Summit to Sea: Nach Batumi

Nach dem Frühstück laufen wir nochmal durch den kleinen Ort Ushguli. Micha und Christian sind bereits fertig aufgepackt und verabschieden sich.

Das Wetter ist herrlich, die Sonne scheint und man hat einen fantastischen Blick auf die hohen, weißen Berge. Bei vielen Pensionen stehen Pferde und die Guides warten auf Touristen, die einen Ausflug hoch zu Ross machen möchten. Weder in Kirgisitan noch hier schaffe ich es, Roland zu einem Austritt zu überreden. 1 PS ist ihm dann doch zu wenig.

Heute geht’s nach Batumi. Roland möchte unbedingt dorthin, mich zieht es nicht in das „Las Vegas am Kaspischen Meer“ wie es oft genannt wird. Aber da es quasi auf dem Weg in die Türkei liegt, sage ich ja.

Bis kurz vor Mestia ist die Straße genauso matschig wie gestern, allerdings weniger steinig. Danach geht es auf Asphalt weiter, denn die Straße Richtung Ushguli wird aktuell neu gebaut. Bis zu sechs Monate im Jahr versinkt ihre Stadt im Schnee, weshalb die Straße in die etwa 40 Kilometer entfernte Regionshauptstadt Mestia häufig gesperrt ist. Da macht Asphalt natürlich Sinn.

Wir erreichen Batumi bei Sonnenuntergang und checken im Surf Hostel im Zentrum ein. Zuerst möchten sie für ein Doppelzimmer 90 Lari (30€) von Roland, ich hab sie dann mit meiner charmanten Art überredet, 60 Lari (20€) wie bei Booking aufgeführt, zu verlangen. Die Bikes können wir sicher aber umständlich im Innenhof parken. Roland manövriert dazu erst Zicki dann seine nineT durch die parkenden Autos und schließlich die schmale Tür. Mit einem beherzten Schubser passt Zicki gerade so durch. Wiedermal bin ich froh um meine Softbags, mit Koffern hätte das nicht geklappt.

Wir ziehen uns um und laufen durch Batumi zum Pier. Es sind einige Menschen unterwegs, Jugendliche skaten, Kinder fahren auf ihren Rädern über die Promenade. Überall blinken Leuchtreklamen und hier und da hört man laute Musik. Ja, es ist ein unglaublich touristischer Ort, aber weit entfernt von Las Vegas.

Das Bergdorf Ushguli

Auf Ushguli freue ich mich besonders, da ich endlich mal wieder offroad fahren möchte. Ushguli liegt auf über 2.000 m und der Weg dorthin ist ein herrlicher Track, der uns durch kleine ursprüngliche Dörfer und viel Wald hoch in die Berge führt, inklusive Blick auf einen Gletscher.

Wie in der Wetter-App vorhergesagt, hat es hier die letzten zwei Tage geregnet und daher ist der Track vor allem eines: matschig und übersäht mit zum Teil tiefen Wasserlöchern. Ausweichen oft unmöglich. Unsere Bikes sind nach kürzester Zeit total eingesaut. Roland hat ja mittlerweile den abgefahrenen Heidenau K60 gegen einen Rennslick getauscht und steht daher nicht nur 1x quer auf der Fahrbahn. Auf einem besonders steilen und steinigen Stück lege ich Zicki kurz ab, aber was wäre ein ordentlicher Offroad-Ride ohne Sturz. Es ist herrlich. Ich genieße es so sehr, den Matsch, den schwierigen Track und die Aussicht auf die Berge um uns herum.

Wir erreichen das kleine Bergdorf Ushguli kurz vor der Dämmerung, tiefe Wolken hängen in den schneebedeckten Bergen. Auf der Suche nach einem Zimmer fahren wir blöderweise durch den Ort. Die Straße ist in einem schlimmeren Zustand als alles, was wir heute gefahren sind. Entnervt zurück auf der „Hauptstraße“ (auch kein Asphalt!) dulde ich keine weiteren Umweg mehr und wir checken in der ersten Pension ein. Dort treffen wir zwei andere Motorradfahrer, Micha und Christian, aus Hannover. Sie haben sich in Georgien zwei KTM ausgeliehen und machen hier zwei Wochen Urlaub. Wir essen gemeinsam zu Abend, trinken viel zu viel Chacha und erzählen uns die wildesten Motorradabenteuer. Es ist nach 1 Uhr, als Roland und ich ins Bett kriechen.

Sataplia Naturpark in Kutaissi

Halleluja war das ein Unwetter gestern Nacht. Auf der Terrasse vor unserem Zimmer steht kein Möbelstück mehr an seinem ursprünglichen Platz und alle Polster sind pitschnass.

Jetzt scheint wieder die Sonne und wir machen uns fertig für einen kleinen Ausflug. Es gibt mehrere Attraktionen wie einen Canyon, Höhlen und Naturparks in der Nähe von Kutaissi, wir entscheiden uns für den nahegelegenen Sataplia Park. Hier wurden über 120 Millionen Jahre alte Dinosaurier-Fußabdrücke gefunden, die sehr gut erhalten sind. Außerdem gibt es einen netten Rundweg durch den Wald, eine Aussichtsplattform aus Glas und eine kleine Tropfsteinhöhle. Alles in allem ein netter Zeitvertreib.

Nervenkitzel in Chiatura

Pünktlich um 11 steht Buba vor der Tür. Wir verabschieden und bedanken uns und hoffen, dass er und seine Familie uns bald in Bayern besuchen.

Unser erstes Ziel heute ist Chiatura, eine alte Industriestadt. Bis zum 1. Weltkrieg wurde hier das meiste Manganerz weltweit abgebaut, das zum größten Teil nach Deutschland exportiert wurde.

Chiatura liegt eingebettet in einem Tal, die Straße dorthin windet sich in engen Kurven den Berg hinab. Sofort fallen einem die uralten Industrieanlagen und die vielen Seilbahnen ins Auge, die kreuz und quer über die Stadt führen. 1954 wurde die erste von über 70 Seilbahn in Betrieb genommen, ein paar wenige werden heute noch für den Personenverkehr verwendet. Und zwar in unverändertem Zustand seit dem ersten Tag. An einem Kreisverkehr finden wir einen Bahnhof für zwei Seilbahnen. In einer fährt man alleine, in der anderen mit Personal, meist sind es Frauen, die die Seilbahnen steuern. Roland möchte zuerst die unbemannte fahren. Wir betreten die kleine Kabine, Roland kann kaum aufrecht stehen. Die Tür knallt ist Schloss. Es ist finster, kaum Licht dringt durch die zwei runden Gitterfenster ins Kabineninnere. Das ist wahrlich nichts für Klaustophobiker und ich überlege kurz, ob ich diese Phobie auch habe. Eine schrille Klingel ertönt und wir starten los. Die Fahrt dauert nicht lange, vielleicht zwei Minuten aber mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Die Seilbahn quietscht und ruckelt. Als die Kabine mit einem lauten Knall oben am Berg im Bahnhof einrastet, werfe ich mich vor Schreck auf den Boden und umklammere meinen Tankrucksack. Wenn wir abstürzen dann möchte ich mit all meinen Dokumenten im Arm gefunden werden. Macht die Identifizierung einfacher. Oben erwarten uns zwei Sicherheitsbeamte und zwei sehr, sehr alte Damen. Sie sitzen gelangweilt auf einer Bank, mehr als ein müdes Kopfnicken, als wir sie begrüßen, ist nicht drin. Ich mache ein paar Fotos, Roland sieht sich währenddessen den Maschinenraum an und versucht mich zu beruhigen. „Das sieht ordentlich aus, ist alles gut geschmiert.“ Also wenn ich etwas in meiner Beziehung mit einem Ingenieur gelernt habe dann, dass das „Schmieren“ bei mechanischen Teilen das Wichtigste ist. Die Fahrt nach unten ist ähnlich aufregend für mich, wenigstens traue ich mich kurz durch die Gitterfenster zu sehen.

Die zweite Seilbahn ist viel größer und wird von einer Dame gesteuert. Sie führt über den unfassbar dreckigbraunen Fluss auf den gegenüberliegenden Berg zu vier maroden Wohnhäusern aus der Sowjet-Zeit. Die Fahrt dauert länger, ist aber viel ruhiger und angenehmer. Oben angekommen werfe ich einen Blick auf die Häuser. Kaum ein Fenster ist mehr vollständig erhalten, der Putz bröckelt überall von der Fassade, bei vielen Balkonen fehlen große Teile des Mauerwerks. Und trotzdem sehe ich in einer Etage eine Leine mit Wäsche hängen. Mit uns in der Seilbahn saßen ein Mann und eine Frau, beide tragen ihre Einkaufstüten in eines der Wohnhäuser. In den heruntergekommenen Gebäuden wohnen tatsächlich noch Menschen.

Cs. 10.000 Einwohner hat Chiatura und für die meisten sind die Seilbahnen der schnellste und günstigste Weg, in die Arbeit und wieder nach Hause zu kommen. Mit dem Auto würde es ca. 20 Minuten dauern, um vom Zentrum bis hier rauf auf den Berg zu gelangen, die Seilbahn braucht keine 5. Vermutlich würde auch ich mich nach ein paar Tagen an diese Art der Beförderung gewöhnen. Aber so ist es ein Abenteuer.

Knapp 100 km fahren wir heute noch bis Kutaissi. Ich hab im Internet ein kleines Hotel rausgesucht. Wie jeden Abend wird in windeseile eingecheckt und umgezogen. In einem kleinen Lokal am Fluss essen wir zu Abend. Da die Wettervorhersage für die Gegend um Ushguli, unser nächstes Ziel, schlecht ist, beschließen wir, morgen noch in Kutaissi zu bleiben.

Zwei weitere Nächte in Tbilisi

Zwei weitere Nächte bleiben wir in Tbilisi, obwohl Zicki bereits heute repariert ist. Die Lichtmaschine wurde neu gewickelt, ein Ölwechsel gemacht und Licht und Zusatzscheinwerfer funktionieren auch wieder. Ich schaffe es, ein paar Blogeinträge zu schreiben und wasche unsere Wäsche, während Roland bei Bikeland bei seiner nineT selbst einen kompletten Kundendienst durchführt. Danach erkunden wir die Festung Narikala und sehen uns die Statue „Mutter Georgiens“ aus der Nähe an. Beides befindet sich oberhalb der Altstadt. Von hier kann man sich gleich einen guten Überblick über Tbilisi verschaffen. Die moderne Friedensbrücke von 2010 und die imposante Sameba Kathedrale von 2004, die größte Kirche im Südkaukasus, fallen sofort ins Auge und sind nur zwei Beispiele für die vielfältige Architektur der Stadt. Uns gefällt Tbilisi sehr gut.

Am Spätnachmittag holt uns Buba für einen Ride mit seinen Motorradkumpels ab, Ziel ist das Kloster Dschwari nordwestlich von Tbilisi. Von dort hat man einen wunderbaren Blick auf das umliegende Tal und den Fluss Kura, der auch durch Tbilisi fließt.

Buba fährt eine umgebaute Sportster, trägt Karohemd, eine Kutte mit seinem selbst designten Patch „Lone Lion“ und ein Braincap. Ein kleiner Outlaw könnte man auf den ersten Blick meinen. Stimmt fast. Buba ist Professor für Internationales Recht. Aber auch ein bisschen Outlaw, denn er fährt seit Jahren Motorrad, ohne den Schein zu haben. Weil er ihn gar nicht erst machen darf. Er verlor als Kind bei einem Unfall mit Starkstrom beide Hände und trägt Prothesen. Trotzdem fährt er Auto und Motorrad. Zuerst wollten die Behörden es ihm verbieten, ein normales Auto zu fahren, sie haben aber die Rechnung ohne den Herrn Professor gemacht. Den Prozess gegen das Amt hat Buba gewonnen und das gleiche versucht er jetzt auch beim Motorrad-Führerschein durchzusetzen. Seine Harley ist so umgebaut, dass er über eine Umlenkung mit dem rechten Knie Kuppeln kann. Tricky ist in meinen Augen nur das Wegfahren, da er im Stand für einen kurzen Moment beide Füße vom Boden nehmen muss. Es ist unglaublich und beeindruckend. Der Wille kann Berge versetzen.

Abends gehen Roland und ich wieder essen in das gleiche Restaurant wie gestern, allerdings isst Roland diesmal Fisch. Und ich hab wieder eine Flasche Weißwein.

Am darauffolgenden Tag machen wir erneut einen kleinen Ausflug mit den Jungs, diesmal nach Mtatsminda, einem Berg, der neben dem über 200 m hohen Fernsehturm auch einen Freizeitpark aus Sowjet-Zeit zu bieten hat. Und natürlich wieder einen grandiosen Blick auf Tbilisi. Hier springt der Zähler auf 22.000 km, aber nachdem wir nicht die ganze Gruppe aufhalten wollen, machen wir unser obligatorisches Foto erst am nächsten Tag vor der Abreise zusammen mit Buba.

Zicki muss in die Werkstatt

Roland hat extra für die Reise eine Anker Jumpstart gekauft, eine kompakte Powerbank, mit der man Autos und Motorräder fremdstarten kann. Nach dem Frühstück nehme ich Zickis Sitzbank und die vordere Verkleidung ab, damit wir an die Batterie kommen und tatsächlich, mit Hilfe der Jumpstart springt mein Bike wieder an. Das blöde ist nur, dass das Bike die ganze Zeit laufen muss, während ich sie wieder zusammenbaue und aufpacke. Aber zuerst wollen wir uns ohnehin Shatili und die Nekropolis ansehen und fahren zu zweit mit Rolands nineT los.

Die Nekropolis ist ein kleines Dorf, das aus ein paar Steinhäusern besteht, die eigentlich Gräber sind. Im 19. Jahrhundert ist in dem Dorf eine unheilbare Krankheit ausgebrochen und anstatt andere Menschen damit anzustecken, haben die Bewohner beschlossen, dass sie alle in ihrem Dorf bleiben und gemeinsam auf den Tod warten. So ist einer nach dem anderen hier gestorben, bis auf einen 12-jährigen Jungen, der als Hirte den Sommer über woanders war. Man kann durch die Fenster in die kleinen Häuschen sehen. Überall liegen Knochen, ich erkenne Rippen und Schädel. Sehr unheimlich.

Danach laufen wir durch das Wehrdorf Shatili das wunderbar erhalten ist. Man erkennt deutlich die einzelnen Etagen und Räume der Türme, die Öffnungen unter den Fenstern für die Geschütze und über manchen Türen findet man uralte Schriftzeichen. Alle Türme waren mit Gängen verbunden, so dass die Bewohner bei Angriffen ungesehen von Turm zu Turm fliehen konnten.

Zurück im Guesthouse werfen wir Zicki mit der Jumpstart an, ich baue Verkleidung und Sitzbank hin und packe die Taschen auf. Gerade als ich den Helm aufziehe, geht die blöde Kuh aus. Oh Mann. Ich hab keine Lust, alles noch mal von vorne ab- und aufzupacken. Also versuchen wir es mit Anschieben, da hier leider kein Hügel in der Nähe ist. Beim 4. Mal klappt es und ich ziehe ordentlich am Gas, damit sie nicht wieder ausgeht.

Wir müssen den gleichen Weg zurück fahren und bis zur Passhöhe darf ich Zicki nicht abwürgen. Eigentlich wollten wir heute nach Omalo in den Tusheti Nationalpark und eine der anspruchvollsten Straßen in Georgien fahren, aber wegen Zickis Zickereien geht’s direkt nach Tbilisi in die Werkstatt. Es gibt laut Google zwei, Bikeland und PitStop. Wir fahren zu Bikeland und Dimitri und sein Mechaniker Sergiu sehen sich Zicki sofort an. Währenddessen lässt Roland seinen Hinterreifen wechseln. Jawohl, nach 22.000 km muss der Heidenau K60 gehen und der Diablo Rosso kommt drauf – der Reifen, den Roland vor 15.000 km im Iran gekauft und seitdem jeden Tag ab- und wieder aufgepackt hat. Wenn wir gewusst hätten, dass der Heidenau so lange hält, hätten wir hier bei Bikeland einen vernünftigen Offroad Reifen gekauft. Aber so fährt Roland jetzt eben einen Hinterreifen, der normalerweise auf einem Supersportler drauf ist.

Inzwischen scheint Sergiu das Problem bei Zicki gefunden zu haben. Eine Phase der Lichtmaschine funktioniert nicht mehr. Sie können die Lichtmaschine neu wickeln, das dauert aber 1 bis 2 Tage. Gut, dann suchen wir uns jetzt eine Unterkunft in Tbilisi. Ein anderer Kunde, sein Name ist Buba, spricht uns an. Er lässt an seiner Sportster die Bremsbeläge wechseln und nach fünf Minuten Konversation bietet er uns das Apartment seiner Eltern an, die gerade nicht in Tbilisi sind. Wow, wir sind sprachlos und nehmen das Angebot sehr gern an.

Das Apartment liegt 5 Fahrminuten von Bikeland entfernt. Ich nehme ein Taxi, die beiden Jungs fahren mit den Bikes hinterher. Wir erreichen eine Plattenbausiedlung aus der Sowjet-Zeit. Die Fassade des Hauses ist herunterkommen, das Treppenhaus düster, zugemüllt und riecht muffelig. Buba drückt den Knopf für den Aufzug, es kracht ordentlich und als er die Tür mit aller Kraft aufdrückt meint er freudig: „Cool, the elevator works“. Aber nicht für mich. Ich schleppe lieber meine Taschen in den 6. Stock als mit diesem unberechenbaren Monster zu fahren.

Das Apartment ist ein Traum. Groß und modern, mit allen Annehmlichkeiten. Seine Eltern wohnen ein paar Stunden von Tbilisi entfernt und benutzen das Apaprtment nur, wenn sie zu Besuch sind. Wir verräumen unser Gepäck und ziehen uns schnell um. Buba möchte mit uns Essen gehen. Im Restaurant bestellt er landestypische vegetarische Gerichte für mich und Khinkali und Chatchapuli für sich und Roland. Und jetzt erfahren wir auch, wie man die Teigtaschen Khinkali richtig isst: Man beißt eine Ecke ab, trinkt den Fleischsaft und isst erst dann die Teigtasche selbst. Roland schmeckt es vorzüglich. Das Restaurant sieht unglaublich edel aus, in der Ecke steht ein Piano und die Kellner tragen zum Teil Frack und Fliege. Der Tisch biegt sich unter dem Essen und ich hab zudem eine Flasche georgischen Weißwein bestellt. Trotzdem bezahlen wir für alles zusammen inklusive ordentlich Trinkgeld keine 40€. Roland meint, in Tbilisi können wir gern länger bleiben.

Nichts geht mehr in Shatili

Auch wenn wir am liebsten noch länger in Passanauri bleiben möchten, die Uhr tickt und wir haben nur noch gute drei Wochen, bis wir wieder daheim sein müssen. Außerdem warten weitere tolle Orte in Georgien auf uns, Shatili, Omalo, Tbilisi, Ushguli und Batumi wollen wir anfahren.

Für das Frühstück fehlt nur noch Milch, die es aber leider nicht im kleinen Laden direkt ums Eck gibt. Daher gehe ich nun mit Lika und ihren Kids sowie ihrer Freundin Mary von Haus zu Haus, um nach frischer Milch zu fragen. Quasi jeder hier in der Straße hat eine oder mehrere Kühe, allerdings hat niemand Milch. Ist schon zu Käse verarbeitet worden, übersetzt Lika. Sie hat noch einen Liter Milch daheim und möchte mir unbedingt etwas abfüllen. Ein Nein akzeptiert sie nicht.

Nach dem Frühstück packen wir unsere Sachen und gerade als die Bikes fertig beladen sind, beginnt es zu regnen. Also ziehen wir unsere Regenkleidung an und wollen gerade los, als Lika meint, wir müssen noch zu ihr nach Hause kommen. Ihre Mama kocht gerade für uns. Wir sind immer noch satt vom Frühstück aber wen wundert’s, ein Nein akzeptiert sie nicht.

Ihre Mama bereitet Kartopiliani gvezeli zu, so was wie Chatchapuli, also Pizza nur nicht mit Käse gefüllt sondern Kartoffelbrei. Also Kohlehydrate in Kohlehydrate gepackt. Ich esse für mein Leben gern, und es schmeckt lecker aber mehr als zwei Stück schaffe ich einfach nicht. Ich bin voll bis obenhin. Lika schenkt uns einen kleinen Chacha ein und meint, gleich geht’s wieder besser. Wir trinken, und sie hat recht, aber was sage ich, wenn mich die Polizei anhält? Sorry, Ranzen hat gespannt, musste Chacha trinken?

Lika füllt uns noch 1L des selbst gebrannten Chacha in eine Plastikflasche ab und einen halben Liter Tkemali, das ist eine sauer-scharfe Sauce aus Kirschpflaumen, ebenfalls selbst gemacht. Mit Müh und Not schaffe ich es, einen weiteren halben Liter Sauce, Äpfel, Nüsse und die Reste von der Kartoffelpizza abzulehnen. Dafür schenkt mir ihre Mama einen handgestrickten Umgang und erst nach mehrmaligem Danke und „Wir müssen jetzt wirklich los“ dürfen wir gehen.

Bei der Einreise vor zwei Tagen hatten wir einen Flyer bekommen, dass man in Georgien seit März 2018 eine Versicherung für das eigene Fahrzeug abschließen muss. Kostet 20 Lari. Das Büro war am Kazbegi, aber angeblich kann man auch an den Paybox Automaten bezahlen. Diese Automaten stehen an jeder Ecke und viele Georgier bezahlen hier ihre Rechnungen. Handy, Versicherung, Strom, Strafzettel bis hin zu Grabgebühren. Kein Witz. Leider finde ich die Versicherung nicht und so beschließen wir, auf Risiko zu gehen und ohne zu fahren.

Es geht zuerst südlich, ab dem Zhinvali Stausee fahren wir wieder in den Norden, in die Berge und nach ein paar Kilometern wird die Asphaltstraße zu einer schönen Schotterstrecke, die sich in wunderbaren Kurven bis auf über 2.600 m windet. Danach geht’s bergab, weiter in die endlosen Berge hinein. Die Straße wird immer anspruchsvoller, die Landschaft immer spektakulärer.

Mittlerweile sind wir seit vier Stunden unterwegs, es ist Spätnachmittag und es sind noch ein paar Kilometer nach Shatili. Roland duldet nur noch kurze Fotostopps unter einer Minute, er möchte die Strecke heute wieder zurück fahren. Ich schwinge mich wieder in den Sattel, drücke den Startknopf und – nichts passiert. Ich drücke nochmal, aber es macht nur klackklackklack. Das Cockpit leuchtet kurz auf, dann ist alles dunkel. Nein, ich flippe aus. Mein erster Gedanke: die Batterie. Jedes Jahr das gleiche. Das darf doch nicht wahr sein. Zum Glück geht es bergab und ich kann Zicki losrollen und dann anmachen. In Shatili angekommen, springt Zicki trotzdem nicht an, obwohl die Fahrt die Batterie hätte laden müssen. Wir nehmen uns in einem der Gasthäuser ein Zimmer, denn es dämmert bereits und ich hab keine Lust, in diesem Zustand den Pass wieder hochzufahren. Lieber möchte ich morgen in Ruhe auf Fehlersuche gehen. Im Guesthouse ist außer uns eine Familie aus Berlin, mit denen wir uns kurz unterhalten. Sie empfehlen uns, die Nekropolis ein paar Kilometer nach Shatili anzusehen. Zuerst muss aber Zicki wieder laufen.

Rafting auf dem Aragwi

Die Nacht war bescheiden, da gegen halb 2 Uhr auf einmal laute Musik ertönt. Ich schaue aus dem Zelt und sehe ein paar Leute um das Feuer zur Techno Musik tanzen. Ich wecke Roland, da ich mir ein bisschen Sorgen um die Bikes mache. Er ist zu müde, um mich ernst zu nehmen, sagt ich soll schlafen und dreht sich wieder um. Kann ich aber erst als der Spuk um 3 Uhr wieder vorbei ist.

Als wir aufstehen, kommt Lika zu uns und entschuldigt sich für ihren Bruder, der gestern Nacht mit Freunden hier gefeiert hat. Aha, das waren also die Party People.

Neben Lika, Likas Bruder Bacho und ihrem Vater Givi arbeiten noch Alexandra, Makho und zwei Guides vom Raftingverein hier. Zum Camp gehören außerdem Mura, die streunende Hündin und ihr ebenfalls streunender Begleiter. Die zwei Hunde sind vor ein paar Wochen im Camp aufgetaucht und Lika und ihr Team kümmern sich um die beiden. Roland schliesst sie sofort ins Herz und streichelt beide ausgiebig. Mura ist riesig und vermutlich trächtig. Sie liegt die meiste Zeit unter Rolands nineT und schläft.

Als wir im Camp von unseren Erlebnissen mit der russischen Polizei erzählen, wundert sich hier niemand. Russland möchte nämlich das Gebiet um den Kazbegi haben. Mit Abchasien und Südossetien haben sie bereits 20% georgischen Territoriums besetzt aber das reicht ihnen nicht. Äh wie bitte? Ich hab mich wohl verhört. Nein. Russische Soldaten verschieben nachts Grenzzäune erklärt man mir. Ein paar Georgier haben sich zusammen getan und reiten nachts die Grenze ab und wenn sie Soldaten dabei erwischen, filmen sie es und stellen die Videos ins Internet. In Zeiten vom Google-Maps, Satellitenbildern und Drohnen wagt es ein Land tatsächlich, Grenzzäune zu verschieben und kommt damit durch? Weil es in Europa niemand mitbekommt. Die Ukraine bekommt momentan die volle Aufmerksamkeit, erklären sie mir.

Wir frühstücken und ich freue mich schon auf einen ruhigen, gemütlich Tag. Gerade als ich überlege, wo ich meine Isomatte aufbaue, um eine Runde in der Sonne zu schlafen, erzählt Roland freudestrahlend, dass er uns eine Rafting Tour gebucht hat. Also nix Chillivanilli. Ich ziehe meinen Bikini an und T-Shirt und Short, Schuhe brauchen wir nicht. Makho vom Rafting Verein gibt uns Westen und Helme und eine 30-sekündige Einführung am Boot: Wo wir sitzen und wie wir das Paddel halten, dass wir auf den Guide hören müssen (Go heißt paddeln, Stopp heisst nicht mehr paddeln) und rausfallen können wir nicht. Alles klar. Bestens vorbereitet besteigen wir zusammen mit den vier anderen Teilnehmern das Boot und los geht’s.

7 km fahren wir den Fluss Aragwi entlang, es ist lustig und entspannt, ein paar Mal dreht sich das Boot, ich werde nass aber falle wie versprochen nicht raus. Ein Jeep holt uns am Ausstieg ab und fährt uns wieder ins Camp zurück. Bilder folgen.

Zum Abendessen gehen wir in ein Restaurant um die Ecke, Bachos Frau arbeitet dort und wir bekommen echtes Löwenbräu Bier vom Fass und das beste georgische Essen: Chatchapuli, das ist georgische Pizza mit Käse, Khinkali (Teigtaschen) mit Fleisch und und für mich mit Käse, BBQ vom Kalb für Roland und Tomaten-Gurken-Salat. Es schmeckt fantastisch, aber natürlich schaffen wir nicht alles. Ein paar Stücke Chatchapuli nehmen wir mit fürs Frühstück morgen.

Tagsüber ist es angenehm warm gewesen, aber sobald die Sonne weg ist und es dunkel wird, kühlt es schnell ab. Zurück im Camp suche ich Feuerholz und werde am Ufer fündig. Roland schleift die Reste des vertrockneten Baums zur Feuerstelle und endlich kommt seine „Fiskar“ Axt zum Einsatz. 21.000 km musste sie zurücklegen, um hier in Georgien Feuerholz für mich zu machen. Roland hackt den Baum klein, Givi und ich türmen alles auf und Givi zündet das Feuer schließlich an.

Wir setzen uns alle auf Sitzsäcke um das Feuer und es dauert nicht lange, bis ich einschlummere.

Einreise nach Georgien

Die Nacht war ruhig, es hat nur ein bisschen geblitzt und geregnet. Allerdings sieht die Klippe bei Tageslicht gleich nochmal gefährlicher aus. Es sind locker 15 m bis zum Fluss. Drei Jungs aus dem Dorf stört das nicht, sie springen immer wieder von der Klippe und lassen sich im Wasser ein Stück weitertreiben. Ich bin beeindruckt. Ich würde mich das nicht trauen. Roland findet ein Stück von unserem Zelt entfernt einen Weg zum Ufer. Am Ufer stehen seltsame, große Begrenzungen, für was die wohl sind?

Wir starten unseren letzten 130 Kilometer in Russland bis zur Grenze und es ist ein Spießroutenlauf. Überall Polizei und Militär. Teilweise steht alle 500 m ein Polizist am Straßenrand. Wir werden auch kontrolliert. Das erste Mal verläuft ganz normal, der Beamte sieht, dass ich genau wie er 1980 geboren bin. Das findet er total toll und als er auch noch mein Nummernschild mit der 80 sieht flippt er aus. Sein Auto hat ebenfalls die 80 als Kennzeichen. Wir dürfen sofort weiter fahren. Wunderbar, das war easy.

Keine zwei Minuten später Blaulicht hinter mir und die Sirene. Wir halten an. Drei Beamte sitzen im Auto, einer steigt aus. Er will Rolands Papiere sehen. Ich werde ignoriert. Er redet mit Roland aber ich verstehe auch so, dass wir hier nicht fahren dürfen. Roland zeigt ihm die Navigation, die uns genau hier entlang führt. Dem Polizisten ist das egal. Wir sollen ihm aufs Revier folgen für eine Strafe. Sicher nicht, sagt Roland zu mir und setzt den Helm ab. Dann beugt er sich zu dem Polizisten vor und fragt SEHR bestimmt: „Tell me, what’s the reason? What’s the problem? Political reason?“ Diesen Roland kenne ich. Jetzt versteht er keinen Spass mehr, seine Geduld ist zu Ende. Der Polizist spricht kurz mit seinen Kollegen, dann gibt er Roland seine Papiere und sagt: Ok, go! Und das machen wir auch so schnell wie möglich.

Panzer kommen uns entgegen und wir passieren mehrere Militär- und Polizeikontrollen, aber ohne weitere Zwischenfälle. Ich beobachte die Umgebung genau. Ganz wohl fühle ich mich nicht. Natürlich gibt es eine Sicherheitswarnung des Auswärtigen Amtes für den Nordkaukasus. Aber vor welchem Land warnt dieses Amt bitte nicht. Selbst bei Reisen nach Österreich wird empfohlen, sich in die Krisenvorsorgeliste einzutragen. Und für uns gibt es keinen anderen Weg heim. Also Augen zu und durch. Oder besser Augen auf!

Einige Kfz-Kennzeichen tragen neben der russischen Flagge auch die weiß/rot/gelbe und das Kürzel RSO für Südossetien. Südossetien ist genau wie Abchasien eine von Georgien abtrünnige Region, angeblich eigenständig aber Russland hat seit dem Krieg 2008 dort Truppen stationiert. Georgien erkennt die Unabhängigkeit nicht an und spricht von einer Annexion durch Russland.

Rechts neben der Straße entdecke ich ein großes Stalin Plakat, das ich fotografiere und mir später übersetzen lasse. Ich kann mir den Inhalt jetzt schon denken und bin entsetzt und traurig.

Das und die viele Polizei- und Militärpräsenz drücken auf die Stimmung. Passend dazu beginnt es auch noch zu regnen, als wir die Bergstraße richtig Grenze hochfahren. Als ob der Himmel für mich weint.

Ehrlich gesagt, ich bin erleichtert, als wir aus Russland aus- und kurz darauf nach Georgien einreisen. Beides geht zügig, wir fahren bei beiden Kontrollen an den Lkw vorbei. Für die Einreise nach Georgien müssen wir nicht mal das Motorrad verlassen.

Endlich wieder Berge! Ich genieße die kurvige Fahrt auf der A301, der sogenannten „Georgischen Heerstraße“. Der Regen hat kurz nach der Grenze aufgehört. Ein Zeichen. Nach wenigen Kilometern nehmen wir die erste Offroad Piste hinauf zur Gergeti Trinity Church dem Wahrzeichen Georgiens. Vom Parkplatz aus fahren Taxen die sehr steile und von tiefen Schlaglöchern übersähte Piste die Touristen nach oben. Wir versuchen es selber mit den Bikes. In der dritten Kurve liege ich das erste Mal. Es war eher eine schiefgelaufene Bremsung und ein Hinabschlittern als ein Sturz. Roland hilft Zicki aufzustellen und weiter geht’s. Oben angekommen sehen wir uns relativ zügig das Kloster an, die umliegenden Berge des Kaukasus verstecken sich hinter dicken Wolken. Schade, denn so bleibt uns der Blick auf den höchsten Berg Georgiens, den 5.047 m hohen Kazbegi verwehrt. Auf dem Weg nach unten passiert mir das gleiche wieder. Gegenverkehr, ich bremse, rutsche und falle. Es ist echt scheiße steil hier. Krone richten, weiter geht’s.

Im für den Tourismus bestens erschlossenen Ski-Gebiet um Gudauri holen wir Geld, kaufen ein uns fahren die A301 weiter Richtung Süden. Eine gute Stunde später entdeckt Roland einen schönen Platz direkt am Fluss zum campen. Große gelbe Rafting-Boote stehen am Ufer, es gibt eine Feuerstelle und eine Chillout Area. Wir fragen bei der Besitzerin nach, ob wir hier zelten dürfen. Der Grund gehört Lika und ihrer Familie, der Rafting Verein hat sich hier eingemietet. Lika lässt uns hier kostenlos übernachten, macht uns sofort Tee und zeigt uns das Gelände. Als wir unser Zelt aufbauen, bringt sie uns Chacha, den georgischen Schnaps, was zu essen und stellt uns ihren Vater Givi vor, der die ganze Nacht auf dem Platz Wache halten wird. Er spricht kaum Englisch aber wird sie anrufen, falls wir etwas brauchen. Sie wohnt direkt hier um die Ecke und kann dann sofort kommen. Dann machen die beiden noch ein Feuer für uns. Wir sind überwältigt von ihrer Herzlichkeit und Fürsorge und der Stress in Russland ist längst vergessen. Wir kochen nicht mehr, trinken noch zwei Bier am Feuer und freuen uns auf die nächsten Tage in Georgien.