Albanien, Mazedonien, Albanien

„Baby, wach auf. Guck mal, hier, guck mal, schnell!“ Ich öffne verschlafen und mit großer Mühe ein Auge und sehe zu Roland. Von außen stupst ein Pfötchen gegen die Zeltwand und Roland stupst mit dem Zeigefinger zurück. Der kleine Welpe – ich bin auf der Stelle hellwach, öffne das Zelt und sofort kommt der kleine Wauzi angerannt. Er schlüpft ins Zelt und wirbelt alles ordentlich durcheinander. Er hüpft auf Roland, versucht in den Schlafsack zu kriechen, beißt in Haare und Finger. Wir spielen ein bisschen bis er sich wieder beruhigt hat und in meinem Arm einschläft. Da es noch nicht mal 7 Uhr ist, machen auch Roland und ich die Augen nochmal zu. Ein gutes Stündchen liegen wir so zu Dritt im Zelt und ich überlege ernsthaft, ob ich den kleinen Hund irgendwie auf dem Motorrad nach Hause mitnehmen kann. Bis wir aufstehen und feststellen, dass der kleine Drecksack eine Abspannschnur von unserem sündhaft teuren Zelt durchgebissen hat. Sämtliche Hundemutter-Gefühle sind wie weggeblasen. So nicht, du bleibst hier, in den Bergen auf dieser wundervollen Farm mit den ganzen anderen Tieren. Strafe muss sein.

Unsere heutige Route führt uns in den Nordosten Albaniens und dort über die Grenze nach Mazedonien, das seit der Gründung 1991 einen Namensstreit mit Griechenland führt, da diese den Namen der kleinen Republik nicht akzeptieren wollen. Warum? Es gibt im Norden Griechenlands eine Region, die ebenfalls „Makedonien“ heißt und daher ist der Name „Makedonien“ griechischen Ursprungs. In der Republik Mazedonien leben aber Slawen. Außerdem hatten die Griechen was dagegen, wie die Flagge der neuen Republik aussah, diese wurde daraufhin 1995 geändert und zumindest dieser Streit scheint beigelegt. Der letzte Kompromiss vom Juni diesen Jahres sieht vor, dass Mazedonien ab sofort „Republik Nord-Mazedonien“ heißen soll. Hoffentlich ist das Thema damit erledigt!

Nach ein paar wunderschönen Kilometern durch die albanische Landschaft erreichen wir die kleine, vereinsamte Grenze. Unsere Pässe werden von einem gelangweilten Grenzer kontrolliert, dann dürfen wir weiter. In der „Republik Nord-Mazedonien“ ist der Herbst angekommen. Aber nicht dieser graue Schmuddelherbst, wie man ihn aus Deutschland kennt. Die Sonne lässt das bunte Herbstlaub kräftig leuchten, dazu das tiefblaue Wasser des Prespasee und Ohridsee. Es ist wundervolles Farbspektakel und wir halten oft an, um das Panorama zu genießen. Die Verbindungsstraße zwischen den beiden Seen führt über das 2.255m hohe Galicica-Gebirge, das zu einem Nationalpark (Durchfahrt kostet 5€ für zwei Bikes) gehört. Zuerst geht’s bergauf und dann in ein vielen Haarnadelkurven wieder bergab.

Zurück in Albanien fahren wir relativ schnell wieder von der Hauptstraße ab und überqueren nochmal ein paar kleinere Pässe mit ein paar Spitzkehren und kaum Verkehr, bevor wir uns in Kükes eine Unterkunft suchen. In Kükes ist nichts los, es ist ein wirklich trostloses Städtchen mit meiner Meinung nach viel zu vielen Sportwetten-Spelunken. Deswegen essen wir im Hotel und planen danach den morgigen Tag: Wir möchten um 12 Uhr die Fähre auf dem Koman-Stausee erwischen, d.h. wir müssen früh aufstehen und spätestens um 9 Uhr losfahren.

Das Ceraunische Gebirge

Wir starten mit einem großartigen Frühstück und packen dann unsere Sachen. Und das dauert. Da wir alle Klamotten durchgewaschen haben, ist es quasi wie zum 1. Mal losfahren. Alles muss in den Taschen verstaut und diese dann auf dem Bike befestigt werden. Es ist so mühsam und auch ein bisschen nervig. Um 12 fahren wir endlich los. Roland hat jetzt schon Bedenken, dass wir die heutige Etappe nicht schaffen werden.

Es geht zuerst die Küstenstraße SH8 an der albanischen Riviera entlang. Die kurvige Straße wurde vor ein paar Jahren neu ausgebaut, ein paar Haarnadelkurven führen auf den Llogara-Pass mit etwas über 1.000m. Von oben hat man einen wunderbaren Blick auf die Steilküste der Riviera. Hinter uns in dichte Wolken gehüllt, die Berge des Ceraunischen Gebirge. Das Gebirge erstreckt sich auf 100km entlang der Küste und unser Plan ist es, durch das Gebirge auf der SH75 Richtung Süden zu fahren. Also eigentlich wieder zurück zur griechischen Grenze.

Auf der Strecke durch die Berge treffen wir zufällig Armand, den Tourguide. Er ist mit einer Gruppe Mountainbikern unterwegs und die gleiche Straße auf den Pass hochgefahren wie wir eben. Respekt. Armand wundert sich, dass wir so spät los gefahren sind und meint, dass wir heute maximal bis zur Farma Sotira kommen. Das ist eine Farm in den Bergen mit Campingplatz, die auch sehr Motorradfahrer-freundlich sind. Die Farm liegt direkt an der griechischen Grenze auf der Höhe von Konitsa, wo wir vor ein paar Tagen erst waren. Und er behält Recht. Nach einer wunderschönen Fahrt durch die einsame Bergwelt erreichen wir die Farm. Wir stellen unser Zelt im Garten auf und begrüßen die Tiere hier: Den Schimmel, der neben unserem Zelt grast, Gänse, zwei hüfthohe Hunde, einen Welpen, braune, rote und schwarze Katzen und die Forellen im Teich. Eine der Forellen wird gleich bei Roland auf dem Teller landen.

Einreise nach Albanien / zwei Tage am Meer

In der Nähe von Konitsa könnte man auch nach Albanien einreisen, wir möchten aber gern die sagenhafte Bergstrecke von gestern zu Ende fahren. Nach einer einstündigen, wilden Kurvenjagd überqueren wir bei Kakavija die Grenze. Und in Albanien geht’s genauso weiter: Kurve links, Kurve rechts. Wir fahren nicht einen Meter geradeaus. Als man in Albanien Straßen gebaut hat, waren alle geraden Stücke dieser Welt bereits vergeben, vermute ich.

Albanien ist unter Motorradreisenden und Pauschaltouristen schon länger kein Geheimtipp mehr. An der Küste findet man eine Vielzahl von Hotels, Restaurants und Bars. Es gibt Sand und Kiesstrände, die wunderbar sauber sind und auch das Meer ist klar. Ich kann mir gut vorstellen, dass es im August hier proppevoll ist, aber da die Sommer-Ferienzeit glücklicherweise vorbei ist, wirkt alles etwas eingeschlafen.

Wir fahren weiter bis Himarä, einem kleinen Küstenort, wo wir uns in der Pension „Billy“ ein Zimmer nehmen. Zu der Pension gehört ein kleines Restaurant und bevor wir uns ins Meer stürzen, essen wir Pasta. Das erste Mal Pasta Napoli, die ich nicht über dem Benzinkocher selbst zubereitet habe. Was für ein Luxus und es schmeckt großartig. Da wir in der Pension außerdem unsere gesamte Schmutzwäsche waschen lassen können, beschließen wir, zwei Nächte hier zu bleiben.

Den nächsten Tag verbringen wir zuerst am Strand, wo Roland den Albaner Armand kennenlernt, der hauptsächlich Fahrrad- aber auch Motorradtouren organisiert. Er möchte uns heute Abend ein paar Routentipps geben und Roland verabredet sich mit ihm in seinem Hotel. Vorher mieten wir uns ein Kanu am Strand und rudern die Küste ab. Zwei Segelboote, Typ Weltumsegler, liegen an Bojen, zwei Jugendliche auf einem Jetski fahren hin und her, ansonsten ist hier nix los. Ein ruhiges und entspanntes Albanien.

Als Roland abends von seinem Treffen mit dem Tourguide Armand zurückkommt, strahlt er bis über beide Ohren. Wahnsinn, ich hab eine Tour für die nächsten drei Tage, die haut dich um, sagt er. Von Albanien, nach Mazedonien, wieder zurück nach Albanien bis Montenegro. Pässe, Offroad, Fjorde und Fähre. Alles dabei. Das wird großartig!

Griechischer Wein in den griechischen Bergen

Irgendwann musste meine riesen Dose Kettenspray ja leer sein, nachdem Roland mich spätestens alle 1.000 km daran erinnert, die Kette zu schmieren. Also muss ich mir heute eine neue besorgen und Roland möchte kurz beim BMW Händler vorbeischauen, da eine Befestigung vom Helmvisier ausgerissen ist und er das Visier so festkleben musste, dass es immer geschlossen ist. Was auf Dauer echt unangenehm und stickig ist.

Wir packen unsere Bikes und fahren zuerst zu einem kleinen Mopedladen direkt beim Hostel ums Eck. Es ist ein Familienbetrieb und während die Tochter im Lager nach dem Spray sucht, unterhalte ich mich mit der Mutter und ihrem Sohn. Sie haben Verwandte in Dachau und als ich ihnen erzähle, wo Roland und ich überall unterwegs waren bevor wir jetzt wieder nach München fahren, sind sie total begeistert. So sehr, dass sie mir das Kettenspray schenken.

Der Besuch beim BMW Händler ist leider weniger erfolgreich, das Ersatzteil für das Visier müsste man bestellen. Dauert ein paar Tage. Meine Idee, das Teil von einem Ausstellungsstück zu nehmen, findet der Mitarbeiter nicht gut. Dann müssten wir schon den ganzen Helm kaufen meint er. Scherzkeks. Also bleibt Rolands Visier erstmal zu.

Wir sehen uns noch ein bisschen im Showroom um, ich setze mich auf die G310GS – hoppla ist die hoch. Grad mal mit den Zehenspitzen komm ich runter. Roland dagegen passt ganz gut drauf, wie ich finde.

Wie gestern hat Roland auch heute wieder „Mautstraßen vermeiden“ ins Navi eingegeben und so fahren wir abwechselnd auf der Schnellstraße oder die kostenfreie, kleinere Umgehungsstraße. Das geht für einige Zeit so, bis Roland kurz nach Kozani einen Abzweig zu einer wunderbaren Bergstrecke entdeckt und so programmiert er kurzerhand die Route um. Auch wenn das bedeutet, dass wir einen Umweg fahren und unser Tagesziel heute nicht erreichen. Aber man muss die Kurvenfeste eben feiern, wie sie fallen. Und es lohnt sich wirklich! Die Straße 20 führt uns auf bestem Asphalt in die Berge durch eine wunderbare Landschaft. Eine Kurve folgt auf die nächste und da wir quasi alleine auf der Straße sind haben wir doppelt Spaß. Wir finden sogar Zeit für ein kleines Shooting an den blau-weißen Curbs. Roland lässt die nineT fliegen und alles, was an den Bags hängt, schleift über den Asphalt. Zum Sonnenuntergang erreichen wir das Bergdorf Konitsa nahe der albanischen Grenze und finden ein Zimmer in einer Pension etwas oberhalb mit Ausblick auf das Dorf. Zum Abendessen gibt es natürlich griechischen Salat, Bifteki und den guten Malamatina Wein.

Sonnenuntergang in Pamukkale

Als wir morgens zum Sandstrand laufen, ist dieser bereits total überfüllt. Soweit das Auge reicht Sonnenschirme und Liegestühle. Nach gestern Abend hab ich aber auch nichts anderes erwartet. Also Augen zu und durch! Wir legen unsere Mini-Reisehandtücher in den Sand und gehen ins Meer. Trotz der vielen Menschen ist das Wasser schön sauber.

Anschließend frühstücken wir ausgiebig und besprechen die weitere Reise. Gute Freunde von Roland sind gestern Richtung Süditalien gestartet und wir überlegen kurz, ob wir von Griechenland aus nach Bari übersetzen und sie dort treffen. Dann müssten wir allerdings auf Albanien und Montenegro verzichten. Je näher wir der Heimat kommen, umso schwieriger ist es, sich für eine Route zu entscheiden. Wir möchten auf den letzten Metern auf keinen Fall etwas „falsch machen“ und die restlichen Tage perfekt ausnutzen. Aber noch bleiben uns ein paar Tage, bis wir uns entscheiden müssen.

Ab heute ist erstmal Schluss mit Küste, es geht durchs Landesinnere Richtung Canakkale, von wo aus wir übermorgen auf den europäischen Kontinent übersetzen werden. Und da es irgendwie doof ist, den ganzen Tag einfach nur zu Fahren ohne wirkliches Highlight, beschließen wir in Pamukkale zu halten. Auch wenn es hier wieder vor Touristen nur so wimmelt. Das Timing ist mal wieder perfekt, wir erreichen Pamukkale zum Sonnenuntergang. Da man seine Schuhe ausziehen muss, um die weißen Kalksinterterrassen betreten zu dürfen, laufen wir mit unserem schweren Tankrucksack in der einen und den Boots in der anderen Hand durch das Thermalwasser immer weiter nach oben, während gegenüber die Sonne untergeht. Ein bisschen umständlich ist es schon, wir schaffen es trotzdem, den Blick auf die beleuchtete Stadt zu genießen während uns das über 30° warme Wasser zwischen den Zehen durchfließt. Hat ein bisschen was von Wellness. Über 20.000 l Wasser fließen hier täglich über die Felsen und wenn man möchte, darf man sogar baden, allerdings nur in den künstlich angelegten Becken, um die eigentlichen Terrassen nicht zu zerstören.

Wir suchen uns lieber ein Hotel mit Pool und werden direkt in Pamukkale fündig, keine 5 Minuten von den Terrassen entfernt. Das Abendessen dort ist fantastisch und wir schwimmen vor dem zu Bett gehen noch eine Runde. Seit einigen Tagen fühlt sich unsere Reise deutlich mehr nach Urlaub an als Abenteuer. Aber vielleicht ist das auch ganz gut so – in 2 Wochen muss Roland wieder im Büro sein, da kann ein bisschen Erholung vorher gar nicht schaden.

Man spricht Deutsch

Es ist erst kurz nach 9 Uhr, aber trotzdem bereits sehr warm und deswegen springen wir noch vor dem Frühstück ins Meer. Und wir sind nicht die einzigen, es liegen bereits einige Menschen am Strand.

Wie immer in der Türkei ist das Frühstück ein Gedicht. Es gibt Omlett, verschiedene Käse, Oliven, Honig, Tomaten und Gurken und natürlich frisches Brot. Gut gestärkt beladen wir die Bikes. Wir möchten heute so weit wie möglich an der Küste entlang fahren, in der Hoffnung, dass es eine schöne Strecke mit viel Kurven und Meerblick wird. Und wir werden nicht enttäuscht. Die Straße verläuft bis auf ein paar Kilometer immer am Meer, zu meiner Überraschung befinden sich rechts und links Bananen-Plantagen so weit das Auge reicht. Ich wusste ehrlich gesagt nicht, dass hier Bananen angebaut werden. Immer wieder hängen sie Staudenweise in den kleinen Buden am Straßenrand. Wir halten an, ich kaufe für 3 Lira 8 kleine Bananen, die wir sofort vernaschen, so lecker sind sie.

Kurz vor 16 Uhr biegen wir von der Hauptstraße ab Richtung Meer und fahren eine kleine Serpentine durch eine Bananen-Plantage. Roland hatte im Internet von einer Bucht gelesen, die wir auch finden, aber da man vom Parkplatz aus noch 30 Minuten zu Fuß hinunterlaufen müsste, verzichten wir darauf. Nicht weil wir faul sind, sondern weil wir heute noch ein paar Kilometer machen möchten.

Wir fahren also weiter an der Küste Richtung Westen, bis es dunkel wird und wir müde. Leider passiert das in Side. Dem schlimmsten Ort in der Türkei. Am Ortseingang wimmelt es von Touristen und Taxen. Wir drehen sofort wieder um. Glücklicherweise finden wir einen kleinen Campingplatz in der Nähe der Altstadt. Wir dürfen unser Zelt direkt neben einer alten römischen Ruine aufstellen und gehen Essen in der Fußgängerzone, die direkt zum Meer führt. Hier findet man ein Restaurant neben dem anderen, dazwischen einen Supermarkt, einen mehr als seltsamen Dessous-Laden und mehrere Friseure/Schöhnheitsalons/Tattoo- und Piercingstudios – alles in einem Geschäft. Ich kann es nicht glauben, was ich hier sehe. Einer Kundin werden auf dem Gehsteig die Haare geföhnt, die andere im Laden bekommt ein Tattoo und die daneben einen neuen Haarschnitt. Und die Damen draußen warten vermutlich auf ihren Maniküre-Termin. „Roland, lass uns schnell was essen, Bier einkaufen und dann zurück auf den Campingplatz gehen. Das ist ja unfassbar hier.“ Ein Kellner fängt uns draußen an der bebilderten Speisekarte vor seinem Restaurant ab. „Wir haben auch Wiener Schnitzel.“ sagt er in perfektem Deutsch. „Nein danke, wir möchten was Lokales.“ antworten wir. Hat er auch, erwidert der Kellner. Da die Preise für einen solchen Touristenort ok sind und es eigentlich ganz nett aussieht, gehen wir rein. Was soll ich sagen… An jedem Tisch sitzen Touristen, meistens Frauen mit schlecht blondierten Kurzhaarfrisuren in viel zu engen Kleidern, die Männer tragen Halbglatze, beige Shorts, graue Socken und braune Sandalen. Im Flatscreen über der Bar läuft Dortmund gegen Frankfurt. Drei Jungs sehen sich das Spiel an, einer trägt ein Reus Trikot. Der Kellner wünscht den Gästen am Tisch neben uns, die gerade gezahlt haben, einen guten Heimflug. Sie antworten: Danke, bis nächstes Jahr. Ich bestelle einen Cocktail, um mich zu beruhigen und dann einen zweiten. Hilft aber nix. Wenigstens schmeckt das Essen gut und nach einem kurzen Stopp im Supermarkt gehen wir auf unseren Campingplatz und trinken unser Bier im Mondschein ohne Touristen mit frischem Permanent-Make-up im Gesicht.

Einreise Türkei und die Berge Ostanatoliens

Es regnet in Strömen als wir unsere Bikes herrichten und aufpacken. Mein Schutzblech ist ausgerissen und wird mit Draht befestigt, die Kette wird vom Dreck der georgischen Berge befreit und geschmiert und ich möchte die Birne vom Abblendlicht tauchschen, die mal wieder durchgebrannt ist. Dabei sehe ich, dass der ganze Stecker hinüber ist. Alles komplett verkokelt. Roland richtet es fachmännisch mit seinem Multitool und Klebeband und meint, ich soll es halt beobachten und den Schlüssel schnell abziehen, falls es aus dem Cockpit raucht. Alles klar.

Die Grenze ist knapp 20 km entfernt. Bei der Ausreise will die Dame unsere georgische Versicherung sehen. Verdammt. Haben wir nicht abgeschlossen. Ehrlich gesagt, haben wir es in den letzten Tagen total vergessen, uns darum zu kümmern. Also müssen wir statt 20 Lari 100 Lari Strafe zahlen meint sie. Wir bekommen einen Zettel mit unserem Namen und Kennzeichen aber der Rest ist auf Georgisch. Wir wissen nicht so recht wohin damit, wo sollen wir zahlen? Also fahren wir einfach zur türkischen Grenze und hoffen, dass sich das irgendwie von selbst regelt.

Wir müssen bei der Einreise ein bisschen warten, ansonsten geht die Abfertigung ziemlich schnell. Wir sind zum zweiten Mal auf dieser Reise in der Türkei. Ursprünglich wollte wir nochmal die Schwarzmeerküste entlang fahren, weil uns die Strecke beim Hinweg zu gut gefallen hat. Allerdings ist die Wettervorhersage für die Küste in den nächsten Tage eine Katastrophe, so dass wir kurz nach der Grenze ins Landesinnere abbiegen. Die D010 und später D950 führen uns auf bestem Asphalt durch eine fantastische Berglandschaft, vorbei an tiefblauen Stauseen. „Berge und See“ bilden für mich schon immer das schönste Panorama. Glücklicherweise hat es auch aufgehört zu regnen, es ist zwar recht kühl aber mein Kamelnierengurt wärmt hervorragend.

In Erzurum, der größten Stadt Ostanatoliens mit über 700.000 Einwohnern, suchen wir uns eine Unterkunft. Ein älterer Mann treibt seine Herde Ziegen an uns vorbei durch die Straße. Mitten über den Gehweg. Die Ladenbesitzer kennen das Spektakel, jeder hat einen langen Stock, mit dem er die Ziegen vom Ladeneingang fernhält. Ich stelle mir die gleiche Szene in München vor. Undenkbar. Was würden sich die Münchner aufregen, es würde Anzeigen hageln für den Mann. Aber hier ist das ganz normal.

Wir finden ein kleines, familiengeführtes Hotel am Eck. Keiner hier spricht Englisch, der Sohn versteht „Doubleroom“ und schreibt den Preis auf einen Zettel. 120 Lira, also 16€, inklusive Frühstück – und WiFi haben sie auch. Wir lieben Ostanatolien nicht nur wegen der Berge und schönen Straßen, es ist so wunderbar ursprünglich.

Keiner spricht Englisch, die Hotels sind klein und einfach, die Menschen wunderbar herzlich und hilfsbereit und das Essen super lecker. Das Hotelrestaurant würde bei uns höchstens als bessere Dönerbude durchgehen. Typisch für die Türkei, sind alle Speisen bereits fertig gekocht und wie in einer Kantine hinter Glas aufgereiht. Der Koch empfiehlt uns die Suppe, ich esse außerdem noch eine Art Eintopf und Roland Fleischspieß. Unermüdlich füllen sie Cay nach, sobald wir unser Glas ausgetrunken haben. Da wir beide relativ müde sind, gehen wir nach dem Essen direkt ins Bett und verzichten auf einen Spaziergang durch die Stadt.

Das Bergdorf Ushguli

Auf Ushguli freue ich mich besonders, da ich endlich mal wieder offroad fahren möchte. Ushguli liegt auf über 2.000 m und der Weg dorthin ist ein herrlicher Track, der uns durch kleine ursprüngliche Dörfer und viel Wald hoch in die Berge führt, inklusive Blick auf einen Gletscher.

Wie in der Wetter-App vorhergesagt, hat es hier die letzten zwei Tage geregnet und daher ist der Track vor allem eines: matschig und übersäht mit zum Teil tiefen Wasserlöchern. Ausweichen oft unmöglich. Unsere Bikes sind nach kürzester Zeit total eingesaut. Roland hat ja mittlerweile den abgefahrenen Heidenau K60 gegen einen Rennslick getauscht und steht daher nicht nur 1x quer auf der Fahrbahn. Auf einem besonders steilen und steinigen Stück lege ich Zicki kurz ab, aber was wäre ein ordentlicher Offroad-Ride ohne Sturz. Es ist herrlich. Ich genieße es so sehr, den Matsch, den schwierigen Track und die Aussicht auf die Berge um uns herum.

Wir erreichen das kleine Bergdorf Ushguli kurz vor der Dämmerung, tiefe Wolken hängen in den schneebedeckten Bergen. Auf der Suche nach einem Zimmer fahren wir blöderweise durch den Ort. Die Straße ist in einem schlimmeren Zustand als alles, was wir heute gefahren sind. Entnervt zurück auf der „Hauptstraße“ (auch kein Asphalt!) dulde ich keine weiteren Umweg mehr und wir checken in der ersten Pension ein. Dort treffen wir zwei andere Motorradfahrer, Micha und Christian, aus Hannover. Sie haben sich in Georgien zwei KTM ausgeliehen und machen hier zwei Wochen Urlaub. Wir essen gemeinsam zu Abend, trinken viel zu viel Chacha und erzählen uns die wildesten Motorradabenteuer. Es ist nach 1 Uhr, als Roland und ich ins Bett kriechen.

Nichts geht mehr in Shatili

Auch wenn wir am liebsten noch länger in Passanauri bleiben möchten, die Uhr tickt und wir haben nur noch gute drei Wochen, bis wir wieder daheim sein müssen. Außerdem warten weitere tolle Orte in Georgien auf uns, Shatili, Omalo, Tbilisi, Ushguli und Batumi wollen wir anfahren.

Für das Frühstück fehlt nur noch Milch, die es aber leider nicht im kleinen Laden direkt ums Eck gibt. Daher gehe ich nun mit Lika und ihren Kids sowie ihrer Freundin Mary von Haus zu Haus, um nach frischer Milch zu fragen. Quasi jeder hier in der Straße hat eine oder mehrere Kühe, allerdings hat niemand Milch. Ist schon zu Käse verarbeitet worden, übersetzt Lika. Sie hat noch einen Liter Milch daheim und möchte mir unbedingt etwas abfüllen. Ein Nein akzeptiert sie nicht.

Nach dem Frühstück packen wir unsere Sachen und gerade als die Bikes fertig beladen sind, beginnt es zu regnen. Also ziehen wir unsere Regenkleidung an und wollen gerade los, als Lika meint, wir müssen noch zu ihr nach Hause kommen. Ihre Mama kocht gerade für uns. Wir sind immer noch satt vom Frühstück aber wen wundert’s, ein Nein akzeptiert sie nicht.

Ihre Mama bereitet Kartopiliani gvezeli zu, so was wie Chatchapuli, also Pizza nur nicht mit Käse gefüllt sondern Kartoffelbrei. Also Kohlehydrate in Kohlehydrate gepackt. Ich esse für mein Leben gern, und es schmeckt lecker aber mehr als zwei Stück schaffe ich einfach nicht. Ich bin voll bis obenhin. Lika schenkt uns einen kleinen Chacha ein und meint, gleich geht’s wieder besser. Wir trinken, und sie hat recht, aber was sage ich, wenn mich die Polizei anhält? Sorry, Ranzen hat gespannt, musste Chacha trinken?

Lika füllt uns noch 1L des selbst gebrannten Chacha in eine Plastikflasche ab und einen halben Liter Tkemali, das ist eine sauer-scharfe Sauce aus Kirschpflaumen, ebenfalls selbst gemacht. Mit Müh und Not schaffe ich es, einen weiteren halben Liter Sauce, Äpfel, Nüsse und die Reste von der Kartoffelpizza abzulehnen. Dafür schenkt mir ihre Mama einen handgestrickten Umgang und erst nach mehrmaligem Danke und „Wir müssen jetzt wirklich los“ dürfen wir gehen.

Bei der Einreise vor zwei Tagen hatten wir einen Flyer bekommen, dass man in Georgien seit März 2018 eine Versicherung für das eigene Fahrzeug abschließen muss. Kostet 20 Lari. Das Büro war am Kazbegi, aber angeblich kann man auch an den Paybox Automaten bezahlen. Diese Automaten stehen an jeder Ecke und viele Georgier bezahlen hier ihre Rechnungen. Handy, Versicherung, Strom, Strafzettel bis hin zu Grabgebühren. Kein Witz. Leider finde ich die Versicherung nicht und so beschließen wir, auf Risiko zu gehen und ohne zu fahren.

Es geht zuerst südlich, ab dem Zhinvali Stausee fahren wir wieder in den Norden, in die Berge und nach ein paar Kilometern wird die Asphaltstraße zu einer schönen Schotterstrecke, die sich in wunderbaren Kurven bis auf über 2.600 m windet. Danach geht’s bergab, weiter in die endlosen Berge hinein. Die Straße wird immer anspruchsvoller, die Landschaft immer spektakulärer.

Mittlerweile sind wir seit vier Stunden unterwegs, es ist Spätnachmittag und es sind noch ein paar Kilometer nach Shatili. Roland duldet nur noch kurze Fotostopps unter einer Minute, er möchte die Strecke heute wieder zurück fahren. Ich schwinge mich wieder in den Sattel, drücke den Startknopf und – nichts passiert. Ich drücke nochmal, aber es macht nur klackklackklack. Das Cockpit leuchtet kurz auf, dann ist alles dunkel. Nein, ich flippe aus. Mein erster Gedanke: die Batterie. Jedes Jahr das gleiche. Das darf doch nicht wahr sein. Zum Glück geht es bergab und ich kann Zicki losrollen und dann anmachen. In Shatili angekommen, springt Zicki trotzdem nicht an, obwohl die Fahrt die Batterie hätte laden müssen. Wir nehmen uns in einem der Gasthäuser ein Zimmer, denn es dämmert bereits und ich hab keine Lust, in diesem Zustand den Pass wieder hochzufahren. Lieber möchte ich morgen in Ruhe auf Fehlersuche gehen. Im Guesthouse ist außer uns eine Familie aus Berlin, mit denen wir uns kurz unterhalten. Sie empfehlen uns, die Nekropolis ein paar Kilometer nach Shatili anzusehen. Zuerst muss aber Zicki wieder laufen.

1kg kirgisischer Honig

Wir haben fantastisch geschlafen und ich freu mich, als ich beim Aufwachen das laute Rauschen des Flusses höre. Wir haben bisher immer super Plätze zum campen gefunden und am liebsten ist es mir natürlich an einem Fluss oder See. Ein Bad morgens im kalten Wasser ist der beste Start in den Tag.

Die Bäume um uns herum bieten gut Schatten, so dass wir uns Zeit lassen mit der Abreise. Es ist ein wunderschöner Tag, heiss und es sieht nicht nach Regen aus. Unser Ziel ist der Toktogul See ganz im Westen von Kirgisistan, je nachdem wie die Strecke beschaffen ist, werden wir eventuell irgendwo auf dem Weg nochmal übernachten müssen.

Anfangs durchfahren wir einen Canyon auf bestem Asphalt. Greifvögel ziehen über uns ihre Kreise und Esel und Pferde kreuzen unseren Weg. Leider müssen wir aufgrund von Straßenbauarbeiten nach 40 km umdrehen, aber der Canyon ist es wert, ihn zweimal zu durchfahren.

Danach nehmen wir eine andere Route und fahren auf Schotter durch ein Tal weiter nördlich. Nachdem wir über eine Stunde weder Auto noch Mensch noch Tier gesehen haben, kommen uns zwei Fahrradfahrer entgegen. Es sind Annabelle und Sascha, die wir in Dushanbe und dann in Osh gesehen hatten. Was für ein Zufall, die Freude ist groß. Ihren kleinen Findelhund Ginny haben sie vor Bishkek bei einer Nomadenfamilie unterbracht. Wir tauschen unsere Erfahrungen der letzten Tage aus und diverse Routentipps, dann fahren wir wieder weiter. Annabelle schreibt ebenfalls einen Blog über ihre Reise mit dem Rad nach Neuseeland. Den Blog findet ihr hier

Der Track führt immer weiter bergauf und in eine nicht enden wollende Bergkette hinein. Um uns herum ist mittlerweile alles grün, die Wiesen und Berghänge. Entsprechend viele Jurten und Herden sehen wir, die Gegend hier ist die perfekte Sommerweide. Sobald Kinder uns hören, rennen sie von der Jurte so schnell sie können Richtung Straße und wollen, dass wir mit der Hand abklatschen. Wenn es klappt, lachen sie laut und hüpfen vor Freude.

Immer wieder durchfahren wir kleine Bergflüsse. Ich liebe Wasserdurchfahrten! Durch eine riesen Pfütze lasse ich allerdings Roland mein Bike fahren. Der Untergrund ist super schlammig und da ich Zicki kaum halten kann wenn sie kippt, gehe ich lieber kein Risiko ein.

Wir haben heute den ganzen Tag noch keinen Minimarkt gesehen. Wo auch! Wir waren immer auf kleinen Tracks in den Bergen unterwegs. Zahlen hätten wir sowieso nur mit Dollar können, da wir absolut blank sind. Kein einziger Som mehr in unserem Geldbeutel. Fürs Abendessen hab ich noch eine Portion Pasta mit Sauce, aber sonst nichts mehr.

Es dämmert als wir durch ein Dorf, das an einem breiten Fluss liegt, fahren, aber leider gibt es hier keinen Shop. Dann fällt das Frühstück morgen eben aus. Wir suchen uns einen Platz auf einem gemähten Stück Wiese ca. 100m nach dem letzten Haus mit Zugang zum Fluss. Unten stehen drei Jungs und angeln.

Gerade als alles aufgebaut und die Pasta fertig ist, besuchen uns die drei Jungs. Mit dem Handy in der Hand und google Translator entsteht eine kleine Unterhaltung, wie wir heißen und woher wir kommen. Roland fragt, ob sie einen Fisch gefangen haben. Der älteste verneint. Sie gehen wieder weg und wir essen fertig.

Kurze Zeit später stehen sie wieder da, der älteste hat ein 1kg Glas Honig in der Hand. Wir hatten heute überall Bienenkästen gesehen. Kein Wunder, die Umgebung hier ist perfekt für Imker und ihre Bienen. Die Wiesen sind voller blühender Wildblumen. Der Junge möchte uns das Glas Honig verkaufen. Für 500 Som. Haben wir leider nicht. Nur Dollar. 10$ sagt er. Oha, den schlechten Wechselkurs kennen wir doch schon vom Zoll. Wir lieben Honig und wollten uns bereits vor ein paar Tagen welchen auf dem Markt kaufen, der war uns aber zu teuer. Ich sage zu Roland, hey wenn die uns morgen Früh Brot bringen, nehmen wir den Honig. Abgemacht. Ich tippe in sein Handy: Bringt ihr uns morgen Früh Brot? Ja, die Antwort. 2 Fladenbrote für 2$. Wucher! Der kleine ist ein dreister Geschäftsmann. Ach egal denke ich mir und sehe es von der positiven Seite: er ist tüchtig und engagiert und wir bekommen Frühstück. Also nehmen wir das Glas und er die 10$. Als letztes tippe ich in sein Handy: Das ist sehr sehr viel Geld, zeige es allen und schaue ihnen tief in die Augen. Alle drei nicken. Erziehungsauftrag erfüllt. Zuletzt schreibt er: Tomorrow 10am there will be food. Und sie gehen wieder. Roland betrachtet das große Glas Honig. Wie sollen wir das nur in unserem übervollen Gepäck unterbringen.

Keine fünf Minuten später stehen die Jungs erneut vor uns und ein älteres Mädchen ist auch dabei. Sie laden uns zu sich nach Hause ein. Es wird kalt Nachts schreibt sie in ihr Handy. Wir antworten, wir haben einen dicken Schlafsack, ich öffne das Zelt und einer der Jungs krabbelt sofort rein und begutachtet Isomatte und Schlafsack. Sie schreibt: Aber es gibt hier auch einen Wolf. Die Jungs heulen dramatisch. Ok, gleich haben sie mich. Jetzt noch eine Vampirgeschichte und ich ziehe um. Roland lacht, lehnt nochmal ab, wir sagen ihnen gute Nacht und hoffen, das war ihr letzter Besuch heute.

Es ist längst Nacht. Wir setzen uns mit unserem Bergquell-Wasser, in dem Roland eine Multivitamin Tablette aufgelöst hat, in die Stühle und sehen in den Sternen-Himmel. Mehrere Sternschnuppen fallen vom Himmel und ich schicke schnell ein paar Wünsche nach oben. Was ich mir gewünscht habe, verrate ich nicht. Sonst geht es ja nicht in Erfüllung.