Drei Nächte in Osh

Das Unwetter von gestern ist vorüber, heute Morgen scheint wieder die Sonne. Roland und Vincent kümmern sich direkt nach dem Frühstück um die Bikes. Ich hatte mit Roland abgemacht, dass er sich auch um Zicki kümmert und ich einen kleinen Office Tag einlegen darf. Und Wäsche waschen. Im Guesthouse gibt es eine Maschine, die wir nutzen dürfen. Ich wasche alles. 5 Ladungen inkl. unserer Motorrad-Kleidung.

Die Jungs kärchern die Bikes zuerst ordentlich ab, Vincent zerlegt seine GS fast komplett und Roland bringt meine Felge zur Reparatur, die wie sich herausstellt, nicht nur eine Delle sondern auch einen Riss hat, der geschweisst werden musste. Danach geht Roland mit Stas auf Teilesuche. Eine Schraube vom Gepäckträger der nineT ist abgerissen und das Metall-Gehäuse vom Scheinwerfer ist durch vibriert. Letzters kann erstmal nur geklebt werden.

Den ganzen Tag schrauben beide im Innenhof an den Bikes und führen Fachgespräche. Sie haben ihr Werkzeug auf dem Boden ausgebreitet und Vincent hat die Bose Box voll aufgedreht. Es läuft eine bunte Mischung von Tom Petty bis Five Finger Death Punch. Irgendwanm gibts auch das erste Bier. Zwei Ingenieure im Schrauber-Himmel.

Nachmittags checken zwei weitere Deutsche ein. Ein junges Pärchen, Sascha und Annabelle, die mit dem Fahrrad bis nach Australien reisen. Sie haben in Tadjikistan einen kleinen, kranken Welpen aufgesammelt und bei einem Tierarzt versorgen lassen. Und jetzt überlegen sie, ob sie die kleine Jeanny mit auf Tour nehmen oder ob sie eine Familie für sie finden sollen.

Den nächsten Tag nutzen wir für eine kleine Sightseeing Tour durch Osh. Roland möchte unbedingt auf den Basar. Wir laufen durch die Stadt am Fluss entlang und stehen auf einmal in einem Vergnügungspark, der gefühlt aus der Sowjet-Zeit stammt. Als wäre die Zeit still gestanden. Kinder fahren in alten, verrosteten Karussells und essen pinke Zuckerwatte, auf den Schiessbuden ist der junge Rambo zu sehen und dann steht da auf einmal ein echtes, altes Flugzeug von Aeroflot. Mitten im Gebüsch. Ich bin irritiert und begeistert zugleich. Wir geben uns gleich die volle Dröhnung und essen im Park zu Mittag. Lagman, Schaschlick und Salat. Es schmeckt sensationell und da die Preise anscheindend auch aus Sowjet-Zeiten sind, kostet alles zusammen keine 5€.

Auf dem Basar kaufen wir eine Bürste zur Reinigung meiner Kette und noch ein bisschen anderes Krimskrams, danach gehen wir auf den Soleiman Berg. Von hier oben hat man einen herrlichen Blick über die Stadt.

Der Teilemarkt, bei dem Roland gestern eingekauft hat, ist leider geschlossen. Wir gehen auf dem Rückweg zum Guesthouse trotzdem kurz durch die Container-Stadt. Hier gibts alles, meint Roland. Von der Schraube bis zum Autositz. Jeder Container hat sein Spezialgebiet. Wie ein riesengroßer gut sortierter Schrottplatz.

Den letzten Abend verbringen wir bei Stas mit ein paar Bier und besprechen die Route, die wir morgen fahren wollen. Unsere drei Bikes sind repariert, gewartet und bereit für viele abenteuerliche Kilometer in Kirgisistan.

Sonntagsausflug nach Urgut

In unserem Reiseführer steht, dass sich sonntags ein Ausflug auf den Basar nach Urgut lohnt, weil dann die meisten Händler vor Ort sind. Wir nehmen ein Privat-Taxi und zahlen 8€ für 45 Minuten Fahrt, im Sammeltaxi wären es nur 2€ gewesen, worüber sich Roland total ärgert. Auf dem Rückweg sind wir schlauer.

Der Basar ist riesig. Es sollen angeblich 80 Hallen sein, sortiert nach Themen: Haushaltwaren, Frauenkleidung, Schulsachen, Werkzeug usw. Uns interessieren besonders die Stoffhändlerinnen, die sich hinter den Hallen befinden. In Usbekistan kann man sogenannte Suzannis kaufen, das sind Stoffe aus den 50ern oder älter, mit wundervollen Mustern bestickt, die mehrere hundert Dollar kosten können. Die Suzannis hängt man sich an die Wand oder verwendet sie als Tischdecken. Es gibt natürlich auch günstigere, aber kaufen wollen wir ja sowieso nicht. Unsere Motorräder sind beladen genug. Für Souveniers ist kein Platz.

Ein paar Händlerinnen machen gerade Pause und als sie uns sehen, winken sie uns heran und bieten uns Tee an. Schon sitze ich zwischen den lustig schnatternden Frauen, mit ihren bunten Kleidern und goldenen Zähnen. Sie setzen mir Festtagsschmuck auf den Kopf, wie man ihn zu Hochzeit oder Geburtstag trägt. Ich verstehe sie nicht, und sie mich nicht, aber der Daumen nach oben bedeutet wohl, dass ich super damit aussehe.

Nach dem Basar fahren wir mit dem Sammeltaxi zu einem Park, in dem über 1.000 Jahre alte Platanen stehen. Als wir zum Eingang gehen, merkt Roland, dass er seine Brille im Taxi liegen gelassen hat. Das Taxi hatte uns an einem Lebensmittelladen rausgelasen und ich erkläre mit Händen und Füßen dem Verkäufer, was eben passiert ist. Er versteht mich tatsächlich und meint, wir sollen in den Park gehen und wenn wir wieder heraus kommen, ist die Brille da.

Also gehen wir in den Park und die größte und älteste Platane steht gleich am Eingang. Ihre Wurzeln sind so mächtig, dass vor ein paar Hundert Jahren ein 30qm Raum hineingebaut wurde, in dem Kinder unterrichtet wurden. Im Park befindet sich außerdem eine Moschee, ein Mausoleum und eine Quelle mit kleinem Teich. Es heißt, wenn man ganz genau in die Quelle sieht, kann man Allah sehen. Ich sehe ihn leider nicht.

Als wir zurück zum Lebensmittelladen kommen, liegt dort tatsächlich Rolands Etui und darin seine Lesebrille. Die Stärke der Gläser passt schon lange nicht mehr und er hätte auch zwei Ersatzbrillen dabei, trotzdem ist er glücklich, sie wieder zu haben.

Auf dem Rückweg vom Park nehmen wir witzigerweise wieder das gleiche Taxi wie vorhin und es bringt uns zum Sammeltaxi-Stand im Zentrum von Urgut. Auf einer Kreuzung hält der Fahrer an, ein Mann reicht ihm mehrere Bündel 1.000er durchs Fenster, das unserer Fahrer als wäre es ein Stück Brot zwischen sich und Rolands Sitz platziert. Dann fährt er weiter. Kurz darauf hält er wieder an und ein weiterer Fahrgast steigt ein, der ein paar hundert Meter wieder aussteigt.

Das nächste Taxi, das uns ein Stück mitnehmen soll, ist bereits voll besetzt – zumindest sehe ich das so. Auf der Rückbank sitzt eine Mutter mit zwei Jungs und Schulranzen auf dem Rücken. Ich soll einsteigen, zögere aber kurz. Zu viert hinten sitzen? Als ich die Tür öffne, setzt sich der eine Junge wie selbstverständlich auf den Schoß des anderen. Angeschnallt wird hier sowieso nicht und so rasen wir zu sechst in einem alten Renault Richtung Samarkand.

Auf halber Strecke müssen wir noch einmal das Taxi wechseln, dieses Mal steigen wir in einen dieser Mini-Busse ein, der immer wieder anhält, Leute steigen aus und andere ein. Auf dem Bus steht kein Schild (zumindest sehe ich keines) und ich frage mich, woher die Leute am Straßenrand wissen, wo der Bus hinfährt. Aber vermutlich gibt es zwischen Urgut und Samarkand keine anderen Ortschaften, in die man fahren kann oder möchte.

Die Oasenstadt Samarkand

Von Buchara nach Samarkand sind es nur 250 km. Sowas fahre ich mittlerweile im Schlaf.

Wir erreichen nachmittags das Minora Guesthouse. Es liegt 5 Minuten zu Fuß vom Registan entfernt – Samarkands wichtigster Sehenswürdigkeit – und hat einen sehr schönen Innenhof. Ansonsten ist es eher mittelmäßig, die Zimmer sind alt und abgewohnt, das Wifi geht nicht (Drama Drama) und aus der Dusche kommen nur ein paar Tropfen. Für 32$ überteuert, finden wir. Campen aber geht direkt in Samarkand leider nicht. Egal, wir sind hier um die Stadt zu sehen, ärgern uns nicht weiter und starten nach dem Check-in unsere Sightseeing Tour. Mal wieder eine Moschee und ein Basar, hier kaufen wir Walnüsse, gebrannte Mandeln mit Sesam und trinken einen frischen Brombeersaft.

Anschließend essen wir im Labi Chor, einem Restaurant direkt neben dem Registan. Roland hat Manti, gefüllte Teigtaschen und ich eine Nudelsuppe mit viel Gemüse (aus der vermutlich vorher die Fleischstückchen heraus gefischt wurden, aber das ist mir egal). Dazu zwei Bier und wir liegen satt und zufrieden auf dem Sitzpodest.

Auf dem Rückweg laufen wir am wundervoll beleuchteten Registan vorbei. Von einer Terrasse aus hat man einen tollen Blick auf den Platz und unzählige Touristen machen hier Selfies. Es ist Samstagabend und wie wir es bereits aus anderen Städten Zentralasiens kennen, sind viele Familien mit Kindern unterwegs. Die kleinen Kinder fahren in den blinkenden und lärmenden Elektroautos durch die Fußgängerzone, die größeren Kids fahren Rad oder Rollschuh. Es werden gegrillte Maiskolben, frisches Fladenbrot und in große Rechtecke geschnittene Zuckerwatte verkauft, die silbernen Tabletts von geschäftigen Teenager-Jungs durch die Menschenmenge jongliert wird.

Zurück im Guesthouse spricht uns ein anderer Gast auf Deutsch an. Er heißt Khalid, ist aus Masser-e Sharif, Afghanistan, und mit seiner Familie hier, d.h. seinen Eltern und seinen vier Geschwistern. Vor vier Jahren ist er als Teenager mit einem seiner Brüder zu Fuß aus Afghanistan nach Deutschland geflohen. Beide leben inzwischen in Bremen. Khalid macht eine Ausbildung zum Betonbauer, sein Bruder geht aufs Gymnasium und macht bald Abitur. Da sie nicht mehr in ihre Heimat einreisen dürfen, haben sie ihre Familie nach vier Jahren das erste Mal wieder hier in Samarkand getroffen. Ich frage nicht weiter nach Details ihrer Flucht – ich erkenne an seinem Verhalten, dass er nicht darüber sprechen möchte. Wichtig ist, dass beide am Leben sind, sich wohl fühlen in Deutschland und dort eine Zukunft gefunden haben. Insgesamt hat die Familie vier Wochen in Samarkand verbracht, bevor die beiden Jungs in zwei Tagen wieder nach Deutschland fliegen. Bis sie sich wiedersehen, werden wieder ein paar Jahre vergehen.

Von Tajikistan aus, wo wir in 2 Tagen sein werden, kann man nach Afghanistan einreisen. Wir hatten uns das kurz überlegt. Die Versuchung ist groß, wenn man quasi direkt ums Eck ist. Das Visum ist teuer, 250$ so weit ich weiß, und Khalids Vater rät uns dringend davon ab. Die aktuelle Regierung ist zu schwach, den Norden und Süden zu vereinen und daher „regieren“ mehr oder weniger die Stämme in Afghanistan. Der Norden möchte sich gern abspalten, was dem südlichen Teil Afghanistans nicht gefällt. Deswegen ist der IS momentan wieder sehr aktiv, sagt er. Zu der Zeit wussten wir noch nicht, wie recht er damit hat.

Die Terrassen Badab-e Surt

Es hilft nichts, wir müssen ein Stück auf der Hauptstraße am Kaspischen Meer entlang bevor wir nach einer knappen Stunde bei Sari Richtung Berge abbiegen. Die Strecke, die Roland ausgesucht hat, ist ein Traum. Wir durchqueren wieder ein Gebirge auf perfektem Asphalt. Damghan ist heute unser Ziel, vorher möchten wir uns die Badab-e Surt Terrassen ansehen. Die terrassenförmigen Mineralquellen liegen etwas erhöht und sind nur über einen Offroad-Track erreichbar. In unserem Reiseführer steht, man muss die letzten 1,5km zu Fuß gehen und als wir an der Abzweigung stehen, kommen uns tatsächlich Fußgänger entgegen.

Die Straße ist steil, sandig und von Schlaglöchern durchzogen. Trotzdem fahren wir hoch. Roland fährt los und ich mit Schwung hinterher. Was ich nicht bedacht habe: Roland wirbelt so viel Sand und Staub auf, dass ich nach ein paar Sekunden nichts mehr sehe und anstatt anzuhalten, gebe ich Gas. Ich spüre, wie ich mehrmals mit Zicki mit voller Wucht auf dem Boden aufsetze, dann verliere ich die Kontrolle und stürze. Als sich die Staubwolke legt, sehe ich, dass ich mit einem Affenzahn über mehrere Buckel gefahren bin. Schön blöd. Roland hilft mir beim Aufstellen und jetzt fahre ich vor. Langsam und vorsichtig.
Es ist bereits später Nachmittag und die Sonne taucht die Landschaft in ein fantastisches Licht. Die Terrassen schimmern in verschiedenen Rottönen, die Berge rundherum gelb-orange und der Himmel ist Knallblau. Was für ein Farbenspiel.
Auf dem Weg nach unten habe ich Mühe, nicht zu schnell zu werden, das viele Gewicht schiebt Zicki und mich ganz schön nach unten. Wir schaffen es ohne Sturz nach unten und fahren weitere 20km auf einer schönen Offroad-Strecke, die sich am Berg entlang windet zurück zur Hauptstraße und von dort weiter Richtung Süd-Osten. Bis Damghan sind wir umringt von Bergen. Diese Route war ein wichtiger Teil der Seidenstraße und ich kann nur hoffen, dass die Menschen damals den Anblick der Berge genauso genießen konnten, wie ich jetzt.

Die letzten Tage im Iran machen es einem wirklich sehr schwer, weiter zu reisen. Aber in zwei Tagen, am 13.7., beginnt unser 5-tägiges Transitvisum für Turkmenistan. Einziges Problem: Wir haben es noch nicht. Beantragt im Mai, hat die Genehmigung bis letzte Woche gedauert. Wir haben dafür extra einen Zweitpass beantragt und die Visa-Agentur hat den Pass inklusive Visum vor ein paar Tagen per Express nach Mashhad geschickt und ich prüfe jeden Abend den Sendungsstatus. Aktuell ist es in Dubai. In unserer Unterkunft in Damghan treffen wir ein Paar aus Frankreich, die auf einer GS die gleiche Tour fahren wie wir. Allerdings in der Hälfte der Zeit. Und sie haben das gleiche Problem, warten auch seit Wochen auf ihr Visum. So richtig Vorfreude auf dieses komplizierte Turkmenistan kommt bei uns noch nicht auf.

Tehran, du schaffst mich.

Warum Tehran? Wir wollen dort gar nicht hin, auf keinen Fall in die Großstadt. Warum Tehran trotzdem heute unser Ziel ist: Roland hatte Sorgen, dass ihm sein Hinterreifen nicht bis zum Pamir Highway in Tadschikistan hält und so haben wir die letzten Tage versucht, einen Reifen irgendwo zwischen Iran und Tadschikistan aufzutreiben. Was vor allem im Iran schwierig ist, da es hier gar keine großen Motorräder gibt. Maximal 200ccm sind erlaubt, größere Bikes sind verboten und Frauen dürfen hier übrigens gar nicht Motorrad fahren. Touristinnen schon. Das nur nebenbei. Roland ist es also gelungen, über zwölf Ecken einen Reifen – wenn auch mit Straßenprofil – zu organisieren. Und den müssen wir heute abholen.

Wir stehen früh auf und sind um halb 10 auf dem Basar. Zu früh, denn die Iraner sind eher Langschläfer. Nicht mal die Hälfte der Geschäfte hat geöffnet. Aber das besondere an diesem Basar ist sowieso das alte Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, mit den wunderschön verzierten Timche-Kuppeldächern, alten Fenstern und Türen. Man sieht dem Basar sein Alter an, nichts ist restauriert, aber das macht die Atomsphäre hier umso orientalischer und schöner.

Auf dem Heimweg liegt die Mosche Aqa Bozorg von 1840. Uns gefällt die klare Architektur, alles sieht so symmetrisch aus und ist wunderbar erhalten, auch der florale, bunte Fliesenschmuck. Wir sind ganz alleine und nehmen uns Zeit, die Mosche und den versenkten Innenhof aus jedem Winkel anzuschauen.

Zurück im Hostel beladen wir unsere Bikes in der engen Gasse und fahren los Richtung Teheran. Keine Stunde später machen wir die erste Pause, ich steuere geradewegs in den Basar von Qom, da ich wie auch schon am Tag zuvor die starke Mittagssonne nicht vertrage und dringend Schatten brauche. Wir stellen unsere Bikes neben einem Gemüse-Stand ab, da läuft schon der erste Iraner zu uns herüber und überreicht uns eine Flasche eiskalte Traubenschorle. Ich würde ihn am liebsten abknutschen. Darf ich aber nicht.

Ich hole uns noch ein Sandwich und nach einer kurzen Verschnaufpause fahren wir weiter. Es hat auch heute wieder 45°C und es sind noch über 100km bis Tehran. Aber viel schlimmer als der Weg dorthin ist Tehran selbst. Wir finden uns in diesem Strassenwirrwarr nicht zurecht. Und das Navi auch nicht. Ständig müssen wir umdrehen oder Schleifen drehen. Der Verkehr hier ist der absolute Horror, die Mopeds fahren kreuz und quer in alle Richtungen. Busse, Autos, keiner hält die Spur. Alle hupen, drängeln, keiner achtet auf den anderen. Ich hatte mich recht schnell an die Fahrweise der Iraner gewöhnt, aber Tehran ist anders. Meine Nerven liegen blank. Wir halten an und ich frage verzweifelt einen Passanten, ob er uns helfen kann. Ein Bekannter von ihm auf einem Roller bietet sich an, uns zum Reifenladen zu begleiten. Er fährt voraus und nach weiteren schweißtreibenden 15 Minuten in Tehrans Stadtverkehr erreichen wir den Laden, bzw. die Reifen-Einkaufsmeile. Denn wir befinden uns einer kleinen Straße, in der sich ein Reifen- bzw. Felgen-Geschäft an das nächste reiht. Entsprechend ist das Publikum. Am Ende der Straße parken zwei weiße Porsche Cayenne.

Roland nimmt seinen Reifen von einem jungen, tätowierten Iraner in Empfang und packt ihn unter den interessierten Blicken der anderen Reifenladen-Besitzer auf sein Gepäck und wir fahren zum Hostel. Es liegt zentral aber zum Glück ein einer ruhigen Seitenstraße. Die Zimmer sind modern, aber der Innenhof ist sehr traditionell gestaltet, mit Sitzpodesten und einem kleinen Wasserlauf in der Mitte des Gartens. Es sind viele junge, Backpacker hier, vor allem aus Frankreich und Holland. Die Gemeinschaftsküche ist groß und top eingerichtet und so beschließen wir, nicht mehr rauszugehen sondern hier zu kochen. Während wir Pasta im Garten essen, planen wir die Route für morgen. Es soll so schnell wie möglich raus aus der Stadt gehen in die Berge ins Alamut Tal.

Du wundervolles Yazd

Wir treffen endlich zwei Deutsche! Carlo und Felix aus Berlin sind ebenfalls im Silk Road Hotel abgestiegen. Sie machen quasi den gleichen Roadtrip wie wir, allerdings als Backpacker und haben super viel Tipps für uns, was wir uns im Iran aber auch Georgien und Armenien ansehen sollen bzw. welche Pässe und Straßen sich lohnen. Sie sind seit sieben Wochen unterwegs, viel mit Bus, Zug oder sie trampen und haben lediglich 8kg Gepäck dabei. Beeindruckend wie sehr man sich reduzieren kann, wenn man alles selber tragen muss und denke dabei an meine vollgepackte Zicki.

Wir lassen die Bikes heute stehen und erkunden Yazd zu Fuß. Im Iran beginnt die Arbeitswoche am Samstag und geht bis Donnerstag. Und da heute Freitag ist, also im Iran Sonntag, ist die Stadt so gut wie ausgestorben. Die engen Straßen und Gässchen sind menschenleer, es sind keine Kinder auf den Spielplätzen und wir hören auch kein Mopedgeräusch. Erst als wir auf die Hauptstraße kommen, ist etwas Leben in der Stadt.

Unsere erste Station ist der zarathustrische Feuertempel, der meiner Meinung nach nichts mit einem „Tempel“ zu tun hat. Es handelt sich um eine Villa, wie sie auch in Grünwald stehen könnte. Über dem Eingang ist das Symbol der Zarathustrier, ein Mann mit Flügeln und Ring in der Mitte. Jedes Element hat eine Bedeutung, mehr dazu in der Fotogalerie. In dem Feuertempel, der 1934 gebaut wurde, brennt angeblich ein Feuer, das bereits 500 n. Chr. gebrannt hat und im 12. Jahrhundert über Arkadan nach Yazd kam. In dem dazugehörigen kleinen Museum wird man über den Glauben der Zarathustrier informiert. In Yazd leben über 3.500 Anhänger dieses Glaubens, noch mehr Zarathustrier gibt es in Teheran.

Wir schlendern weiter durch die Stadt, machen eine kurze Pause am Amir-Chaqmaq-Platz und sehen uns danach mehrere Moscheen an wobei mir die Imamzadeh Jafar Mosche besonders gefällt. Jeder Raum, jeder Gang ist innen komplett mit Spiegeln und buntem Fliesendekor verkleidet. Ich komme aus dem Staunen nicht raus. Als ich den Bereich für die Frauen betrete, da ich mir den herrlichen Kronleuchter näher ansehen möchte, kommt ein ältere Dame auf mich zu zeigt mir, wie man an der Grabstätte des Abu Jafar richtig betet. Sie streift mit ihren Hände über die goldenen Gitterstäbe und dann über ihr Gesicht. Ich tue es ihr gleich, zwei-, dreimal, aber als sie dann die Gitterstäbe küsst wird es mir zu viel und ich ziehe mich zurück.

Als nächstes laufen wir 30 Minuten zum Dolatabad-Garten, den wir dann aber gar nicht besichtigen, weil uns 200.000 Rial/Person (also etwas über 2€) für einen Garten zu teuer sind. Den gleichen Eintrittspreis haben wir in Persepolis bezahlt. Während Roland die nächste Sehenswürdigkeit raussucht, mache ich ein kurzes Nickerchen an die Häuserwand gelehnt. Nichts Außergewöhnliches hier. Die Iraner schlafen überall – in öffentlichen Gärten, im Kreisverkehr, in den Hotel-Restaurants und in den Moscheen sowieso.

Als nächstes gehen wir zum Art House, von dessen Terrasse man einen großartigen Blick über die Stadt hat. Die braunen Lehmhäuser, die oft nicht mehr als zwei oder drei Stockwerke hoch sind, werden überragt von den vielen Windtürme für die Yazd berühmt ist. Durch geschickte Bauweise wird der Wind in das Innere der Häuser geleitet und kühlt so die Räume.

Ein totaler Reinfall ist die „Kampfshow“ sowie das Alexander Gefängnis. Deswegen gehe ich gar nicht näher darauf ein.

Zurück im Hotel treffen wir wieder Carlo und Felix und Roland sieht sich zusammen mit ihnen die Viertelfinalspiele an. Mich holt währenddessen quasi die Agentur-Arbeit ein. Ich werde von einem Iraner gebeten, für ihn einen Flugzettel von Englisch auf Deutsch zu übersetzen. Er bietet eine Tagestour für Touristen an und meint, ich darf seinen englischen Text gern verbessern, wenn es dann eine bessere Werbung für ihn ist. Aber bitte nicht zu viel Text, die Touristen wollen nicht so viel lesen, nur das Wichtigste in maximal drei Sätzen. Alles klar. Ich setze mich hin, recherchiere, stimme mich mit ihm ab, tippe in meinen Laptop und berate ihn dann auch noch bei der Preiskalkulation. Wer ko, der ko!

Sightseeing in Esfahan

Wir sitzen um 9.10 auf den Bikes – unsere persönliche Bestzeit bisher. Für den Vormittag haben wir uns ein paar Hotspots rund um Esfahan ausgesucht: Eine Moschee von 1325, Taubentürme und eine Karawanserei aus dem 16. Jahrhundert sowie Sanddünen – insgesamt eine Ausfahrt von knapp 300 km.

Es ist diesig, was dieses Mal nicht am Smog wie in Kermanshah liegt sondern am Sand, den der Wind durch die Luft wirbelt. Hin und wieder sehen wir kleine Sandstürme über die Felder huschen, sich zu einem Mini-Tornado auftürmen und kurz darauf wieder auflösen.

Die Moschee kann man leider nicht besichtigen, also machen wir Fotos von der Straße aus. In die Karawanserei allerdings können wir mit unseren Offroad Bikes direkt hineinfahren – wir haben uns vorher versichert, dass außer uns niemand hier ist. Wir parken unsere Bikes dort, wo vor mehreren hundert Jahren Reisende der Seidenstraße Unterschlupf fanden und ihre Tiere versorgt haben. Da wir alleine sind, erlaube ich mir Kopftuch und Jacke abzunehmen und wir machen ein paar Fotos.

Auf der Weiterfahrt überqueren wir das ausgetrocknete Flussbecken des Zayandehrud, das ist der gleiche Fluss der auch durch Esfahan fließt – wenn er Wasser hat. Wir biegen von der Straße ab und fahren eine unbefestigte Straße entlang zu den Taubentürmen. Wie der Name schon sagt, nisteten hier früher Tauben und die Perser haben deren Kot als Dünger und für die Lederbearbeitung verwendet. Ein kurzes Foto, dann fahren wir weiter zu den Sanddünen.

Und jetzt beginnt der Wahnsinn. Sand und ich waren noch nie Freunde. Während Roland mit der nineT durch die Düne pflügt und offensichtlich großen Spaß hat, kämpfe ich mich fluchend Stück für Stück durch den Sand. Und falle mehrmals. In der Theorie weiß ich wie man im Sand fährt, aber in der Praxis klappt das bei mir nie. Das Bike macht was es will, schwimmt hin und her, der Lenker ist längst außer Kontrolle und ich laufe mit beiden Füßen mit. Lediglich das Eingraben funktioniert prima.
Wir lassen die Bikes stehen und laufen eine Düne nach oben. Es ist heiß und immer wieder weht ein kräftiger Wind, der mir den Sand ins Gesicht weht. Genauso habe ich mir die Reise entlang der Seidenstraße vorgestellt.

Den Rückweg fahren wir in einem Zug und sind nachmittags wieder im Hotel. Wir ziehen uns um und gehen auf den Imam-Platz, der 1602 entstand und zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Der Platz misst 510×160 Meter und nur der Tiananmen Platz in Peking ist größer. Zuerst besichtigen wir den Basar und ich habe große Mühen, Roland davon abzuhalten, irgendwas aus Kupfer zu kaufen. „Einen Schöpflöffel haben wir ja nicht dabei“ meint Roland. Ich sage NEIN, auch zum Milchkännchen und zur Tasse.

Wir genehmigen uns ein Eis, sitzen auf einer Bank im Schatten und lesen aus dem Reiseführer. Den Eingang des Basars ziert unter anderem das Symbol der Stadt Isfahan: Das Tierkreiszeichen Schütze, eingearbeitet als Fliesenmosaik. Roland und ich sind Schütze und so bilden wir uns ein bisschen was darauf ein, dass unser Sternzeichen rechts und links über dem Portal zu sehen ist.

Die Imam-Moschee am südlichen Ende gefällt uns besonders gut. Die Mosaike sind wunderschön und sehr gut erhalten. Beeindruckend ist die 54m hohe Gebetshalle mit der riesen Kuppel und einer großartigen Akustik. Sagt man was direkt mittig unter der Kuppel, wird die Stimme im Echo verstärkt aber außerhalb der Kuppel hört man nichts.

Um 20 Uhr sind wir wieder im Hotel und bereiten die nächsten Tage vor. Unter anderem versuchen wir, für Rolands nineT einen Hinterreifen zu organisieren – entweder noch im Iran, z.B. Teheran oder Usbekistan. Mehr als 4.000km macht der Reifen nämlich nicht mehr mit…

Ali Sadr: Die schönste Höhle der Welt

Wir starten den Tag gemütlich, mit einem langen und ausgiebigen Frühstück in unserer schattigen Sitzecke. Der Springbrunnen plätschert vor sich hin und ich genieße die Abgeschiedenheit und damit auch die Freiheit, so angezogen zu sein wie ich möchte. Und es in meinen Augen bei 35°C im Schatten angebracht ist.  Die beiden Töchter sind auch schon wach und suchen den Kontakt. Die iranische Schule geht erst am 23. September wieder los und daher besuchen viele Kinder – wenn es sich die Eltern leisten können – diverse Sommerschulen. Die beiden haben Klavier-Unterricht, lernen Englisch und Französisch. Sie haben keine Scheu, sich mit uns auf Englisch zu unterhalten und stellen uns viele Fragen. Geduldig antworten wir, während wir die zweite Runde Kaffee genießen. Dann müssen sie los zum Französisch-Unterricht. Und wir machen uns fertig für die Fahrt zur Ali Sadr Höhle, die ca. 60 km entfernt liegt.

Wir stellen unsere Bikes auf dem Parkplatz ab, machen Helme und Jacken an den Bikes fest und laufen 15 Minuten durch ein Wirrwarr aus Souvenier-Läden, Restaurants und Kindern-Karussells bis wir endlich am Ticket-Schalter ankommen. „Price Ali Sadr Cave for foreigners: 750.000 Rial“ steht auf dem Schild über dem Kassierer. Je nach Wechselkurs sind das zwischen 7€ und 10€. Halleluja ist das teuer im Vergleich zu allem anderen bisher im Iran.  Nach weiteren 10 Minuten Fußmarsch (in Motorradklamotten, zur Erinnerung) sind wir am Eingang der Höhle. Wir befinden uns in einem modernen Warteraum, der an einen Bahnhof erinnert und viel zu groß ist, für die paar Leute, die hier rumlaufen. Im Reiseführer stand, man soll die Wochenenden meiden, da die Höhle viel zu überlaufen sei. Das können wir so nicht bestätigen.

Wir zeigen unser Ticket, bekommen blaue Schwimmwesten angezogen und steigen eine breite Treppe hinunter. Nach der Treppe folgen wir einem Weg und bereits jetzt befinden wir uns direkt in der Höhle. Der Weg wird teilweise von herabhängenden Felsen versperrt und rechts und links vom Weg sieht man immer wieder klares Wasser. Wir kommen an eine Bootanlegestelle und setzen uns auf die gleichen Plastikstühle wie im Warteraum. Uns gegenüber sitzt eine Familie, Vater, Mutter und Sohn. Zu ihren Füßen Körbe und Tüten voll Essen, außerdem sehe ich eine Thermoskanne und andere Flaschen. Für den Fall, dass wir hier unten eingesperrt sind, ist die Verpflegung für die nächsten zwei Wochen gesichert., denke ich mir. Vermutlich habe ich die Vorräte zu lange inspiziert, denn kaum sitzen wir, drückt uns der Vater ein Glas Tee in die Hand und reicht uns eine Schale mit Würfelzucker. Wir haben nicht mal den Hauch einer Chance, nein zu sagen. Der Tee ist gut und heiß, leider muss ich ihn hinunterstürzen, da wir angewiesen werden, in die Boote zu steigen. Meine Speiseröhre hat jetzt Verbrennungen 1. Grades.

Wir sitzen mit der Mutter und dem Sohn im letzten von drei Booten, die hintereinander an einer Schnur hängen und von einem Tretboot durch die Höhle gezogen werden. Im Tretboot sitzt der Vater neben einem Angestellten aus der Höhle. So fahren wir eine gute Weile, sehen interessante Felsformationen, Kristalle und Tropfsteine an den Decken, die hin und wieder dank geschickter Beleuchtung in allen Farben des Regenbogens schimmern. Kitschig, aber irgendwie auch schön. Wir steigen aus und laufen ein Stück geführt durch die Höhle. Die Höhlennetz ist angeblich über 60 km lang, der bisher erforschte Teil ist 11km lang und davon sind 3km für den Tourismus freigegeben. Wir sind beeindruckt von der Größe der einzelnen Räume, den vielen verschiedenen Gesteinen und Formen. Es ist wirklich die schönste und größte Höhle, die ich jemands besichtigt habe.

Der Vater mit dem Tee von vorhin bittet mich immer wieder, von ihm, seiner Frau und seinem Sohn Bilder zu machen. Dann mit uns beiden. Dann nur er und Roland. Seine Frau und ich. Alle fünf Minuten ein Foto. Misses, Misses, ruft er immer, stellt seine Körbe ab und positioniert sich und seine Familie. Ich sehe Roland an, dass es ihn langsam nervt, aber nachdem wir nach jedem Foto gefüttert werden, mit Trauben, Nüssen, Kirschen, Keksen lässt er das Theater über sich ergehen. Gute zwei Stunden waren wir in der Höhle, die 10€ haben sich wirklich gelohnt.

Auf dem Rückweg ins Hostel sehen wir uns noch den Steinlöwen aus der Zeit Alexander des Großen, von ca. 330 v. Chr. an und kaufen für das Abendessen sein. Ich koche und Roland plant die Route für morgen, wir wollen versuchen die knapp 500 km bis Isfahan durchzufahren.

Romantischer geht’s kaum.

Unser heutiges Ziel ist Takth-e Soleiman, eine Festung knapp 400km entfernt von Tabriz. Kurz nach Tabriz fahren wir an dem Salzsee Urmia vorbei, der seit den 1970ern fast 90% seiner Wasseroberfläche verloren hat. Dort wo früher Wasser war, findet man jetzt dicke Salzschichten. Eine Katastrophe für die Tier- und Pflanzenwelt und natürlich auch den Menschen. Soweit ich erfahren habe, gibt es seit Kurzem Bestrebungen, den Wasserstand des Sees wieder zu erhöhen. Hoffen wir, dass das funktioniert.

Auf der Weiterfahrt Richtung Süden bleiben wir ein paar Mal stehen, um unsere Wasservorräte aufzufüllen. Kaum haben wir angehalten, sind wir umringt von Menschen, die alles Mögliche wissen wollen: Wo wir herkommen, ob uns der Iran gefällt, ganz wichtig auch, wie viele Zylinder unsere Motorräder haben und wieviel Kubik. Sie machen Selfies und wollen unseren Instagram Account wissen. Roland ist froh, dass er hat keinen und sie zu mir schicken kann.

Kurz vor Takht-e Soleiman kaufen wir Vorräte ein. Pasta mit Tomatensauce für heute Abend, Milch, Orangensaft und eingelegt Aprikosen für das Frühstück morgen. Als wir bei der Festung ankommen, entdeckt Roland einen Hügel in unmittelbarer Nähe. Wir fahren mit unseren Bikes hinauf und bauen oben unser Zelt auf. Es ist der perfekte Platz – von unten sieht uns keiner, aber wir haben den direkten Blick auf den Sonnenuntergang hinter der Festung.

Nachdem die Sonne untergegangen ist, wird es tatsächlich kühler, immerhin haben wir unser Nachtlager auf 2.230m aufgeschlagen. Wir sitzen satt und zufrieden auf unseren Campingstühlen, schauen auf die mittlerweile beleuchtete Festungsmauer und immer mehr Sterne erscheinen am Himmel – wir können uns momentan keinen schöneren Ort vorstellen. Lediglich ein kühles Bier in der Hand könnte dem Abend noch die Krone aufsetzen.

Sightseeing in Tabriz

Unseren zweiten Tag in Tabriz verbringen wir mit Sightseeing und auf dem Basar, der aufgrund des wunderschönen, alten Gebäudekomplex in dem er untergebracht ist, zum UNESCO Weltkulturerbe gehört. Wie vermutlich jeder andere Basar ist auch dieser hier in Tabriz in unterschiedliche Bereiche aufgeteilt: Schuhe, Obst, Gemüse, Schmuck und natürlich Teppiche. Allerdings drängen sich die Händler hier nicht auf, rennen dir nicht hinterher oder wollen dich in ihren Laden zerren. Wir schlendern gemütlich von Stand zu Stand, entdecken frische Jasminblüten für Tee, natürlich allerhand Gewürze, sehr viel Reis und kuriose, hauchdünne Platten aus Fruchtkonzentrat. Und auch ganze Ziegen- und Kuhbeine.

Ein junger Iraner spricht uns an und fragt uns, ob er uns ein bisschen herumführen darf. Meistens verlangen die Einheimischen dafür Geld, bzw. sagen hinterher, du darfst ihnen geben was du für richtig hältst. Ein netter Trick um mehr Bezahlung zu erhalten, denn das was wir Europäer für angemessen halten, ist ein Vielfaches mehr, als was sie verlangen würden. Wir willigen ein, weil wir unbedingt in die Jame-Moschee im Basar-Komplex möchten und der Zutritt in Begleitung eines Iraners viel leichter ist. Außerdem kennt er sich tatsächlich gut aus, kann uns viel über die Geschichte des Islams und der Moscheen von Tabriz erzählen. Wir laufen durch die Moschee und anschließend über den Basar, nach einer knappen Stunde bedanken wir uns bei ihm, geben ihm 5 Dollar und ziehen alleine weiter.

Als nächstes sehen wir uns die Blaue Moschee, das Rathaus und den Iwan der ehemaligen Ali Shah Moschee an, den wir bereits nachts so schön beleuchtet gesehen hatten. Vor allem die Blaue Moschee von 1465 ist beeindruckend. Von außen wirkt sie fast langweilig, aber innen fasziniert sie umso mehr. Die Innenräume sind über und über mit Mosaiken verziert, die Blumen, Sternenbilder, Wolken und Schriftzeichen darstellen. Für die Blautöne hat man Kobalt oder sogar Lapislazuli und für die Gelbtöne Blattgold verwendet. Viele der Mosaike sind noch sehr gut erhalten und man kann sich gut vorstellen, welcher Aufwand dahinter gesteckt haben muss.

Zurück im Hotel rufen wir Ali an, den wir an der Grenze kennen gelernt hatten. Mit ihm wollen wir uns heute noch treffen, aber zuerst schickt er uns Amin, einen seiner Deutschschüler, der mit uns zum Geldwechseln geht. Wir hatten in der Türkei ein paar Euro gewechselt und wie sich jetzt herausstellt zu einem unfassbar schlechten Kurs: Nämlich dem offiziellen Wechselkurs der Banken. Für 1€ haben wir 50.000 Rial erhalten, bei der Wechselstube in der Nähe des Basars sind es ganze 90.000 Rial. Ich tausche 200€ und bin jetzt Multimillionär.

Wir gehen mit Amin ins Cafe Nuts, einen süßen, kleinen Laden im Nordosten von Tabriz, den ein Armenier führt. Er braucht zwar ziemlich lange, bis er drei Kaffee zubereitet hat, aber es lohnt sich zu warten. Es gibt einen richtigen Cappuccino, die Bohnen werden frisch gemahlen und man bekommt eine Praline mit 76% Kakaoanteil. Inzwischen sind Ali und ein weiterer Freund von Amin gekommen und wir unterhalten uns prächtig, lachen viel und es fühlt sich an, als würden wir uns schon sehr lange kennen. Nebenbei läuft Fußball. Deutschland verliert und fliegt aus der WM.