Rafting auf dem Aragwi

Die Nacht war bescheiden, da gegen halb 2 Uhr auf einmal laute Musik ertönt. Ich schaue aus dem Zelt und sehe ein paar Leute um das Feuer zur Techno Musik tanzen. Ich wecke Roland, da ich mir ein bisschen Sorgen um die Bikes mache. Er ist zu müde, um mich ernst zu nehmen, sagt ich soll schlafen und dreht sich wieder um. Kann ich aber erst als der Spuk um 3 Uhr wieder vorbei ist.

Als wir aufstehen, kommt Lika zu uns und entschuldigt sich für ihren Bruder, der gestern Nacht mit Freunden hier gefeiert hat. Aha, das waren also die Party People.

Neben Lika, Likas Bruder Bacho und ihrem Vater Givi arbeiten noch Alexandra, Makho und zwei Guides vom Raftingverein hier. Zum Camp gehören außerdem Mura, die streunende Hündin und ihr ebenfalls streunender Begleiter. Die zwei Hunde sind vor ein paar Wochen im Camp aufgetaucht und Lika und ihr Team kümmern sich um die beiden. Roland schliesst sie sofort ins Herz und streichelt beide ausgiebig. Mura ist riesig und vermutlich trächtig. Sie liegt die meiste Zeit unter Rolands nineT und schläft.

Als wir im Camp von unseren Erlebnissen mit der russischen Polizei erzählen, wundert sich hier niemand. Russland möchte nämlich das Gebiet um den Kazbegi haben. Mit Abchasien und Südossetien haben sie bereits 20% georgischen Territoriums besetzt aber das reicht ihnen nicht. Äh wie bitte? Ich hab mich wohl verhört. Nein. Russische Soldaten verschieben nachts Grenzzäune erklärt man mir. Ein paar Georgier haben sich zusammen getan und reiten nachts die Grenze ab und wenn sie Soldaten dabei erwischen, filmen sie es und stellen die Videos ins Internet. In Zeiten vom Google-Maps, Satellitenbildern und Drohnen wagt es ein Land tatsächlich, Grenzzäune zu verschieben und kommt damit durch? Weil es in Europa niemand mitbekommt. Die Ukraine bekommt momentan die volle Aufmerksamkeit, erklären sie mir.

Wir frühstücken und ich freue mich schon auf einen ruhigen, gemütlich Tag. Gerade als ich überlege, wo ich meine Isomatte aufbaue, um eine Runde in der Sonne zu schlafen, erzählt Roland freudestrahlend, dass er uns eine Rafting Tour gebucht hat. Also nix Chillivanilli. Ich ziehe meinen Bikini an und T-Shirt und Short, Schuhe brauchen wir nicht. Makho vom Rafting Verein gibt uns Westen und Helme und eine 30-sekündige Einführung am Boot: Wo wir sitzen und wie wir das Paddel halten, dass wir auf den Guide hören müssen (Go heißt paddeln, Stopp heisst nicht mehr paddeln) und rausfallen können wir nicht. Alles klar. Bestens vorbereitet besteigen wir zusammen mit den vier anderen Teilnehmern das Boot und los geht’s.

7 km fahren wir den Fluss Aragwi entlang, es ist lustig und entspannt, ein paar Mal dreht sich das Boot, ich werde nass aber falle wie versprochen nicht raus. Ein Jeep holt uns am Ausstieg ab und fährt uns wieder ins Camp zurück. Bilder folgen.

Zum Abendessen gehen wir in ein Restaurant um die Ecke, Bachos Frau arbeitet dort und wir bekommen echtes Löwenbräu Bier vom Fass und das beste georgische Essen: Chatchapuli, das ist georgische Pizza mit Käse, Khinkali (Teigtaschen) mit Fleisch und und für mich mit Käse, BBQ vom Kalb für Roland und Tomaten-Gurken-Salat. Es schmeckt fantastisch, aber natürlich schaffen wir nicht alles. Ein paar Stücke Chatchapuli nehmen wir mit fürs Frühstück morgen.

Tagsüber ist es angenehm warm gewesen, aber sobald die Sonne weg ist und es dunkel wird, kühlt es schnell ab. Zurück im Camp suche ich Feuerholz und werde am Ufer fündig. Roland schleift die Reste des vertrockneten Baums zur Feuerstelle und endlich kommt seine „Fiskar“ Axt zum Einsatz. 21.000 km musste sie zurücklegen, um hier in Georgien Feuerholz für mich zu machen. Roland hackt den Baum klein, Givi und ich türmen alles auf und Givi zündet das Feuer schließlich an.

Wir setzen uns alle auf Sitzsäcke um das Feuer und es dauert nicht lange, bis ich einschlummere.

Tankstelle vermisst!

Auch heute wieder wollen wir viele Kilometer machen und mindestens bis zur Stadt Oral kommen, die unser nördlichster Punkt sein wird und an der Grenze zu Russland liegt. Leider haben wir heute ekligen Wind von schräg vorne, der das Fahren anstregend macht und vor allem den Benzinverbrauch in die Höhe treibt. Wir haben uns blöderweise nicht schlau gemacht, wann Tankstellen auf der Strecke kommen. Zwar haben wir beide unsere Kanister voll aber Rolands nineT verbraucht wesentlich mehr Benzin als meine. 200 km vor Oral geht seine Warnleuchte für die Tankanzeige an. Das heißt laut offiziellen Angaben kommt er noch 50 km weit. Laut Navi und maps.me ist die nächste Tankstelle in Oral. Roland fängt an zu rechnen. Selbst mit seinen beiden Kanistern kommt er nicht bis Oral. Ich hab noch ca. 100 km Restreichweit und bin auch auf meine Kanister angewiesen, könnte es dann aber bis Oral schaffen. Also bleibt uns nur eine Möglichkeit: Wir fahren kraftstoffsparend bis Rolands Tank leer ist, dann bekomme ich alle Kanister und schleppe ihn ab. Ein Seil haben wir ja dabei. Also klemmt er sich in meinen Windschatten und wir tuckern eine gute Stunde mit 80 km/h dahin.

Nach 85 km dann das kleine Wunder: es taucht unerwartet eine Tankstelle auf. Ich biege ein und im selben Moment höre ich, wie der Motor der nineT ausgeht. 25 m vor der Tankstelleneinfahrt. Und wenn die Einfahrt nicht ein kleines Stück bergauf gehen würde, hätte Roland es geschafft, bis zur Zapfsäule zu rollen. So muss er die letzten 10m schieben. Was haben wir doch für ein Dusel.

Mit vollem Tank geht es weiter. Kurz vor Oral verliere ich eine Schraube vom Scheinwerferhalter. Ich spüre zwar noch wie sie auf meinen linken Fuß fällt aber die Suche an der vermeintlichen Stelle bleibt erfolglos. Roland hat zum Glück eine passende Schraube dabei und nach 10 Minuten „Reparatur“ können wir wieder weiter fahren. In Oral kaufen wir Vorräte ein und suchen uns ein paar Kilometer weiter einen Platz zum Zelten. Es wird ein Platz mit Blick auf den Fluss, wenn auch ohne direkten Zugang zum Wasser. Egal, wir haben ja heute Morgen ausgiebig gebadet.

Statt Spaghetti gibt es heute Brotzeit mit Käse und selbstgemachtem Wurstsalat – die Kasachen haben doch tatsächlich sowas wie Knacker. Zufrieden sitzen wir in unseren Stühlen und sehen zu, wie der Mond zwischen den Bäumen aufgeht.

Kamel vermisst!

Was für ein wunderschöner Morgen! Ich schaue aus dem Zelt auf unsere Bikes. Die Sonne scheint und ich freu mich auf ein Bad im See. Der See ist eigentlich eine Lagune, das glasklare Wasser ist gerademal knietief und der Grund feinster, weißer Sand. Kasachstan ist die gröste Überraschung auf unserer Reise bisher. Ich dachte, dass wir Kasachstan auf dem schnellsten Weg durchfahren, weil es hier außer Wüste nichts gibt. Wie sehr ich mich doch getäuscht habe.

Nach der Morgenwäsche bleiben wir noch ein bisschen im Wasser und genießen die warmen Sonnenstrahlen und die Ruhe. Zum Frühstück gibt es Kaffee und Brot mit Honig – die 1L Flasche aus Kirgisistan scheint nicht leerer zu werden.

Beim Aufpacken dann der Schock: Mein Kamel aus Usbekistan ist weg. Roland hatte uns beiden ein Stoffkamel gekauft, das an unserem Tankrucksack hing. Meines ist vermutlich bei einem meiner Stürze im Sand gestern abgegangen. Ich bin unendlich traurig und weine dicke Krokodilstränen. Das Kamel war mein einziges Souvenir. Roland möchte mir sein Kamel überlassen, ich lehne ab. So funktioniert das nicht. Mein Kamel ist weg, weil ich nicht ordentlich darauf aufgepasst habe. Da muss ich jetzt durch. Und weine weiter. Roland meint, er kauft mir ein neues Souvenir. Lieb gemeint, aber das beruhigt mich auch nicht.

Unsere heutige Etappe wird lang, wir wollen bis Aktöbe fahren, das sind über 700 km. Die Straße ist zum Glück Bombe, perfekter Asphalt und die meiste Zeit sind 110km/h erlaubt. Natürlich sehen wir wieder viele Kamele. Das ist jedes Mal ein Stich ins Herz, denn ich vermisse mein Stoff-Kamel.

In der Stadt Aral tanken wir voll und kurz danach sehe ich Frauen am Straßenrand mit großen getrockneten Fischen winken. Auf den Tischen stehen Plastikflaschen mit Kamelmilch. Und ich sehe Nierengurte. Roland stopp, wir drehen um! Hier verkaufen sie Nierengurte aus Kamelhaar. Kaum stehen wir, kommt die jüngere von beiden mit der Milch angelaufen. Nein sage ich und zeige auf den Kleiderbügel, an dem gestrickte Socken, ein Pullunder und die Nierengurte hängen. Sie zeigen uns verschiedene Modelle, Roland sucht sich einen aus und ich auch. Umgerechnet 2,50€ möchten sie für einen haben. Gekauft!

Die beiden Damen wollen uns gern noch einen Pullunder verkaufen, oder Kamelmilch oder einen Fisch. Nein danke, kein Platz sage ich. Sie bestehen darauf, dass ich wenigsten eine der weißen Kugeln probiere. Sieht aus wie ein Marshmellow ist aber hart. Und es schmeckt säuerlich. Ich habe eine Vermutung. Es ist vergorene und getrocknete Kamelmilch. Roland bekommt die Hälfte. Bevor er fragen kann, was es ist, steckt es schon in seinem Mund. Ehrlich gesagt, hatte ich den Geschmack schlimmer erwartet, Roland findet es auch ganz o.k. Wir kaufen trotzdem nichts davon und fahren wieder weiter. Auch wenn der Nierengurt kein Ersatz für mein Kamel ist, bin ich nun etwas besser drauf. Endlich hab ich wieder einen Nierengurt, meiner ist nämlich irgendwo in Kirgisistan verloren gegangen.

Es ist nach 22 Uhr und stockdunkel, als wir in Aktöbe im Hotel ankommen. 738 km haben wir heute geschafft. Die Dame an der Rezeption spricht kein Englisch, ein anderer Gast hilft weiter und so können wir tatsächlich noch Bier und Essen bestellen, das uns sogar aufs Zimmer geliefert wird.

Eine schlechte und eine gute Nachricht

Wenn du morgens das Zelt aufmachst, und dich eine Kuh anschaut. Unbezahlbar. Nach dem Frühstück gehen wir baden, also uns waschen, packen zusammen und fahren los. Entweder schaffen wir es heute über die Grenze nach Usbekistan oder wir bleiben noch mal eine Nacht in Kirgisistan.

Auch heute ist es mit 37°C wieder heiß. Was waren das doch für angenehme Temperaturen in den Bergen.
Nach einigen Kilometern passieren wir die Toktogul Talsperre, die größte in Kirgisistan. Die Nutzung des Wassers und ist seit vielen Jahrzehnten ein grosser Streitpunkt zwischen Usbekistan und Kirgisistan, immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen zwischen den beiden Staaten obwohl eigentlich eine klare Vereinbarung besteht.

Im Ort Taschkomür entscheiden wir, dass wir heute noch mal in Kirgisistan zelten und erst morgen ganz gemütlich über die Grenze fahren. Nachdem wir unsere Vorräte eingekauft haben, suchen wir uns einen Platz am Fluss Naryn und finden eine Stelle unter einem Baum neben einem bewirtschafteten Strandabschnitt. Der Fluss selbst lädt nicht zu einem ausgebiegigen Bad ein, er ist trüb von Sand und Schlamm. Roland hat die Idee, dass wir uns mit den Stühlen ins Wasser setzen und dort unser Bier trinken. Mallorca Pauschaltourismus lässt grüßen. Gerade als wir das zweite Bier öffnen, kommt ein Mann zu uns. Er sagt, dass ihm das Restaurant drüben gehört und wir dort essen und auch campen können. Hier wo wir jetzt stehen, ist es nicht sicher. Aha. Wir sehen ihn neugierig an. Die Polizei hätte den Abschnitt hier gesperrt. Weil… Er macht eine Pause… hier gestern jemand gestorben ist. Roland und ich sehen uns an. Wir müssen beide ein Lachen unterdrücken. Interessante Geschäftsmethoden. Ich glaube ihm zum Glück kein Wort. Wir sagen, dass wir später vielleicht zum Essen rüber kommen und er geht wieder.

Von den Bier ein bisschen abgedüdelt, bekommen wir Hunger aber ich bin zu faul zu kochen. Also gehen wir doch rüber. Der Mann ist gerade nicht da aber seine Frau nimmt unsere Bestellung entgegen. 1x Fish&Chips und für mich Chips&Gemüse. Dauert ca. 1 Stunde weil alles frisch zubereitet wird. Auch die Chips, hauchdünn geschnittene und frittierte Kartoffelscheiben. Es schmeckt vorzüglich.

Wir unterhalten uns mit dem Mann über unsere Reise und erzählen, dass wir morgen in Uchkorgan über die Grenze nach Usbekistan fahren. Das geht nicht sagt er. Die Grenze ist nur für Einheimische. Wie bitte? Das kann ja wohl nicht wahr sein. Und jetzt? Wo müssen wir dann hin? Wir sind leicht genervt. 240km weiter nach Osh meint er. Roland und ich gucken uns an. Osh! Zu Stas und Anastassia? Ach, das ist ja super. Der kleine Umweg von 240km ist plötzlich kein Problem, zu den beiden fahren wie gern wieder hin. Zumal Roland sowieso die Halterung an seinem Scheinwerfer schweißen muss und er genau weiß, wo er das in Osh machen lassen kann.

Wir trinken noch zwei Arpa Bier im Sonnenuntergang. Der Mond geht auf, verschwindet aber auch gleich wieder. Das ist mir in Tajikistan auch schon aufgefallen. Ab halb 11 ungefähr sieht man nur noch Sterne am Himmel.

Der Toktogul See

Ich bin für meine Verhältnisse früh wach. Noch vor 8 Uhr sitze ich im Fluss und wasche meine Haare und den Rest im eiskalten Wasser. Brainfreeze inklusive.

Danach wecke ich Roland auf und setze mich vor unser Zelt und lasse die Haare trocknen. Einer der Jungs kommt vorbei, es ist der kleinste von den Dreien. Ich schaue auf mein Handy, es ist 9 Uhr. Oha der ist aber früh dran. 10 Uhr was ausgemacht. Er gibt mir zwei Tüten, in der einen sind zwei große Fladenbrote, in der anderen mindesten 20 kleine Äpfel. Ich geb ihm das Geld, wir verabschieden uns und er geht. 10 Minuten später steht er mit einem Glas Honig vor uns. Herrgott, geht das heute wieder los? Vermutlich schicken ihn seine Eltern, verkauf an die verrückten Touristen auf unserer Wiese so viel wie geht! Da wir gestern schon 1kg Honig gekauft haben, muss ich ablehnen, auch wenn er mir ein bisschen leid tut.

Roland schicke ich an den Fluss zum Waschen, während ich Kaffee koche. Wir frühstücken, als der ältere Junge von gestern auftaucht. In der Hand eine Tüte mit zwei Fladenbroten. Ne oder? Dieser kleine Schlawiner von 9 Uhr. Er hat seinen Kumpel ausgetrickst und uns einfach früher die Brote gebracht und das Geld alleine kassiert. Chapeau! Ich bringe es aber nicht übers Herz, ihn und seine Brote ohne Bezahlung wegzuschicken. Ich nehme eines und er bekommt 1$. Da ich merke, dass er nicht ganz happy ist, zeige auf die beiden Brote vor mir, sage Sorry und zucke mit den Schultern.

Der Honig ist unglaublich lecker, aber trotzdem schaffen wir gerademal die Hälfte von einem Brot. Die restlichen Brote packe ich ganz unten in mein Bag und ich hoffe, dass sie bis heute Abend durchhalten.

Roland hat die Idee, den Honig in eine 1l Wasserflasche zu füllen, so lässt er sich viel sicherer transportieren als in dem Glas mit dem windigen Deckel. Endlich kommt der kleine Trichter zum Einsatz und Roland füllt den Honig erfolgreich um.

Bei strahlendem Sonnenschein setzen wir unsere Fahrt Richtung Toktogul fort. Wie gestern führt er durch saftig grüne Wiesen. Wir machen kaum Höhenmeter, bleiben immer auf ca. 1.900m und bis auf ein paar anspruchsvolle Passagen zu Beginn ist der Track easy fahrbar. Ein breiter Feldweg, der sich um einen Berg nach dem anderen schlängelt.

Am Nachmittag haben wir die Berge des Suusamyrtoo durchfahren. Ab jetzt geht es auf Asphalt weiter. Die Landschaft wird trockener und es ist ziemlich warm, um die 35°C. Die Straße schlängelt sich durch dunkelbraune Berge und recht bald sehen wir zum ersten mal den Toktogul See. Die Kombination aus der erdigen Landschaft und dem tiefblauen Wasser ist gigantisch. Wir umfahren den See von Ost nach West und finden auf der Westseite ein kleines Restaurant. Roland hat Lust auf Fisch. Wir parken unsere Bikes und sehen zwei GS, die sich hinter einem LKW versteckt hatten. Prima, dann sind wir hier genau richtig. Wir betreten die Terrasse und der Blick auf den See haut uns fast um. Wir setzen uns an einen Tisch, außer den beiden GS Fahrern und uns gibt es keine weiteren Gäste. Der eine Fahrer hilft uns gleich bei der Bestellung, da er Russisch spricht. Die beiden kommen aus Sofia. Der eine sieht aus wie ein Model aus dem Feuerwehrmann Kalender. Groß und muskulös, dunkles volles Haar, blaue Augen, perfekt kontuierter Bart. Der andere hat eine ähnliche muskulöse Statur, trägt einen wilden 5-Tage-Bart und ein Military Bandana auf dem Kopf. Der könnte eine Nebenrolle in einem Rambo Film spielen. Beide machen aber ganz was anderes, sie sind Zahnärzte. Ich fasse es nicht. Sie erzählen, dass sie in Tajikistan jemandem einen kaputten Zahn gezogen haben. Mit Narkose. Patient lebt noch, meinen sie und lachen. Unser Essen kommt, Roland hat eine gebratene Lachsforelle aus dem See und ich… Salat. Die beiden Jungs verabschieden sich und wir genießen unser Essen mit Blick auf den See.

Die Suche nach einem Zeltplatz am See ist nicht ganz so einfach, da es kaum sichtbare Zugänge zum Ufer gibt. Als wir endlich einen Weg hinunter finden, stehen am Strand bereits drei Autos mit Familien. Und zwar direkt am Strand, keinen halben Meter vom Wasser entfernt. Wir parken etwas oberhalb auf der Wiese und warten noch etwas mit dem Zelt-Aufbauen. Die Familien packen nach und nach zusammen und steigen in die Autos. In einen normalen Pkw quetschen sich 9 Personen, 4 Erwachsene und 5 Kinder. Unfassbar.

Als wir endlich alleine sind, bauen wir das Zelt auf, setzen uns in die Stühle und trinken unser zum Glück noch kaltes Bier, während wir den Sonnenuntergang beobachten. Allerdings sind wir nicht lange alleine. Kühe machen ihren Abendspaziergang am Ufer und fressen die Reste der Wassermelonen, die die Familien am Strand liegen gelassen haben. Na hoffentlich gibt das morgen keine rosa Milch…

1kg kirgisischer Honig

Wir haben fantastisch geschlafen und ich freu mich, als ich beim Aufwachen das laute Rauschen des Flusses höre. Wir haben bisher immer super Plätze zum campen gefunden und am liebsten ist es mir natürlich an einem Fluss oder See. Ein Bad morgens im kalten Wasser ist der beste Start in den Tag.

Die Bäume um uns herum bieten gut Schatten, so dass wir uns Zeit lassen mit der Abreise. Es ist ein wunderschöner Tag, heiss und es sieht nicht nach Regen aus. Unser Ziel ist der Toktogul See ganz im Westen von Kirgisistan, je nachdem wie die Strecke beschaffen ist, werden wir eventuell irgendwo auf dem Weg nochmal übernachten müssen.

Anfangs durchfahren wir einen Canyon auf bestem Asphalt. Greifvögel ziehen über uns ihre Kreise und Esel und Pferde kreuzen unseren Weg. Leider müssen wir aufgrund von Straßenbauarbeiten nach 40 km umdrehen, aber der Canyon ist es wert, ihn zweimal zu durchfahren.

Danach nehmen wir eine andere Route und fahren auf Schotter durch ein Tal weiter nördlich. Nachdem wir über eine Stunde weder Auto noch Mensch noch Tier gesehen haben, kommen uns zwei Fahrradfahrer entgegen. Es sind Annabelle und Sascha, die wir in Dushanbe und dann in Osh gesehen hatten. Was für ein Zufall, die Freude ist groß. Ihren kleinen Findelhund Ginny haben sie vor Bishkek bei einer Nomadenfamilie unterbracht. Wir tauschen unsere Erfahrungen der letzten Tage aus und diverse Routentipps, dann fahren wir wieder weiter. Annabelle schreibt ebenfalls einen Blog über ihre Reise mit dem Rad nach Neuseeland. Den Blog findet ihr hier

Der Track führt immer weiter bergauf und in eine nicht enden wollende Bergkette hinein. Um uns herum ist mittlerweile alles grün, die Wiesen und Berghänge. Entsprechend viele Jurten und Herden sehen wir, die Gegend hier ist die perfekte Sommerweide. Sobald Kinder uns hören, rennen sie von der Jurte so schnell sie können Richtung Straße und wollen, dass wir mit der Hand abklatschen. Wenn es klappt, lachen sie laut und hüpfen vor Freude.

Immer wieder durchfahren wir kleine Bergflüsse. Ich liebe Wasserdurchfahrten! Durch eine riesen Pfütze lasse ich allerdings Roland mein Bike fahren. Der Untergrund ist super schlammig und da ich Zicki kaum halten kann wenn sie kippt, gehe ich lieber kein Risiko ein.

Wir haben heute den ganzen Tag noch keinen Minimarkt gesehen. Wo auch! Wir waren immer auf kleinen Tracks in den Bergen unterwegs. Zahlen hätten wir sowieso nur mit Dollar können, da wir absolut blank sind. Kein einziger Som mehr in unserem Geldbeutel. Fürs Abendessen hab ich noch eine Portion Pasta mit Sauce, aber sonst nichts mehr.

Es dämmert als wir durch ein Dorf, das an einem breiten Fluss liegt, fahren, aber leider gibt es hier keinen Shop. Dann fällt das Frühstück morgen eben aus. Wir suchen uns einen Platz auf einem gemähten Stück Wiese ca. 100m nach dem letzten Haus mit Zugang zum Fluss. Unten stehen drei Jungs und angeln.

Gerade als alles aufgebaut und die Pasta fertig ist, besuchen uns die drei Jungs. Mit dem Handy in der Hand und google Translator entsteht eine kleine Unterhaltung, wie wir heißen und woher wir kommen. Roland fragt, ob sie einen Fisch gefangen haben. Der älteste verneint. Sie gehen wieder weg und wir essen fertig.

Kurze Zeit später stehen sie wieder da, der älteste hat ein 1kg Glas Honig in der Hand. Wir hatten heute überall Bienenkästen gesehen. Kein Wunder, die Umgebung hier ist perfekt für Imker und ihre Bienen. Die Wiesen sind voller blühender Wildblumen. Der Junge möchte uns das Glas Honig verkaufen. Für 500 Som. Haben wir leider nicht. Nur Dollar. 10$ sagt er. Oha, den schlechten Wechselkurs kennen wir doch schon vom Zoll. Wir lieben Honig und wollten uns bereits vor ein paar Tagen welchen auf dem Markt kaufen, der war uns aber zu teuer. Ich sage zu Roland, hey wenn die uns morgen Früh Brot bringen, nehmen wir den Honig. Abgemacht. Ich tippe in sein Handy: Bringt ihr uns morgen Früh Brot? Ja, die Antwort. 2 Fladenbrote für 2$. Wucher! Der kleine ist ein dreister Geschäftsmann. Ach egal denke ich mir und sehe es von der positiven Seite: er ist tüchtig und engagiert und wir bekommen Frühstück. Also nehmen wir das Glas und er die 10$. Als letztes tippe ich in sein Handy: Das ist sehr sehr viel Geld, zeige es allen und schaue ihnen tief in die Augen. Alle drei nicken. Erziehungsauftrag erfüllt. Zuletzt schreibt er: Tomorrow 10am there will be food. Und sie gehen wieder. Roland betrachtet das große Glas Honig. Wie sollen wir das nur in unserem übervollen Gepäck unterbringen.

Keine fünf Minuten später stehen die Jungs erneut vor uns und ein älteres Mädchen ist auch dabei. Sie laden uns zu sich nach Hause ein. Es wird kalt Nachts schreibt sie in ihr Handy. Wir antworten, wir haben einen dicken Schlafsack, ich öffne das Zelt und einer der Jungs krabbelt sofort rein und begutachtet Isomatte und Schlafsack. Sie schreibt: Aber es gibt hier auch einen Wolf. Die Jungs heulen dramatisch. Ok, gleich haben sie mich. Jetzt noch eine Vampirgeschichte und ich ziehe um. Roland lacht, lehnt nochmal ab, wir sagen ihnen gute Nacht und hoffen, das war ihr letzter Besuch heute.

Es ist längst Nacht. Wir setzen uns mit unserem Bergquell-Wasser, in dem Roland eine Multivitamin Tablette aufgelöst hat, in die Stühle und sehen in den Sternen-Himmel. Mehrere Sternschnuppen fallen vom Himmel und ich schicke schnell ein paar Wünsche nach oben. Was ich mir gewünscht habe, verrate ich nicht. Sonst geht es ja nicht in Erfüllung.

Der Yssykköl lässt uns nicht los

Vor der Abreise pflücke ich ein paar Aprikosen vom Baum im Hotelgarten als Proviant für den Tag. Unser Urlaub ist zu Ende, jetzt wird wieder gereist.

Wir nehmen wieder die südliche Straße am See entlang und biegen bei Barskoon ab in die Berge. Die Offroad Straße 364 führt zu einer Goldmine, die seit Jahrzehnten an Kanada verpachtet ist. Die Straße wird gut gepflegt und mehrmals am Tag gewässert, d.h. es gibt keinen Staub und man kann locker 100 km/h fahren.

Die Straße führt durch ein Tal, das auch in der Schweiz liegen könnte. Hohe Nadelbäume, grüne Wiesen und Hänge, ein glasklarer Bach verläuft neben dem Track. Immer wieder sehen wir kleine Herden Pferde und Kühe. Wir passieren eine Schranke und fahren nun eine Serpentine den Berg hoch. 20 Minuten später sind wir auf knapp 4.000 m. Rechts und links von uns Schnee auf den Gipfeln. Das ging mal wieder ratzfatz. Das Wetter ist allerdings nicht mehr so schön wie am See, es ist kalt und es nieselt. Roland macht daher den Vorschlag, umzudrehen, wieder zum See zu fahren und dort irgendwo zu campen. Einverstanden.

Zurück am See kaufen wir Vorräte ein und suchen uns einen schönen Platz am Strand. Wir entdecken eine wunderschöne Stelle mit Sandstrand ein Stück abseits der Straße, kleinere Bäume bieten etwas Schutz. Leider liegt auch hier überall Müll. Es ist eine Schande, wie manche Menschen die Natur zerstören. Während ich unsere Pasta zubereite, entfernt Roland Plastikflaschen aus dem Wasser und vom Strand.

Gerade als wir fertig sind mit Essen beginnt es auch hier zu regnen. Wir hatten die dunklen Wolken über dem See bereits für längere Zeit beobachtet und zuerst sah es so aus, als ob sie vorbeiziehen. Leider nicht. Wir trinken unser Bier aus, überprüfen, dass unsere Bags am Bike ordentlich verschlossen sind und gehen ins Zelt.

Aus dem Regen wir ein ordentliches Gewitter. Es blitzt und donnert heftig und der starke Wind rüttelt am Zelt. Hoffentlich ist es dicht, es schüttet aus Eimern. Wir liegen im Schlafsack und beobachten, wie der Blitz immer wieder kurz das Zelt erhellt. Ich zähle „1“ und es donnert. Das Gewitter ist quasi über uns. Ich muss zugeben, so ganz wohl ist mir nicht. Roland nimmt meine Hand und versucht mich zu beruhigen und meint, wie unwahrscheinlich es ist, dass ausgerechnet wir hier vom Blitz getroffen werden. Und es ist doch viel besser bei Gewitter am See zu zelten als in den Bergen. Ein schwacher Trost aber irgendwann siegt die Müdigkeit über die Angst und ich schlafe ein.

Camping am Evansee

Nach dem Frühstück fahren wir los. Tehran zeigt sich morgens von der gleichen Seite wie abends. Laut und voll. Es herrscht unendlich viel Verkehr und das Straßennetz ist nach wie vor undurchschaubar. Es dauert 1,5 Stunden, bis wir aus der Stadt sind. Entnervt fahren wir auf der Schnellstraße Richtung Qazvin. Nach einer weiteren Stunde nehmen wir die Ausfahrt in die Berge. Endlich wieder Kurven, endlich Berge, diese wunderschöne Landschaft, wie wir sie vom Iran kennen. Und kühle Temperaturen. Vor lauter Fahrfreude verpassen wir den 9.000er und machen bei 9.127 km unser Foto.

Die Schnellstraße wird zur kleinen Bergstraße. Rechts, links, rechts, links. Ich fahr mich wieder schwindlig und lasse den grauenvollen Eindruck von Tehran hinter mir. Bis zum Alamut Castle schaffen wir es leider zeitlich nicht mehr. Wir planen um und wollen die Nacht am Evansee (Ovan Lake) verbringen. In einem kleinen Laden im Dorf Dikin kaufen wir ein paar Vorräte ein und fahren die letzten 30 Minuten weiter die Serpentinen den Berg entlang.

Am See angekommen, ist Roland zuerst etwas enttäuscht, denn wir sind nicht alleine. Es stehen einige Autos verteilt am See, manche in den gemauerten Picknick-Stellplätzen mit Dach, andere direkt am Ufer. Wir bleiben trotzdem und machen uns in einem der Stellplätze breit. Als wir abpacken huscht ein kleiner Fuchs vorbei. Vermutlich auf der Suche nach Essensresten.
Nachdem das Zelt aufgebaut ist, koche ich die Pasta und während wir essen, kommt der erste Besuch. Die Nachbarn links bringen Pfirsiche, Nektarinen, Bananen und Gurken. Perfekt, Obst und Gemüse hatten wir nicht eingekauft, denke ich mir. Als nächstes kommen die Nachbarn von rechts mit Eis. Das wird ja immer besser! Nachtisch. Herrlich. Wir setzen uns auf unsere Stühle und schauen auf den See.

Ich probiere das Eis. Oh Gott, Melone. Ausgerechnet! Es gibt nicht viel, das Roland nicht isst. Melone gehört dazu. Der Grund: Ein traumatisches Erlebnis aus der Kindheit. Irgendwann in den frühen 70ern ist er mit seinen Eltern auf dem Heimweg von Jugoslawien, seine Mama hatte vorher noch Wassermelone gekauft, die er und sein Bruder auf der Rücksitzbank essen. Wassermelone und eine rasante Autofahrt entlang der Küste vertragen sich wohl nicht, denn nach kurzer Zeit übergibt sich Roland im Auto. Seitdem hat er nie wieder Melone angerührt.

Roland packt das Eis aus. Ich warte. Habe mich dafür entschieden, ihn nicht zu warnen. Er probiert es. Ich schaue ihn an. Er schleckt weiter. Nach ein paar Minuten sage ich: „Mhhh, lecker, gell?“ Roland antwortet: „Ja, ich weiß nur nicht, was das für ein Geschmack ist. An irgendwas erinnert er mich.“ Ich bleibe cool, lasse mir nichts anmerken und sage: „Waldmeister, vielleicht?“ „Neee… das ist anders.“ Als er fast fertig ist, platzt es aus mir heraus: DAS IST EIN MELONENEIS! DU HAST MELONE GEGESSEN! Er guckt mich ungläubig an, lächelt und isst weiter. Hoffentlich ist der Melonenbann jetzt gebrochen.

Nach dem Abwasch besuchen wir die Nachbarn links, eine achtköpfige Familie. Oma, Opa, Tochter mit Mann und zwei Kindern, 2. Tochter mit Mann. Wir dürfen uns mit auf dem Teppich setzen, dahinter steht ein Zelt. Die 14jährige Tochter spricht etwas Englisch und so erfahren wir, dass sie aus Tehran sind, und hier öfter zum Camping herfahren. Dabei schlafen die Frauen im Zelt und die Männer auf dem Teppich davor. Was hat Roland Glück, dass er neben mir im Zelt liegen darf. Sie haben neben dem Stellplatz ein großes Feuer gemacht und bieten uns als erstes gegrillte Kartoffeln an. Sehr lecker, Kartoffeln hatte ich schon Wochen nicht mehr. Dann bereiten sie Schaschlick-Spieße vor, die Spieße sind bestimmt 50cm lang, werden mit eingelegtem Hühnchen bestückt und auf das Feuer gelegt. Oh je, bitte kein Essen mehr. Wir sind noch so satt von der Pasta. Und dem Meloneneis. Aber keine Gnade, Roland bekommt einen Spieß mit Reis und einer Joghurt-Auberginen-Knoblauch-Soße, die es in sich hat. Joghurt und Aubergine kann man nur erahnen, der Knoblauch hat unbestritten die Oberhand in diesem Gemisch. Ich esse einen Berg Reis mit der Soße und hoffe, dass damit wenigstens den Mücken der Appetit auf mein Blut vergeht. Nach ein paar netten Gesprächen gehen wir wieder zu uns, wir sind müde und wollen schlafen.

Leider ist bis kurz nach 1 Uhr an Schlaf nicht zu denken, denn Bauarbeiter reparieren irgendwas an den Laternen, ein Laster steht keine 10m weg von unserem Zelt und läuft ununterbrochen und die Arbeiter schreien sich die ganze Zeit irgendwas zu. Die Iraner schlafen also nicht nur lang, sondern sie arbeiten auch bis spät in die Nacht. Irgendwann ist der Lärm vorbei und wir können endlich einschlafen.