Die schönste Küstenstraße der Welt. Von Kotor nach Split.

Um 10 Uhr sitzen wir auf den Bikes, bereit für eine Genussfahrt entlang der Adria-Küste. Die Straße führt zuerst durch die Bucht von Kotor, kurz darauf reisen wir nach Kroatien ein. Auch hier vermeiden wir die Autobahn und haben somit für Stunden einen großartigen Blick auf das Meer. Roland und ich sind uns einig: Das ist mit Abstand die malerischte Küstenstraße, die wir je gefahren sind.

Gegen 14 Uhr erreichen wir Dubrovnik. Hier waren wir vor zwei Jahren mit Rolands Kindern im Urlaub und wir erkennen von oben den alten Hafen, von dem aus wir zu einer Schnorcheltour zu den vorgelagerten Inseln gestartet sind. Und natürlich überqueren wir die bekannte Dubrovnik-Brücke, die wir damals „nur“ vom Wasser aus gesehen hatten.

Eine weitere Stunden fahren wir an der Küste, bis wir auf einmal an eine Grenze gelangen. Oha, Roland und ich gucken uns an. Wieso ist denn hier eine Grenze? frage ich Roland. Er weiß es auch nicht und wir müssen ein bisschen schmunzeln über unsere naja Unwissenheit. Aber wir reisen ja genau aus diesem Grund: Um fremde Länder und Kulturen kennen zu lernen und manchmal ist das Fremde gar nicht so weit von Zuhause entfernt. Unsere Pässe werden kontrolliert und jetzt sehen wir es: Wir sind in Bosnien-Herzegowina. Und nach 5 km schon wieder raus und zurück in Kroatien nach einer erneuten Grenzkontrolle. Am nächsten Tag lese ich bei Wikipedia nach, dass wir durch den Neum-Korridor gefahren sind – einen schmalen 5 km langen Küstenstreifen, der eben zu Bosnien-Herzegowina gehört und so Kroatien in zwei Teile teilt. Was für ein Irrsinn und bürokratischer Wahnsinn.

Um kurz nach 18 Uhr erreichen wir den Hafen von Split. Ich hole unsere Tickets im MSC Shop ab und nach einer kurzen Wartezeit und Passkontrolle dürfen wir auf das Schiff fahren. Mit uns sind sechs weitere Motorräder an Bord. Zicki und Rolands nineT werden fest verzurrt und wir gehen zum Checkin auf Deck 7. Unsere Kabine hat die Nummer 110 und ist zu unserer Freude keine 2er Innenkabine sondern eine 4er Außenkabine. Yeah – Updgrade! Nachdem wir uns den Ablegevorgang angesehen haben, gehen wir mit unserem Proviant in das Selbstbedienungsrestaurant und hoffen einfach, dass wir nicht rausgeworfen werden, wenn wir gleich auftischen. Roland hatte uns eine Flasche Wein gekauft und ich uns eine feudale Brotzeit vorbereitet. Die Fähre schaukelt über das Meer und wir freuen uns gerade total, dass wir uns fortbewegen und ein paar Kilometer machen, ohne selbst etwas dafür tun zu müssen.

Wetterkapriolen in Montenegro

Der Campingplatz war die richtige Wahl – es sind keine zwei Minuten zu Fuß zum Meer. Bevor wir in dem Restaurant am Strand frühstücken, gehen wir eine Runde schwimmen. Das Meerwasser ist hier viel salziger als in der Türkei, finde ich. Wettertechnisch sieht es heute leider nicht so rosig aus. Es ist bedeckt, kühl und windig. Unser Plan war es, in den Durmitor Nationalpark zu fahren – für heute und morgen sagt die Wetter-App allerdings Schnee voraus, bei Temperaturen knapp unter dem Gefrierpunkt. Ich hab grundsätzlich nichts dagegen, bei Regen und Schnee zu fahren, außer es lässt sich vermeiden. Und das versuchen wir heute. Wir entscheiden uns Schweren Herzens gegen den Durmitor Nationalpark und machen uns nach Mittag auf Richtung Kotor. Östlich von Kotor liegt der Lovcen-Nationalpark den wir zuerst durchqueren und dann die berühmten 25 Haarnadelkurven runter in die Bucht von Kotor nehmen möchten.

Noch nicht ganz oben im Park angekommen, fängt es fürchterlich an zu regnen und nach kürzester Zeit bin ich klitschnass. Meine Regenklamotten wandern daheim in München direkt in die Tonne! Als wir uns dann auch noch verfahren und ich auf einem Offroad-Track mehrmals wenden muss, ist meine Geduld zu Ende. Ich will nicht mehr, habe keine Lust mehr weiter im Regen auf unwegsamen Gelände zu fahren – noch dazu da wir nichtmal wissen, ob wir richtig sind. Nach langem Hin und Her überzeuge ich Roland auf der Straße Richtung Kotor zu fahren. Beim letzten Wendemanöver lege ich zu allem Übel Zicki auch noch ab, es musste ja so kommen. Jetzt bloß nicht total ausrasten! Sei froh, dass du nicht gerade im Durmitor Nationalpark bist.

Kaum zurück auf Asphalt, hört es auf zu regnen. Der Himmel klart vereinzelt auf, die Sonne bahnt sich ihren Weg durch die dunklen Regenwolken, die dadurch noch dramatischer aussehen. Von der Panoramastraße aus hat man einen fantastischen Blick auf die Bucht von Kotor. Es ist später Nachmittag und in der Stadt gehen die Lichter an. Ein wundervolles Stimmungsbild, wäre da nicht dieser eklige Wind, der mich fast vom Motorrad fegt. In den Haarnadelkurven muss ich den Lenker kräftig festhalten und mich ordentlich in die Kurve legen, damit ich nicht von meiner Fahrbahn abkomme.

Auch in Kotor weht es ganz ordentlich, auf der Fahrbahn liegen immer wieder lange Palmzweige, viele Fensterläden an den Häusern sind verschlossen und Tische und Stühle auf den Restaurant-Terrassen liegen kreuz und quer verteilt. Im Hostel 4You ist genau noch ein Zimmer frei und wir können unsere Bikes im Hinterhof einigermaßen geschützt parken. Nach einem kurzen Spaziergang durch Kotor essen wir im Restaurant gegenüber vom Hostel zu Abend und telefonieren spontan mit unseren Freunden, die momentan an der Côte d’Azur urlauben. Bei über 30°C und strahlendem Sonnenschein machen sie den lieben langen Tag nichts anderes als am Strand zu liegen, Motorrad zu fahren und abends im Whirpool zu relaxen. Ok, und sie bereiten sich auf ein wichtiges Ereignis vor: In vier Tagen nehmen zwei unserer engsten Freunde, Jo und Ralph, mit ihren alten, umgebauten Sprint-Beemern am letzten Sultans of Sprint Race teil. Tatsächlich wären wir da gern dabei und während Roland und ich unsere Pizza essen, überlegen wir, ob wir statt durch den Balkan bei schlechtem Wetter nach Hause zu fahren, rüber nach Frankreich queren.

Zurück im Hostel setzen wir uns mit einer Flasche Rotwein und dem georgischen Chacha in die Küche und suchen nach Fährverbindungen. Kurz nach Mitternacht werden wir fündig: Es gibt eine Verbindung morgen Abend von Split nach Ancona. Inklusive Innenkabine kostet uns die Überfahrt 100€/Person. Zack, gebucht!

Mit der Fähre durch albanische Fjorde

Wir sitzen um 9 Uhr auf den Bikes. Heute ist unser letzter Tag in Albanien, leider. Ich hab mich schon ein bisschen verliebt in dieses Land. Die kurvigen Straßen, die Abgeschiedenheit in den Bergen, die wundervolle Natur, das gute Essen… Hach… Um uns den Abschied so richtig schwer zu machen, zeigt sich Albanien auf den letzten Kilometern von seiner allerschönsten Seite. Die SH23 von Kükes nach Fierza ist eine kleine, asphaltierte Bergstraße ohne großen Anstieg, dafür mit vielen Kurven und atemberaubender Fernsicht auf die umliegenden Berge.

Wir erreichen Fierza überpünktlich und kaufen uns ein Ticket für die Rozafan-Fähre, die uns von Fierza nach Koman bringen wird. Roland hatte im Internet gelesen, dass man auf keinen Fall das Ticket außerhalb der Fähre kaufen soll. Diese Info ist veraltet, der Mann in Sicherheitsweste kurz vor der Fähr-Anlegestelle ist ein echter Ticket-Verkäufer. Mittlerweile gibt es zwei Anbieter, die Rozafan-Fähre ist die kleine kleine von beiden und braucht 30-40 Minuten länger als der andere Anbieter. Preislich sind beide gleich. Da wir noch etwas Zeit haben, bevor die Fähre ablegt, fahren wir ein Stück die Panoramastraße durch die Schlucht am Stausee entlang. Was wäre das doch für eine tolle Strecke gewesen. Unzählige Kurven mit Blick auf das Wasser und die tiefe Schlucht- ganz kurz bereue ich es, dass wir uns für die Fähre entschieden haben.

Die Fähre legt pünktlich um 12:30 Uhr ab. Wir haben einen Platz oben auf dem Sonnendeck in der 1. Reihe ergattert und so haben wir den schönsten Blick auf die Fjorde. Der Koman-Stausee ist fast 100m tief, entsprechend hoch sind die Berge entlang des Sees. Vereinzelt sehen wir kleine Dörfer an den Berghängen aber keine Straße. Diese Dörfer werden tatsächlich auf dem Wasserweg mit Lebensmitteln und anderen Dingen versorgt. So kann man anscheinend auch ganz gut überleben denke ich mir. Bis eben hielt in den Penny direkt bei mir im Haus für unverzichtbar.

Ich habe meine Motorradklamotten ausgezogen und genieße die Sonne auf meiner Haut. Es weht ein angenehmer Wind, so dass es nicht zu heiß ist und wir die 2,5 Stunden an Deck gut aushalten. Mit 15 Minuten Verspätung erreichen wir Koman. Bis wir von der Fähre sind, ist es fast 16 Uhr und es sind mindestens 4 Stunden bis Kotor, unserem heutigen Ziel. Was wir nicht wussten: Die Straße ab Koman ist eine Frechheit, eine Beleidigung für Fahrzeuge aller Art. Durchzogen von tiefen Schlaglöchern und bergeweise Schotter in den Kurven. Ich muss vorsichtig fahren – Stürze im Gelände bei geringer Geschwindigkeit machen mir nichts aus, aber auf einen Rutscher über Asphalt habe ich keine Lust. Wir kommen also langsamer voran, als gedacht. Irgendwann wird die Straße zum Glück besser und ich kann die Fahrt ein bisschen mehr genießen.

An der Grenze zu Montenegro treffen wir lustigerweise den Tourguide Armand wieder – er steht mit seinem Anhänger voller Mountainbikes in der langen Schlange vor der Passkontrolle an. Ich quatsche kurz mit ihm und bedanke mich für die tollen Routentipps. Die letzten drei Fahrtage verdanken wir ihm und wenn ich mal wieder in Albanien bin, würde ich alles wieder genauso fahren. Glücklicherweise müssen wir uns als Motorradfahrer nicht in die Schlange stellen, ein Autofahrer weist uns netterweise daraufhin, dass wir einfach den Fußgängerweg nehmen dürfen und so sind wir in 5 Minuten durch die Kontrolle. Auf der anderen Seite das gleiche Bild: Eine mindestens 1km lange Autoschlange wartet auf die Einreise nach Albanien. Ca. 50 km von Kotor entfernt, in Buljarica, entdecken wir den Campingplatz Maslina. Eine Nacht für zwei Bikes und ein Zelt kostet 14€. Da kann man echt nicht meckern und da es bereits dunkel ist, beschließen wir, hier zu bleiben. Wir nehmen noch 4 Bier an der Rezeption mit, suchen uns ein schönes Plätzchen und bauen unser Zelt auf. Zum Abendessen gibt es natürlich wieder Pasta Napoli – never change a running system.

Albanien, Mazedonien, Albanien

„Baby, wach auf. Guck mal, hier, guck mal, schnell!“ Ich öffne verschlafen und mit großer Mühe ein Auge und sehe zu Roland. Von außen stupst ein Pfötchen gegen die Zeltwand und Roland stupst mit dem Zeigefinger zurück. Der kleine Welpe – ich bin auf der Stelle hellwach, öffne das Zelt und sofort kommt der kleine Wauzi angerannt. Er schlüpft ins Zelt und wirbelt alles ordentlich durcheinander. Er hüpft auf Roland, versucht in den Schlafsack zu kriechen, beißt in Haare und Finger. Wir spielen ein bisschen bis er sich wieder beruhigt hat und in meinem Arm einschläft. Da es noch nicht mal 7 Uhr ist, machen auch Roland und ich die Augen nochmal zu. Ein gutes Stündchen liegen wir so zu Dritt im Zelt und ich überlege ernsthaft, ob ich den kleinen Hund irgendwie auf dem Motorrad nach Hause mitnehmen kann. Bis wir aufstehen und feststellen, dass der kleine Drecksack eine Abspannschnur von unserem sündhaft teuren Zelt durchgebissen hat. Sämtliche Hundemutter-Gefühle sind wie weggeblasen. So nicht, du bleibst hier, in den Bergen auf dieser wundervollen Farm mit den ganzen anderen Tieren. Strafe muss sein.

Unsere heutige Route führt uns in den Nordosten Albaniens und dort über die Grenze nach Mazedonien, das seit der Gründung 1991 einen Namensstreit mit Griechenland führt, da diese den Namen der kleinen Republik nicht akzeptieren wollen. Warum? Es gibt im Norden Griechenlands eine Region, die ebenfalls „Makedonien“ heißt und daher ist der Name „Makedonien“ griechischen Ursprungs. In der Republik Mazedonien leben aber Slawen. Außerdem hatten die Griechen was dagegen, wie die Flagge der neuen Republik aussah, diese wurde daraufhin 1995 geändert und zumindest dieser Streit scheint beigelegt. Der letzte Kompromiss vom Juni diesen Jahres sieht vor, dass Mazedonien ab sofort „Republik Nord-Mazedonien“ heißen soll. Hoffentlich ist das Thema damit erledigt!

Nach ein paar wunderschönen Kilometern durch die albanische Landschaft erreichen wir die kleine, vereinsamte Grenze. Unsere Pässe werden von einem gelangweilten Grenzer kontrolliert, dann dürfen wir weiter. In der „Republik Nord-Mazedonien“ ist der Herbst angekommen. Aber nicht dieser graue Schmuddelherbst, wie man ihn aus Deutschland kennt. Die Sonne lässt das bunte Herbstlaub kräftig leuchten, dazu das tiefblaue Wasser des Prespasee und Ohridsee. Es ist wundervolles Farbspektakel und wir halten oft an, um das Panorama zu genießen. Die Verbindungsstraße zwischen den beiden Seen führt über das 2.255m hohe Galicica-Gebirge, das zu einem Nationalpark (Durchfahrt kostet 5€ für zwei Bikes) gehört. Zuerst geht’s bergauf und dann in ein vielen Haarnadelkurven wieder bergab.

Zurück in Albanien fahren wir relativ schnell wieder von der Hauptstraße ab und überqueren nochmal ein paar kleinere Pässe mit ein paar Spitzkehren und kaum Verkehr, bevor wir uns in Kükes eine Unterkunft suchen. In Kükes ist nichts los, es ist ein wirklich trostloses Städtchen mit meiner Meinung nach viel zu vielen Sportwetten-Spelunken. Deswegen essen wir im Hotel und planen danach den morgigen Tag: Wir möchten um 12 Uhr die Fähre auf dem Koman-Stausee erwischen, d.h. wir müssen früh aufstehen und spätestens um 9 Uhr losfahren.

Das Ceraunische Gebirge

Wir starten mit einem großartigen Frühstück und packen dann unsere Sachen. Und das dauert. Da wir alle Klamotten durchgewaschen haben, ist es quasi wie zum 1. Mal losfahren. Alles muss in den Taschen verstaut und diese dann auf dem Bike befestigt werden. Es ist so mühsam und auch ein bisschen nervig. Um 12 fahren wir endlich los. Roland hat jetzt schon Bedenken, dass wir die heutige Etappe nicht schaffen werden.

Es geht zuerst die Küstenstraße SH8 an der albanischen Riviera entlang. Die kurvige Straße wurde vor ein paar Jahren neu ausgebaut, ein paar Haarnadelkurven führen auf den Llogara-Pass mit etwas über 1.000m. Von oben hat man einen wunderbaren Blick auf die Steilküste der Riviera. Hinter uns in dichte Wolken gehüllt, die Berge des Ceraunischen Gebirge. Das Gebirge erstreckt sich auf 100km entlang der Küste und unser Plan ist es, durch das Gebirge auf der SH75 Richtung Süden zu fahren. Also eigentlich wieder zurück zur griechischen Grenze.

Auf der Strecke durch die Berge treffen wir zufällig Armand, den Tourguide. Er ist mit einer Gruppe Mountainbikern unterwegs und die gleiche Straße auf den Pass hochgefahren wie wir eben. Respekt. Armand wundert sich, dass wir so spät los gefahren sind und meint, dass wir heute maximal bis zur Farma Sotira kommen. Das ist eine Farm in den Bergen mit Campingplatz, die auch sehr Motorradfahrer-freundlich sind. Die Farm liegt direkt an der griechischen Grenze auf der Höhe von Konitsa, wo wir vor ein paar Tagen erst waren. Und er behält Recht. Nach einer wunderschönen Fahrt durch die einsame Bergwelt erreichen wir die Farm. Wir stellen unser Zelt im Garten auf und begrüßen die Tiere hier: Den Schimmel, der neben unserem Zelt grast, Gänse, zwei hüfthohe Hunde, einen Welpen, braune, rote und schwarze Katzen und die Forellen im Teich. Eine der Forellen wird gleich bei Roland auf dem Teller landen.

Einreise nach Albanien / zwei Tage am Meer

In der Nähe von Konitsa könnte man auch nach Albanien einreisen, wir möchten aber gern die sagenhafte Bergstrecke von gestern zu Ende fahren. Nach einer einstündigen, wilden Kurvenjagd überqueren wir bei Kakavija die Grenze. Und in Albanien geht’s genauso weiter: Kurve links, Kurve rechts. Wir fahren nicht einen Meter geradeaus. Als man in Albanien Straßen gebaut hat, waren alle geraden Stücke dieser Welt bereits vergeben, vermute ich.

Albanien ist unter Motorradreisenden und Pauschaltouristen schon länger kein Geheimtipp mehr. An der Küste findet man eine Vielzahl von Hotels, Restaurants und Bars. Es gibt Sand und Kiesstrände, die wunderbar sauber sind und auch das Meer ist klar. Ich kann mir gut vorstellen, dass es im August hier proppevoll ist, aber da die Sommer-Ferienzeit glücklicherweise vorbei ist, wirkt alles etwas eingeschlafen.

Wir fahren weiter bis Himarä, einem kleinen Küstenort, wo wir uns in der Pension „Billy“ ein Zimmer nehmen. Zu der Pension gehört ein kleines Restaurant und bevor wir uns ins Meer stürzen, essen wir Pasta. Das erste Mal Pasta Napoli, die ich nicht über dem Benzinkocher selbst zubereitet habe. Was für ein Luxus und es schmeckt großartig. Da wir in der Pension außerdem unsere gesamte Schmutzwäsche waschen lassen können, beschließen wir, zwei Nächte hier zu bleiben.

Den nächsten Tag verbringen wir zuerst am Strand, wo Roland den Albaner Armand kennenlernt, der hauptsächlich Fahrrad- aber auch Motorradtouren organisiert. Er möchte uns heute Abend ein paar Routentipps geben und Roland verabredet sich mit ihm in seinem Hotel. Vorher mieten wir uns ein Kanu am Strand und rudern die Küste ab. Zwei Segelboote, Typ Weltumsegler, liegen an Bojen, zwei Jugendliche auf einem Jetski fahren hin und her, ansonsten ist hier nix los. Ein ruhiges und entspanntes Albanien.

Als Roland abends von seinem Treffen mit dem Tourguide Armand zurückkommt, strahlt er bis über beide Ohren. Wahnsinn, ich hab eine Tour für die nächsten drei Tage, die haut dich um, sagt er. Von Albanien, nach Mazedonien, wieder zurück nach Albanien bis Montenegro. Pässe, Offroad, Fjorde und Fähre. Alles dabei. Das wird großartig!

Griechischer Wein in den griechischen Bergen

Irgendwann musste meine riesen Dose Kettenspray ja leer sein, nachdem Roland mich spätestens alle 1.000 km daran erinnert, die Kette zu schmieren. Also muss ich mir heute eine neue besorgen und Roland möchte kurz beim BMW Händler vorbeischauen, da eine Befestigung vom Helmvisier ausgerissen ist und er das Visier so festkleben musste, dass es immer geschlossen ist. Was auf Dauer echt unangenehm und stickig ist.

Wir packen unsere Bikes und fahren zuerst zu einem kleinen Mopedladen direkt beim Hostel ums Eck. Es ist ein Familienbetrieb und während die Tochter im Lager nach dem Spray sucht, unterhalte ich mich mit der Mutter und ihrem Sohn. Sie haben Verwandte in Dachau und als ich ihnen erzähle, wo Roland und ich überall unterwegs waren bevor wir jetzt wieder nach München fahren, sind sie total begeistert. So sehr, dass sie mir das Kettenspray schenken.

Der Besuch beim BMW Händler ist leider weniger erfolgreich, das Ersatzteil für das Visier müsste man bestellen. Dauert ein paar Tage. Meine Idee, das Teil von einem Ausstellungsstück zu nehmen, findet der Mitarbeiter nicht gut. Dann müssten wir schon den ganzen Helm kaufen meint er. Scherzkeks. Also bleibt Rolands Visier erstmal zu.

Wir sehen uns noch ein bisschen im Showroom um, ich setze mich auf die G310GS – hoppla ist die hoch. Grad mal mit den Zehenspitzen komm ich runter. Roland dagegen passt ganz gut drauf, wie ich finde.

Wie gestern hat Roland auch heute wieder „Mautstraßen vermeiden“ ins Navi eingegeben und so fahren wir abwechselnd auf der Schnellstraße oder die kostenfreie, kleinere Umgehungsstraße. Das geht für einige Zeit so, bis Roland kurz nach Kozani einen Abzweig zu einer wunderbaren Bergstrecke entdeckt und so programmiert er kurzerhand die Route um. Auch wenn das bedeutet, dass wir einen Umweg fahren und unser Tagesziel heute nicht erreichen. Aber man muss die Kurvenfeste eben feiern, wie sie fallen. Und es lohnt sich wirklich! Die Straße 20 führt uns auf bestem Asphalt in die Berge durch eine wunderbare Landschaft. Eine Kurve folgt auf die nächste und da wir quasi alleine auf der Straße sind haben wir doppelt Spaß. Wir finden sogar Zeit für ein kleines Shooting an den blau-weißen Curbs. Roland lässt die nineT fliegen und alles, was an den Bags hängt, schleift über den Asphalt. Zum Sonnenuntergang erreichen wir das Bergdorf Konitsa nahe der albanischen Grenze und finden ein Zimmer in einer Pension etwas oberhalb mit Ausblick auf das Dorf. Zum Abendessen gibt es natürlich griechischen Salat, Bifteki und den guten Malamatina Wein.

Zurück in Europa

Gestern waren es knapp 500 km und heute wird es auch nicht weniger sein, da wir es bis nach Thessaloniki schaffen möchten. Slowtravel geht definitiv anders.

Die Fährüberfahrt von Canakkale auf den europäischen Kontinent geht zügig und kostet keine 1,50€ pro Person. Wehmütig stehe ich an Deck und blicke zurück nach Asien. Es liegen noch ein paar tausend Kilometer Reise vor uns und ich freue mich auch auf daheim. Trotzdem hätte ich nichts dagegen, wenn wir die nächste Fähre zurück nehmen und wieder Richtung Kirgisistan starten. Ernsthaft, ich würde sofort umdrehen und jeden Kilometer nochmal fahren, wenn ich das nötige Kleingeld hätte. Hab ich aber nicht und so verlassen wir die Fähre in Richtung Griechenland.

Der Grenzübergang ist schnell erledigt, der Grenzbeamte winkt uns zwar kurz  raus, aber der Mann im Auto hinter uns spricht Deutsch und Türkisch und vermittelt. Wie lange wir hier waren, und ob wir Verwandte in der Türkei haben, will er wissen. „Ein paar Tage“ und „Nein“ antworten wir und dürfen weiter. Der griechische Beamte sieht unseren deutschen Pass und winkt uns direkt durch.

Europa empfängt uns mit Mautgebühren und Benzin für 1,60 €. Die Mautgebühren umgehen wir, indem wir sofort von der Autobahn runterfahren. Aber tanken müssen wir, da gibt es keine Alternative. 49 € zahlen wir für 2 volle Tanks. Im Iran hätte uns das keine 4 € gekostet. Es ist zum Heulen.

In Thessaloniki finden wir ein günstiges Hostel direkt in der Stadt. Da es keinen sicheren Parkplatz gibt und die Managerin meint, es wird hier viel geklaut, nehmen wir alle Taschen ab und Roland sperrt unsere Bikes außerdem mit der Kette zusammen. Zum Abendessen hat Roland Fisch und ich Salat wie so oft auf der Reise – manche Dinge ändern sich eben auch in Europa nicht.