Buddhismus, Schach und 12 Stühle

Unsere Vorbereitungen auf diese Reise waren ja eher mittelmäßig. Aus mehreren Gründen: Roland bekam erst im Februar die Zusage für sein Sabbatical und ist bis zu unserer Abreise Anfang Juni knietief in Arbeit gesteckt. Er hatte nichtmal ausreichend Zeit, sein Bike in vollem Umfang umzubauen. Ich hab mich seit Anfang des Jahres mit möglichen Routen beschäftigt, aber nach ein paar Wochen Recherche hat mir so der Kopf geraucht, dass ich wieder aufgehört habe. Die vielen Meinungen und teilweise widersprüchlichen Erzählungen anderer Reisende haben mich zu sehr verwirrt.

Roland und ich haben daher beschlossen, uns nur noch auf das Wichtigste zu konzentrieren, wie die Visa oder Notfälle bei uns und den Bikes. Routen und das ganze Drumherum machen wir dann on-the-go. So auch Russland. Statt wie ursprünglich angedacht, auf dem schnellsten Weg nach Georgien zu fahren, waren wir die letzten Tage im Wolga Delta und fahren heute nach Kalmückien, von dem ich bis gestern noch nie etwas gehört hatte. Und zugegeben, zuerst musste ich etwas Schmunzeln, als ich den Namen Kalmückien gelesen habe und vor allem deswegen war mein Interesse geweckt.

Kalmückien ist eine Republik in Russland und ist die einzige buddhistische Nation in Europa. Ursprünglich lebten hier die Nachfahren der alten Mongolen, bis sie im 2. Weltkrieg vertrieben wurden und erst 1956 wieder nach Kalmückien zurückkehren durften. Es dauerte allerdings bis nach dem Ende der Sowjetunion, bis sie ihrem buddhistischen Glauben wieder öffentlich nachgehen durften.

Wir haben uns als Ziel Elista, die Haupdtadt Kalmückiens, ausgesucht. Etwas über 300 km sind es von Astrachan Richtung Westen. Die Straße ist gut, es gibt kaum Verkehr und wir halten nur einmal an, als wir an einem großen Salzsee vorbei fahren.

In Elista checken wir in einem Biker Hotel direkt gegenüber vom buddhistischen Tempel ein, den wir auch gleich als erstes besichtigen. 2005 wurde die sogenannte „Goldene Heimstätte des Buddha Shakyamuni“ eröffnet, nur 1 Jahre nachdem der Dalai Lama das Grundstück selbst ausgewählt hatte. Die gesamte Tempelanlage ist beeindruckend. Rund um den 63m hohen Tempel findet man Gebetstrommeln, Pagoden mit Statuten und einen großen Brunnen.

Im Tempel steht die mit 9 Metern größte Buddha Statue in Europa. Die Statue ist mit Gold überzogen und steht erhöht direkt gegenüber des Eingangs. Daneben Kleidung des Dalai Lama, ein Geschenk an den Tempel, da er selbst wohl seit einigen Jahren aus politischen Gründen nicht mehr nach Russland einreisen darf, erzählt uns ein junger Mann am Eingang. Wie sich herausstellt, spricht er ein bisschen Deutsch, da er im Rahmen seines Landwirtschafts-Studiums an der Universität in Elista für ein Praktikum in Deutschland war. Und zwar auf Demeter und Bioland Höfen in Bayern und bei Hamburg. Ich brech zusammen. Ein Buddhist aus Russland bei Demeter. Deutschland hat ihm sehr gut gefallen meint er. Außer dass er bei der Gast-Familie in Hamburg so wenig Fleisch bekommen hat. Er brauche Fleisch, damit er stark ist.

Er schickt uns noch zu einer weiteren Kuriosität in Elista. Chess City, ein Stadtteil, der in den 90ern unter Kalmückiens Präsident Iljumschinow erbaut wurde. Iljumschinow war nicht nur bis 2010 Präsident Kalmückiens sondern ist seit 20 Jahren Vorsitzender des Weltschachverbands FIDE. Aufgrund seiner Nähe zu diversen Diktatoren wie al Gaddafi und Assad sowie dubiosen Finanzgeschäften stand er lange in der Kritik und diesen Sommer hat die FIDE ihren Vorsitzenden suspendiert. In Chess City findet man hier und da übergroße Schachfiguren zwischen den leerstehenden Gebäuden. Der Platz wirkt ansonsten verlassen und trostlos.

Wir laufen weiter durch die Stadt. An jeder Ecke entdecken wir buddhistische Bauten, Denkmäler und Statuen. Unter anderem eine Statue von Ostap Bender, der Protagonist aus dem Roman „12 Stühle“. Die Statue ließ ebenfalls Iljumschinow bauen, der den Roman wohl ganz toll fand. Den meisten Kalmücken ist ihr ehemaliger Präsident ziemlich unangenehm. weil er mehrmals öffentlich behauptet hat, von Außerirdischen entführt worden zu sein.

Zum Abendrssen suchen wir uns ein Restaurant, das lokale Spezialitäten serviert, die da heißen „Machan Scholtahan“, „Hursn Machn“ und „Böricki“.  Roland bestellt sich einen Mixteller allerdings ohne die ersten beiden Gerichte, da das irgendwas mit Hammelinnereien ist. „Böricki“ sind Teigtaschen und schmecken ihm sehr lecker. Nebenbei spielt die Kellnerin auf einer Art Gitarre, mit 3 Seiten und ja ich würde sagen, sie ist total verstimmt. Aber vermutlich muss sie genauso klingen hier im kuriosen Elista, in Kalmückien.

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