Griechischer Wein in den griechischen Bergen

Irgendwann musste meine riesen Dose Kettenspray ja leer sein, nachdem Roland mich spätestens alle 1.000 km daran erinnert, die Kette zu schmieren. Also muss ich mir heute eine neue besorgen und Roland möchte kurz beim BMW Händler vorbeischauen, da eine Befestigung vom Helmvisier ausgerissen ist und er das Visier so festkleben musste, dass es immer geschlossen ist. Was auf Dauer echt unangenehm und stickig ist.

Wir packen unsere Bikes und fahren zuerst zu einem kleinen Mopedladen direkt beim Hostel ums Eck. Es ist ein Familienbetrieb und während die Tochter im Lager nach dem Spray sucht, unterhalte ich mich mit der Mutter und ihrem Sohn. Sie haben Verwandte in Dachau und als ich ihnen erzähle, wo Roland und ich überall unterwegs waren bevor wir jetzt wieder nach München fahren, sind sie total begeistert. So sehr, dass sie mir das Kettenspray schenken.

Der Besuch beim BMW Händler ist leider weniger erfolgreich, das Ersatzteil für das Visier müsste man bestellen. Dauert ein paar Tage. Meine Idee, das Teil von einem Ausstellungsstück zu nehmen, findet der Mitarbeiter nicht gut. Dann müssten wir schon den ganzen Helm kaufen meint er. Scherzkeks. Also bleibt Rolands Visier erstmal zu.

Wir sehen uns noch ein bisschen im Showroom um, ich setze mich auf die G310GS – hoppla ist die hoch. Grad mal mit den Zehenspitzen komm ich runter. Roland dagegen passt ganz gut drauf, wie ich finde.

Wie gestern hat Roland auch heute wieder „Mautstraßen vermeiden“ ins Navi eingegeben und so fahren wir abwechselnd auf der Schnellstraße oder die kostenfreie, kleinere Umgehungsstraße. Das geht für einige Zeit so, bis Roland kurz nach Kozani einen Abzweig zu einer wunderbaren Bergstrecke entdeckt und so programmiert er kurzerhand die Route um. Auch wenn das bedeutet, dass wir einen Umweg fahren und unser Tagesziel heute nicht erreichen. Aber man muss die Kurvenfeste eben feiern, wie sie fallen. Und es lohnt sich wirklich! Die Straße 20 führt uns auf bestem Asphalt in die Berge durch eine wunderbare Landschaft. Eine Kurve folgt auf die nächste und da wir quasi alleine auf der Straße sind haben wir doppelt Spaß. Wir finden sogar Zeit für ein kleines Shooting an den blau-weißen Curbs. Roland lässt die nineT fliegen und alles, was an den Bags hängt, schleift über den Asphalt. Zum Sonnenuntergang erreichen wir das Bergdorf Konitsa nahe der albanischen Grenze und finden ein Zimmer in einer Pension etwas oberhalb mit Ausblick auf das Dorf. Zum Abendessen gibt es natürlich griechischen Salat, Bifteki und den guten Malamatina Wein.

Zurück in Europa

Gestern waren es knapp 500 km und heute wird es auch nicht weniger sein, da wir es bis nach Thessaloniki schaffen möchten. Slowtravel geht definitiv anders.

Die Fährüberfahrt von Canakkale auf den europäischen Kontinent geht zügig und kostet keine 1,50€ pro Person. Wehmütig stehe ich an Deck und blicke zurück nach Asien. Es liegen noch ein paar tausend Kilometer Reise vor uns und ich freue mich auch auf daheim. Trotzdem hätte ich nichts dagegen, wenn wir die nächste Fähre zurück nehmen und wieder Richtung Kirgisistan starten. Ernsthaft, ich würde sofort umdrehen und jeden Kilometer nochmal fahren, wenn ich das nötige Kleingeld hätte. Hab ich aber nicht und so verlassen wir die Fähre in Richtung Griechenland.

Der Grenzübergang ist schnell erledigt, der Grenzbeamte winkt uns zwar kurz  raus, aber der Mann im Auto hinter uns spricht Deutsch und Türkisch und vermittelt. Wie lange wir hier waren, und ob wir Verwandte in der Türkei haben, will er wissen. „Ein paar Tage“ und „Nein“ antworten wir und dürfen weiter. Der griechische Beamte sieht unseren deutschen Pass und winkt uns direkt durch.

Europa empfängt uns mit Mautgebühren und Benzin für 1,60 €. Die Mautgebühren umgehen wir, indem wir sofort von der Autobahn runterfahren. Aber tanken müssen wir, da gibt es keine Alternative. 49 € zahlen wir für 2 volle Tanks. Im Iran hätte uns das keine 4 € gekostet. Es ist zum Heulen.

In Thessaloniki finden wir ein günstiges Hostel direkt in der Stadt. Da es keinen sicheren Parkplatz gibt und die Managerin meint, es wird hier viel geklaut, nehmen wir alle Taschen ab und Roland sperrt unsere Bikes außerdem mit der Kette zusammen. Zum Abendessen hat Roland Fisch und ich Salat wie so oft auf der Reise – manche Dinge ändern sich eben auch in Europa nicht.

Man spricht Deutsch

Es ist erst kurz nach 9 Uhr, aber trotzdem bereits sehr warm und deswegen springen wir noch vor dem Frühstück ins Meer. Und wir sind nicht die einzigen, es liegen bereits einige Menschen am Strand.

Wie immer in der Türkei ist das Frühstück ein Gedicht. Es gibt Omlett, verschiedene Käse, Oliven, Honig, Tomaten und Gurken und natürlich frisches Brot. Gut gestärkt beladen wir die Bikes. Wir möchten heute so weit wie möglich an der Küste entlang fahren, in der Hoffnung, dass es eine schöne Strecke mit viel Kurven und Meerblick wird. Und wir werden nicht enttäuscht. Die Straße verläuft bis auf ein paar Kilometer immer am Meer, zu meiner Überraschung befinden sich rechts und links Bananen-Plantagen so weit das Auge reicht. Ich wusste ehrlich gesagt nicht, dass hier Bananen angebaut werden. Immer wieder hängen sie Staudenweise in den kleinen Buden am Straßenrand. Wir halten an, ich kaufe für 3 Lira 8 kleine Bananen, die wir sofort vernaschen, so lecker sind sie.

Kurz vor 16 Uhr biegen wir von der Hauptstraße ab Richtung Meer und fahren eine kleine Serpentine durch eine Bananen-Plantage. Roland hatte im Internet von einer Bucht gelesen, die wir auch finden, aber da man vom Parkplatz aus noch 30 Minuten zu Fuß hinunterlaufen müsste, verzichten wir darauf. Nicht weil wir faul sind, sondern weil wir heute noch ein paar Kilometer machen möchten.

Wir fahren also weiter an der Küste Richtung Westen, bis es dunkel wird und wir müde. Leider passiert das in Side. Dem schlimmsten Ort in der Türkei. Am Ortseingang wimmelt es von Touristen und Taxen. Wir drehen sofort wieder um. Glücklicherweise finden wir einen kleinen Campingplatz in der Nähe der Altstadt. Wir dürfen unser Zelt direkt neben einer alten römischen Ruine aufstellen und gehen Essen in der Fußgängerzone, die direkt zum Meer führt. Hier findet man ein Restaurant neben dem anderen, dazwischen einen Supermarkt, einen mehr als seltsamen Dessous-Laden und mehrere Friseure/Schöhnheitsalons/Tattoo- und Piercingstudios – alles in einem Geschäft. Ich kann es nicht glauben, was ich hier sehe. Einer Kundin werden auf dem Gehsteig die Haare geföhnt, die andere im Laden bekommt ein Tattoo und die daneben einen neuen Haarschnitt. Und die Damen draußen warten vermutlich auf ihren Maniküre-Termin. „Roland, lass uns schnell was essen, Bier einkaufen und dann zurück auf den Campingplatz gehen. Das ist ja unfassbar hier.“ Ein Kellner fängt uns draußen an der bebilderten Speisekarte vor seinem Restaurant ab. „Wir haben auch Wiener Schnitzel.“ sagt er in perfektem Deutsch. „Nein danke, wir möchten was Lokales.“ antworten wir. Hat er auch, erwidert der Kellner. Da die Preise für einen solchen Touristenort ok sind und es eigentlich ganz nett aussieht, gehen wir rein. Was soll ich sagen… An jedem Tisch sitzen Touristen, meistens Frauen mit schlecht blondierten Kurzhaarfrisuren in viel zu engen Kleidern, die Männer tragen Halbglatze, beige Shorts, graue Socken und braune Sandalen. Im Flatscreen über der Bar läuft Dortmund gegen Frankfurt. Drei Jungs sehen sich das Spiel an, einer trägt ein Reus Trikot. Der Kellner wünscht den Gästen am Tisch neben uns, die gerade gezahlt haben, einen guten Heimflug. Sie antworten: Danke, bis nächstes Jahr. Ich bestelle einen Cocktail, um mich zu beruhigen und dann einen zweiten. Hilft aber nix. Wenigstens schmeckt das Essen gut und nach einem kurzen Stopp im Supermarkt gehen wir auf unseren Campingplatz und trinken unser Bier im Mondschein ohne Touristen mit frischem Permanent-Make-up im Gesicht.

Zicki muss in die Werkstatt

Roland hat extra für die Reise eine Anker Jumpstart gekauft, eine kompakte Powerbank, mit der man Autos und Motorräder fremdstarten kann. Nach dem Frühstück nehme ich Zickis Sitzbank und die vordere Verkleidung ab, damit wir an die Batterie kommen und tatsächlich, mit Hilfe der Jumpstart springt mein Bike wieder an. Das blöde ist nur, dass das Bike die ganze Zeit laufen muss, während ich sie wieder zusammenbaue und aufpacke. Aber zuerst wollen wir uns ohnehin Shatili und die Nekropolis ansehen und fahren zu zweit mit Rolands nineT los.

Die Nekropolis ist ein kleines Dorf, das aus ein paar Steinhäusern besteht, die eigentlich Gräber sind. Im 19. Jahrhundert ist in dem Dorf eine unheilbare Krankheit ausgebrochen und anstatt andere Menschen damit anzustecken, haben die Bewohner beschlossen, dass sie alle in ihrem Dorf bleiben und gemeinsam auf den Tod warten. So ist einer nach dem anderen hier gestorben, bis auf einen 12-jährigen Jungen, der als Hirte den Sommer über woanders war. Man kann durch die Fenster in die kleinen Häuschen sehen. Überall liegen Knochen, ich erkenne Rippen und Schädel. Sehr unheimlich.

Danach laufen wir durch das Wehrdorf Shatili das wunderbar erhalten ist. Man erkennt deutlich die einzelnen Etagen und Räume der Türme, die Öffnungen unter den Fenstern für die Geschütze und über manchen Türen findet man uralte Schriftzeichen. Alle Türme waren mit Gängen verbunden, so dass die Bewohner bei Angriffen ungesehen von Turm zu Turm fliehen konnten.

Zurück im Guesthouse werfen wir Zicki mit der Jumpstart an, ich baue Verkleidung und Sitzbank hin und packe die Taschen auf. Gerade als ich den Helm aufziehe, geht die blöde Kuh aus. Oh Mann. Ich hab keine Lust, alles noch mal von vorne ab- und aufzupacken. Also versuchen wir es mit Anschieben, da hier leider kein Hügel in der Nähe ist. Beim 4. Mal klappt es und ich ziehe ordentlich am Gas, damit sie nicht wieder ausgeht.

Wir müssen den gleichen Weg zurück fahren und bis zur Passhöhe darf ich Zicki nicht abwürgen. Eigentlich wollten wir heute nach Omalo in den Tusheti Nationalpark und eine der anspruchvollsten Straßen in Georgien fahren, aber wegen Zickis Zickereien geht’s direkt nach Tbilisi in die Werkstatt. Es gibt laut Google zwei, Bikeland und PitStop. Wir fahren zu Bikeland und Dimitri und sein Mechaniker Sergiu sehen sich Zicki sofort an. Währenddessen lässt Roland seinen Hinterreifen wechseln. Jawohl, nach 22.000 km muss der Heidenau K60 gehen und der Diablo Rosso kommt drauf – der Reifen, den Roland vor 15.000 km im Iran gekauft und seitdem jeden Tag ab- und wieder aufgepackt hat. Wenn wir gewusst hätten, dass der Heidenau so lange hält, hätten wir hier bei Bikeland einen vernünftigen Offroad Reifen gekauft. Aber so fährt Roland jetzt eben einen Hinterreifen, der normalerweise auf einem Supersportler drauf ist.

Inzwischen scheint Sergiu das Problem bei Zicki gefunden zu haben. Eine Phase der Lichtmaschine funktioniert nicht mehr. Sie können die Lichtmaschine neu wickeln, das dauert aber 1 bis 2 Tage. Gut, dann suchen wir uns jetzt eine Unterkunft in Tbilisi. Ein anderer Kunde, sein Name ist Buba, spricht uns an. Er lässt an seiner Sportster die Bremsbeläge wechseln und nach fünf Minuten Konversation bietet er uns das Apartment seiner Eltern an, die gerade nicht in Tbilisi sind. Wow, wir sind sprachlos und nehmen das Angebot sehr gern an.

Das Apartment liegt 5 Fahrminuten von Bikeland entfernt. Ich nehme ein Taxi, die beiden Jungs fahren mit den Bikes hinterher. Wir erreichen eine Plattenbausiedlung aus der Sowjet-Zeit. Die Fassade des Hauses ist herunterkommen, das Treppenhaus düster, zugemüllt und riecht muffelig. Buba drückt den Knopf für den Aufzug, es kracht ordentlich und als er die Tür mit aller Kraft aufdrückt meint er freudig: „Cool, the elevator works“. Aber nicht für mich. Ich schleppe lieber meine Taschen in den 6. Stock als mit diesem unberechenbaren Monster zu fahren.

Das Apartment ist ein Traum. Groß und modern, mit allen Annehmlichkeiten. Seine Eltern wohnen ein paar Stunden von Tbilisi entfernt und benutzen das Apaprtment nur, wenn sie zu Besuch sind. Wir verräumen unser Gepäck und ziehen uns schnell um. Buba möchte mit uns Essen gehen. Im Restaurant bestellt er landestypische vegetarische Gerichte für mich und Khinkali und Chatchapuli für sich und Roland. Und jetzt erfahren wir auch, wie man die Teigtaschen Khinkali richtig isst: Man beißt eine Ecke ab, trinkt den Fleischsaft und isst erst dann die Teigtasche selbst. Roland schmeckt es vorzüglich. Das Restaurant sieht unglaublich edel aus, in der Ecke steht ein Piano und die Kellner tragen zum Teil Frack und Fliege. Der Tisch biegt sich unter dem Essen und ich hab zudem eine Flasche georgischen Weißwein bestellt. Trotzdem bezahlen wir für alles zusammen inklusive ordentlich Trinkgeld keine 40€. Roland meint, in Tbilisi können wir gern länger bleiben.

Nichts geht mehr in Shatili

Auch wenn wir am liebsten noch länger in Passanauri bleiben möchten, die Uhr tickt und wir haben nur noch gute drei Wochen, bis wir wieder daheim sein müssen. Außerdem warten weitere tolle Orte in Georgien auf uns, Shatili, Omalo, Tbilisi, Ushguli und Batumi wollen wir anfahren.

Für das Frühstück fehlt nur noch Milch, die es aber leider nicht im kleinen Laden direkt ums Eck gibt. Daher gehe ich nun mit Lika und ihren Kids sowie ihrer Freundin Mary von Haus zu Haus, um nach frischer Milch zu fragen. Quasi jeder hier in der Straße hat eine oder mehrere Kühe, allerdings hat niemand Milch. Ist schon zu Käse verarbeitet worden, übersetzt Lika. Sie hat noch einen Liter Milch daheim und möchte mir unbedingt etwas abfüllen. Ein Nein akzeptiert sie nicht.

Nach dem Frühstück packen wir unsere Sachen und gerade als die Bikes fertig beladen sind, beginnt es zu regnen. Also ziehen wir unsere Regenkleidung an und wollen gerade los, als Lika meint, wir müssen noch zu ihr nach Hause kommen. Ihre Mama kocht gerade für uns. Wir sind immer noch satt vom Frühstück aber wen wundert’s, ein Nein akzeptiert sie nicht.

Ihre Mama bereitet Kartopiliani gvezeli zu, so was wie Chatchapuli, also Pizza nur nicht mit Käse gefüllt sondern Kartoffelbrei. Also Kohlehydrate in Kohlehydrate gepackt. Ich esse für mein Leben gern, und es schmeckt lecker aber mehr als zwei Stück schaffe ich einfach nicht. Ich bin voll bis obenhin. Lika schenkt uns einen kleinen Chacha ein und meint, gleich geht’s wieder besser. Wir trinken, und sie hat recht, aber was sage ich, wenn mich die Polizei anhält? Sorry, Ranzen hat gespannt, musste Chacha trinken?

Lika füllt uns noch 1L des selbst gebrannten Chacha in eine Plastikflasche ab und einen halben Liter Tkemali, das ist eine sauer-scharfe Sauce aus Kirschpflaumen, ebenfalls selbst gemacht. Mit Müh und Not schaffe ich es, einen weiteren halben Liter Sauce, Äpfel, Nüsse und die Reste von der Kartoffelpizza abzulehnen. Dafür schenkt mir ihre Mama einen handgestrickten Umgang und erst nach mehrmaligem Danke und „Wir müssen jetzt wirklich los“ dürfen wir gehen.

Bei der Einreise vor zwei Tagen hatten wir einen Flyer bekommen, dass man in Georgien seit März 2018 eine Versicherung für das eigene Fahrzeug abschließen muss. Kostet 20 Lari. Das Büro war am Kazbegi, aber angeblich kann man auch an den Paybox Automaten bezahlen. Diese Automaten stehen an jeder Ecke und viele Georgier bezahlen hier ihre Rechnungen. Handy, Versicherung, Strom, Strafzettel bis hin zu Grabgebühren. Kein Witz. Leider finde ich die Versicherung nicht und so beschließen wir, auf Risiko zu gehen und ohne zu fahren.

Es geht zuerst südlich, ab dem Zhinvali Stausee fahren wir wieder in den Norden, in die Berge und nach ein paar Kilometern wird die Asphaltstraße zu einer schönen Schotterstrecke, die sich in wunderbaren Kurven bis auf über 2.600 m windet. Danach geht’s bergab, weiter in die endlosen Berge hinein. Die Straße wird immer anspruchsvoller, die Landschaft immer spektakulärer.

Mittlerweile sind wir seit vier Stunden unterwegs, es ist Spätnachmittag und es sind noch ein paar Kilometer nach Shatili. Roland duldet nur noch kurze Fotostopps unter einer Minute, er möchte die Strecke heute wieder zurück fahren. Ich schwinge mich wieder in den Sattel, drücke den Startknopf und – nichts passiert. Ich drücke nochmal, aber es macht nur klackklackklack. Das Cockpit leuchtet kurz auf, dann ist alles dunkel. Nein, ich flippe aus. Mein erster Gedanke: die Batterie. Jedes Jahr das gleiche. Das darf doch nicht wahr sein. Zum Glück geht es bergab und ich kann Zicki losrollen und dann anmachen. In Shatili angekommen, springt Zicki trotzdem nicht an, obwohl die Fahrt die Batterie hätte laden müssen. Wir nehmen uns in einem der Gasthäuser ein Zimmer, denn es dämmert bereits und ich hab keine Lust, in diesem Zustand den Pass wieder hochzufahren. Lieber möchte ich morgen in Ruhe auf Fehlersuche gehen. Im Guesthouse ist außer uns eine Familie aus Berlin, mit denen wir uns kurz unterhalten. Sie empfehlen uns, die Nekropolis ein paar Kilometer nach Shatili anzusehen. Zuerst muss aber Zicki wieder laufen.

Buddhismus, Schach und 12 Stühle

Unsere Vorbereitungen auf diese Reise waren ja eher mittelmäßig. Aus mehreren Gründen: Roland bekam erst im Februar die Zusage für sein Sabbatical und ist bis zu unserer Abreise Anfang Juni knietief in Arbeit gesteckt. Er hatte nichtmal ausreichend Zeit, sein Bike in vollem Umfang umzubauen. Ich hab mich seit Anfang des Jahres mit möglichen Routen beschäftigt, aber nach ein paar Wochen Recherche hat mir so der Kopf geraucht, dass ich wieder aufgehört habe. Die vielen Meinungen und teilweise widersprüchlichen Erzählungen anderer Reisende haben mich zu sehr verwirrt.

Roland und ich haben daher beschlossen, uns nur noch auf das Wichtigste zu konzentrieren, wie die Visa oder Notfälle bei uns und den Bikes. Routen und das ganze Drumherum machen wir dann on-the-go. So auch Russland. Statt wie ursprünglich angedacht, auf dem schnellsten Weg nach Georgien zu fahren, waren wir die letzten Tage im Wolga Delta und fahren heute nach Kalmückien, von dem ich bis gestern noch nie etwas gehört hatte. Und zugegeben, zuerst musste ich etwas Schmunzeln, als ich den Namen Kalmückien gelesen habe und vor allem deswegen war mein Interesse geweckt.

Kalmückien ist eine Republik in Russland und ist die einzige buddhistische Nation in Europa. Ursprünglich lebten hier die Nachfahren der alten Mongolen, bis sie im 2. Weltkrieg vertrieben wurden und erst 1956 wieder nach Kalmückien zurückkehren durften. Es dauerte allerdings bis nach dem Ende der Sowjetunion, bis sie ihrem buddhistischen Glauben wieder öffentlich nachgehen durften.

Wir haben uns als Ziel Elista, die Haupdtadt Kalmückiens, ausgesucht. Etwas über 300 km sind es von Astrachan Richtung Westen. Die Straße ist gut, es gibt kaum Verkehr und wir halten nur einmal an, als wir an einem großen Salzsee vorbei fahren.

In Elista checken wir in einem Biker Hotel direkt gegenüber vom buddhistischen Tempel ein, den wir auch gleich als erstes besichtigen. 2005 wurde die sogenannte „Goldene Heimstätte des Buddha Shakyamuni“ eröffnet, nur 1 Jahre nachdem der Dalai Lama das Grundstück selbst ausgewählt hatte. Die gesamte Tempelanlage ist beeindruckend. Rund um den 63m hohen Tempel findet man Gebetstrommeln, Pagoden mit Statuten und einen großen Brunnen.

Im Tempel steht die mit 9 Metern größte Buddha Statue in Europa. Die Statue ist mit Gold überzogen und steht erhöht direkt gegenüber des Eingangs. Daneben Kleidung des Dalai Lama, ein Geschenk an den Tempel, da er selbst wohl seit einigen Jahren aus politischen Gründen nicht mehr nach Russland einreisen darf, erzählt uns ein junger Mann am Eingang. Wie sich herausstellt, spricht er ein bisschen Deutsch, da er im Rahmen seines Landwirtschafts-Studiums an der Universität in Elista für ein Praktikum in Deutschland war. Und zwar auf Demeter und Bioland Höfen in Bayern und bei Hamburg. Ich brech zusammen. Ein Buddhist aus Russland bei Demeter. Deutschland hat ihm sehr gut gefallen meint er. Außer dass er bei der Gast-Familie in Hamburg so wenig Fleisch bekommen hat. Er brauche Fleisch, damit er stark ist.

Er schickt uns noch zu einer weiteren Kuriosität in Elista. Chess City, ein Stadtteil, der in den 90ern unter Kalmückiens Präsident Iljumschinow erbaut wurde. Iljumschinow war nicht nur bis 2010 Präsident Kalmückiens sondern ist seit 20 Jahren Vorsitzender des Weltschachverbands FIDE. Aufgrund seiner Nähe zu diversen Diktatoren wie al Gaddafi und Assad sowie dubiosen Finanzgeschäften stand er lange in der Kritik und diesen Sommer hat die FIDE ihren Vorsitzenden suspendiert. In Chess City findet man hier und da übergroße Schachfiguren zwischen den leerstehenden Gebäuden. Der Platz wirkt ansonsten verlassen und trostlos.

Wir laufen weiter durch die Stadt. An jeder Ecke entdecken wir buddhistische Bauten, Denkmäler und Statuen. Unter anderem eine Statue von Ostap Bender, der Protagonist aus dem Roman „12 Stühle“. Die Statue ließ ebenfalls Iljumschinow bauen, der den Roman wohl ganz toll fand. Den meisten Kalmücken ist ihr ehemaliger Präsident ziemlich unangenehm. weil er mehrmals öffentlich behauptet hat, von Außerirdischen entführt worden zu sein.

Zum Abendrssen suchen wir uns ein Restaurant, das lokale Spezialitäten serviert, die da heißen „Machan Scholtahan“, „Hursn Machn“ und „Böricki“.  Roland bestellt sich einen Mixteller allerdings ohne die ersten beiden Gerichte, da das irgendwas mit Hammelinnereien ist. „Böricki“ sind Teigtaschen und schmecken ihm sehr lecker. Nebenbei spielt die Kellnerin auf einer Art Gitarre, mit 3 Seiten und ja ich würde sagen, sie ist total verstimmt. Aber vermutlich muss sie genauso klingen hier im kuriosen Elista, in Kalmückien.

1kg kirgisischer Honig

Wir haben fantastisch geschlafen und ich freu mich, als ich beim Aufwachen das laute Rauschen des Flusses höre. Wir haben bisher immer super Plätze zum campen gefunden und am liebsten ist es mir natürlich an einem Fluss oder See. Ein Bad morgens im kalten Wasser ist der beste Start in den Tag.

Die Bäume um uns herum bieten gut Schatten, so dass wir uns Zeit lassen mit der Abreise. Es ist ein wunderschöner Tag, heiss und es sieht nicht nach Regen aus. Unser Ziel ist der Toktogul See ganz im Westen von Kirgisistan, je nachdem wie die Strecke beschaffen ist, werden wir eventuell irgendwo auf dem Weg nochmal übernachten müssen.

Anfangs durchfahren wir einen Canyon auf bestem Asphalt. Greifvögel ziehen über uns ihre Kreise und Esel und Pferde kreuzen unseren Weg. Leider müssen wir aufgrund von Straßenbauarbeiten nach 40 km umdrehen, aber der Canyon ist es wert, ihn zweimal zu durchfahren.

Danach nehmen wir eine andere Route und fahren auf Schotter durch ein Tal weiter nördlich. Nachdem wir über eine Stunde weder Auto noch Mensch noch Tier gesehen haben, kommen uns zwei Fahrradfahrer entgegen. Es sind Annabelle und Sascha, die wir in Dushanbe und dann in Osh gesehen hatten. Was für ein Zufall, die Freude ist groß. Ihren kleinen Findelhund Ginny haben sie vor Bishkek bei einer Nomadenfamilie unterbracht. Wir tauschen unsere Erfahrungen der letzten Tage aus und diverse Routentipps, dann fahren wir wieder weiter. Annabelle schreibt ebenfalls einen Blog über ihre Reise mit dem Rad nach Neuseeland. Den Blog findet ihr hier

Der Track führt immer weiter bergauf und in eine nicht enden wollende Bergkette hinein. Um uns herum ist mittlerweile alles grün, die Wiesen und Berghänge. Entsprechend viele Jurten und Herden sehen wir, die Gegend hier ist die perfekte Sommerweide. Sobald Kinder uns hören, rennen sie von der Jurte so schnell sie können Richtung Straße und wollen, dass wir mit der Hand abklatschen. Wenn es klappt, lachen sie laut und hüpfen vor Freude.

Immer wieder durchfahren wir kleine Bergflüsse. Ich liebe Wasserdurchfahrten! Durch eine riesen Pfütze lasse ich allerdings Roland mein Bike fahren. Der Untergrund ist super schlammig und da ich Zicki kaum halten kann wenn sie kippt, gehe ich lieber kein Risiko ein.

Wir haben heute den ganzen Tag noch keinen Minimarkt gesehen. Wo auch! Wir waren immer auf kleinen Tracks in den Bergen unterwegs. Zahlen hätten wir sowieso nur mit Dollar können, da wir absolut blank sind. Kein einziger Som mehr in unserem Geldbeutel. Fürs Abendessen hab ich noch eine Portion Pasta mit Sauce, aber sonst nichts mehr.

Es dämmert als wir durch ein Dorf, das an einem breiten Fluss liegt, fahren, aber leider gibt es hier keinen Shop. Dann fällt das Frühstück morgen eben aus. Wir suchen uns einen Platz auf einem gemähten Stück Wiese ca. 100m nach dem letzten Haus mit Zugang zum Fluss. Unten stehen drei Jungs und angeln.

Gerade als alles aufgebaut und die Pasta fertig ist, besuchen uns die drei Jungs. Mit dem Handy in der Hand und google Translator entsteht eine kleine Unterhaltung, wie wir heißen und woher wir kommen. Roland fragt, ob sie einen Fisch gefangen haben. Der älteste verneint. Sie gehen wieder weg und wir essen fertig.

Kurze Zeit später stehen sie wieder da, der älteste hat ein 1kg Glas Honig in der Hand. Wir hatten heute überall Bienenkästen gesehen. Kein Wunder, die Umgebung hier ist perfekt für Imker und ihre Bienen. Die Wiesen sind voller blühender Wildblumen. Der Junge möchte uns das Glas Honig verkaufen. Für 500 Som. Haben wir leider nicht. Nur Dollar. 10$ sagt er. Oha, den schlechten Wechselkurs kennen wir doch schon vom Zoll. Wir lieben Honig und wollten uns bereits vor ein paar Tagen welchen auf dem Markt kaufen, der war uns aber zu teuer. Ich sage zu Roland, hey wenn die uns morgen Früh Brot bringen, nehmen wir den Honig. Abgemacht. Ich tippe in sein Handy: Bringt ihr uns morgen Früh Brot? Ja, die Antwort. 2 Fladenbrote für 2$. Wucher! Der kleine ist ein dreister Geschäftsmann. Ach egal denke ich mir und sehe es von der positiven Seite: er ist tüchtig und engagiert und wir bekommen Frühstück. Also nehmen wir das Glas und er die 10$. Als letztes tippe ich in sein Handy: Das ist sehr sehr viel Geld, zeige es allen und schaue ihnen tief in die Augen. Alle drei nicken. Erziehungsauftrag erfüllt. Zuletzt schreibt er: Tomorrow 10am there will be food. Und sie gehen wieder. Roland betrachtet das große Glas Honig. Wie sollen wir das nur in unserem übervollen Gepäck unterbringen.

Keine fünf Minuten später stehen die Jungs erneut vor uns und ein älteres Mädchen ist auch dabei. Sie laden uns zu sich nach Hause ein. Es wird kalt Nachts schreibt sie in ihr Handy. Wir antworten, wir haben einen dicken Schlafsack, ich öffne das Zelt und einer der Jungs krabbelt sofort rein und begutachtet Isomatte und Schlafsack. Sie schreibt: Aber es gibt hier auch einen Wolf. Die Jungs heulen dramatisch. Ok, gleich haben sie mich. Jetzt noch eine Vampirgeschichte und ich ziehe um. Roland lacht, lehnt nochmal ab, wir sagen ihnen gute Nacht und hoffen, das war ihr letzter Besuch heute.

Es ist längst Nacht. Wir setzen uns mit unserem Bergquell-Wasser, in dem Roland eine Multivitamin Tablette aufgelöst hat, in die Stühle und sehen in den Sternen-Himmel. Mehrere Sternschnuppen fallen vom Himmel und ich schicke schnell ein paar Wünsche nach oben. Was ich mir gewünscht habe, verrate ich nicht. Sonst geht es ja nicht in Erfüllung.

Tag 5 am Pamir – bis nach Murghab

Ich stehe auf und komme erst mal gar nicht dazu, die atemberaubende Aussicht zu genießen. Ich muss schnell und dringend ein stilles Örtchen finden. Es rumort ganz ordentlich in meinem Magen. Fünf, sechs Mal verschwinde ich hinter einer Düne. Ist das Wasser oder die Glutamat-Pampe von gestern Schuld? Egal. Es ist nicht schön, ich leide.

Roland und Vincent frühstücken, ich belasse es bei einer Tasse schwarzem Tee und kann endlich das Panorama auf mich wirken lassen. Da es gestern bereits dunkel war, als wir ankamen, sehe ich die hohen Berge erst jetzt. Wir befinden uns direkt am Eingang des Wakhan Valley, das größtenteils zu Afghanistan gehört und an dieser Stelle so schmal ist, dass man sogar die 7.000er Pakistans sehen kann. Eine riesige nicht enden wollende Bergkette, mit hohen schneebedeckten Gipfeln. Der Hindukusch. Es ist gigantisch.

Gerade als wir fertig mit Frühstück sind, kommt ein Tadjike auf uns zu. Die Männer begrüßen sich, ich beobachte die Szenerie. Der Tadjike tippt etwas in sein Handy und zeigt es Roland. Roland sagt: „Wow 70 sheep here.“ und nickt anerkennend. Ich korrigiere: „Roland, er will 70 Som von uns. Für das Zelten auf seiner Weide.“ Sowas hätte ich hier niemals erwartet. Aber da wir alle zu müde sind für Diskussionen, geben wir ihm das Geld und er verschwindet wieder.

Kurz drauf treibt ein Teenager seinen Gemischtwarenladen an uns vorbei: Schafe, Ziegen, junge Kälbchen und ein Esel. Insgesamt ca. 20 Tiere, die nun ein Stück von uns entfernt grasen. Der Teenager trägt Jeans, Nike Turnschuhe und hört über seine Kopfhörer bestimmt keine tadjikische Volksmusik. Willkommen am wilden Ende der Welt.

Unser Ziel für heute ist Murghab. Wir fahren das Wakhan Valley entlang – ein landschaftliches Highlight auf dem Pamir Highway. Immer wieder stoppen wir für Fotos. Mein Magen hat sich nach wie vor nicht beruhigt aber beim Fahren bin ich zu konzentriert, um daran zu denken. Nur wenn wir anhalten, muss ich schnell hinter einem Busch verschwinden.

Seit wir in Dushanbe losgefahren sind, haben wir außer den Belgiern und Vincent keine weiteren Biker gesehen. Heute Nachmittag treffen wir auf eine Gruppe von fünf oder sechs Bikern auf kleinen 250ern. Offensichtlich Touristen, sie tragen Motorrad-Kleidung von BMW oder Touratech. Es sind Tagesausflügler ohne Gepäck, wir zählen sie daher nicht zu unseren Begegnungen mit echten Motorrad-Reisenden.

Als wir das Wakhan Valley verlassen, wird aus der Schotterpiste wieder eine Asphalt Straße. Ein bisschen freuen wir uns darüber, mal wieder schneller als 30km/h fahren zu können. Nicht nur die Straße verändert sich, sondern auch die Landschaft. Die Abendsonne lässt die roten Berge um uns herum glühen. Es erinnert ein bisschen an den Grand Canyon. Oder den Mars. Auf jeden Fall ist es anders als alles, was wir bisher gesehen haben.

Kurz vor Murghab passieren wir einen Pamir-Checkpoint. Hier treffen wir auf den esten Europäer. Einen Spanier auf einer 1150 GS, den wir kurz darauf auch im Pamir Hotel wieder sehen. Ihn und zwei Koreaner, die unterwegs auf einer 1200er GS und einer 700GS sind. Die beiden Koreaner fahren bis nach Portugal und zeigen uns beim Abendessen ganz aufgeregt Bilder aus der Mongolei. Es war ziemlich matschig dort, sie sind immer wieder gestürzt und das ständige Aufheben der schweren BMWs war wohl ganz schön anstrgend. Sie machen sich Sorgen, dass es auf der weiteren Strecke ähnlich ist. Wir können sie beruhigen, wir hatten keinen Matsch – nur sehr sehr viele Steine und Schotter.

Roland und ich haben uns im Pamir Hotel ein Doppelzimmer genommen, für 40$ nicht günstig aber ich hatte das Bedürfnis nach einem eigenen Badezimmer. Vincent hat für 5$ einen Schlafplatz in der Jurte vor dem Hotel bekommen. Das Abendessen ist super lecker. Ich esse Reis mit Gemüse, Roland Manti-Suppe und danach Fleisch mit Kartoffeln.

Wir sind keine 10 Minuten zurück im Zimmer, da geht das Licht aus und wir hören auch keinen Generator mehr. Oha. Um 22 Uhr ist hier also der Strom weg. Gut dass wir wenigstens unsere Helm-Kommunikation geladen hatten.

Tag 3 am Pamir

Ich wache auf, weil ich Stimmen höre. Ein Blick aufs Handy. Es ist 7 Uhr. Draußen unterhalten sich mehrere Frauen. Ich öffne das Zelt einen Spalt und sehe drei, nein vier Frauen unter den Bäumen am Boden knien. Sie tragen geblümte Kleider und ein buntes Kopftuch. Neben ihnen am Boden steht jeweils ein Metall-Eimer. Sie sammeln diese weißen Früchte, die ich gestern probiert habe. Oh oh. Wir zelten auf ihrer Ernte.

Ich wecke Roland auf, erzähle ihm was ich gesehen habe. Ihm ist es egal aber ich habe das Gefühl, dass wir die Frauen hier bei der Arbeit stören. Irgendwie fühle ich mich gerade etwas unwohl. Außerdem… Wie sollen wir duschen, wenn sie hier sind?

Als um 8 Uhr der Wecker klingelt, wagen wir uns aus dem Zelt. Die Frauen sind natürlich noch da. Ich mache erstmal Kaffee und wir beschließen abzuwarten, bis sie fertig sind. Wir haben ja keinen Zeitdruck. Als wir gerade unser Frühstück essen (Kekse und das frische Obst), bringt uns eine der vier Frauen ein Stück Brot. Sie fragt: Country? Und wir antworten: Germania. „Oh“ sagt sie, „Michael Schumacher“. Damit habe ich nun wirklich nicht gerechnet. Von Merkel bis Matthäus war schon alles dabei – aber noch nie Schumacher. Und dann ergänzt sie: „Invalid.“ Ja, leider nicke ich. Sie erzählt uns noch, dass die Frucht, die sie sammeln „Tut“ auf tadjikisch heißt – den russischen Namen hab ich vergessen – und dass daraus in der Fabrik Marmelade gemacht wird. (Wie gut man sich doch unterhalten kann, auch wenn man die Sprache des anderen nicht spricht).

Nach einer guten Stunde sind sie tatsächlich fertig, verabschieden sich und gehen mit ihrer Ernte davon. Endlich können wir duschen. Roland fängt an und stellt sich in Badehose unter den Ortlieb Wassersack mit Duschaufsatz (keine Werbung, ich werde hierfür nicht bezahlt. Ich liebe ihn auch so.). Ich hatte extra Travelseife gekauft, die man für alles verwenden kann: Haare und Körper, Wäsche waschen, Zähne putzen, Geschirr abwaschen etc. und eben auch in Flüssen, Seen und Salzwasser. Also auch unter einem Obstbaum, hoffe ich.

Das Wasser reicht genau für uns beide, mit dem zweiten Sack spülen wir unser Frühstücksgeschirr ab und füllen unsere Camelbaks. Dann packen wir unsere Bikes und fahren los.

Nach gut 100 km sind wir in Khorog. Keine schöne Stadt, sie ist laut und voll, es gibt einen „Khorog Fried Chicken“ und viel zu viele Menschen. Es gefällt uns gar nicht, und so kaufen wir hier nur in einem erschreckend gut sortierten Supermarkt ein (es gibt sogar Löwenbräu Bier!!) und fahren weiter in Richtung „Hot Springs“. Der Weg führt von der Hauptstraße hoch in die Berge. Auf einer Offroad Piste fahren wir an einem klaren und breiten Gebirgsfluss entlang. Rechts und links von uns Berge, die von der untergehenden Sonne angestrahlt werden. Das Panorma ist großartig. Fast wie in Tirol meint Roland. Ich entdecke eine Stelle am Fluss mit ein paar Bäumen, etwas entfernt von der Straße. Wir haben unseren Platz für heute Nacht gefunden und lassen die Hot Springs sausen.

Der Fluss ist eiseiseiskalt. Perfekt um unsere Getränke zu kühlen. Wie gestern füllt Roland unseren Duschsack und hängt ihn an den Baum. Zum Abendessen gibt es wieder Spaghetti mit Tomatensauce. Also eigentlich essen wir jedes Mal Pasta, wenn wir campen. Geht schnell, man braucht wenig Geschirr und ich muss nur ein Gericht kochen, das wir beide essen, da ich ja Vegetarierin bin. Roland besteht lediglich darauf, dass die Sauce gut gewürzt ist und so kaufe ich jedes Mal eine frische Zwiebel oder Knoblauch. Chili-Flocken, Oregano und Salz/Pfeffer hab ich auf Reisen sowieso immer dabei. Wir sind Abenteurer aber keine Asketen.

Felgen-Reparatur auf tadjikisch

Nach dem Frühstück fahren wir zum Bike House, das 500m entfernt von unserem Hostel liegt. Aziz, der Mechaniker mit dem wir geschrieben hatten, bearbeitet gerade eine Felge – die zu einer 1200 GS gehört. Die Belgier sind hier. Genau wie ich hat auch Michelle einen Schlag in seiner Felge – Speiche wohlgemerkt.

Nach einer Stunde ist meine Felge dran. Aziz demontiert den Reifen, dann holt er einen uralten Bunsenbrenner heraus und zündet ihn an. Er hält die Flamme direkt an die erste Stelle mit dem Schlag. Abenteuerliche Methode, aber ich habe keine andere Wahl. Ich muss Aziz vertrauen. Nachdem er die Felge ausreichend erhitzt hat, holt er Hammer und ein Hartgummistück und bearbeitet die Stelle so lange, bis die Felge wieder normal aussieht. Das gleiche macht er mit dem kleineren Schlag. Roland hilft ihm und hält die Felge dabei fest. Nach 20 Minuten sind sie fertig und die Felge fast ganz gerade. Zum Schluss ein bisschen Sprühlack drauf und der Reifen wird wieder montiert, aufgepumpt und das Rad eingebaut. 100 Somoni macht die Reparatur, keine 10€. Ich bin erleichtert und froh, dass ich die Reise fortsetzen kann.

Aziz ist nicht nur Mechaniker, er organisiert auch Touren auf dem Pamir Highway und gibt uns viele Tipps zur Route, welche Etappen man an einem Tag schafft, welche Teilstrecken schwierig sind und wo man am besten übernachtet. Wir verabreden uns für heute Abend zum Essen, dann fahren Roland und ich ins Hostel. Da ich auf dem Pamir Highway viel campen möchte und es auch untertags unter 10°C werden kann, packe ich meine Taschen um. Warme Sachen nach oben und Camping Ausrüstung griffbereit. Außerdem bekomme ich meine Tadjikische SIM Karte von MegaFon für 10$. Interessanterweise haben die Karten hier unzählige Freiminuten und 3GB Datenvolumen – wobei die Messenger wie Whatsapp und Facebook frei sind und kein Datenvolumen verbrauchen. Ich bin im Internet-Himmel.

Aziz holt Roland, Philippe und mich um 20 Uhr mit dem Taxi ab und wir fahren in die „Bundes-Bar“. Auf dem Logo der Bar ist der österreichische Bundesadler und es gibt Schnitzel und Pasta. Nach fast 13.000 km Fahrt sind wir der (quasi) Heimat immer noch nicht entkommen. Wenigstens schmeckt das Bier nicht so gut wie daheim, Bierbrauen können halt doch nur die Bayern.