Update: Die ersten Länderinfos sind online!

Nach und nach werde ich hier Infos zu den bereisten Ländern veröffentlichen, z. B. Routen, Übernachtungen und Motorrad-Werkstätten. Ihr findet sie ab sofort in der Kategorie „Allgemeine Infos“. Bitte beachtet, dass mein Informationsstand Sommer 2018 ist und sich in den Stan-Ländern ständig Gesetze ändern, Straßen gebaut und gesperrt werden, Grenzen öffnen und schließen. Ich möchte hier nur meinen persönlichen Eindruck von der Reise vermitteln und kann meinen Informationsstand nicht kontinuierlich überprüfen.

Bisher online sind: Usbekistan und Albanien

USA? Ab jetzt nur noch mit Visum…

Seit einer guten Woche bin ich nun wieder in München. Aber immer noch nicht so richtig angekommen. In meiner Wohnung herrscht Kisten-Chaos und die Jobsuche verläuft schleppend. Da hilft nur eines: sich ablenken und flüchten. So weit weg wie möglich. In diesem Fall ist das L.A. zur Moto Beach Classic Ende Oktober. Ich hatte Direktflüge für 400€ mit der Lufthansa gefunden, und Barbara war sofort dabei. Endlich wieder verreisen, wenn auch nur 5 Tage. Glücklicherweise können wie bei meiner Freundin Juliane in Huntington Beach wohnen, die natürlich auch aufs Festival geht. Juliane arbeitet in der Motorradbranche und über sie bekommen Barbara und ich sogar zwei Motorräder gestellt. Das wird großartig! Ich freu mich wahnsinnig auf das Wiedersehen mit Juliane und allen anderen Freunden aus den USA, das super Wetter, an der Küste Kaliforniens Motorrad zu fahren, die Bands auf dem Festival und und und…

Der Flug war also gebucht, alles andere drumherum auch organisiert. Fehlt nur noch mein Esta-Antrag zur visumfreien Einreise. Für unsere Zentralasien-Reise hatte und ich zwei Reisepässe. (Ja das geht. Wie erfährst du hier in Kürze). Natürlich war ich schlau genug, den USA-Flug mit dem Reisepass ohne Iran-Stempel zu buchen. Ich setze mich also vor den Rechner und fülle das Esta-Formular für die USA aus. Und erlebe eine böse Überraschung: Vor ein paar Monaten wurde die Frage aufgenommen, ob man seit März 2011 in folgenden Ländern war: Iran, Irak, Jemen, Lybien, Somalia, Syrien oder Sudan. Die Antwortmöglichkeiten sind „ja“ oder „nein“. So ein Mist. Wenn ich „nein“ ankreuze, lüge ich. Das kann ich nicht. Ich bekomm ja schon Herzrasen bei einer Fahrkartenkontrolle, obwohl ich einen gültigen Fahrschein besitze. Nicht auszudenken was passiert, wenn ich vor so einem US-Marshal stehe. Also kreuze ich ja an und fliege raus. Kein visumfreies Einreisen für mich. Das muss ich erstmal verdauen.

Am nächsten Tag mache ich mich auf der Seite der amerikanischen Botschaft schlau. Ein Touristenvisum kann man nur über deren Dienstleister beantragen. Das Online-Formular D-160 ist fünfmal so lang wie bei Esta, ich muss neben meinen persönlichen Daten, die Daten meiner Eltern angeben, von meinem Arbeitgeber, wie lange ich dort schon arbeite und was ich verdiene, die Adresse in den USA und eine Kontaktperson vor Ort. Wirklich absurd sind allerdings die Sicherheitsfragen, die natürlich jeder mit nein beantwortet. Z. B. Ob man Mitglied einer terroristischen Vereinigung ist, schonmal wegen Drogenbesitz oder Mord verurteilt wurde und mein trauriges Highlight: ob man schonmal einen Mann zu einer Vasektomie oder eine Frau zu einer Abtreibung gezwungen hat.

Zweimal fliege ich wegen Timeout aus dem Formular und muss von vorne beginnen. Ich hatte nicht gesehen, dass man jede Seite einzeln zwischenspeichern kann (also muss), und außerdem beim ersten Mal vergessen, meine Vorgangsnummer zu notieren. Eine Stunde später bin ich endlich mit dem Formular durch, habe mein digitales Passbild hochgeladen und die Info erhalten, dass mein Antrag eingegangen ist. Als nächsten möchte ich bitte 144€ überweisen, damit ich einen Termin für ein Interview in der Botschaft ausmachen kann. Wie bitte? 144€ für ein Visum für fünf Tage Aufenthalt in den USA? Und dann noch ein persönlicher Interview-Termin in der Botschaft? Und alles nur, weil ich im Iran war. Was für eine Farce.

Also überweise ich das Geld und bekomme die Terminvorschläge angezeigt. Der nächste freie Termin ist in genau einer Woche. Eine Woche später fliegen wir. Na hoffentlich geht sich das zeitlich aus.

Es ist der Tag des Interviews. Wie vorgeschrieben, stehe ich 15 Minuten vor Termin vor der Botschaft. Vor mir warten fünf weitere Personen. Ich habe die Bestätigungsseite des Formulars D-160 ausgedruckt bei mir, außerdem meinen Reisepass und Geldbeutel. Ansonsten nichts, denn man darf quasi nichts mit in die Botschaft nehmen, auch kein Handy! Wer daheim keinen Drucker hat, kann die Bestätigungsseite an einem Rechner in der Botschaft ausdrucken. Die Passkontrolle findet bereits draußen in der Schlange statt, dann darf ich durch den Scanner und die Sicherheitskontrolle und schließlich im Warteraum Platz nehmen. Es sieht ein bisschen aus wie beim KVR – nur nicht ganz so modern. Von zwei Schaltern ist einer geöffnet. Nach kurzer Wartezeit darf ich dort meine Fingerabdrücke abgeben sowie meinen Reisepass. Dann muss ich mich wieder setzen und warten. Insgesamt 45 Minuten (ich vermisse mein Handy), bevor ich mich in die Schlange stellen darf für das Interview. Über Lautsprecher wird man aufgerufen: „Next person waiting in the red line please come to window 5.“

Ein Mann sitzt hinter Glas.

Er: Hello, English oder German?
Ich: German.
Er: Ok, Fingerabdrücke der rechten Hand bitte. Warum brauchen Sie ein Visum?
Ich: Weil ich im Iran war.
Er: Warum waren Sie im Iran?
Ich: Ich bin mit dem Motorrad durchgefahren.
Er: Wie lange waren Sie im Iran?
Ich: 3 Wochen.
Er: Hatten Sie Kontakt zur Regierung?
Ich: Nein.
Er: Hatten Sie Kontakt zum Militär?
Ich: Nein.
Er: Was machen Sie in den USA?
Ich: Urlaub.
Er: Wie lange?
Ich: 5 Tage.
Er: Wo?
Ich: Los Angeles.
Er: Moto Beach Classic, aha. (Das hat das schlaue Kerlchen aus meinem D-160 Antrag, den er natürlich am Rechner vor sich hat). Was machen Sie in München?
Ich: Öhm, leben und arbeiten.
Er: (schmunzelt etwas. Ok, ich geben zu, meine Antwort war nicht besonders schlau.) Ja, und was arbeiten Sie?
Ich: Ich verkaufe Pralinen.
Er: Wirklich? Das ist ja toll. Wo denn? (Sein Gesicht entspannt sich deutlich)
Ich: Bei Chocolate & More am Viktualienmarkt. Kommen Sie halt mal vorbei, wir haben die besten Pralinen in München.
Er: (lacht) In Festanstellung? (Jetzt hat er mich… Ein Visum kann man nur mit einer festen Anstellung oder als Student beantragen. Man muss sogar das Datum angeben, seit wann man bei dem Arbeitgeber angestellt ist.)
Ich: Öhm, aktuell auf 450€, weil ich ja erst von meiner Reise zurückgekommen bin aber ab 1.11.2018 in Festanstellung, ja.
Er: (zieht eine Augenbraue hoch) In Ordnung, Visum ist genehmigt und kommt in den nächsten drei bis fünf Tagen per Post. Er wirft meinen Reisepass in eine gelbe Kiste zu den anderen und ich darf gehen.

Tatsächlich erhalte ich einen Tag später eine E-Mail von der Botschaft, dass mein Reisepass für den Versand fertig gemacht wird und am nächsten Tag schickt mir DHL die Trackingnummer. Wie vom Mann am Schalter versprochen, halte ich drei Tage nach meinem Interview meinen Reisepass mit dem USA-Visum in den Händen.

Ich hatte online das B2 Visum für Touristen beantragt, aber automatisch B1/B2 bekommen, das somit auch für berufliche Reisen gilt. Das Visum ist 10 Jahre gültig und ich darf mich insgesamt 180 Tage in den USA aufhalten -entweder am Stück oder gestückelt, da eine mehrfache Einreise erlaubt ist.

Hallo neues altes Leben.

Es gibt so viel Lesestoff über Weltreisen, aber niemand schreibt ein Buch darüber, wie es sich anfühlt, nach einer längeren Auszeit heimzukehren. Und dann daheim zu bleiben. Also dachte ich mir, ich führe diesen Blog weiter. Als Therapie für mich selbst. Und als Warnung für andere Reisende. Gleich vorweg: Ja, man fällt wirklich in ein Loch! Auf das Hoch während der Reise folgt das Tief Zuhause. Obwohl ich dachte, dass mir das nach nur vier Monaten auf gar keinen Fall passieren wird.

Ich habe keine Sinnkrise. Als ich noch in der Werbung tätig war, hatten viele Kollegen eine sogenannte Sinnkrise. Das gehörte quasi zum guten Ton der Branche. Diese Kollegen wollten nach Jahren voll von Überstunden, unzähligen, abgelehnten Kreativ-Ideen durch den Chef und verschlimmbesserten Layouts und Texten durch Kunden lieber „irgendwas mit Sinn machen“. Etwas Soziales z.B., Obdachlosen helfen oder Straßenhunde auf Teneriffa retten. Die meisten sind dann erstmal für drei Wochen zum Surfen nach Hawaii und haben danach bei einer kleineren Agentur angefangen. In der – so meinten sie – das Arbeitsklima besser ist und man viel freier arbeiten kann. Nein, so eine scheinbare Sinnkrise und Probleme mit meinem Job hatte ich nie. Mir war immer bewusst, dass ich als Kundenberaterin in einer Werbeagentur keine Mutter Theresa bin. Ich war Dienstleister für Marketingmitarbeiter mittelgroßer Unternehmen und Konzerne. Nicht mehr und nicht weniger. Nicht falsch verstehen, der Job hat mir 15 Jahre lang Spaß gemacht und ich habe damit meinen Lebensunterhalt finanziert. Aber sicher keine Karma-Punkte gesammelt.

Darum geht es mir aber auch nicht. Es geht nicht um meinen Job oder mein Karma. Es geht um mich und dass ich meine gesamte Lebenssituation in Frage stelle. Möchte ich wirklich wieder in München leben? In einer 2-Zimmer-Wohnung im Herzen der Stadt? Ich würde das gleiche Leben wie vorher führen. Jeden Tag in die Arbeit gehen, einkaufen, die Bude putzen, Rechnungen bezahlen, an der Isar joggen, meine Familie und Freunde sehen. Immer wenn ich darüber nachdachte, war die Antwort: Nein!

Am liebsten würde ich das alles aufgeben, aussteigen und ein freies Leben führen. Weiterfahren, nur mit den Sachen, die aufs Motorrad passen, ohne Plan wohin und wie lange ich unterwegs bin. Diese leise Stimme wurde in den letzten Wochen vor meiner Heimkehr immer lauter. Obwohl ich noch unterwegs war, mehrere tausend Kilometer von daheim hatte ich Fernweh. Nach 25.000 km auf dem Motorrad hatte ich noch nicht genug. Ich wollte unbedingt weiterziehen. Von Frankreich über Spanien nach Marokko bis nach Südafrika. Warum nicht? Alles was ich dazu brauche, habe ich doch dabei. Das Carnet de Passage für meine Zicki gilt bis Juni 2019 und alle nötigen Visa könnte ich von unterwegs aus organisieren. Bleibt nur ein Problem, das meine romantische Vorstellung vom wilden und freien Leben sofort zu Nichte gemacht hat. Mir fehlen die finanziellen Mittel. Auch wenn wir wirklich sparsam unterwegs waren, ein bisschen Geld braucht man dann doch. Für Benzin, Lebensmittel, Medizin, Ersatzteile, Visa usw. Selbst wenn man auf den Luxus eines festen Wohnsitzes verzichtet, geht es nicht ohne Geld. Zumindest kenne ich keinen anderen Weg. Diese Erkenntnis war ziemlich ernüchternd.

Also musste ich mich mit dem Gedanken anfreunden, dass meine Reise Ende September erstmal vorbei ist und ich nach München zurückkehren werde, um wieder Geld zu verdienen.

Und hier bin ich also. Angekommen in der Realität. Am Tag nach meiner Rückkehr aus Saint Raphael sitze ich nach dem Frühstück bei meinen Eltern im Wohnzimmer über einer Kiste voll Post. Ich hatte in meiner Abwesenheit einen Nachsendeauftrag zu meinen Eltern eingerichtet und jetzt habe ich den Schlamassel. Ich öffne einen Brief nach dem anderen. Es sind Nachrichten von meiner Krankenversicherung und der Bank, diverse Rechnungen, die Ankündigung zum Gaszählerwechsel, mein HD-Programm-Anbieter hat sich umbenannt, eine Wahlbenachrichtigung für die Landtagswahl ist auch dabei und natürlich jede Menge Werbung. Nach einer halben Stunde gebe ich auf mit Blick auf den Papierberg und verkrieche mich wieder in mein Loch. Ich will weg, wie schön war die Zeit ohne Post und Bürokratie. Meine Mama fragt mich, ob sie mir einen Ordner zum Abheften bringen soll. Entsetzt lehne ich ab. Das macht das Ganze noch schlimmer.

Lieber sehe ich mir ein paar Fotos und Videos von der Reise an und schwelge in Erinnerungen. Wir haben so viel schönes Material und sofort bin ich quasi wieder in Tadschikistan. Ich quäle Zicki über die steinigen Passagen am schlammig-grauen Fluss Panj entlang. Auf der anderen Seite liegt Afghanistan. Und da ist sie wieder, diese Sehnsucht. Afghanistan war zum Greifen nah und trotzdem haben wir dieses Land nicht bereist. Genauso wie Pakistan, die Mongolei, Armenien, den Kosovo und viele andere Gebiete, die nicht weit von unserer Route entfernt lagen, aber wir dennoch auslassen mussten. Es gibt so viel zu entdecken. Ich werde wieder reisen. Nur wann steht noch in den Sternen.

Zahlen und Fakten unserer Zentralasien-Reise

Unsere Route verlief von Passau aus über Ost-Europa in die Türkei, weiter in den Iran, dann nach Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, bis nach Kirgisistan. Der Issykul-See in Kirgisistan war unser östlichster Punkt. Dort haben wir nach knapp 16.000 gefahrenen Kilometern umgedreht und es ging zurück nach Westen über Usbekistan, dann nach Kasachstan, nördlich um das Kaspische Meer herum nach Russland, dann Georgien und wieder über die Türkei zurück nach Europa.

Tatsächlich gab es bei unserer Reise keine größeren Abweichungen von der ursprünglichen Planung, da man durch die Visa (Iran, Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan und Russland) an die im Antrag angegebenen Reisezeiträume gebunden ist. Aber natürlich haben wir unsere Routen innerhalb eines Landes fast täglich neu geplant, und uns dabei oft durch Tipps von Einheimischen und anderen Reisenden inspirieren lassen.

Wir haben alle Visa im Voraus über eine Agentur erstellen lassen, außer Tadschikistan, da man das online beantragen und bezahlen kann und man innerhalb von 24 Stunden eine E-Mail Bestätigung erhält. Für Iran und Russland war unser Visa 30 Tage gültig, für Usbekistan sogar 90 Tage, weil wir 2x eingereist sind. Für Turkmenistan konnten wir nur ein Transit-Visum beantragen, das eine Gültigkeit von exakt 5 Tagen hat – und einem damit kaum Spielraum für irgendwelche Experimente lässt. Übrigens, 50% aller Anträge für Turkmenistan werden abgelehnt und wir haben 8 Wochen auf unser Visum gewartet, obwohl wir es über die Agentur im Express-Verfahren beantragt hatten. Die Visa definieren somit gewissermaßen die Route und gerade wenn man durch Turkmenistan fährt, besteht ein gewisser Zeitdruck, dass man auch wirklich bis zum Ende der 5 Tage durch das Land gefahren ist.

Hier ein paar Daten, die ich gerade zur Hand habe. Weitere Infos und Statistiken gern auf Anfrage.

Reisezeitraum: 7. Juni 2018 bis 30. September 2018

Bereiste Länder: 23

Insgesamt zurückgelegte Strecke: Roland 29.500 km, Pamela 29.300 km

Höchster Pass: 4.655 ü. M. in Tadjikistan der Ak-Abital Pass auf dem Pamir Highway

Niedrigster Punkt: 28 m u. M. in Astrachan, Russland

Temperatur-Minimum: 4,5°C (Kirgisistan)

Temperatur-Maximum: 47,5° (Turkmenistan)

Kilometer pro Monat:

Im Juni: 6.500 km (22 Fahrtage, 2 Tage Pause)

Im Juli: 7.450 km (25 Fahrtage, 6 Tage Pause)

Im August: 7.900 km (25 Fahrtage, 6 Tage Pause)

Im September: 7.650 km (23 Fahrtage, 7 Tage Pause)

Längste Etappe: Die Heimreise von Saint Raphael, Frankreich: 865 km

Die Heimfahrt

Ich wache auf und blicke auf die grüne Plastikgitarre neben mir im Bett. Die hab ich wohl als Roland-Ersatz mit ins Bett genommen. Was für eine Party, was für eine Nacht. Ich versuche, mit einem großen Kaffee und deftigen Frühstück meinen kleinen Kater zu kurieren und komme langsam auf die Beine.

Nach Mittag ist es geschafft: Ich bin fit, die Taschen sind gepackt, ich schmiere noch die Kette wie ich es Roland versprochen habe und belade meine Zicki. Barbara und Jo sind bereits zur Veranstaltung gefahren. Die Sultans of Sprint haben ihr Zelt auf dem Dandy Riders Festival aufgebaut. Voll beladen und abreisebereit schaue ich dort kurz vorbei, verabschiede mich von allen und starte gegen 14 Uhr los.

Mein Navi hat mir die Route über Mailand und die Schweiz als kürzeste Strecke angegeben. Ich überlege kurz, ob ich nicht doch über den Gardasee fahre. Notfalls könnte ich dort bei meiner Schwester und ihrer Familie übernachten. Aber ich möchte heute Abend gern in München sein und Roland sehen. Daraus wird aber nichts, denn als ich bei Mailand auf mein Handy sehe, während ich in der Schlange vor der Mautstation anstehe, lese ich eine Nachricht von Roland, dass er in Passau bleibt und erst Montagfrüh nach München kommt. Blöd, denn er hat den Wohnungsschlüssel. Also schreibe ich meinen Eltern, dass ich heute bei ihnen schlafe – allerdings erst sehr spät ankomme.

Die Schlange ist lang, ich warte bestimmt 20 Minuten. Dann fällt es mir ein: Ich hab ja nur noch 50€ in bar dabei und auch keine Kreditkarte. So ein Mist. Mit EC kann man an den Mautstationen nicht zahlen. Wie kann man bitte so planlos sein. Die 30.000 km durch Zentralasien verliefen absolut reibungslos und kaum fahre ich quasi meine Hausstrecke setzt das Gehirn aus. Ich habe Glück, knapp 40€ kostet die Maut. Ich fahre die erste Ausfahrt raus und versuche in einer Shoppingmall Geld abzuheben. Beide Automaten sind außer Betrieb. 5 km weiter habe ich dann endlich Erfolg und wieder ausreichend Bargeld in der Tasche.

Mittlerweile ist es nach 19 Uhr und es wird dunkel. Ich fahre zurück auf die Autobahn und stehe wieder im Stau. Diesmal ist es ein Unfall. Es ist eine zähe Heimfahrt zumal mir Roland fehlt, mit dem ich mich unterhalten kann. Wir haben viel über unsere Kommunikationsgeräte gesprochen, da vergeht die Zeit natürlich viel schneller. Alleine fahren ist anders. Besonders wenn man eine so lange Strecke zurücklegen muss.

An der Schweizer Grenze kaufe ich die Vignette und als ich kurz danach tanke, beginnt es auch noch zu regnen. Nein, es schüttet aus Eimern. Und schlagartig fallen die Temperaturen. Ich habe mein komplettes Zwiebeloutfit an – Merinoshirts, Daunenjacke, Kamelnierengurt, Windbreaker, Motorradjacke, Regenjacke – kalt ist es trotzdem. Auf dem San Bernardino hat es dichten Nebel, ich schaue lieber nicht auf die Temperaturanzeige, da ich sonst vermutlich noch mehr friere. Der 6 km lange Tunnel ist für kurze Zeit der schönste Ort der Welt.

Die halbe Strecke ist geschafft, 450 km liegen noch vor mir. Ich bin zum Glück noch überhaupt nicht müde. Allerdings stresst es mich, dass ich sehr schlecht sehe. Bis auf das Stück um den wundervoll beleuchteten Lugano See ist es vollkommen dunkel auf der Strecke und es regnet immer noch sehr stark. Mein Visier ist von der Reise total verkratzt, die entgegenkommenden Fahrzeuge blenden stark und mein eigener Scheinwerfer leuchtet nicht mehr ordentlich. Eine fiese Kombination. So komme ich nur langsam voran, weil ich stellenweise auf 30 km/h runterbremsen muss. Ich steuer die Raststation Heidiland an, will mich kurz aufwärmen und einen Kaffee trinken. Das Restaurant hat schon geschlossen. Also fahre ich weiter und die nächsten Stunden stur auf der Autobahn vor mich hin, am Bodensee vorbei und schließlich auf die A96.

Ich bin zurück in Deutschland, jetzt ist es nicht mehr weit. An der Tankstelle bei Landsberg kaufe mir die erste Breze seit vier Monaten. Was für ein Genuss. Die letzten 60 km sind ein Klacks. Ich fahre in Laim von der A96 ab, biege in die Fürstenrieder Straße Richtung Süden. Es ist 2.10 Uhr, ich bin ganz alleine auf der Straße unterwegs. Noch 2x rechts und 2x links, dann bin ich daheim! Ich hab’s geschafft, ich hab’s geschafft, ich hab’s geschafft sage ich leise vor mich hin, als ich in die Straße abbiege, in der meine Eltern leben. Das Hoftor steht weit offen, ich parke mein Bike und bin noch nicht abgestiegen, da springt meine Mama in ihrem weißen Bademantel aus der Haustür. Sie ist tatsächlich wach geblieben, die Verrückte. Klatschnass wie ich bin und mit Helm auf dem Kopf liegen wir uns in den Armen. 12,5 Stunden war ich unterwegs, 865km bin ich gefahren. Meine Mama schimpft mich kurz, was es für ein Blödsinn das war, so lange so weit ganz alleine zu fahren. Ich ertrage es und sage nichts, ist ja schließlich ihr gutes Recht als Mama.

Ich trage nur das nötigste Gepäck rein und ziehe meine nassen Klamotten aus – also alles – und schlüpfe in ein langes, gestreiftes Baumwoll-Nachthemd meiner Mama. Ich sehe an mir herab, ein bisschen wunderlich ist es ja schon, mit fast 38 im Nachthemd der Mutter zu stecken. Aber in diesem Moment fühlt es sich genau richtig an. Ich bin nach 29.300 km wieder Zuhause angekommen. Bei meiner Familie.

Raceday in Saint Raphael: Das sind die Sultans of Sprint

Sultans of Sprint – das ist eine Serie von vier 1/8-Meile-Sprintrennen in Europa, die vor drei Jahren von dem Franzosen Sebastien Lorentz und seiner Freundin Lolo ins Leben gerufen wurde. Die Rennen finden in Monza, Spa, am Glemseck und heute hier in Saint Raphael statt. Teilnehmen dürfen je nach Klasse Zwei- oder Vierzylinder, die radikal zu Racebikes umgebaut wurden.

Natürlich ist es ein ernstzunehmender Wettbewerb. Aber es geht auch um die Party und den Spassdrumherum, den Teilnehmer und Zuschauer dabei haben. Jedes Team musste sich ein bestimmtes Motto überlegen und sich dann entsprechend präsentieren. Die Kostüme und Partytauglichkeit fließen ebenso in die Bewertung ein wie die Platzierungen bei den Rennen. Je verrückter das Kostüm und je außergewöhnlcher der Auftritt, desto mehr Punkte gibt es. Entsprechend wild geht es bei den Rennen – aber auch der anschließenden Party – zu.

Neben den Veranstaltern Sebastien und Lolo, gibt es viele weitere Menschen, die das Event so einzigartig machen. Allen voran der „Sultan“ Andreas, der mit seiner immer guten Laune und rotzfrechen Art die Rennen so unterhaltsam moderiert wie kein anderer. Dann gibt es noch Fred, der hinter der Bar dafür sorgt, dass unsere Kehlen nie trocken sind und Stamm-DJ Jörn, der mit seiner Musik alles und jeden bis spät in die Nacht hinein zum Zappeln bringt. Und natürlich das MO-Rennteam, das professionell Start und Ziel managet.

Die Rennstrecke heute liegt etwas außerhalb von Saint Raphael und als Jo, Barbara und ich dort ankommen, herrscht ein reges Treiben. Bikes werden aus den Transportern geladen und in den Vorstart geschoben. 2.000 Zuschauer stehen bereits entlang der Strecke, das Rennteam hat Position an Start und Ziel bezogen. Bis auf das Flaggirl Laura. Für das letzte Event haben sich die Veranstalter etwas ganz besonderes überlegt: Laura reitet auf einem Kamel zur Strecke.

Dann geht’s los. Nach und nach treten die Rennfahrer gegeneinander an – wer gegen wen fährt, hatte gestern das Glücksrad entschieden. Es ist ein K.O. System, wer sein Rennen verliert, fliegt leider raus. Um den Sieg in der „Freak Class“ fahren heute Mac Aco vom Team Schlachtwerk und Daniele Ghiselli. Daniele fährt als erster über die Ziellinie und gewinnt damit das Rennen in Saint Raphael. Gesamtsieger allerdings ist Mac Aco, da für das Rennen hier die doppelten Punkte vergeben werden. Er verweist damit Daniele auf Platz 2 und Philip (Team Kraftstoffschmiede) auf Platz 3.

In der Factory Class gewinnt Yamaha mit der von Workhorse umgebauten XSR 700, den Gesamtsieg holt sich Triumph mit der Thruxton R von Mellow Motorcycles.

Nach der Siegerehrung wird ordentlich gefeiert. Macaco legt ein kleines oben-ohne Freudentänzchen auf der Bühne hin und Daniele widmet seinen Preis dem verletzten Ralph. Sultans of Sprint ist nämlich mehr als nur racen!

Einige Bilder wurden freundlicherweise von Kerstin zur Verfügung gestellt.

Abschied von Roland

Heute endet Rolands und mein gemeinsames Abenteuer. Roland wird sich auf den Heimweg nach Passau machen, da er Montag wieder arbeiten muss und ich bleibe noch ein paar Tage in Frankreich.

Ich weiß nicht, ob Roland sich absichtlich Zeit lässt beim Frühstücken und Zusammenpacken aber ich interpretiere das Trödeln mal so, dass er mich eigentlich nicht verlassen möchte. Eigentlich.

Um 14 Uhr ist sein Bike fertig beladen und wir stehen uns auf der Terrasse gegenüber, Arm in Arm und haben beide Tränen in den Augen. Der Abschied fällt uns sehr schwer. Vier Monate lang waren wir tagaus, tagein zusammen, sind jeden der 28.500 Kilometer gemeinsam gefahren und haben die wildesten und schönsten Abenteuer erlebt. Die Vorstellung, ab sofort ohne den anderen zu sein, schmerzt. Wir verabschieden uns 100 Mal, er hält meinen Kopf in seinen Händen und küsst mich immer wieder. Tränen kullern über meine Wangen. Warum bin ich nur so traurig, obwohl ich weiß, dass wir uns in 3 Tagen in München wieder sehen?

Ich ermahne ihn, nicht bis zum letzten Tropfen Benzin zu warten, bevor er eine Tankstelle sucht. Und Roland bittet mich, die Kette zu reinigen und zu schmieren, bevor ich heimfahre. Wir kennen unsere Schwächen ganz genau und müssen beide schmunzeln. Er sagt, dass er irgendwo in der Schweiz übernachten wird, wenn er müde ist. Ich habe das Gefühl, dass er die 1.050 km durchfahren wird und so ist es auch. 12 Stunden nachdem wir uns verabschiedet haben, erreicht er sicher sein Zuhause und ich kann beruhigt einschlafen.

Urlaub an der Côte d’Azur

Ich war schonmal an der Côte d’Azur. Als Kleinkind. Meine Mama erzählt gern die Geschichte, wie ich damals in einem sehr feinen Restaurant auf den Stuhl gemacht habe und sie nur mit Müh und Not das Malheur aus dem Strohgeflecht entfernen konnte. Inzwischen bin ich sauber – sehr zur Freude von Barbara und Jo, die uns in ihrem Bungalow aufgenommen haben. Nach einem ausgiebigen Frühstück auf der Terrasse laufen wir zum Strand und relaxen dort bis zum Spätnachmittag. Danach steigen Roland und ich noch kurz in den Whirlpool, bevor wir zu Ralph ins Krankenhaus fahren. Die OP an seinem Bein ist gut verlaufen und bereits übermorgen fliegt ihn der ADAC nach Hause. Der Heilungsprozess wird einige Monate dauern aber die Ärzte sind zuversichtlich, dass das Bein wieder vollständig hergestellt wird.

Am Abend treffen wir alle anderen der Sultans Familie auf der Pre-Party und natürlich auch Sebastien und Lolo, die beiden Gründer und Veranstalter der Sultans of Sprint. Es ist schön, alle wieder zu sehen und ich freu mich auf unglaublich auf das Rennen morgen und die Party danach. Aber da ich heute irgendwie immer noch relativ müde bin und Roland morgen nach Hause fahren wird, machen wir uns zeitnah auf den Rückweg ins Bungalow.

Von der Adria zur Côte d’Azur ist’s nur ein Katzensprung

Buongiorno Italia! Wir erreichen Ancona bei Sonnenaufgang und begeben uns relativ schnell auf die Autobahn. Knapp 800 km sind es bis nach Saint Raphael und wir wollen keine Zeit verlieren. Nach einer knappen Stunde der erste Halt an der Autobahnraststätte für einen Cappuccino und Brioche.

Bis Bologna schaffen wir es, auf der Autobahn zu bleiben, dann wird uns das zu doof und langweilig und Roland sucht uns eine Route quer durch die Apenninen und der Fahrspaß geht wieder los. Kurven führen uns bergauf und bergab, durch eine wunderbare Landschaft und kleine italienische Dörfer. Unser 28.000 km Foto steht bald an und Roland meint, dass wir dafür noch nie an einem Restaurant halten „mussten“. Gesagt getan, die Kilometeranzeige springt genau vor der „Bar al Bobo“ auf 28.000. Ich schwöre Stein und Bein, das ist nicht inszeniert. Wir erklären dem jungen Mann hinter der Bar ganz kurz, warum er uns unbedingt vor unseren Bikes vor seiner Bar fotografieren muss und feiern den Moment mit einem Cappuccino und einer Pizzetta. Gut die Hälfte der Strecke haben wir bereits geschafft. Bis Genua läuft auch alles prima. Leider sind aufgrund des Brückeneinsturzes vor ein paar Wochen, einige Autobahnausfahrten gesperrt und unser Navi findet sich nicht mehr zurecht. Eine dreiviertel Stunde verplempern wir in diesem Verkehrschaos.

Kurz vor Frankreich fahren wir wieder auf die Autobahn. Obwohl es bereits Abend wird, wollen wir einen kleinen Umweg durch Monaco machen. Roland möchte mir die MotoGP Strecke zeigen. Blöde Idee und uns passiert das gleiche wie in Genua – wir verstricken uns im Straßengewirr und stehen lange im Stau. Gerade als wir endlich wieder auf die Autobahn auffahren wollen, merkt Roland, dass er schon länger auf Reserve ist. Also müssen wir wieder umdrehen und eine Tankstelle suchen.  Das kostet uns ebenfalls Zeit und mittlerweile ist es nach 20 Uhr. Die restlichen Kilometer auf der Autobahn sind kalt, es hat 15°C und ich will einfach nur ankommen. Es war ein langer Tag. Seit 7 Uhr sitze ich auf dem Motorrad.

Bis wir in Saint Raphael sind, ist es nach 22 Uhr. Ich hatte Barbara unseren Live-Standort geschickt und sie fängt uns am  Kreisverkehr ab und weist uns den Weg zum Campingplatz. Als wir dort einbiegen werden wir von der coolsten aller Truppen lautstark mit Applaus und einer Sprudelwasser-Dusche in Empfang genommen. Barbara und ich verdrücken ein Tränchen als wir uns umarmen. Was für ein schönes Gefühl, wieder ein Stück Heimat in den Armen zu halten.

Das Restaurant vom Campingplatz hat auf uns gewartet und die Küche noch nicht geschlossen. Wir dürfen eine Pizza bestellen, die ich aber vor Aufregung oder Erschöpfung nur zur Hälfte schaffe. Leider fehlt einer unserer Freunde. Ralph hatte gestern einen Unfall mit seinem Sprint Beemer und liegt im Krankenhaus in Saint Raphael. Morgen wollen wir ihn besuchen.