Miene, ob wir gern Bier trinken (wir sind ja aus Deutschland) und als Roland Logo! sagt, fragt er, ob wir heute morgen auch Bier getrunken haben. Oder vielleicht Vodka. „Are you good Tourist?“ „Yes, we are. Of course we did not drink!“ Da lacht er Und notiert sich etwas.

Seine Miene versteinert wieder, er guckt uns an. Er will wissen, ob wir Souvenirs dabei haben. Einen toten Steinbock z.B. Klar, der sitzt bei mir hinten drauf, denke ich. Ist so schön kuschelig warm. Wir verneinen.

Zuletzt will er wissen, wie lange wir in Kirgisitian bleiben. Ich antworte: „Two weeks.“ Ok, I write 1 year for you ok and husband 1 month höhöhöhöhö lacht er. Wir lachen gequält mit.

Fast eine Stunde waren Roland, Vincent und ich mit dem Zollbeamten beschäftigt. Es ist inzwischen nach 16 Uhr und wir wollen es heute noch bis ins 240 km entfernte Osh schaffen, wir müssen uns beeilen. Also rauf aufs Motorrad!

Kirgististan empfängt uns mit grünen Wiesen und Hängen, weißen Jurten, Pferden in allen Farben und den fettesten Murmeltieren, die ich je gesehen habe. Was für ein Klischee aber es wirkt. Mein Herz hüpft, ein neues Land, ein neues Abenteuer.

Eigentlich wollen wie über Sary-Mogul fahren und einen Blick auf den 7.000er Mount Lenin werfen. Allerdings ist das Wetter zu schlecht und die Zeit drängt.
Wir fahren stattdessen nach Sary-Tash und können an der Tankstelle nicht nur tanken sondern auch gleich Geld zum aktuellen Bankenkurs wechseln. 1 Dollar sind 68 Som, bzw. 1 Euro 78 Som. 1l Benzin 92 Oktan kostet 43 Som.

Ab jetzt bis Osh regnet es immer wieder und die letzte halbe Stunde vor Osh kommen auch noch Sturm und Gewitter dazu. Der halbe Wald fliegt durch die Luft und an mein Visier, es blitzt und donnert und ich fahre in Schräglage, um geradeaus zu fahren. Es ist anstrengend und nervig. Und bereits dunkel. Um 22 Uhr erreichen wir endlich Zukhovs Guesthouse. Wir parken unsere Bikes im Innenhof. Stas und seine Frau sind super nett, zeigen uns die Zimmer und bevor wir alles verräumen, bestellen wir noch schnell Pizza. Ja genau Pizza. Heute Morgen noch Yak-Milchbrei und 12 Stunden später Pizza Quattro Stagioni. Sowas von skurril aber auch verdient.

Im Land der Yaks

Wenn man schon ein Yak hat, dann verwertet man auch alles. Es gibt Brei mit Yak Milch, frische Yak Butter und eine Art Käse.

Nach dem Frühstück fahren wir los. Abd sitzt bei Roland mit auf dem Bike, sein Neffe Adil bei Vincent. Rolands Bike ist ein Einsitzer und wir empfehlen Abd, ein Kissen mitzunehmen da er sonst nur auf dem harten Gepäckträger sitzt. Er schnappt sich ein knallrotes Plüschkissen aus unserem Zimmer und hüpft auf die nineT.

Nach 10 Minuten auf der holprigen Asphaltstraße biegen wir rechts ab und fahren durch das kirgisische Outback. Spätestens jetzt wünscht sich Abd bestimmt ein zweites Kissen unter seinem Hintern. Es geht über Wiesen und Felder, wir durchqueren mehrmals einen Fluss, ich kämpfe mich durch Matsch und Sand, dann gehts es auf Schotter steil bergauf und weiter auf einer steinigen Piste an einem Berghang entlang. Ich kann mein Glück kaum glauben. Ich erlebe das echte, wilde Kirgisistan. So etwas findet man nicht im Lonely Planet oder unter #instatravel.

Nach knapp 60 km offroad sind wir endlich am Ziel: Mitten im Nirgendwo stehen zwei Jurten und ein kleines gemauertes Haus und davor ein alter russischer Lkw. Bei den Jurten grasen Yaks, zwei Esel und zwei Pferde. Neben dem Haus ist ein Gehege mit ca. 50 Ziegen und Schafen. Um uns herum diverse 5.000er Gipfel. Was für eine Atmosphäre, was für ein Erlebnis!

Kinder und Erwachsene begrüßen uns schüchtern. Danach werden wir in einer der beiden Jurten verköstigt. Mit Cay, frisch gebackenem Brot, Kaymak und Ayran aus Yak-Milch, Tomaten-Gurken-Salat und einer sagenhaft leckeren Bratkartoffelpfanne mit Paprika und Zwiebeln. Wir sind alle sehr hungrig und hauen ordentlich rein bis alles aufgegessen ist. Die frischen Milchprodukte verfehlen ihre Wirkung nicht – ich muss sofort auf die Toilette, überlege es mit aber schnell anders als ich davor stehe. Gegen die Toilette hier oben ist die im Homestay ein Luxusbad. Schlimmer geht’s nimmer… Ich verschiebe meinen Toilettengang freiwillig und hoffe irgendwo auf dem Rückweg eine Biopause einlegen zu können.

Ich lenke mich mit Tierbabies ab. Die 3 Wochen alten Yaks sind soooo süss und flauschig aber leider auch sehr ängstlich. Sie lassen sich kaum streicheln. Aber warum sollten sie auch…

Abd fängt ein großes Yak ein und ich soll es mit ihm an den Hörnern halten, danach setzt er mich zuerst auf den Esel und dann auf ein Pferd, ich darf die unglaublich schwere Pfanne beim Brot backen halten und zuletzt auch noch eine Ziege melken. Roland und Vincent schauen zu und machen Fotos.

Es wird Zeit zurückzufahren. Wir verabschieden uns von allen und nehmen zuerst den gleichen Weg wie vorhin. Im Matsch liegen Vincent und Adil das erste Mal. Dann im Sand erneut.

In einem ausgetrockneten Flussbett lassen Roland und ich unsere Bikes laufen und irgendwie verpassen wir so die Abbiegung Richtung See. Egal. Ab jetzt geht’s freestyle weiter. Abd orientiert sich am Flusslauf. Wir müssen querfeldein fahren, über tiefe Rinnen und durchs Wasser. Vincent GS hat sich wieder Schlafen gelegt und will nicht mehr anspringen. Wir müssen ein paar Minuten warten und als sie wieder läuft, hilft Roland sie aus dem tiefen Flusskies zu schieben.

Es geht den Berg hinauf, steil und mit tiefem Sand. Roland ist längst oben, Vincent ist umgekippt und dieses Mal helfen ich ihm. Ich schiebe so fest ich kann bis sein Biest wieder festen Untergrund unter den Reifen hat. Die Luft hier oben ist so dünn, ich merke jede kleine Anstrengung sofort und japse wie ein uraltes Yak.

Oben angekommen sehe ich endlich den Karakul See. Das Wasser leuchtet smaragdgrün, dahinter die Bergkette mit den schneebedeckten Gipfeln. Die Kulisse ist mal wieder einmalig. Und noch sind wir nicht am Ziel. Wir fahren weiter immer geradeaus auf den See zu. Auf einer Anhöhe stoppt Roland. Der Kilomterzähler zeigt 14.000km, wir müssen ein Foto machen.

Auf den letzten Metern Asphalt gibt Roland nochmal kurz Gas, der Tacho zeigt 180km/h und Abd grinst über beide Ohren. Es ist das erste Mal, dass er auf einem so großen Bike fährt, meint er. Als wir am Homestay ankommen, sind wir alle geschafft aber auch glücklich über einen gelungenen Ausflug. Abd erzählt seiner Frau, dass ich ein „super biker und sportsman“ bin, was mich natürlich sehr freut. Ich bin schon ein bisschen stolz, dass es mich in Tadjikistan noch nicht ein einziges Mal geschmissen hat.

Es gibt keine Duschen im Homestay aber eine Banja – eine russische Sauna – im Haus gegenüber, die wir nutzen dürfen. Zugegeben, es ist eine sehr einfache Banja, ein gemauerter Raum mit Betonboden, kleinem Fenster und Holzbank. Ein Ofen erhitzt den Raum auf über 60°C. Auf dem Ofen steht eine große Alukanne mit heißem Wasser, daneben die gleiche Kanne mit kaltem Wasser. Unsere Kleidung haben wir im Vorraum abgelegt. In einem Eimer mischen wir die beiden Wasser, bis es die gewünschte Temperatur hat. Dann schütten wir es uns gegenseitig über den Kopf. Das ist viel unterhaltsamer als eine normale Dusche und genau richtig nach einem anstrengenden Offroad-Tag in den tajikischen Bergen.

14.000 km

Das 14.000 km Foto ist ein ganz besonderes für uns. Wir sind mit Abd und Adil auf dem Rückweg von deren Yak Herde. Abd saß bei Roland mit auf der nineT und Adil bei Vincent auf der GS. Gerade als wir eine Anhöhe hoch fahren, zeigt der Kilometerzähler 14.000 und als wir ihnen erklären, warum wir ein Foto machen, sind sie gern mit dabei! So enstand unser absolutes Lieblingsfoto bisher.

4.655m – der Ak Baytal Pass

Heute ist es soweit. Wir werden den höchsten Punkt des Pamir Highway befahren, den Ak Baytal Pass auf 4.655m. Unser heutiges finales Ziel aber ist der Karakul See ca. 60 km nach dem Pass. Dort möchten wir zelten bevor wir übermorgen über die Grenze nach Kirgisistan einreisen.

Beim Aufpacken sieht Roland, dass Zickis Vorderrad-Felge wieder einen Schlag hat. An der gleichen Stelle, die Aziz in Dushanbe repariert hatte. So ein Mist. Ich rede mit Tahir von der Rezeption, der übrigens perfekt deutsch spricht. Er telefoniert mit Aziz und erhält einen Kontakt in Osh. Stas führt „Zukohovs Guesthouse“ und ist Mechaniker. Er kann mir helfen. Wunderbar. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Felgen-Reparatur und Übernachtung.

Nach dem Frühstück fahren wir tanken. Wie so oft gibt es keinen vernünftigen Zapfhahn, der Tankwart füllt aus einem Tankwagen mit einem 4l Kanister angeblich 92er Benzin ab und betankt damit unsere Bikes. Das dauert, denn alle drei Bikes sind komplett leer, Roland und ich füllen zudem unsere Ersatzkanister und Vincent hat einen 30l Adventure Tank. Der Tankwart lächelt und sagt „Fantastic“. Er macht vermutlich gerade seinen Tagesumsatz mit uns.

Anschließend fahren wir zum Basar gegenüber und kaufen Vorräte und Wasser ein. Wir sind keine 200km von Kirgisistan entfernt, daher leben hier in Murghab sehr viele Kirgisien – gut erkennbar an den typischen Hüten genannt Kalpak.

Wir starten los. Roland fährt voraus, ich als zweite und Vincent am Schluss. Wir verlassen Murghab und fahren in die Einsamkeit. Hier ist nichts. Kein Haus, kein Mensch, kein Baum, kein Tier. Nur wir drei und die Berge. Um einen Berg ist ein Zaun, sage ich zu Roland. Komisch. Dann fährt Vincent neben mir und schreit aufgeregt rüber. „Das ist Schieeenaaa.“ und deutet Richtung Zaun. Hä? Wirklich? Ich weiss, dass wir nahe der chinesischen Grenze sind aber SO nah? Ich halte an, möchte ein Foto machen. Vincent hat ebenfalls hinter mir gestoppt und läuft mit seiner Kamera und Selfistick Richtung Grenzzaun.

Roland fragt mich, was los ist. Ich: „Vincent macht ein Foto am Zaun. Oha,  jetzt macht er ein Foto in China. Er ist eben durch ein Loch im Zaun geschlüpft. Vincent ist in China!“

Roland kommt zurück und wir gehen zum Zaun. Vincent hat die größte Freude, ein Selfie nach dem anderen zu knipsen. Wir bleiben lieber auf der tadjikischen Seite. Zu groß ist die Angst, dass gleich chinesische Elitesoldaten aus ihren Erdlöchern springen und uns festnehmen.

Wir fahren weiter und keine 30 Minuten später haben wir den Ak Baytal Pass erreicht. Ich stehe mit Zicki auf 4.655m. Das ging schnell. Das hatte ich mir irgendwie spektakulärer vorgestellt. Mh. Ich hab vergessen, dass Murghab bereits auf 3.600m liegt. Da fehlte natürlich nicht mehr viel bis zum Pass. Nun gut, wenn man die letzten Tage und Höhenmeter zusammen nimmt, haben wir ohnehin eine ordentliche Leistung hingelegt und wir können froh sein, dass keiner von uns beiden Höhenkrank geworden ist.

Es ist kalt hier oben und nach ein paar Fotos fahren wir weiter Richtung Karakul See. Auch dort ist kälter als gedacht, der See liegt auf 4.000m und es hat gerademal 9 Grad. Irgendwie ist mir nicht nach Zelten. Wir besprechen uns kurz mit Vincent und beschließen ein Homestay im Ort Karakul zu suchen. Karakul wirkt trostlos und verlassen auf uns. Am Ortseingang stehen kaputte und herunter gekommene Lehmhäuser. Kein Mensch ist zu sehen. Nicht gerade einladend. Roland sieht ein Schild am Straßenrand „Cheps Homestay“ und wir fahren dorthin. Vor dem Haus stehen zwei Jeeps. Drei deutsche Mädels, die ich kurz im Pamir Hotel gesehen hatte, haben hier ebenfalls eingecheckt zusammen mit ihrem Guide und Fahrer.

Der Besitzer Abd führt das Homestay mit seiner hochschwangeren Frau. Sie bekommt im September das 4. Kind – nach 3 Töchtern wird es jetzt ein Sohn sein.

Wir beziehen das letzte freie Zimmer. Es ist groß und mit schönen, bunten Teppichen ausgelegt. Die Tür- und Fensterrahmen sind blau gestrichen. In einer Nische steht ein gusseiserner Ofen, in einer anderen Nische ein Fernseher, darunter ein Receiver. Aha. Strom haben sie hier also, vermutlich von einem Diesel-Generator wie überall. Unser Zimmer ist das Durchgangszimmer zu den Mädels, was uns aber nicht weiter stört. Uns gefällt das Homestay und wir fühlen uns sofort wohl. Auch wenn es keine Dusche gibt und die Außentoilette eine Herausforderung ist. Wie gut, dass ich jahrelang Pfadfinder war, ich saß schon auf vielen Donnerbalken also werde ich das hier auch überleben.

Nachdem wir ausgepackt haben, gibt es Abendessen. Plov. Reis mit Gemüse und Fleisch. Ich dachte Plov ist das usbekische Nationalgericht. Scheinbar gibt es das auch hier. Es schmeckt gut, auch in meiner vegetarischen Variante. Dazu servieren sie Cay und frisches Brot mit Kaymak: Selbsgemachte Yak-Butter. So lecker.

Nach dem Essen schlägt uns Abd vor, dass wir morgen einen Ausflug zu seiner Yak-Herde machen. Wie wollen eigentlich früh nach Osh fahren, mein Reifen verliert Luft und ich möchte ihn nicht unnötig strapazieren und vielleicht sogar mit einem Platten liegen bleiben. Aber wenn wirklich was passiert, haben wie einen Local dabei, der uns helfen kann. Also sagen wir ja, warum nicht. Osh kann warten.

Abd und seine Frau räumen ab und bereiten unser Nachtlager vor. Sie haben den kleinem Tisch, an dem wir eben gegessen habe, zur Seite gestellt und legen den Boden mit dünnen und bunten Matratzen aus. Seine Frau habe sie genäht meint Abd. Auderdem erhält jeder Bettzeug. Ich lege trotzdem meinen Schlafsack bereit, da mir etwas kalt ist.

Es ist inzwischen nach 22 Uhr, die Generatoren laufen nicht mehr und der kleine hässliche Ort Karakul ist dunkel und still. Jetzt kann der Nachthimmel leuchten. Wir putzen Zähne am Waschbecken vor dem Haus und sehen uns dabei die unzähligen Sterne an. Großer Wagen und Milchstraße sind ganz deutlich zu erkennen und Millionen weiterer Sterne. Es ist unfassbar schön und wieder einmal bin ich sehr dankbar, dass ich so eine tolle Reise machen und so viel Wunderbares erleben kann.

Tag 5 am Pamir – bis nach Murghab

Ich stehe auf und komme erst mal gar nicht dazu, die atemberaubende Aussicht zu genießen. Ich muss schnell und dringend ein stilles Örtchen finden. Es rumort ganz ordentlich in meinem Magen. Fünf, sechs Mal verschwinde ich hinter einer Düne. Ist das Wasser oder die Glutamat-Pampe von gestern Schuld? Egal. Es ist nicht schön, ich leide.

Roland und Vincent frühstücken, ich belasse es bei einer Tasse schwarzem Tee und kann endlich das Panorama auf mich wirken lassen. Da es gestern bereits dunkel war, als wir ankamen, sehe ich die hohen Berge erst jetzt. Wir befinden uns direkt am Eingang des Wakhan Valley, das größtenteils zu Afghanistan gehört und an dieser Stelle so schmal ist, dass man sogar die 7.000er Pakistans sehen kann. Eine riesige nicht enden wollende Bergkette, mit hohen schneebedeckten Gipfeln. Der Hindukusch. Es ist gigantisch.

Gerade als wir fertig mit Frühstück sind, kommt ein Tadjike auf uns zu. Die Männer begrüßen sich, ich beobachte die Szenerie. Der Tadjike tippt etwas in sein Handy und zeigt es Roland. Roland sagt: „Wow 70 sheep here.“ und nickt anerkennend. Ich korrigiere: „Roland, er will 70 Som von uns. Für das Zelten auf seiner Weide.“ Sowas hätte ich hier niemals erwartet. Aber da wir alle zu müde sind für Diskussionen, geben wir ihm das Geld und er verschwindet wieder.

Kurz drauf treibt ein Teenager seinen Gemischtwarenladen an uns vorbei: Schafe, Ziegen, junge Kälbchen und ein Esel. Insgesamt ca. 20 Tiere, die nun ein Stück von uns entfernt grasen. Der Teenager trägt Jeans, Nike Turnschuhe und hört über seine Kopfhörer bestimmt keine tadjikische Volksmusik. Willkommen am wilden Ende der Welt.

Unser Ziel für heute ist Murghab. Wir fahren das Wakhan Valley entlang – ein landschaftliches Highlight auf dem Pamir Highway. Immer wieder stoppen wir für Fotos. Mein Magen hat sich nach wie vor nicht beruhigt aber beim Fahren bin ich zu konzentriert, um daran zu denken. Nur wenn wir anhalten, muss ich schnell hinter einem Busch verschwinden.

Seit wir in Dushanbe losgefahren sind, haben wir außer den Belgiern und Vincent keine weiteren Biker gesehen. Heute Nachmittag treffen wir auf eine Gruppe von fünf oder sechs Bikern auf kleinen 250ern. Offensichtlich Touristen, sie tragen Motorrad-Kleidung von BMW oder Touratech. Es sind Tagesausflügler ohne Gepäck, wir zählen sie daher nicht zu unseren Begegnungen mit echten Motorrad-Reisenden.

Als wir das Wakhan Valley verlassen, wird aus der Schotterpiste wieder eine Asphalt Straße. Ein bisschen freuen wir uns darüber, mal wieder schneller als 30km/h fahren zu können. Nicht nur die Straße verändert sich, sondern auch die Landschaft. Die Abendsonne lässt die roten Berge um uns herum glühen. Es erinnert ein bisschen an den Grand Canyon. Oder den Mars. Auf jeden Fall ist es anders als alles, was wir bisher gesehen haben.

Kurz vor Murghab passieren wir einen Pamir-Checkpoint. Hier treffen wir auf den esten Europäer. Einen Spanier auf einer 1150 GS, den wir kurz darauf auch im Pamir Hotel wieder sehen. Ihn und zwei Koreaner, die unterwegs auf einer 1200er GS und einer 700GS sind. Die beiden Koreaner fahren bis nach Portugal und zeigen uns beim Abendessen ganz aufgeregt Bilder aus der Mongolei. Es war ziemlich matschig dort, sie sind immer wieder gestürzt und das ständige Aufheben der schweren BMWs war wohl ganz schön anstrgend. Sie machen sich Sorgen, dass es auf der weiteren Strecke ähnlich ist. Wir können sie beruhigen, wir hatten keinen Matsch – nur sehr sehr viele Steine und Schotter.

Roland und ich haben uns im Pamir Hotel ein Doppelzimmer genommen, für 40$ nicht günstig aber ich hatte das Bedürfnis nach einem eigenen Badezimmer. Vincent hat für 5$ einen Schlafplatz in der Jurte vor dem Hotel bekommen. Das Abendessen ist super lecker. Ich esse Reis mit Gemüse, Roland Manti-Suppe und danach Fleisch mit Kartoffeln.

Wir sind keine 10 Minuten zurück im Zimmer, da geht das Licht aus und wir hören auch keinen Generator mehr. Oha. Um 22 Uhr ist hier also der Strom weg. Gut dass wir wenigstens unsere Helm-Kommunikation geladen hatten.