Tag 5 am Pamir – bis nach Murghab

Ich stehe auf und komme erst mal gar nicht dazu, die atemberaubende Aussicht zu genießen. Ich muss schnell und dringend ein stilles Örtchen finden. Es rumort ganz ordentlich in meinem Magen. Fünf, sechs Mal verschwinde ich hinter einer Düne. Ist das Wasser oder die Glutamat-Pampe von gestern Schuld? Egal. Es ist nicht schön, ich leide.

Roland und Vincent frühstücken, ich belasse es bei einer Tasse schwarzem Tee und kann endlich das Panorama auf mich wirken lassen. Da es gestern bereits dunkel war, als wir ankamen, sehe ich die hohen Berge erst jetzt. Wir befinden uns direkt am Eingang des Wakhan Valley, das größtenteils zu Afghanistan gehört und an dieser Stelle so schmal ist, dass man sogar die 7.000er Pakistans sehen kann. Eine riesige nicht enden wollende Bergkette, mit hohen schneebedeckten Gipfeln. Der Hindukusch. Es ist gigantisch.

Gerade als wir fertig mit Frühstück sind, kommt ein Tadjike auf uns zu. Die Männer begrüßen sich, ich beobachte die Szenerie. Der Tadjike tippt etwas in sein Handy und zeigt es Roland. Roland sagt: „Wow 70 sheep here.“ und nickt anerkennend. Ich korrigiere: „Roland, er will 70 Som von uns. Für das Zelten auf seiner Weide.“ Sowas hätte ich hier niemals erwartet. Aber da wir alle zu müde sind für Diskussionen, geben wir ihm das Geld und er verschwindet wieder.

Kurz drauf treibt ein Teenager seinen Gemischtwarenladen an uns vorbei: Schafe, Ziegen, junge Kälbchen und ein Esel. Insgesamt ca. 20 Tiere, die nun ein Stück von uns entfernt grasen. Der Teenager trägt Jeans, Nike Turnschuhe und hört über seine Kopfhörer bestimmt keine tadjikische Volksmusik. Willkommen am wilden Ende der Welt.

Unser Ziel für heute ist Murghab. Wir fahren das Wakhan Valley entlang – ein landschaftliches Highlight auf dem Pamir Highway. Immer wieder stoppen wir für Fotos. Mein Magen hat sich nach wie vor nicht beruhigt aber beim Fahren bin ich zu konzentriert, um daran zu denken. Nur wenn wir anhalten, muss ich schnell hinter einem Busch verschwinden.

Seit wir in Dushanbe losgefahren sind, haben wir außer den Belgiern und Vincent keine weiteren Biker gesehen. Heute Nachmittag treffen wir auf eine Gruppe von fünf oder sechs Bikern auf kleinen 250ern. Offensichtlich Touristen, sie tragen Motorrad-Kleidung von BMW oder Touratech. Es sind Tagesausflügler ohne Gepäck, wir zählen sie daher nicht zu unseren Begegnungen mit echten Motorrad-Reisenden.

Als wir das Wakhan Valley verlassen, wird aus der Schotterpiste wieder eine Asphalt Straße. Ein bisschen freuen wir uns darüber, mal wieder schneller als 30km/h fahren zu können. Nicht nur die Straße verändert sich, sondern auch die Landschaft. Die Abendsonne lässt die roten Berge um uns herum glühen. Es erinnert ein bisschen an den Grand Canyon. Oder den Mars. Auf jeden Fall ist es anders als alles, was wir bisher gesehen haben.

Kurz vor Murghab passieren wir einen Pamir-Checkpoint. Hier treffen wir auf den esten Europäer. Einen Spanier auf einer 1150 GS, den wir kurz darauf auch im Pamir Hotel wieder sehen. Ihn und zwei Koreaner, die unterwegs auf einer 1200er GS und einer 700GS sind. Die beiden Koreaner fahren bis nach Portugal und zeigen uns beim Abendessen ganz aufgeregt Bilder aus der Mongolei. Es war ziemlich matschig dort, sie sind immer wieder gestürzt und das ständige Aufheben der schweren BMWs war wohl ganz schön anstrgend. Sie machen sich Sorgen, dass es auf der weiteren Strecke ähnlich ist. Wir können sie beruhigen, wir hatten keinen Matsch – nur sehr sehr viele Steine und Schotter.

Roland und ich haben uns im Pamir Hotel ein Doppelzimmer genommen, für 40$ nicht günstig aber ich hatte das Bedürfnis nach einem eigenen Badezimmer. Vincent hat für 5$ einen Schlafplatz in der Jurte vor dem Hotel bekommen. Das Abendessen ist super lecker. Ich esse Reis mit Gemüse, Roland Manti-Suppe und danach Fleisch mit Kartoffeln.

Wir sind keine 10 Minuten zurück im Zimmer, da geht das Licht aus und wir hören auch keinen Generator mehr. Oha. Um 22 Uhr ist hier also der Strom weg. Gut dass wir wenigstens unsere Helm-Kommunikation geladen hatten.

Tag 3 am Pamir

Ich wache auf, weil ich Stimmen höre. Ein Blick aufs Handy. Es ist 7 Uhr. Draußen unterhalten sich mehrere Frauen. Ich öffne das Zelt einen Spalt und sehe drei, nein vier Frauen unter den Bäumen am Boden knien. Sie tragen geblümte Kleider und ein buntes Kopftuch. Neben ihnen am Boden steht jeweils ein Metall-Eimer. Sie sammeln diese weißen Früchte, die ich gestern probiert habe. Oh oh. Wir zelten auf ihrer Ernte.

Ich wecke Roland auf, erzähle ihm was ich gesehen habe. Ihm ist es egal aber ich habe das Gefühl, dass wir die Frauen hier bei der Arbeit stören. Irgendwie fühle ich mich gerade etwas unwohl. Außerdem… Wie sollen wir duschen, wenn sie hier sind?

Als um 8 Uhr der Wecker klingelt, wagen wir uns aus dem Zelt. Die Frauen sind natürlich noch da. Ich mache erstmal Kaffee und wir beschließen abzuwarten, bis sie fertig sind. Wir haben ja keinen Zeitdruck. Als wir gerade unser Frühstück essen (Kekse und das frische Obst), bringt uns eine der vier Frauen ein Stück Brot. Sie fragt: Country? Und wir antworten: Germania. „Oh“ sagt sie, „Michael Schumacher“. Damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet. Von Merkel bis Matthäus war schon alles dabei – aber noch nie Schumacher. Und dann ergänzt sie: „Invalid.“ Ja, leider nicke ich. Sie erzählt uns noch, dass die Frucht, die sie sammeln „Tut“ auf tadjikisch heißt – den russischen Namen hab ich vergessen – und dass daraus in der Fabrik Marmelade gemacht wird. (Wie gut man sich doch unterhalten kann, auch wenn man die Sprache des anderen nicht spricht).

Nach einer guten Stunde sind sie tatsächlich fertig, verabschieden sich und gehen mit ihrer Ernte davon. Endlich können wir duschen. Roland fängt an und stellt sich in Badehose unter den Ortlieb Wassersack mit Duschaufsatz (keine Werbung, ich werde hierfür nicht bezahlt. Ich liebe ihn auch so.). Ich hatte extra Travelseife gekauft, die man für alles verwenden kann: Haare und Körper, Wäsche waschen, Zähne putzen, Geschirr abwaschen etc. und eben auch in Flüssen, Seen und Salzwasser. Also auch unter einem Obstbaum, hoffe ich.

Das Wasser reicht genau für uns beide, mit dem zweiten Sack spülen wir unser Frühstücksgeschirr ab und füllen unsere Camelbaks. Dann packen wir unsere Bikes und fahren los.

Nach gut 100 km sind wir in Khorog. Keine schöne Stadt, sie ist laut und voll, es gibt einen „Khorog Fried Chicken“ und viel zu viele Menschen. Es gefällt uns gar nicht, und so kaufen wir hier nur in einem erschreckend gut sortierten Supermarkt ein (es gibt sogar Löwenbräu Bier!!) und fahren weiter in Richtung „Hot Springs“. Der Weg führt von der Hauptstraße hoch in die Berge. Auf einer Offroad Piste fahren wir an einem klaren und breiten Gebirgsfluss entlang. Rechts und links von uns Berge, die von der untergehenden Sonne angestrahlt werden. Das Panorma ist großartig. Fast wie in Tirol meint Roland. Ich entdecke eine Stelle am Fluss mit ein paar Bäumen, etwas entfernt von der Straße. Wir haben unseren Platz für heute Nacht gefunden und lassen die Hot Springs sausen.

Der Fluss ist eiseiseiskalt. Perfekt um unsere Getränke zu kühlen. Wie gestern füllt Roland unseren Duschsack und hängt ihn an den Baum. Zum Abendessen gibt es wieder Spaghetti mit Tomatensauce. Also eigentlich essen wir jedes Mal Pasta, wenn wir campen. Geht schnell, man braucht wenig Geschirr und ich muss nur ein Gericht kochen, das wir beide essen, da ich ja Vegetarierin bin. Roland besteht lediglich darauf, dass die Sauce gut gewürzt ist und so kaufe ich jedes Mal eine frische Zwiebel oder Knoblauch. Chili-Flocken, Oregano und Salz/Pfeffer hab ich auf Reisen sowieso immer dabei. Wir sind Abenteurer aber keine Asketen.

Felgen-Reparatur auf tadjikisch

Nach dem Frühstück fahren wir zum Bike House, das 500m entfernt von unserem Hostel liegt. Aziz, der Mechaniker mit dem wir geschrieben hatten, bearbeitet gerade eine Felge – die zu einer 1200 GS gehört. Die Belgier sind hier. Genau wie ich hat auch Michelle einen Schlag in seiner Felge – Speiche wohlgemerkt.

Nach einer Stunde ist meine Felge dran. Aziz demontiert den Reifen, dann holt er einen uralten Bunsenbrenner heraus und zündet ihn an. Er hält die Flamme direkt an die erste Stelle mit dem Schlag. Abenteuerliche Methode, aber ich habe keine andere Wahl. Ich muss Aziz vertrauen. Nachdem er die Felge ausreichend erhitzt hat, holt er Hammer und ein Hartgummistück und bearbeitet die Stelle so lange, bis die Felge wieder normal aussieht. Das gleiche macht er mit dem kleineren Schlag. Roland hilft ihm und hält die Felge dabei fest. Nach 20 Minuten sind sie fertig und die Felge fast ganz gerade. Zum Schluss ein bisschen Sprühlack drauf und der Reifen wird wieder montiert, aufgepumpt und das Rad eingebaut. 100 Somoni macht die Reparatur, keine 10€. Ich bin erleichtert und froh, dass ich die Reise fortsetzen kann.

Aziz ist nicht nur Mechaniker, er organisiert auch Touren auf dem Pamir Highway und gibt uns viele Tipps zur Route, welche Etappen man an einem Tag schafft, welche Teilstrecken schwierig sind und wo man am besten übernachtet. Wir verabreden uns für heute Abend zum Essen, dann fahren Roland und ich ins Hostel. Da ich auf dem Pamir Highway viel campen möchte und es auch untertags unter 10°C werden kann, packe ich meine Taschen um. Warme Sachen nach oben und Camping Ausrüstung griffbereit. Außerdem bekomme ich meine Tadjikische SIM Karte von MegaFon für 10$. Interessanterweise haben die Karten hier unzählige Freiminuten und 3GB Datenvolumen – wobei die Messenger wie Whatsapp und Facebook frei sind und kein Datenvolumen verbrauchen. Ich bin im Internet-Himmel.

Aziz holt Roland, Philippe und mich um 20 Uhr mit dem Taxi ab und wir fahren in die „Bundes-Bar“. Auf dem Logo der Bar ist der österreichische Bundesadler und es gibt Schnitzel und Pasta. Nach fast 13.000 km Fahrt sind wir der (quasi) Heimat immer noch nicht entkommen. Wenigstens schmeckt das Bier nicht so gut wie daheim, Bierbrauen können halt doch nur die Bayern.

Hallo Tadjikistan!

Um 8.30 Uhr hab ich die E-Mail mit unseren Tadjikistan-Visa im Posteingang. Da im Guesthouse der Drucker kaputt ist, werden wir später einfach in irgendein Hotel fahren, um das Visum auszudrucken.

Nach dem Frühstück verabschieden wir uns von Khalid und seiner Familie. Sein Vater betont noch einmal, dass wir bei ihm daheim herzlich willkommen sind. Egal ob jetzt oder später. Und er fügt hinzu, dass es in ein paar Jahren sicherer für uns ist, wenn der Krieg vorbei ist. Wir tauschen unseren Facebook-Kontakt aus und starten los. Im Asia Hotel direkt um die Ecke frage ich nach, ob sie unser Visum ausdrucken können. Das Personal ist super nett und ruckzuck halte ich das Visum in den Händen.

Wir fahren keine Stunden zur Grenze und die Ausreise aus Usbekistan wäre in 10 Minuten erledigt – wenn ich nicht mein Dokument für die Motorrad-Registrierung verschlampt hätte. Ich suche in allen Taschen, finde es aber nicht. Was bin ich froh, dass die usbekischen Grenzbeamten auch Computer nutzen. Der Beamte findet meine Daten im „Internet“ wie er sagt. Er zeigt mir am Bildschirm die Maske. Meine Passport-Nummer, Zickis Kennzeichen, Chassis Nummer und Farbe, alles da. Puh Glück gehabt! Ansonsten „Big problem“ meint er. Ich danke ihm tausendmal und nach wenigen Minuten dürfen wir weiter zum tadjikischen Grenzposten fahren. Wir werden mit einem Lächeln empfangen, unser Reisepass wird gescant, ein Foto gemacht und schon sind wir in Tadjikistan.

Auf dem Weg nach Dushanbe liegt der Ort Panjakent und hier gibt es eine Touristeninfo, die leider bereits zu hat (geöffnet von 10-14 Uhr), als wir dort ankommen. Hier wollten wir uns eigentlich eine SIM Karte kaufen, angeblich 3GB für 5$. Dann eben nicht. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. In der Bank schräg gegenüber wechseln wir Euro. In Tadjikistan gibt es – anders als in den vorherigen Ländern – keinen Schwarzmarkt zum Tauschen. 11 Somoni sind 1 Euro. Endlich mal wieder ein Wechselkurs, bei dem man keinen Rucksack voll Geld mit sich herumschleppen muss.

Tadjikistan empfängt uns mit einer wunderbaren Panoramastraße, die durch eine mächtige Bergkette mit Gipfeln über 5.000m führt. Nach so viel Wüste in Usbekistan und Turkmenistan genießen wir die Kurven und die Bergelandschaft und sind wieder mal erstaunt, wie schnell sich eine Landschaft und die Natur innerhalb weniger Kilometer ändern können. Wir fahren den Fluss Varzob entlang und Roland bekommt Appetit auf Fisch. An einem Restaurant mit Sitzplätzen direkt am Wasser halten wir an und Roland bestellt sich so was wie eine Forelle, die aufgeschnitten wurde und von allen Seiten angebraten ist. Ich esse Salat – was sonst.

Im Dunkeln erreichen wir Dushanbe und das Green House Hostel, eine Lonely Planet Empfehlung und Treffpunkt für viele Biker und Radler. Sie haben kein freies Zimmer mehr und wir versuchen es im „Hello Dushanbe“ keine 100m weiter. Hier bekommen wir ein super schönes Zimmer mit Kingsize Bed und 20qm großem Bad für 30$ inkl. Frühstück. Unsere Bikes parken wir im Innenhof neben einer Africa Twin, die Philippe aus Wien gehört. Wir unterhalten uns kurz mit ihm. Philippe hat ein technisches Problem bei seiner neuen Africa Twin, die Gabel ist undicht und er hat morgen ebenfalls einen Termin bei Aziz im Bike House.

Ende gut, alles gut.

Wir werden von einem zarten Miau geweckt. Als wir die Tür öffnen, sitzen drei Katzen davor und schauen neugierig ins Zimmer.

Mohammed und Mina machen uns Frühstück und nach einem kurzen Telefonat haben wir die Bestätigung, dass wir unser Visum gegen 13 Uhr abholen können! Wir sind unglaublich erleichtert.

Vorher machen wir eine kurze Stadtrundfahrt mit dem Auto und gehen in einem großen Park spazieren. Es ist der iranische Sonntag – also Freitag – und viele Iraner gehen ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: Volleyball spielen. Überall im Park sind Netze aufgespannt. Seit ein paar Jahren ist die iranische Volleyball-Nationalmannschaft sehr erfolgreich und die Leidenschaft ist auf die Bevölkerung übergegangen.

Als wir an einem Riesenrad vorbeilaufen, bleiben Roland und ich stehen. Wir denken beide das gleiche: Ozapft is. Wie gern hätten wir jetzt eine kühle Maß in der Hand.

Punkt 13 Uhr treffen wir unseren Kontakt in Mashhad und Roland strahlt über beide Ohren, als er unser Pässe mit den Visa in der Hand hält. Unser Abenteuer kann weitergehen!

Wir fahren zu Mohammed und Mina, packen und machen uns auf Richtung Sarakhs zur Grenze. Es sind knapp 250km und auf unserer letzten Strecke gibt der Iran alles, um uns den Abschied so schwer wie möglich zu machen. Der Ausblick auf die Berge ist mal wieder gigantisch. Ich möchte so gern noch mehr von diesem wundervollen Land entdecken und ich bin traurig, dass wir den Iran heute verlassen. Andererseits freue ich mich, dass mir viele Gründe bleiben, nochmal hierher zu reisen.

Von wegen heute verlassen. Wir erreichen um 19 Uhr die Grenze. Sie ist geschlossen. Verdammt. Glücklicherweise ist keine 500m entfernt das Hotel Doosty, Kategorie Truckstop. Die Zimmer sind alt und abgewohnt und ich bin froh meinen Hüttenschlafsack zu haben. Aber die Betreiber sind sehr nett, lassen uns in Dollar bezahlen (12,50€ inkl. Frühstück für das Zimmer), da wir ja keinen einzigen Rial mehr haben.

Das Abendessen ist überraschenderweise fantastisch, Roland hat mal wieder Fleischspieß und ich Salat. Die Trucker vom Nebentisch reichen uns zum Nachtisch einen Teller Melone rüber. Roland isst zwei Stück. Der Iran hat uns verändert.

 

 

 

Camping am Evansee

Nach dem Frühstück fahren wir los. Tehran zeigt sich morgens von der gleichen Seite wie abends. Laut und voll. Es herrscht unendlich viel Verkehr und das Straßennetz ist nach wie vor undurchschaubar. Es dauert 1,5 Stunden, bis wir aus der Stadt sind. Entnervt fahren wir auf der Schnellstraße Richtung Qazvin. Nach einer weiteren Stunde nehmen wir die Ausfahrt in die Berge. Endlich wieder Kurven, endlich Berge, diese wunderschöne Landschaft, wie wir sie vom Iran kennen. Und kühle Temperaturen. Vor lauter Fahrfreude verpassen wir den 9.000er und machen bei 9.127 km unser Foto.

Die Schnellstraße wird zur kleinen Bergstraße. Rechts, links, rechts, links. Ich fahr mich wieder schwindlig und lasse den grauenvollen Eindruck von Tehran hinter mir. Bis zum Alamut Castle schaffen wir es leider zeitlich nicht mehr. Wir planen um und wollen die Nacht am Evansee (Ovan Lake) verbringen. In einem kleinen Laden im Dorf Dikin kaufen wir ein paar Vorräte ein und fahren die letzten 30 Minuten weiter die Serpentinen den Berg entlang.

Am See angekommen, ist Roland zuerst etwas enttäuscht, denn wir sind nicht alleine. Es stehen einige Autos verteilt am See, manche in den gemauerten Picknick-Stellplätzen mit Dach, andere direkt am Ufer. Wir bleiben trotzdem und machen uns in einem der Stellplätze breit. Als wir abpacken huscht ein kleiner Fuchs vorbei. Vermutlich auf der Suche nach Essensresten.
Nachdem das Zelt aufgebaut ist, koche ich die Pasta und während wir essen, kommt der erste Besuch. Die Nachbarn links bringen Pfirsiche, Nektarinen, Bananen und Gurken. Perfekt, Obst und Gemüse hatten wir nicht eingekauft, denke ich mir. Als nächstes kommen die Nachbarn von rechts mit Eis. Das wird ja immer besser! Nachtisch. Herrlich. Wir setzen uns auf unsere Stühle und schauen auf den See.

Ich probiere das Eis. Oh Gott, Melone. Ausgerechnet! Es gibt nicht viel, das Roland nicht isst. Melone gehört dazu. Der Grund: Ein traumatisches Erlebnis aus der Kindheit. Irgendwann in den frühen 70ern ist er mit seinen Eltern auf dem Heimweg von Jugoslawien, seine Mama hatte vorher noch Wassermelone gekauft, die er und sein Bruder auf der Rücksitzbank essen. Wassermelone und eine rasante Autofahrt entlang der Küste vertragen sich wohl nicht, denn nach kurzer Zeit übergibt sich Roland im Auto. Seitdem hat er nie wieder Melone angerührt.

Roland packt das Eis aus. Ich warte. Habe mich dafür entschieden, ihn nicht zu warnen. Er probiert es. Ich schaue ihn an. Er schleckt weiter. Nach ein paar Minuten sage ich: „Mhhh, lecker, gell?“ Roland antwortet: „Ja, ich weiß nur nicht, was das für ein Geschmack ist. An irgendwas erinnert er mich.“ Ich bleibe cool, lasse mir nichts anmerken und sage: „Waldmeister, vielleicht?“ „Neee… das ist anders.“ Als er fast fertig ist, platzt es aus mir heraus: DAS IST EIN MELONENEIS! DU HAST MELONE GEGESSEN! Er guckt mich ungläubig an, lächelt und isst weiter. Hoffentlich ist der Melonenbann jetzt gebrochen.

Nach dem Abwasch besuchen wir die Nachbarn links, eine achtköpfige Familie. Oma, Opa, Tochter mit Mann und zwei Kindern, 2. Tochter mit Mann. Wir dürfen uns mit auf dem Teppich setzen, dahinter steht ein Zelt. Die 14jährige Tochter spricht etwas Englisch und so erfahren wir, dass sie aus Tehran sind, und hier öfter zum Camping herfahren. Dabei schlafen die Frauen im Zelt und die Männer auf dem Teppich davor. Was hat Roland Glück, dass er neben mir im Zelt liegen darf. Sie haben neben dem Stellplatz ein großes Feuer gemacht und bieten uns als erstes gegrillte Kartoffeln an. Sehr lecker, Kartoffeln hatte ich schon Wochen nicht mehr. Dann bereiten sie Schaschlick-Spieße vor, die Spieße sind bestimmt 50cm lang, werden mit eingelegtem Hühnchen bestückt und auf das Feuer gelegt. Oh je, bitte kein Essen mehr. Wir sind noch so satt von der Pasta. Und dem Meloneneis. Aber keine Gnade, Roland bekommt einen Spieß mit Reis und einer Joghurt-Auberginen-Knoblauch-Soße, die es in sich hat. Joghurt und Aubergine kann man nur erahnen, der Knoblauch hat unbestritten die Oberhand in diesem Gemisch. Ich esse einen Berg Reis mit der Soße und hoffe, dass damit wenigstens den Mücken der Appetit auf mein Blut vergeht. Nach ein paar netten Gesprächen gehen wir wieder zu uns, wir sind müde und wollen schlafen.

Leider ist bis kurz nach 1 Uhr an Schlaf nicht zu denken, denn Bauarbeiter reparieren irgendwas an den Laternen, ein Laster steht keine 10m weg von unserem Zelt und läuft ununterbrochen und die Arbeiter schreien sich die ganze Zeit irgendwas zu. Die Iraner schlafen also nicht nur lang, sondern sie arbeiten auch bis spät in die Nacht. Irgendwann ist der Lärm vorbei und wir können endlich einschlafen.

Persepolis – die Stadt der Perser

Ich wach auf und mein Auge ist stärker zugeschwollen als gestern. Sieht doch wieder super aus, meint Roland. „Wie bitte? Setz doch bitte deine Brille auf, Baby.“ Oh ja, sagt er kurz darauf kleinlaut. Naja du hast ja ne große Sonnenbrille dabei…
Wir steigen 111 Stufen empor und betreten durch das „Tor aller Völker“ Persepolis. Zu meiner Überraschung bietet mir eine Dame eine Virtual Reality Brille an. Krasser könnten die Gegensätze nicht sein. Links 2.500 Jahre alte, 7m hohe Stier-Statuen und in meiner Hand halte ich die vermeintliche Zukunft. Ich werfe einen kurzen Blick durch die Brille. Die Auflösung könnte besser sein und die Statuen vom „Tor aller Völker“ sind bunt angemalt. So möchte ich die Geschichte der Perser nicht erleben und gebe die Brille an die nette Dame zurück.

Persepolis – altgriechisch für die Stadt der Perser – ist ein 455×300 m großer Komplex aus mehreren Tempeln, Grabstätten und Gebäuden, die unterschiedlich gut erhalten und restauriert sind. Der größte Tempel, der Apadana-Tempel, misst 12.544 m². Die Reliefs an der Treppe sind wunderbar detailgetreu gearbeitet und dank unseres Reiseführers können wir die unterschiedlichen Figuren genau erkennen: Die Baktrier mit Bechern, Schalen und Kamel, die Assyrer tragen Schale, Felle, Tücher und werden von 2 Widdern begleitet, außerdem sind Elamer, Lyder, Armenier usw. in den Stein eingearbeitet.

Drei Stunden laufen wir durch Persepolis, bevor wir unsere Bikes beladen und weiter nordöstlich Richtung Yazd fahren. Die Landschaft wird immer wüstiger, es gibt nur noch vereinzelt Grün. Dafür viel Steine und eben Sand. Hier knacken wir die 8.000 km. Was für ein Wahnsinn, dass wir diese Entfernung in knapp 4 Wochen runtergespult haben.

Mittlerweile verläuft die Straße relativ gerade und wir fahren direkt auf ein Gebirge zu, das so gut wie die gesamte Breite des Horizonts einnimmt. Es ist das Shirkuh-Gebirge, das zusammen mit dem Kahranaq-Gebirge die Stadt Yazd einrahmt. Fühlt sich an wie Innsbruck, als wir aus dem Gebirge in die Stadt eintauchen. Nur wärmer und mit Palmen.

Das erste Hostel ist leider nichts, schmutzig und zu teuer sagt Roland. Wir fahren zu einem kleinen Hotel, dem Silk Road Hotel, das mitten im Zentrum in einem der traditionellen Häuser untergebracht ist. Draußen begrüßt mich die „Veg Food“-Leuchtreklame und das Zimmer kostet nur 1,4 Mio Rial. Perfekt! Aber das eigentliche Highlight ist der riesige, überdachte Patio, der liebevoll eingerichtet ist mit einem Springbrunne, den typischen, tiefen Sitzpodesten, die mit Teppich ausgelegt sind, viel Dekor und Pflanzen. Es gibt eine Station mit mehreren Sorten Tee, Kamel-Gulasch zum Abendessen und man hört orientalische Musik. Hier bleiben wir zwei Nächte.

18 Uhr. 40° Celsius.

Der Tag beginnt, wie der gestrige geendet hat. Mit Blick auf die Festung. Der Wecker klingelt um 5:45 Uhr, wir wollen den Sonnenaufgang nicht verpassen. Es ist immer noch sehr frisch, sogar das Wasser in unseren Trinkflaschen ist wieder kalt. Nach dem Sonnenaufgangsspektakel legen wir uns nochmal kurz ins Zelt – wir sind eigentlich beide keine Frühaufsteher.

Gegen 9 Uhr frühstücken wir, es gibt Porridge mit Aprikosen und Kaffee aus der Bialetti. Mit jeder Minute wird es wärmer, aber nachdem unser Platz hier oben nicht einsehbar ist, laufe ich ungeniert und gegen alle iranischen Kleidervorschriften für Frauen in meinem Seidentop (Seide kühlt!), kurzer Hose und Flip Flops durch die Wiese.

Wir packen zusammen und fahren runter zum Parkplatz und den Waschanlagen, um unser Geschirr abzuspülen. Der Parkplatz hat sich inzwischen gut mit Autos gefüllt, es ist Freitag, für Iraner aber Sonntag und den einzig freien Tag nutzen sie oft für einen Ausflug mit der Familie. Interessanter als die Festung scheinen allerdings wir zu sein. Sofort hat sich wieder eine Traube Menschen um uns gebildet, es werden die üblichen Fragen gestellt und Selfies gemacht.

Unsere heutige Route führt uns weiter Richtung Süden, über Sanandaj nach Kermanshah durch die Provinz Kurdistan. Die Strecke ist anfangs sehr schön, sie führt durch das Zagros-Gebirge vorbei an türkisblauen Seen und durch goldgelbe Weizenfelder. Heute knacken wir die 6.000 km und ab jetzt bis 10.000 km mache ich die Beweisfotos.

Plötzlich ruft Roland: „Schildi, da ist eine Schildi auf dem Mittelstreifen.“ Ich bremse und komme direkt hinter hier zum Stehen, stelle mein Bike quasi in der Mitte der Fahrbahn ab. Die kleine Schildi krabbelt munter weiter Richtung Gegenverkehr. Ich springe ab, nehme sie hoch und trag sie zwischen den Autos auf die andere Straßenseite. Vorbeifahrende Lkw-Fahrer hupen und grüßen.

100 km vor Kermanshah wird der Himmel immer diesiger, irgendwann sind die Sonne und die umliegenden Berge hinter dickem Smog verschwunden. Immer mehr Lkws sind auf der Straße unterwegs und so kommen wir nur mühsam voran. Ständig müssen wir sie auf kurviger Strecke überholen.

Am späten Nachmittag halten wir an einem kleinen Imbiss an und essen eine Kleinigkeit. Ich bestelle anschließend noch einen Tee und bekomme ihn auf kurdische Art serviert. Ein kleines Glas wird auf einen tiefen Unterteller gestellt und es wird so viel Tee hinein geschüttet, dass er über das Glas in den Teller fließt. Man gießt dann selbst nach und nach den Tee aus dem Glas in den Teller, steckt sich ein Stück Würfelzucker in den Mund und schlürft den Tee. Lecker.

Kurz vor Kermanshah werden wir vom Militär kontrolliert. Nachdem sie unsere Reisepässe kopiert und irgendetwas notiert haben, dürfen wir nach 20 Minuten Warten endlich weiterfahren. Zu allem Überfluss zeigt das Thermometer auch noch 40°C – um 18 Uhr abends. Erschöpft erreichen wir um 20 Uhr unser Hotel. Ich finde gerade noch genug Kraft, unsere Wäsche zu waschen, Roland spannt wie immer die Leine quer durchs Zimmer und wir gehen schlafen.