Über Tash Rabat zum Songköl See

Heute Morgen gibt’s nur Kaffee. Wir hatten gestern keine Gelegenheit mehr Brot einzukaufen. Bleibt mehr Zeit für die Reparatur. Roland montiert den rechten Spiegelfuß auf die demolierte linke Seite und der linke Protektor wird rechts mit Draht befestigt. Sobald wir wieder in einer größeren Stadt mit Basar sind, will Roland den Tankrucksack nähen lassen. Für die nächsten Tage muss Klebeband ausreichen.

Wir setzen unseren Weg auf der Arschbrettstraße (sorry Mama für den Ausdruck) fort. Das kann einem ganz schön die Stimmung verhageln, vor allem wenn man nichts zum Frühstück hatte. In dem nächstgrößeren Ort Baetov halten wir daher an einem  kleinen Laden an und kaufen Brot, Käse, Trinkjoghurt und Kekse. Während wir frühstücken, checkt Roland den Luftdruck von seinem Hinterreifen, irgendwie fährt sein Bike komisch meint er. Und tatsächlich, der Reifen verliert ordentlich Luft. Da ich keine Zeit verlieren möchte, frage ich die Taxifahrer am Eck, ob man hier einen Reifen reparieren kann. Wie? Ich zeige auf den Reifen, mache ein Pffffft Geräusch und sage „Reparatur“. Sie verstehen was ich meine. Sofort stehen fünf, sechs Mann um Rolands Bike, tasten den Reifen ab und reden wild durcheinander. Dann meinen sie, dass es eine „Reparatur“ hier im Ort gibt, aber der Typ ist zu Mittag (Arme bilden zuerst ein X, dann wird symbolisch Essen in den Mund geschoben. Das Zeichen kennen wir schon, gibt es als Variante auch mit „Beten“  statt „Essen“). Wir besprechen uns mit Vincent, er kann gern vorfahren nach Tash Rabat und wir treffen uns dann auf dem Rückweg zum Song-Kul See. Er verneint, er bleibt lieber bei uns und wir fahren später zusammen, wenn der Reifen repariert ist. Vincent hat wirklich eine Engelsgeduld. Davon könnte ich mir eine Scheibe abschneiden.

Die Männer sind zurück und kippen Wasser über den Reifen und suchen nach dem Loch. Roland weiß gar nicht wie ihm geschieht und es tut mir fast ein bisschen leid, dass ich mich eingemischt habe und jetzt Wildfremde an seinem Bike rumdoktern. Aber er lässt es über sich ergehen und rollt das Bike vor und zurück, damit die Männer den gesamten Reifen abtasten können. Als sie wieder Wasser holen, wage ich mich auch mal ran. Ich halte mein Ohr an den Reifen und höre sofort das Geräusch von entweichender Luft. Ein Stück vor sage ich und finde das Loch mit dem Stein drin. Freude ist vielleicht das falsche Wort in diesem Zusammenhang aber irgendwie „freut“ es mich, dass ich das Loch entdeckt habe. Ich packe unser Reparatur-Set aus. Einer der Männer nimmt es sofort an sich, drückt die Kautschuk-Wurst mit dem Werkzeug in das Loch und verklebt es. Zack erledigt. Roland füllt mit dem Airman Luft nach. Der Reifen hält. Wir können weiterfahren, was für ein Glück!

Unser erstes Ziel ist heute Tash Rabat, die Karawanserei aus dem 15. Jahrhundert. Die Route, die Vincent ausgewählt hat, ist fantastisch. Wir fahren wieder abseits der geteerten Straßen und außer ein paar wenigen Jeeps und zwei Bikern aus Italien treffen wir auf keine Menschen. Das Wetter ist perfekt, nicht zu heiß aber schön sonnig. Die Wasserdurchfahrten, die auf dem Track liegen sind easy machbar – ich möchte mir nicht vorstellen, wie die Flüsse hier aussehen, wenn es mal ein paar Tage geregnet hat.

Der Pass, den wir überqueren liegt wieder auf über 3.000m. Kurz danach erreichen wir Tash Rabat. Oha. Was für ein Menschenauflauf. Ziemlich ungewöhnlich. Ein Reisebus steht auf dem Parkplatz. Eine Gruppe koreanischer Touristen hat sich die Karawanserei angesehen und steht jetzt am einzigen Souvenierstand. Wir unterhalten uns kurz mit einem Koreaner, bevor der Reisebus wieder abfährt. Jetzt sind wir wieder alleine hier. So mag ich das. Vincent und ich sehen uns die historische Stätte an, Roland möchte nicht. Tash Rabat unterscheidet sich in zwei wesentlichen Punkten von allen anderen Karawansereien, die ich bisher gesehen habe: Sie ist erstens nicht aus Lehm sondern Stein und ist zweitens deswegen unglaublich gut erhalten.

Lange halten wir uns allerdings nicht dort auf, wir haben noch knapp 250 km vor uns und ja, wen wundert’s, uns läuft mal wieder die Zeit davon. Die Reifenreparatur hat uns über eine Stunde gekostet. Es ist 18 Uhr, als wir in Tash Rabat wieder Richtung Norden aufbrechen. Zwar auf Asphalt, aber trotzdem brauchen wir über zwei Stunden, bis wir nach Naryn zur Abzweigung gelangen, die uns wieder in die Berge und auf einen Offroad Track Richtung Songköl, zum zweitgrößten Bergsee Kirgisistans, bringt. Der Track wäre ein Traum, wenn ich was sehen würde. Es ist finstere Nacht, als wir die 33 Haarnadelkurven und den über 3.500m hohen Pass erklimmen. Die Straße ist eng und steinig, ich muss mich höllisch konzentrieren, nicht auf einen Felsen oder noch schlimmer den Abhang runter zu fahren. Ich schwitze und fluche und bereite Roland darauf vor, dass ich heute NICHT mehr kochen werde. Hunger hin und her.

Noch später als gestern erreichen wir unser Ziel. Der Songköl liegt auf 3.000 m. Es hat 4,5°C. Zum Glück habe ich mir vor der Reise einen warmen Daunenschlafsack und eine isolierende Daunen-Isomatte gekauft. Wir bauen unsere Zelte auf, ich putze Zähne und lege mich sofort in meinen warmen Schlafsack. Vincent und Roland kochen sich noch eine Suppe und trinken ein wohlverdientes Arpa (kirgisische Biersorte). Ich schlafe bereits tief und fest, als Roland später ins Zelt krabbelt.

Spaghetti um Mitternacht

Ganz im Süden, direkt an der chinesischen Grenze liegt der kleine See Chatyr-Kul und in der Nähe auf 3.000m die Karawanserei Tash Rabat aus dem dem 15. Jahrhundert. Vincent schlägt vor, dass wir zuerst zur Karawanserei fahren und dann am See Zelten. Es sind 400 km. Das wird ein langer Tag.

Wir fahren zuerst ein Stück Richtung Osh zurück und biegen nach ca. 50km von der Asphalt Straße nach Osten ab. Ab jetzt bewegen wir uns nur noch offroad. Die breite Pass-Straße windet sich in langen Kurven um den Berg und auf der gegenüberliegenden Seite des Berges sehen wir den ersten Schnee.

Die Landschaft ist ganz anders als in Tadjikistan. Statt schroffen, grauen Felsen sieht man in Kirgisistan grüne und mal braune Bergketten, die sich unendlich weit erstrecken. Über 90% des Landes liegen über 1.500m, das heisst man befindet sich quasi immer in den Bergen. Nahezu perfekt – leider sind die Straßen oft ein Albtraum. So auch diese hier. Arschbrett sagen Roland und ich dazu. Hartes Waschbrett mit feinstem Kies. Man wird unendlich durchgerüttelt und eingestaubt.

Als wir den Pass auf 3.300m überqueren ist es kurz vor 17 Uhr und es beginnt zu dämmern. Noch liegen über 200 km und ein 2. Pass vor uns. Wenn die Straße genauso weiter verläuft, schaffen wir es nie und nimmer bis zum See. Es bleibt beim Arschbrett und wir quälen uns weiter. Kilometer für Kilometer. Vincent fährt voraus, ich in der Mitte. Plötzlich höre ich Roland schreien. Nein, scheiße nein! gefolgt von einem lauten Ahhhhhhh! Er ist gestürzt. Ich drehe hektisch um. Roland steht schon wieder neben seinem Bike, ich will wieder umdrehen, um in der richtigen Fahrtrichtung zu stehen und zack – jetzt liege ich auch. Zwischen den beiden Fahrbahnen wurde eine Begrenzung aus Kies und Steinen aufgeschüttet, die an dieser Stelle so hoch ist, dass ich einfach stecken geblieben bin. Roland ist es ähnlich ergangen, er ist mit dem Vorderrad über die Begrenzung gekommen und das Hinterrad blieb auf der anderen Fahrspur. Wir haben das beide in der Dämmerung und mit den verstaubten Visieren schlichtweg übersehen. Blöder Fehler. Roland und seine nineT hat es ein bisschen mehr erwischt. Der linke Handprotektor ist abgerissen weil der Fuss vom Spiel abgebrochen ist. Außerdem hat sie diverse Kratzspuren an Windschild und Verkleidung und der Tankrucksack ist aufgerissen. Roland selbst hat sich vermutlich die Rippen ein bisschen geprellt und der Ellbogen tut ihm weh. Zum Glück nichts Ernstes. Ich gebe ihm trotzdem Arnica Globuli. Wir stecken die losen Teile ein, Roland klebt den Tankrucksack mit Klebeband zu und wir fahren weiter.

Es wird immer später und ist bereits stockdunkel. Ich bin müde und genervt, weil wir einen schönen Pass fahren aber nichts von der Landschaft sehen und Rolands Stimmung ist aus gegebenem Anlass auch nicht die Beste. Wir besprechen uns mit Vincent und auch ihm ist klar, dass wir es nicht zum See schaffen werden. Also suchen wir ab jetzt irgendwo auf der Strecke einen Platz zum Übernachten. Vincent entdeckt irgendwann einen kleinen Feldweg, der zu einem verlassenen Haus mit Stall führt. Dort bauen wir im Dunkeln die Zelte auf und kochen. Es geht doch nichts über eine ordentliche Portion Spaghetti um Mitternacht, während über einem Millionen von Sterne funkeln. Ein schöner Abschluss für einen anstrengenden Tag. Zufrieden gehen wir drei ins Bett.

Wandern in Arslanbob

Es dauert, bis wir alles gepackt haben. Also bei Roland und mir. Vincent war bereits kurz nach dem Frühstück fertig und wartet auf uns. Um 13 Uhr fahren wir los.

Unser heutiges Ziel Arslanbob ist nicht weit von Osh entfernt und die Strecke verläuft ausschließlich auf relativ gutem Asphalt. Um 16.30 stehen wir im CBT, dem Community Based Tourism Büro von Arslanbob, um uns ein Homestay auszusuchen. An der Wand im Büro hängen eine Karte, Bilder und Beschreibungen und der nette Mann vom CBT empfiehlt uns Nummer 12. Dort schickt er alle Biker hin, weil man sich in dem großen Garten so gut entspannen kann. Das klingt prima, auch wenn wir heute gar nicht entspannen wollen – wir sind ja kaum gefahren.

Im Homestay 12 beziehen Roland und ich ein großes Doppelzimmer, Vincent ein Bett in einem 4er Zimmer. Der Garten des Homestay ist wunderschön grün, voller Blumen und Bäume und am Ende liegen 2 große mit Teppich ausgelegte Terrassen. Ein gelber Vorgang schützt vor der Sonne. Es ist wirklich sehr gemütlich hier.

Touristen kommen nach Arslandbob wegen der schönen Natur. Es gibt zwei Wasserfälle und den angeblich größten, natürlich gewachsenen Walnuss-Wald der Welt. Den kleinen Wasserfall und den Wald kann man gut mit einer Wanderung verbinden, die ca. 3 Stunden dauert. Wir laufen kurz vor 18h los und machen mit unserer Gastgeberin aus, dass wir um 20.30 Uhr zum Essen zurück sind.

Zum kleinen Wasserfall ist es nicht sehr weit. Die letzten 50m sind gesäumt mit Souvenier-Shops, der Tourismus ist auch hier angekommen. Der Wasserfall an sich ist gar nicht so klein, 23m stürzt er in die Tiefe. Über eine unglaublich wackelige und rostige Brücke kann man ganz nah an ihm vorbeilaufen und pitschnass werden.

Auf der anderen Seite angekommen, steigen wir eine steile Treppe empor und gehen auf einem schmalen Wanderweg in Richtung Walnuss-Wald. Es ist weiter als gedacht und die Sonne geht gerade hinter einem Berg unter, als wir kurz vor dem Eingang des Waldes stehen. Wir haben noch nochmal die Hälfte der Strecke geschafft und sollen in einer Stunde wieder im Homestay sein. Egal ob mit dem Motorrad oder zu Fuss, es passiert uns viel zu oft, dass wir Strecken unterschätzen.

Irgendwann meint Roland, eine Abkürzung auf der Karte zu erkennen und wir verlassen den eigentlichen Wanderweg. Hier hätten meine Alarmglocken läuten sollen. Ich erinnere mich noch gut an einen Familienurlaub in Frankreich. Ich war damals vielleicht 12 und mit meinen Eltern und jüngeren Schwestern auf dem Weg zum Strand. Vollgepackt bis obenhin mit Badesachen liefen wir in der Mittagssonne durchs Gebüsch. Mein Vater meinte, er kennt eine Abkürzung. Am Ende waren wir zwei Stunden unterwegs, bis wir endlich in der Bucht ankamen.

Heute ist es ähnlich. Roland, Vincent und ich laufen querfeldein, über Kartoffelfelder, durch Apfelbaumplantagen und durch mannhohes Gras, wir steigen über Zäune und krabbeln durchs Unterholz. Alle drei in kurzer Hose, Roland und ich tragen Trekkingsandalen. Ich will gar nicht wissen, wie viele Zecken und Spinnen gerade an meinen Beinen krabbeln und fordere bei Roland eine ausgiebige Leibesvisitation ein, sobald wir im Homestay sind.

Es ist dunkel, als wir endlich auf den eigentlichen Wanderweg zurückfinden. Weitere 30 Minuten laufen wir einen Berg hinunter, inklusive Panoramablick auf ein beleuchtetes Arslanbob. Um 21.30 Uhr – mit einer Stunde Verspätung – erreichen wir endlich unser Homestay. Unsere Gastgeberin erwartet uns bereits sehnsüchtig mit dem Essen. Wir verschlingen den „Pichelsteiner Eintopf“ wie Roland das Gericht nennt und gehen alle drei anschließend zügig ins Bett.

Einreise nach Kirgisistan

Heute ist unser letzter Fahrtag in Tadjikistan. Insgesamt acht Tage waren wir auf dem Pamir Highway unterwegs, davon mehrheitlich abseits geteerter Straßen durch fantastische Landschaft, sind Berge rauf und wieder runter gefahren und haben unglaublich nette Menschen getroffen. Leider hat ein Vorfall unser Abenteuer überschattet: Der Anschlag auf die Radfahrer südlich von Dushanbe. Wir haben erst heute davon erfahren und sind erschüttert über die Brutalität.

Wir verabschieden uns von Abd und seiner Familie und fahren Richtung kirgisischer Grenze. Der Grenzübergang Kyzyl-Art ist mit 4.250m der zweithöchste der Welt (der höchste liegt auf dem Karakoram Highway zwischen China und Pakistan) und da wir für Kirgisistan kein Visum benötigen, sollte die Einreise zügig funktionieren. Denkst du!

Von Karakul aus ist es nicht weit bis zur Grenze. Die Sonne scheint aber es ist kalt. 5°C hat es, als wie oben ankommen. Ich schnappe mir Rolands Pass und gehe zuerst links ins Gebäude. Passkontrolle Ausreise Tadjikistan. Ein Blick reicht dem Beamten, dann meint er: Ok, Goodbye. Jihaaa das war einfach. Auf der gegenüber liegenden Seite ist die Zollkontrolle. Ich will gerade zum Fenster, da kommt ein großer, dunkler Mann in Tarnanzug auf mich zu: „What do you want?“ Ich: „Custom Control.“ Er nicht ganz so nett: „You wait, 4 cars first. They wait 1 hour!“ 4 Autos! Das heißt nicht etwa 4x 5 Personen sondern mindestens 8 oder sogar 9 Personen pro Auto – auf der Rücksitzbank sitzen gern 4 Erwachsene mit 3 Kindern auf dem Schoß. Das dauert. Ich geb Roland Bescheid und lege mich ins Gras. Dann schlaf ich halt ein bisschen.

Nach über einer Stunde sind wir endlich dran. Ich gehe mit unseren Pässen in das Zimmer. Oder doch nicht. Ich soll meine Stiefel ausziehen, meint der Beamte. Ich schaue runter vor die Tür und da stehen tatsächlich 3 Paar Schuhe. Daher der muffige Geruch. Die beiden Beamten tragen keine und ein andere Reisender auch nicht. Der Raum ist super unordentlich und alles andere als sauber – gesaugt wurde hier vermutlich noch nie! Es steht ein Kohleofen im Eck und schmutziges Geschirr im Regal. Ich ziehe meine Stiefel nicht aus. Lieber bleibe ich draußen stehen und reiche unsere Pässe zu dem Beamten rüber. Er akzeptiert es und trägt unsere Daten in ein Buch ein.

Als Vincent fertig ist, fahren wir durch die Schranke zur nächsten Kontrolle. Wir müssen hier zum Glück nur kurz warten, dann werden die Daten aus unseren Pässen wieder in ein großes Buch eingetragen.

Ab jetzt befinden wir uns für die nächsten 20 km im Niemandsland zwischen Tadjikistan und Kirgisistan. Landschaftlich wunderschön – wir durchqueren die Berge mit Blick auf noch viel höhere Berge mit schneebedeckten Gipfeln, die mindestens 6.000m hoch sind. Die Passtraße allerdings ist eine Katastrophe. Eigentlich ein eibziges, riesiges Schlagloch mit ein bisschen Asphalt dazwischen. Ungenießbar.

Außerdem ist es immer noch kalt, Roland meint sogar ein paar winzige Schneeflocken gesehen zu haben. Ich hab die Griffheizung auf höchster Stufe und von mir aus dürfte sie ruhig noch heißer sein. In diversen Foren liest man immer wieder, dass sich BMW Fahrer über die Griffheizung aufregen. Stufe 1 sei zu kalt und bei Stufe 2 verbrenne man fast. Leute, ihr seid noch nie bei Schneeregen nach Kirgisistan eingereist. Da kann eine Griffheizung gar nicht heiß genug sein.

Als wir die kirgisische Grenze erreichen, sehe ich die vier Jeeps wieder. Sie stehen bei der Fahrzeugregistrierung. Wir müssen zuerst zur Passkontrolle, die in 5 Minuten erledigt ist. Der Beamte trägt zur Abwechslung Silber statt Gold im Mund. Auch schön.

Die Fahrzeugregistrieung und gleichzeitig Zollkontrolle ist mein persönliches Highlight und gern gebe ich eine Live-Parodie des Beamten, wenn ich wieder daheim bin.

Hier nur dir Kurzzusammenfassung: Leider komme ich hier nicht darum, die Schuhe auszuziehen. Tür und Schreibtisch des Zollbeamten sind zu weit von einander entfernt. Ein Mann Ende 20 sitzt hinter einem Computer. Als ich ihm die beiden Pässe gebe, fragt er mich, warum mein „Husband“ nicht auch rein kommt. Also hole ich Roland. Wir nehmen ihm gegenüber Platz. Dann stellt er uns die üblichen Fragen, woher wir kommen, wo hin wir fahren wollen, ob wir Waffen dabei haben etc. Wir beantworten alle Fragen und als wir erzählen, dass wir mit zwei Bikes einreisen, meint er, wir müssen eine Ökosteuer zahlen. 500$ pro Fahrzeug. Ich will gerade losschimpfen, da zeigt er auf das Schild hinter mir auf dem steht: 500 Som pro Motorrad. Ich schau ihn an, der Scherzkeks grinst. Wir spielen mit und lachen auch. Wir können in Dollar (20$) zahlen, er wechselt zu einem etwas schlechteren Kurs aber wir haben keine Wahl.

Dann fragt er uns mit ernster Miene, ob wir gern Bier trinken (wir sind ja aus Deutschland) und als Roland Logo! sagt, fragt er, ob wir heute morgen auch Bier getrunken haben. Oder vielleicht Vodka. „Are you good Tourist?“ „Yes, we are. Of course we did not drink!“ Da lacht er Und notiert sich etwas.

Seine Miene versteinert wieder, er guckt uns an. Er will wissen, ob wir Souvenirs dabei haben. Einen toten Steinbock z.B. Klar, der sitzt bei mir hinten drauf, denke ich. Ist so schön kuschelig warm. Wir verneinen.

Zuletzt will er wissen, wie lange wir in Kirgisitian bleiben. Ich antworte: „Two weeks.“ Ok, I write 1 year for you ok and husband 1 month höhöhöhöhö lacht er. Wir lachen gequält mit.

Fast eine Stunde waren Roland, Vincent und ich mit dem Zollbeamten beschäftigt. Es ist inzwischen nach 16 Uhr und wir wollen es heute noch bis ins 240 km entfernte Osh schaffen, wir müssen uns beeilen. Also rauf aufs Motorrad!

Kirgististan empfängt uns mit grünen Wiesen und Hängen, weißen Jurten, Pferden in allen Farben und den fettesten Murmeltieren, die ich je gesehen habe. Was für ein Klischee aber es wirkt. Mein Herz hüpft, ein neues Land, ein neues Abenteuer.

Eigentlich wollen wie über Sary-Mogul fahren und einen Blick auf den 7.000er Mount Lenin werfen. Allerdings ist das Wetter zu schlecht und die Zeit drängt.
Wir fahren stattdessen nach Sary-Tash und können an der Tankstelle nicht nur tanken sondern auch gleich Geld zum aktuellen Bankenkurs wechseln. 1 Dollar sind 68 Som, bzw. 1 Euro 78 Som. 1l Benzin 92 Oktan kostet 43 Som.

Ab jetzt bis Osh regnet es immer wieder und die letzte halbe Stunde vor Osh kommen auch noch Sturm und Gewitter dazu. Der halbe Wald fliegt durch die Luft und an mein Visier, es blitzt und donnert und ich fahre in Schräglage, um geradeaus zu fahren. Es ist anstrengend und nervig. Und bereits dunkel. Um 22 Uhr erreichen wir endlich Zukhovs Guesthouse. Wir parken unsere Bikes im Innenhof. Stas und seine Frau sind super nett, zeigen uns die Zimmer und bevor wir alles verräumen, bestellen wir noch schnell Pizza. Ja genau Pizza. Heute Morgen noch Yak-Milchbrei und 12 Stunden später Pizza Quattro Stagioni. Sowas von skurril aber auch verdient.

Das Pamir Abenteuer beginnt!

Wir verabschieden uns mittags von Aziz und starten unsere Reise auf dem Pamir Highway, der von Dushanbe bis nach Osh in Kirgistan verläuft und ca. 1.200 km lang ist. Seine höchste Erhebung ist der Ak Baytal Pass mit 4.655m kurz vor dem Karakol-See. Der Pamir Highway ist die zweithöchste befahrbare Pass-Straße der Welt, weiter rauf geht es nur am Karakorum Highway in Pakistan. Mein eigentlicher Plan war es, genau dorthin zu fahren. Ich hatte in der Vorbereitung auf unserer Reise immer wieder eine neue Routenplanung erstellt, aber nie ging es sich zeitlich aus. Anfangs war ich enttäuscht, aber mittlerweile habe ich mich damit abgefunden „nur“ die Nummer 2 zu fahren. Man kann eben nicht alles auf einmal haben, wenn die Zeit begrenzt ist.

Die erste Etappe führt von Dushanbe nach Kaleikhum. 270km sind es insgesamt, 160 davon offroad. Noch ist es warm, knapp 30°C und auch ein bisschen bewölkt, nicht alle umliegenden Berggipfel sind sichtbar. Die Landschaft ist trotzdem atemberaubend schön und wechselt von schroffen Felsen zu begrünten Hängen. Zuerst fahren wir auf Asphalt, nach etwas über 100km auf losem Schotter. Immer wieder umfahren wir im Slalom tiefe Schlaglöcher. Ab und zu kommen uns 40-Tonner plus Anhänger entgegen. Die meisten kommen aus China. Böse Zungen nennen den Pamir Highway auch Plastic Road. Mit dem Motorrad ist die Straße ein Abenteuer, mit dem Lkw für mich totaler Wahnsinn. An manchen Stellen ist die Piste so schmal, dass ich auf die linke Spur wechsle, weil es rechts unfassbar tief bergab geht. Die Lkw Fahrer müssen extrem mutig und schwindelfrei sein, ihr Fahrzeug durch solche engen Passagen zu manövrieren. Offensichtlich haben sie auch Respekt vor uns, denn alle winken uns aus ihrem Fahrerhaus zu. Apropos Respekt: Wir überholen ein paar Radler und Roland und ich sind uns einig: Wer den Pamir Highway mit dem Fahrrad fährt, ist der wahre Held.

Auf halber Strecke haben wir 13.000km seit unserer Abreise Anfang Juni geschafft und machen unser obligatorisches Beweisfoto.

In Kürze wird die Sonne untergehen und es ist klar, dass wir mal wieder im Dunkeln fahren werden, da wir noch lange nicht am Ziel sind. Da die Birne von meinem Abblendlicht zum 3. Mal durchgebrannt ist und ich nur Fernlicht habe, fahre ich voraus. Eine Serpentinenstraße halb Asphalt halb Schotter schlängelt sich den Berg nach unten und wir gelangen an den Fluss Obikhumbou der in den Pyandzh Fluss mündet, den Grenzfluss zwischen Tadjikistan und Afghanistan. Wirklich sehen kann ich den Fluss nicht im Dunklen, aber hören, so stark rauscht er.

Kurz vor Kaleikhum ist nochmal eine Pass- und Permit-Kontrolle. Für alle anderen Reisenden ein Hinweis: Um den Pamir zu fahren muss man beim Visum „GBAO Permit“ auswählen – kostet nichts extra aber nur so darf man hier fahren.

Im Ort angekommen werden wir gleich vom Besitzer des Hostels abgefangen, das uns Aziz genannt hatte. Er scheint auf uns gewartet zu haben. Wir parken unsere Bikes umständlich rückwärts in dem schmalen Eingang seines Hostels aber wenigstens stehen sie so sicher. Zum Abendessen gibt es eine kräftige und gut gewürzte Rindersuppe mit Gemüse und Kartoffeln, dazu Brot, Salat und Obst. Roland hat noch schnell Bier gekauft (1,5l Plastikflasche) und wieder mal sitzen wir geschafft aber auch glücklich über einen wunderschönen ersten Fahrtag am Pamir an unserem Tisch und lassen den Tag Revue passieren.

Hallo Tadjikistan!

Um 8.30 Uhr hab ich die E-Mail mit unseren Tadjikistan-Visa im Posteingang. Da im Guesthouse der Drucker kaputt ist, werden wir später einfach in irgendein Hotel fahren, um das Visum auszudrucken.

Nach dem Frühstück verabschieden wir uns von Khalid und seiner Familie. Sein Vater betont noch einmal, dass wir bei ihm daheim herzlich willkommen sind. Egal ob jetzt oder später. Und er fügt hinzu, dass es in ein paar Jahren sicherer für uns ist, wenn der Krieg vorbei ist. Wir tauschen unseren Facebook-Kontakt aus und starten los. Im Asia Hotel direkt um die Ecke frage ich nach, ob sie unser Visum ausdrucken können. Das Personal ist super nett und ruckzuck halte ich das Visum in den Händen.

Wir fahren keine Stunden zur Grenze und die Ausreise aus Usbekistan wäre in 10 Minuten erledigt – wenn ich nicht mein Dokument für die Motorrad-Registrierung verschlampt hätte. Ich suche in allen Taschen, finde es aber nicht. Was bin ich froh, dass die usbekischen Grenzbeamten auch Computer nutzen. Der Beamte findet meine Daten im „Internet“ wie er sagt. Er zeigt mir am Bildschirm die Maske. Meine Passport-Nummer, Zickis Kennzeichen, Chassis Nummer und Farbe, alles da. Puh Glück gehabt! Ansonsten „Big problem“ meint er. Ich danke ihm tausendmal und nach wenigen Minuten dürfen wir weiter zum tadjikischen Grenzposten fahren. Wir werden mit einem Lächeln empfangen, unser Reisepass wird gescant, ein Foto gemacht und schon sind wir in Tadjikistan.

Auf dem Weg nach Dushanbe liegt der Ort Panjakent und hier gibt es eine Touristeninfo, die leider bereits zu hat (geöffnet von 10-14 Uhr), als wir dort ankommen. Hier wollten wir uns eigentlich eine SIM Karte kaufen, angeblich 3GB für 5$. Dann eben nicht. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. In der Bank schräg gegenüber wechseln wir Euro. In Tadjikistan gibt es – anders als in den vorherigen Ländern – keinen Schwarzmarkt zum Tauschen. 11 Somoni sind 1 Euro. Endlich mal wieder ein Wechselkurs, bei dem man keinen Rucksack voll Geld mit sich herumschleppen muss.

Tadjikistan empfängt uns mit einer wunderbaren Panoramastraße, die durch eine mächtige Bergkette mit Gipfeln über 5.000m führt. Nach so viel Wüste in Usbekistan und Turkmenistan genießen wir die Kurven und die Bergelandschaft und sind wieder mal erstaunt, wie schnell sich eine Landschaft und die Natur innerhalb weniger Kilometer ändern können. Wir fahren den Fluss Varzob entlang und Roland bekommt Appetit auf Fisch. An einem Restaurant mit Sitzplätzen direkt am Wasser halten wir an und Roland bestellt sich so was wie eine Forelle, die aufgeschnitten wurde und von allen Seiten angebraten ist. Ich esse Salat – was sonst.

Im Dunkeln erreichen wir Dushanbe und das Green House Hostel, eine Lonely Planet Empfehlung und Treffpunkt für viele Biker und Radler. Sie haben kein freies Zimmer mehr und wir versuchen es im „Hello Dushanbe“ keine 100m weiter. Hier bekommen wir ein super schönes Zimmer mit Kingsize Bed und 20qm großem Bad für 30$ inkl. Frühstück. Unsere Bikes parken wir im Innenhof neben einer Africa Twin, die Philippe aus Wien gehört. Wir unterhalten uns kurz mit ihm. Philippe hat ein technisches Problem bei seiner neuen Africa Twin, die Gabel ist undicht und er hat morgen ebenfalls einen Termin bei Aziz im Bike House.

Die Terrassen Badab-e Surt

Es hilft nichts, wir müssen ein Stück auf der Hauptstraße am Kaspischen Meer entlang bevor wir nach einer knappen Stunde bei Sari Richtung Berge abbiegen. Die Strecke, die Roland ausgesucht hat, ist ein Traum. Wir durchqueren wieder ein Gebirge auf perfektem Asphalt. Damghan ist heute unser Ziel, vorher möchten wir uns die Badab-e Surt Terrassen ansehen. Die terrassenförmigen Mineralquellen liegen etwas erhöht und sind nur über einen Offroad-Track erreichbar. In unserem Reiseführer steht, man muss die letzten 1,5km zu Fuß gehen und als wir an der Abzweigung stehen, kommen uns tatsächlich Fußgänger entgegen.

Die Straße ist steil, sandig und von Schlaglöchern durchzogen. Trotzdem fahren wir hoch. Roland fährt los und ich mit Schwung hinterher. Was ich nicht bedacht habe: Roland wirbelt so viel Sand und Staub auf, dass ich nach ein paar Sekunden nichts mehr sehe und anstatt anzuhalten, gebe ich Gas. Ich spüre, wie ich mehrmals mit Zicki mit voller Wucht auf dem Boden aufsetze, dann verliere ich die Kontrolle und stürze. Als sich die Staubwolke legt, sehe ich, dass ich mit einem Affenzahn über mehrere Buckel gefahren bin. Schön blöd. Roland hilft mir beim Aufstellen und jetzt fahre ich vor. Langsam und vorsichtig.
Es ist bereits später Nachmittag und die Sonne taucht die Landschaft in ein fantastisches Licht. Die Terrassen schimmern in verschiedenen Rottönen, die Berge rundherum gelb-orange und der Himmel ist Knallblau. Was für ein Farbenspiel.
Auf dem Weg nach unten habe ich Mühe, nicht zu schnell zu werden, das viele Gewicht schiebt Zicki und mich ganz schön nach unten. Wir schaffen es ohne Sturz nach unten und fahren weitere 20km auf einer schönen Offroad-Strecke, die sich am Berg entlang windet zurück zur Hauptstraße und von dort weiter Richtung Süd-Osten. Bis Damghan sind wir umringt von Bergen. Diese Route war ein wichtiger Teil der Seidenstraße und ich kann nur hoffen, dass die Menschen damals den Anblick der Berge genauso genießen konnten, wie ich jetzt.

Die letzten Tage im Iran machen es einem wirklich sehr schwer, weiter zu reisen. Aber in zwei Tagen, am 13.7., beginnt unser 5-tägiges Transitvisum für Turkmenistan. Einziges Problem: Wir haben es noch nicht. Beantragt im Mai, hat die Genehmigung bis letzte Woche gedauert. Wir haben dafür extra einen Zweitpass beantragt und die Visa-Agentur hat den Pass inklusive Visum vor ein paar Tagen per Express nach Mashhad geschickt und ich prüfe jeden Abend den Sendungsstatus. Aktuell ist es in Dubai. In unserer Unterkunft in Damghan treffen wir ein Paar aus Frankreich, die auf einer GS die gleiche Tour fahren wie wir. Allerdings in der Hälfte der Zeit. Und sie haben das gleiche Problem, warten auch seit Wochen auf ihr Visum. So richtig Vorfreude auf dieses komplizierte Turkmenistan kommt bei uns noch nicht auf.

Das Kaspische Meer: der Weg ist das Ziel.

Ich möchte im See baden. Auch wenn ich dabei komplett angezogen sein muss. Ich ziehe Kopftuch, eine lange Stoffhose und mein Merino-Shirt an, das muss sowieso gewaschen werden. Roland geht lockerflockig nur in Badehose neben mir ins Wasser. Das Wasser ist herrlich, total klar und hat die perfekte Badetemperatur. Wir schwimmen ein paar Runden. Alles richtig gemacht.

Bevor ich aus dem Wasser gehe, reicht mir Roland das Handtuch und ich schlinge es sofort um mich. Die nasse Klamotte klebt an mir, und naja, es zeichnet sich eben einiges ab. Ein junges Mädchen, ca. 15, kommt auf mich zu. Sie begrüßt mich auf Englisch und sagt: „No worry, this is comfort zone, no police, you are free here.“ Sie ist mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder hier. Im Oktober wollen sie vielleicht nach Deutschland kommen. Ich gebe ihr meine Email-Adresse und hoffe wirklich, dass ich sie wiedersehe. Damit ich mich für die großartige Gastfreundschaft aller Iraner bei ihr und ihrer Familie revanchieren kann.

Während wir uns fertig machen und die Bikes beladen, kommen die Nachbarn von links, um sich zu verabschieden. Kurz darauf bringen uns die Nachbarn von rechts eine halbe Wassermelone. Noch ist Roland nicht so weit. Ich muss sie alleine essen. Wir machen Kaffee und frühstücken, anschließend wasche ich das Geschirr ab. Auf dem Rückweg von der Waschstelle sehe ich gerade noch rechtzeitig – bevor ich den FlipFlop auf den Boden setze – dass unter mir eine kleine, braune Schlange liegt. Ich schreie, hüpfe davon und werfe dabei das Geschirr durch die Luft. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Was hab ich mich erschreckt. Unsere Nachbarin kommt gleich angelaufen, ich mache das internationale Zeichen für Schlange und zische dabei durch die Zähne. Sie nickt, lächelt und hilft mir das Geschirr aufzuheben. Ich bin kein Fan von Spinnen aber Schlangen gehen echt überhaupt nicht.

Noch später als sonst starten wir unsere Fahrt durch das Alamut Tal. Auch heute müssen wir das Alamut Castle auslassen, da der Track, den Roland ausgesucht hat, viele Offroad-Passagen enthält und uns die Zeit davon läuft. Wir fahren ein Stück die Straße zurück, die wir gestern zum Evansee hoch gefahren sind und dann weiter Richtung Norden über die Berge in Richtung Kaspisches Meer. Die Straße windet sich immer enger den Berg hoch. Der Ausblick auf die umliegenden Gipfel des Alborz Gebirge ist gigantisch. Einige von ihnen sind schneebedeckt. Ich würde am liebsten in jeder Kurve anhalten und ein Foto machen.

Wir fahren schon länger nicht mehr auf Asphalt, zuerst ist es festgefahrener Schotter, dann wird es immer steiniger mit sandigen Passagen. Die Kurven werden immer enger, irgendwann müssen wir doch oben sein, denke ich mir. Auf 2.700 Höhenmeter machen wir Halt an einem kleinen Kiosk und füllen Wasser nach. Roland checkt den Ölstand seiner nineT (das wollte er schon länger und hat es nur immer wieder vergessen) und merkt, dass gar kein Öl mehr im Schauglas zu sehen ist. Shit. Im Kiosk gibt es keines. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als weiter zu fahren. Immer weiter bergauf.
Bei 3.000 m machen wir ein Foto! Unser heutiger Highscore ist allerdings 3.215 Höhenmeter. Das Grinsen in meinem Gesicht ist riesengroß. Bis ich auf einmal Roland schreien höre. Ich schau in den Rückspiegel und sehe, wie er kurz nach einer Rechtskurve stürzt. Ich stelle Zicki ab und renne runter. Es ist nichts passiert, wir waren ja nicht schnell unterwegs. Zusammen heben wir das Bike auf. Im Sand ist ihm das Vorderrad weggerutscht. Ich vergesse blöderweise, ein Foto zu machen. Denn er macht von meinen Eskapaden immer eines.

Noch liegen min vier Stunden Fahrt vor uns und es ist bereits nach 16 Uhr. Wir müssen uns beeilen. Nachdem wir über dem Gipfel sind, geht es genauso traumhaft weiter. Serpentinen, Schotter, traumhafte Bergkulisse und tiefe Wolkenfelder, die vor uns vorbeiziehen. Immer wieder sehen wir Bienenkästen und Zelte, manchmal auch die Imker und wir winken uns gegenseitig zu. Je weiter wir Richtung Kaspisches Meer kommen, desto grüner wird es. Die Luftfeuchtigkeit steigt und die Temperatur ist mittlerweile auf 21°C gesunken. Wie unterschiedlich die Landschaft im Iran doch ist. Vor ein paar Tagen fuhren wir noch durch die Wüste bei 45°C, haben geschwitzt und jetzt habe ich Wassertropfen auf dem Visier. Wir fahren durch dichten Nebel und es fühlt sich fast wie Regen an.

Als wir das Tal erreichen, erleben wir eine Seite am Iran, die uns nicht gefällt. Überall dort, wo gecampt wird, liegt Unmengen an Müll. In den schönsten Wäldern, an Wasserfällen und Flüssen. Eine Spur der Verwüstung. Es wird alles in die Natur geschmissen, Papier, Plastik, Essensreste. Es ist wirklich ein Schweinestall. Wir haben keine Lust, an den Wasserfällen anzuhalten, so sehr ärgern wir uns.

Wir fahren weiter und finden zum Glück eine Werkstatt, die das richtige Öl hat. Castrol 20W50. Bezahlen darf Roland es aber nicht, die Rechnung will unbedingt der Besitzer vom Möbelladen nebenan übernehmen. Nach dem üblichen Nein-Doch Spiel bedanken wir uns und fahren weiter, bis wir die Küste erreichen. Hier reiht sich ein Touristenort an den anderen. Überall blinkt es, die Leuchtschilder über den Geschäften, die Brücken und sogar die Palmen. Ich sehe Zara, Kentucky Fried Chicken und einen Ikea Idea Store. Das hatte ich nun wirklich nicht erwartet. Noch dazu versinken wir mal wieder im Verkehrschaos und kommen nur schleppend vorwärts. Es wird bereits dunkel und wir haben noch kein Hotel. Ich bin müde und genervt und will einfach nur irgendwo ankommen. Trotzdem versuche ichdf, mich nicht zu ärgern. Denn der gesamte Tag war so wunderschön und eindrucksvoll, wir hatten so viele schöne Momente in den Bergen, das möchte ich mir nicht vermiesen lassen.

Kurz nach Chalous finden wir eine Unterkunft und nach kurzen Verhandlungen bekommen wir auch einen Rabatt. Das Abendessen lassen wir heute ausfallen, Roland möchte lieber das Spiel sehen und so serviere ich ihm Tee und Erdnüsse ans Bett.