Hallo neues altes Leben.

Es gibt so viel Lesestoff über Weltreisen, aber niemand schreibt ein Buch darüber, wie es sich anfühlt, nach einer längeren Auszeit heimzukehren. Und dann daheim zu bleiben. Also dachte ich mir, ich führe diesen Blog weiter. Als Therapie für mich selbst. Und als Warnung für andere Reisende. Gleich vorweg: Ja, man fällt wirklich in ein Loch! Auf das Hoch während der Reise folgt das Tief Zuhause. Obwohl ich dachte, dass mir das nach nur vier Monaten auf gar keinen Fall passieren wird.

Ich habe keine Sinnkrise. Als ich noch in der Werbung tätig war, hatten viele Kollegen eine sogenannte Sinnkrise. Das gehörte quasi zum guten Ton der Branche. Diese Kollegen wollten nach Jahren voll von Überstunden, unzähligen, abgelehnten Kreativ-Ideen durch den Chef und verschlimmbesserten Layouts und Texten durch Kunden lieber „irgendwas mit Sinn machen“. Etwas Soziales z.B., Obdachlosen helfen oder Straßenhunde auf Teneriffa retten. Die meisten sind dann erstmal für drei Wochen zum Surfen nach Hawaii und haben danach bei einer kleineren Agentur angefangen. In der – so meinten sie – das Arbeitsklima besser ist und man viel freier arbeiten kann. Nein, so eine scheinbare Sinnkrise und Probleme mit meinem Job hatte ich nie. Mir war immer bewusst, dass ich als Kundenberaterin in einer Werbeagentur keine Mutter Theresa bin. Ich war Dienstleister für Marketingmitarbeiter mittelgroßer Unternehmen und Konzerne. Nicht mehr und nicht weniger. Nicht falsch verstehen, der Job hat mir 15 Jahre lang Spaß gemacht und ich habe damit meinen Lebensunterhalt finanziert. Aber sicher keine Karma-Punkte gesammelt.

Darum geht es mir aber auch nicht. Es geht nicht um meinen Job oder mein Karma. Es geht um mich und dass ich meine gesamte Lebenssituation in Frage stelle. Möchte ich wirklich wieder in München leben? In einer 2-Zimmer-Wohnung im Herzen der Stadt? Ich würde das gleiche Leben wie vorher führen. Jeden Tag in die Arbeit gehen, einkaufen, die Bude putzen, Rechnungen bezahlen, an der Isar joggen, meine Familie und Freunde sehen. Immer wenn ich darüber nachdachte, war die Antwort: Nein!

Am liebsten würde ich das alles aufgeben, aussteigen und ein freies Leben führen. Weiterfahren, nur mit den Sachen, die aufs Motorrad passen, ohne Plan wohin und wie lange ich unterwegs bin. Diese leise Stimme wurde in den letzten Wochen vor meiner Heimkehr immer lauter. Obwohl ich noch unterwegs war, mehrere tausend Kilometer von daheim hatte ich Fernweh. Nach 25.000 km auf dem Motorrad hatte ich noch nicht genug. Ich wollte unbedingt weiterziehen. Von Frankreich über Spanien nach Marokko bis nach Südafrika. Warum nicht? Alles was ich dazu brauche, habe ich doch dabei. Das Carnet de Passage für meine Zicki gilt bis Juni 2019 und alle nötigen Visa könnte ich von unterwegs aus organisieren. Bleibt nur ein Problem, das meine romantische Vorstellung vom wilden und freien Leben sofort zu Nichte gemacht hat. Mir fehlen die finanziellen Mittel. Auch wenn wir wirklich sparsam unterwegs waren, ein bisschen Geld braucht man dann doch. Für Benzin, Lebensmittel, Medizin, Ersatzteile, Visa usw. Selbst wenn man auf den Luxus eines festen Wohnsitzes verzichtet, geht es nicht ohne Geld. Zumindest kenne ich keinen anderen Weg. Diese Erkenntnis war ziemlich ernüchternd.

Also musste ich mich mit dem Gedanken anfreunden, dass meine Reise Ende September erstmal vorbei ist und ich nach München zurückkehren werde, um wieder Geld zu verdienen.

Und hier bin ich also. Angekommen in der Realität. Am Tag nach meiner Rückkehr aus Saint Raphael sitze ich nach dem Frühstück bei meinen Eltern im Wohnzimmer über einer Kiste voll Post. Ich hatte in meiner Abwesenheit einen Nachsendeauftrag zu meinen Eltern eingerichtet und jetzt habe ich den Schlamassel. Ich öffne einen Brief nach dem anderen. Es sind Nachrichten von meiner Krankenversicherung und der Bank, diverse Rechnungen, die Ankündigung zum Gaszählerwechsel, mein HD-Programm-Anbieter hat sich umbenannt, eine Wahlbenachrichtigung für die Landtagswahl ist auch dabei und natürlich jede Menge Werbung. Nach einer halben Stunde gebe ich auf mit Blick auf den Papierberg und verkrieche mich wieder in mein Loch. Ich will weg, wie schön war die Zeit ohne Post und Bürokratie. Meine Mama fragt mich, ob sie mir einen Ordner zum Abheften bringen soll. Entsetzt lehne ich ab. Das macht das Ganze noch schlimmer.

Lieber sehe ich mir ein paar Fotos und Videos von der Reise an und schwelge in Erinnerungen. Wir haben so viel schönes Material und sofort bin ich quasi wieder in Tadschikistan. Ich quäle Zicki über die steinigen Passagen am schlammig-grauen Fluss Panj entlang. Auf der anderen Seite liegt Afghanistan. Und da ist sie wieder, diese Sehnsucht. Afghanistan war zum Greifen nah und trotzdem haben wir dieses Land nicht bereist. Genauso wie Pakistan, die Mongolei, Armenien, den Kosovo und viele andere Gebiete, die nicht weit von unserer Route entfernt lagen, aber wir dennoch auslassen mussten. Es gibt so viel zu entdecken. Ich werde wieder reisen. Nur wann steht noch in den Sternen.