Einreise nach Albanien / zwei Tage am Meer

In der Nähe von Konitsa könnte man auch nach Albanien einreisen, wir möchten aber gern die sagenhafte Bergstrecke von gestern zu Ende fahren. Nach einer einstündigen, wilden Kurvenjagd überqueren wir bei Kakavija die Grenze. Und in Albanien geht’s genauso weiter: Kurve links, Kurve rechts. Wir fahren nicht einen Meter geradeaus. Als man in Albanien Straßen gebaut hat, waren alle geraden Stücke dieser Welt bereits vergeben, vermute ich.

Albanien ist unter Motorradreisenden und Pauschaltouristen schon länger kein Geheimtipp mehr. An der Küste findet man eine Vielzahl von Hotels, Restaurants und Bars. Es gibt Sand und Kiesstrände, die wunderbar sauber sind und auch das Meer ist klar. Ich kann mir gut vorstellen, dass es im August hier proppevoll ist, aber da die Sommer-Ferienzeit glücklicherweise vorbei ist, wirkt alles etwas eingeschlafen.

Wir fahren weiter bis Himarä, einem kleinen Küstenort, wo wir uns in der Pension „Billy“ ein Zimmer nehmen. Zu der Pension gehört ein kleines Restaurant und bevor wir uns ins Meer stürzen, essen wir Pasta. Das erste Mal Pasta Napoli, die ich nicht über dem Benzinkocher selbst zubereitet habe. Was für ein Luxus und es schmeckt großartig. Da wir in der Pension außerdem unsere gesamte Schmutzwäsche waschen lassen können, beschließen wir, zwei Nächte hier zu bleiben.

Den nächsten Tag verbringen wir zuerst am Strand, wo Roland den Albaner Armand kennenlernt, der hauptsächlich Fahrrad- aber auch Motorradtouren organisiert. Er möchte uns heute Abend ein paar Routentipps geben und Roland verabredet sich mit ihm in seinem Hotel. Vorher mieten wir uns ein Kanu am Strand und rudern die Küste ab. Zwei Segelboote, Typ Weltumsegler, liegen an Bojen, zwei Jugendliche auf einem Jetski fahren hin und her, ansonsten ist hier nix los. Ein ruhiges und entspanntes Albanien.

Als Roland abends von seinem Treffen mit dem Tourguide Armand zurückkommt, strahlt er bis über beide Ohren. Wahnsinn, ich hab eine Tour für die nächsten drei Tage, die haut dich um, sagt er. Von Albanien, nach Mazedonien, wieder zurück nach Albanien bis Montenegro. Pässe, Offroad, Fjorde und Fähre. Alles dabei. Das wird großartig!

Einreise Türkei und die Berge Ostanatoliens

Es regnet in Strömen als wir unsere Bikes herrichten und aufpacken. Mein Schutzblech ist ausgerissen und wird mit Draht befestigt, die Kette wird vom Dreck der georgischen Berge befreit und geschmiert und ich möchte die Birne vom Abblendlicht tauchschen, die mal wieder durchgebrannt ist. Dabei sehe ich, dass der ganze Stecker hinüber ist. Alles komplett verkokelt. Roland richtet es fachmännisch mit seinem Multitool und Klebeband und meint, ich soll es halt beobachten und den Schlüssel schnell abziehen, falls es aus dem Cockpit raucht. Alles klar.

Die Grenze ist knapp 20 km entfernt. Bei der Ausreise will die Dame unsere georgische Versicherung sehen. Verdammt. Haben wir nicht abgeschlossen. Ehrlich gesagt, haben wir es in den letzten Tagen total vergessen, uns darum zu kümmern. Also müssen wir statt 20 Lari 100 Lari Strafe zahlen meint sie. Wir bekommen einen Zettel mit unserem Namen und Kennzeichen aber der Rest ist auf Georgisch. Wir wissen nicht so recht wohin damit, wo sollen wir zahlen? Also fahren wir einfach zur türkischen Grenze und hoffen, dass sich das irgendwie von selbst regelt.

Wir müssen bei der Einreise ein bisschen warten, ansonsten geht die Abfertigung ziemlich schnell. Wir sind zum zweiten Mal auf dieser Reise in der Türkei. Ursprünglich wollte wir nochmal die Schwarzmeerküste entlang fahren, weil uns die Strecke beim Hinweg zu gut gefallen hat. Allerdings ist die Wettervorhersage für die Küste in den nächsten Tage eine Katastrophe, so dass wir kurz nach der Grenze ins Landesinnere abbiegen. Die D010 und später D950 führen uns auf bestem Asphalt durch eine fantastische Berglandschaft, vorbei an tiefblauen Stauseen. „Berge und See“ bilden für mich schon immer das schönste Panorama. Glücklicherweise hat es auch aufgehört zu regnen, es ist zwar recht kühl aber mein Kamelnierengurt wärmt hervorragend.

In Erzurum, der größten Stadt Ostanatoliens mit über 700.000 Einwohnern, suchen wir uns eine Unterkunft. Ein älterer Mann treibt seine Herde Ziegen an uns vorbei durch die Straße. Mitten über den Gehweg. Die Ladenbesitzer kennen das Spektakel, jeder hat einen langen Stock, mit dem er die Ziegen vom Ladeneingang fernhält. Ich stelle mir die gleiche Szene in München vor. Undenkbar. Was würden sich die Münchner aufregen, es würde Anzeigen hageln für den Mann. Aber hier ist das ganz normal.

Wir finden ein kleines, familiengeführtes Hotel am Eck. Keiner hier spricht Englisch, der Sohn versteht „Doubleroom“ und schreibt den Preis auf einen Zettel. 120 Lira, also 16€, inklusive Frühstück – und WiFi haben sie auch. Wir lieben Ostanatolien nicht nur wegen der Berge und schönen Straßen, es ist so wunderbar ursprünglich.

Keiner spricht Englisch, die Hotels sind klein und einfach, die Menschen wunderbar herzlich und hilfsbereit und das Essen super lecker. Das Hotelrestaurant würde bei uns höchstens als bessere Dönerbude durchgehen. Typisch für die Türkei, sind alle Speisen bereits fertig gekocht und wie in einer Kantine hinter Glas aufgereiht. Der Koch empfiehlt uns die Suppe, ich esse außerdem noch eine Art Eintopf und Roland Fleischspieß. Unermüdlich füllen sie Cay nach, sobald wir unser Glas ausgetrunken haben. Da wir beide relativ müde sind, gehen wir nach dem Essen direkt ins Bett und verzichten auf einen Spaziergang durch die Stadt.

Usbekistan Teil 2

Die Grenze nach Usbekistan ist keine 10 km vom Guesthouse entfernt. Mittlerweile sind Grenzübertritte Routine für uns und ich habe keine Angst mehr, beklaut oder grundlos verhaftet zu werden wie zu Beginn der Reise. Oft lassen wir alles am Bike und gehen nur noch mit unseren Papieren zur Passkontrolle.

Die Ausreise aus Kirgisistan kostet etwas Zeit, da wir bei der Passkontrolle anstehen müssen. Dann wollen sie den Beleg sehen, dass wir die Ökosteuer bezahlt haben – den Beleg hat aber Vincent und ich nur ein Foto davon. Bei der Einreise vor zwei Wochen meinte der kirgisische Zöllner, dass wir den Beleg nicht mehr brauchen. Da hat er sich geirrt. Sie wollen jetzt den Originalbeleg oder wir müssen nochmal zahlen. Sicher nicht, erklärt Roland den Zöllnern und er muss erst wieder laut werden, bevor sie mein Foto akzeptieren und wir zur usbekischen Grenze fahren dürfen.

Die Einreise diesmal nach Usbekisten verläuft easy, wir müssen das Bike quasi nicht verlassen. Ein Soldat sitzt draußen vor dem Gebäude, er trägt unsere Daten in sein Buch. Dann geben wir Kopien von Reisepass und Fahrzeugschein ab (das erste Mal, dass wie sie brauchen) und nachdem wir unser Bike bei der Ausreise um 180° gedreht haben und das Kennzeichen abgefilmt wurde, dürfen wir einreisen.

Kaum im Land beginnt das Hupen wieder. Autos die an uns vorbei fahren, Hupen zur Begrüßung, es wird aus dem Fenster gewunken und die Frauen werfen mir Handküsse zu. Kein Witz.

Irgendwann sieht Roland, dass es an seinem Navi eine Stunde früher ist als auf der Uhr im Cockpit. Oha, Taschkent liegt wohl in einer anderen Zeitzone.

Die Strecke nach Taschkent ist zäh. Zwar fahren wir auf sehr gutem Asphalt und überqueren sogar einen Pass auf über 2.000m aber der Verkehr ist ekelhaft. Viel zu viele Autos und vor allem Lkw. Überholen ist nicht immer möglich, da die Gegenfahrbahn genauso voll ist. Das schwülwarme Wetter drückt die Stimmung noch weiter nach unten.

Im Fergana Tal kaufen wir eine Wassermelone. Man hat uns gesagt, dass es hier die besten und süßesten Melonen gibt. Neben einem 6l Wasserkanister habe ich jetzt also noch eine Wassermelone als Sozius.

Nach 21 Uhr erreichen wir das schöne und ruhige Al Amin Guesthouse. Es liegt etwas außerhalb vom Zentrum. Wir können die Bikes im Innenhof parken, beziehen unser Zimmer und gehen nebenan im Usbekischen Biergarten essen bevor wir erschöpft ins Bett fallen.

Einreise nach Kirgisistan

Heute ist unser letzter Fahrtag in Tadjikistan. Insgesamt acht Tage waren wir auf dem Pamir Highway unterwegs, davon mehrheitlich abseits geteerter Straßen durch fantastische Landschaft, sind Berge rauf und wieder runter gefahren und haben unglaublich nette Menschen getroffen. Leider hat ein Vorfall unser Abenteuer überschattet: Der Anschlag auf die Radfahrer südlich von Dushanbe. Wir haben erst heute davon erfahren und sind erschüttert über die Brutalität.

Wir verabschieden uns von Abd und seiner Familie und fahren Richtung kirgisischer Grenze. Der Grenzübergang Kyzyl-Art ist mit 4.250m der zweithöchste der Welt (der höchste liegt auf dem Karakoram Highway zwischen China und Pakistan) und da wir für Kirgisistan kein Visum benötigen, sollte die Einreise zügig funktionieren. Denkst du!

Von Karakul aus ist es nicht weit bis zur Grenze. Die Sonne scheint aber es ist kalt. 5°C hat es, als wie oben ankommen. Ich schnappe mir Rolands Pass und gehe zuerst links ins Gebäude. Passkontrolle Ausreise Tadjikistan. Ein Blick reicht dem Beamten, dann meint er: Ok, Goodbye. Jihaaa das war einfach. Auf der gegenüber liegenden Seite ist die Zollkontrolle. Ich will gerade zum Fenster, da kommt ein großer, dunkler Mann in Tarnanzug auf mich zu: „What do you want?“ Ich: „Custom Control.“ Er nicht ganz so nett: „You wait, 4 cars first. They wait 1 hour!“ 4 Autos! Das heißt nicht etwa 4x 5 Personen sondern mindestens 8 oder sogar 9 Personen pro Auto – auf der Rücksitzbank sitzen gern 4 Erwachsene mit 3 Kindern auf dem Schoß. Das dauert. Ich geb Roland Bescheid und lege mich ins Gras. Dann schlaf ich halt ein bisschen.

Nach über einer Stunde sind wir endlich dran. Ich gehe mit unseren Pässen in das Zimmer. Oder doch nicht. Ich soll meine Stiefel ausziehen, meint der Beamte. Ich schaue runter vor die Tür und da stehen tatsächlich 3 Paar Schuhe. Daher der muffige Geruch. Die beiden Beamten tragen keine und ein andere Reisender auch nicht. Der Raum ist super unordentlich und alles andere als sauber – gesaugt wurde hier vermutlich noch nie! Es steht ein Kohleofen im Eck und schmutziges Geschirr im Regal. Ich ziehe meine Stiefel nicht aus. Lieber bleibe ich draußen stehen und reiche unsere Pässe zu dem Beamten rüber. Er akzeptiert es und trägt unsere Daten in ein Buch ein.

Als Vincent fertig ist, fahren wir durch die Schranke zur nächsten Kontrolle. Wir müssen hier zum Glück nur kurz warten, dann werden die Daten aus unseren Pässen wieder in ein großes Buch eingetragen.

Ab jetzt befinden wir uns für die nächsten 20 km im Niemandsland zwischen Tadjikistan und Kirgisistan. Landschaftlich wunderschön – wir durchqueren die Berge mit Blick auf noch viel höhere Berge mit schneebedeckten Gipfeln, die mindestens 6.000m hoch sind. Die Passtraße allerdings ist eine Katastrophe. Eigentlich ein eibziges, riesiges Schlagloch mit ein bisschen Asphalt dazwischen. Ungenießbar.

Außerdem ist es immer noch kalt, Roland meint sogar ein paar winzige Schneeflocken gesehen zu haben. Ich hab die Griffheizung auf höchster Stufe und von mir aus dürfte sie ruhig noch heißer sein. In diversen Foren liest man immer wieder, dass sich BMW Fahrer über die Griffheizung aufregen. Stufe 1 sei zu kalt und bei Stufe 2 verbrenne man fast. Leute, ihr seid noch nie bei Schneeregen nach Kirgisistan eingereist. Da kann eine Griffheizung gar nicht heiß genug sein.

Als wir die kirgisische Grenze erreichen, sehe ich die vier Jeeps wieder. Sie stehen bei der Fahrzeugregistrierung. Wir müssen zuerst zur Passkontrolle, die in 5 Minuten erledigt ist. Der Beamte trägt zur Abwechslung Silber statt Gold im Mund. Auch schön.

Die Fahrzeugregistrieung und gleichzeitig Zollkontrolle ist mein persönliches Highlight und gern gebe ich eine Live-Parodie des Beamten, wenn ich wieder daheim bin.

Hier nur dir Kurzzusammenfassung: Leider komme ich hier nicht darum, die Schuhe auszuziehen. Tür und Schreibtisch des Zollbeamten sind zu weit von einander entfernt. Ein Mann Ende 20 sitzt hinter einem Computer. Als ich ihm die beiden Pässe gebe, fragt er mich, warum mein „Husband“ nicht auch rein kommt. Also hole ich Roland. Wir nehmen ihm gegenüber Platz. Dann stellt er uns die üblichen Fragen, woher wir kommen, wo hin wir fahren wollen, ob wir Waffen dabei haben etc. Wir beantworten alle Fragen und als wir erzählen, dass wir mit zwei Bikes einreisen, meint er, wir müssen eine Ökosteuer zahlen. 500$ pro Fahrzeug. Ich will gerade losschimpfen, da zeigt er auf das Schild hinter mir auf dem steht: 500 Som pro Motorrad. Ich schau ihn an, der Scherzkeks grinst. Wir spielen mit und lachen auch. Wir können in Dollar (20$) zahlen, er wechselt zu einem etwas schlechteren Kurs aber wir haben keine Wahl.

Dann fragt er uns mit ernster Miene, ob wir gern Bier trinken (wir sind ja aus Deutschland) und als Roland Logo! sagt, fragt er, ob wir heute morgen auch Bier getrunken haben. Oder vielleicht Vodka. „Are you good Tourist?“ „Yes, we are. Of course we did not drink!“ Da lacht er Und notiert sich etwas.

Seine Miene versteinert wieder, er guckt uns an. Er will wissen, ob wir Souvenirs dabei haben. Einen toten Steinbock z.B. Klar, der sitzt bei mir hinten drauf, denke ich. Ist so schön kuschelig warm. Wir verneinen.

Zuletzt will er wissen, wie lange wir in Kirgisitian bleiben. Ich antworte: „Two weeks.“ Ok, I write 1 year for you ok and husband 1 month höhöhöhöhö lacht er. Wir lachen gequält mit.

Fast eine Stunde waren Roland, Vincent und ich mit dem Zollbeamten beschäftigt. Es ist inzwischen nach 16 Uhr und wir wollen es heute noch bis ins 240 km entfernte Osh schaffen, wir müssen uns beeilen. Also rauf aufs Motorrad!

Kirgististan empfängt uns mit grünen Wiesen und Hängen, weißen Jurten, Pferden in allen Farben und den fettesten Murmeltieren, die ich je gesehen habe. Was für ein Klischee aber es wirkt. Mein Herz hüpft, ein neues Land, ein neues Abenteuer.

Eigentlich wollen wie über Sary-Mogul fahren und einen Blick auf den 7.000er Mount Lenin werfen. Allerdings ist das Wetter zu schlecht und die Zeit drängt.
Wir fahren stattdessen nach Sary-Tash und können an der Tankstelle nicht nur tanken sondern auch gleich Geld zum aktuellen Bankenkurs wechseln. 1 Dollar sind 68 Som, bzw. 1 Euro 78 Som. 1l Benzin 92 Oktan kostet 43 Som.

Ab jetzt bis Osh regnet es immer wieder und die letzte halbe Stunde vor Osh kommen auch noch Sturm und Gewitter dazu. Der halbe Wald fliegt durch die Luft und an mein Visier, es blitzt und donnert und ich fahre in Schräglage, um geradeaus zu fahren. Es ist anstrengend und nervig. Und bereits dunkel. Um 22 Uhr erreichen wir endlich Zukhovs Guesthouse. Wir parken unsere Bikes im Innenhof. Stas und seine Frau sind super nett, zeigen uns die Zimmer und bevor wir alles verräumen, bestellen wir noch schnell Pizza. Ja genau Pizza. Heute Morgen noch Yak-Milchbrei und 12 Stunden später Pizza Quattro Stagioni. Sowas von skurril aber auch verdient.

Was ist das für ein Turkmenistan!

Um kurz nach 9 Uhr sind wir an der Grenze. Um 9.50 Uhr haben wir den Iran offiziell verlassen mit einem fröhlichen „Welcome to Iran“. Irgendwas hat der gute Mann bei der Ausreise nicht verstanden, aber egal. Unsere Pässe sind gestempelt, das Carnet ebenfalls und jetzt beginnt das Abenteuer Turkmenistan. Wir fahren zur Brücke, die uns über den Fluss auf die turkmenische Seite und zur Grenzkontrolle bringt.

Wir haben viel über den Grenzübertritt gelesen und vor allem ich mache mir ein bisschen Sorgen. Turkmenistan hat unglaublich strenge Kontrollen, teilweise wurden Autos und Motorräder mehrere Stunden durchsucht. Es wird gewarnt Schmerzmittel mitzunehmen, da diese je nach Wirkstoff verboten sind, von Drogen, Waffen ganz zu schweigen. Außerdem wurde von Diebstählen durch die Grenzsoldaten berichtet. Das Internet ist voll von diesen Schauergeschichten. Zur Sicherheit haben wir alle Wertsachen, Dokumente und Geld in unseren Rucksäcken verstaut, und tragen sie immer bei uns.

Wir nähern uns also dem Fluss und ein Soldat kontrolliert unsere Pässe, danach passieren wir die Brücke und fahren 1km durchs Niemandsland. Als nächstes müssen wir unsere Bikes vor einem Gebäude parken. Wir steigen ab und gehen in den Vorraum. Ein Arzt kommt und bittet uns in sein Zimmer. „Any problems?“ fragt er. „No“ unsere Antwort. Er notiert unsere Daten aus dem Reisepass in ein großes Buch und bringt uns zum nächsten Beamten. Dieser checkt unseren Reisepass und das Visa. Er fragt uns, ob wir verheiratet sind (klar), wo wir hinfahren (Ashgabat, Derweza, Konya-Urgench), er will wissen, in welchem Hotel wir wohnen werden (Grand Turkmen), ob wir zelten (Yes, Sir) und wie viel Geld wir dabei haben in Dollar und Euro. Dann macht er einzeln Fotos von uns, nimmt unsere Daumenabdrücke und füllt ein Formular aus. Dazu braucht er auch unseren Fahrzeugschein, den er liebevoll „Bike Passport“ nennt.

Danach schickt uns zur Bank, dem Schalter nebenan. Wir zahlen pro Person 110 Dollar. Berechnet werden die Gebühren u.a. nach der Strecke, die man zurücklegt. Als nächstes geht’s einen Tisch weiter. Hier sitzen drei Männer nebeneinander. Der erste nimmt unseren Reisepass und Fahrzeugschein. Er fragt: Country? Wir: Germania. Dann trägt auch er alle Daten in ein Buch. Jeder Beamte hier scheint das gleiche Buch zu haben. Wir helfen ihm, Kennzeichen, Chassis-Nummer, Gesamtgewicht, Modellnahme und Baujahr aus dem Schein rauszulesen. Er gibt uns unsere Dokumente und schickt uns zum nächsten Beamten, der keine Armlänge neben ihm sitzt. Wir geben ihm unsere Dokumente. Als wäre das nicht schon bescheuert genug, dass sie unsere Dokumente nicht einfach selbst untereinander weiterreichen, fragt Beamte Nr. 2: Country? Wir: Germania. KEIN WITZ. Der gleiche Dialog wie eben findet wieder statt und – Überraschung – beim dritten Beamten ebenfalls. Die drei Nasen sitzen direkt nebeneinander! Was für eine Farce.

Unsere Daten stehen jetzt also in bereits 5 Büchern und wir haben 5 Laufzettel in der Hand. Zuletzt sollen wir ein Stockwerk höher gehen und dem Soldaten dort alles geben. Er ist aber nicht zufrieden, weil wir kein GPS bekommen haben. Also gehen wir wieder runter und füllen ein 6. Mal zusammen mit einem Soldaten sein Buch aus, bekommen ein GPS Gerät mit Auto-Zigaretten-Anzünder (*lach*) und gehen wieder nach oben. Es werden irgendwelche Stempel auf die Dokumente gedrückt und wir dürfen endlich raus zu unseren Bikes.

Man sagt uns, jetzt werden die Bikes kontrolliert und wir sollen zwischen den Lkws im Schatten parken. Sofort wuseln vier, fünf sehr junge Soldaten mit Taschenlampen um uns herum, leuchten die Bikes oberflächig ab, bei Roland sehen sie etwas genauer unter den Tank.
Ein älterer Soldat will alle Papiere sehen und trägt unsere Daten – richtig – in ein Buch. Dann soll ich meinen oberen Bag öffnen und ein Soldat schaut kurz rein. Er fragt mich, ob ich Waffen, Whiskey oder Heroin dabei habe. Ich versuche ernst zu bleiben und sage nein. Roland bitten sie ebenfalls, seine Seiten-Taschen zu öffnen. Er fragt Why? und schaut die Soldaten an. Es passiert nix, also sagen wir höflich thank you um das Ganze zu beenden, ziehen unsere Helme auf und fahren los. Nach einer letzten Passkontrolle am Tor sind wir endlich in Turkmenistan. Bis auf den ganzen Bürokratie-Wahnsinn, der insgesamt 4 Stunden gedauert hat, fanden wir den Grenzübertritt vollkommen in Ordnung. Die Beamten waren alle nett und freundlich. Man braucht halt etwas Geduld.

Direkt nach der Grenze sehen wir die ersten Kamele, ich mache schnell ein Foto, denn auf die Kamele hatte ich mich besonders gefreut. Sie laufen ganz gemütlich über die Straße, eines nach dem anderen. Selbst als ein Lkw auf sie zurauscht und mehrmals hupt, machen die keine Anstalten sich schneller zu bewegen.

Die Etappe nach Ashgabat ist anstrengend, es ist heiss und die Strasse geht mal wieder fast nur geradeaus – kurz vor der Stadt wird sie mehrspurig und der Asphalt Rennstrecken verdächtig. Das macht uns stutzig. Als wir die Stadtgrenze passieren fällt uns sofort auf: Alle fahren exakt 60 wie auf den digitalen Anzeigen angegeben. Keiner hupt oder drängelt. Wir passen uns schnell an und vergessen unseren neuen iranischen Fahrstil, denn die Polizei soll hier rigoros durchgreifen.

Ashgabat ist die krasseste Stadt, die ich bisher gesehen habe. Die Straßen sind breite Alleen, die Springbrunnen monströse Fontänen und die Grünstreifen würden bei uns als Parkanlage durchgehen. Alles ist in weiß gehalten und sieht aus wie aus einem Guss. Hochhäuser, Autos, Busse, Bushäuschen, Metro-Eingang, Strassenlaternen, Telefonzellen (ja kein Witz). Die Ampeln sind verchromt, an vielen Kreuzungen stehen riesengroße in weiße Rahmen eingefasste LED-Wände, die meistens den seit 2006 regierenden Präsidenten Gurbanguli Berdimuhamedow in einer mondänen Pose zeigen. Oft mit ihm im Bild wahlweise Hunde oder Pferd. Und immer sieht er 20 Jahre jünger aus als er tatsächlich ist. Seine Leidenschaft für die Farbe Weiß (er hatte per Gesetz die Einfuhr von schwarzen Autos verboten und lässt nicht weiße Autos abschleppen und umlackieren) und seine Eitelkeit ist vermutlich darin begründet, dass er Zahnarzt war bevor er Präsident wurde. Und zwar der Zahnarzt vom vorherigen diktatorisch regierenden Präsidenten. Dieser hatte keine Kinder und so wurde eben sein Zahnarzt zu seinem Nachfolger ernannt.

Seitdem baut Präsident Berdimuhamedow den Personenkult um sich immer weiter aus. Er erfindet neue Ehren-Orden und verleiht sie sich selbst oder seinen Familienangehörigen. Das Wort für Brot hat er durch den Namen seiner Mutter ersetzt und außerdem die Bezeichnung der Monate geändert. Alles sehr skurril.

Wir ereichen unser Hotel und sehen mit Schrecken, dass es keine 3 Sterne hat sondern 5! Preis pro Nacht: 129$. Unsere Suche nach einem günstigeren Hotel bleibt erfolglos – ich finde ein Hotel für 49$, aber das Zimmer ist eine Zumutung und passt so gar nicht in das BlingBling-Ashgabat. Wir beissen in den sauren Apfel und checken im Grand Turkmen Hotel ein. Wenn schon Scheinwelt dann richtig – und deswegen genehmigen wir uns auch gleich noch zwei Bier am Außenpool. Das erste Mal wieder Bier seit drei Wochen!

 

Ende gut, alles gut.

Wir werden von einem zarten Miau geweckt. Als wir die Tür öffnen, sitzen drei Katzen davor und schauen neugierig ins Zimmer.

Mohammed und Mina machen uns Frühstück und nach einem kurzen Telefonat haben wir die Bestätigung, dass wir unser Visum gegen 13 Uhr abholen können! Wir sind unglaublich erleichtert.

Vorher machen wir eine kurze Stadtrundfahrt mit dem Auto und gehen in einem großen Park spazieren. Es ist der iranische Sonntag – also Freitag – und viele Iraner gehen ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: Volleyball spielen. Überall im Park sind Netze aufgespannt. Seit ein paar Jahren ist die iranische Volleyball-Nationalmannschaft sehr erfolgreich und die Leidenschaft ist auf die Bevölkerung übergegangen.

Als wir an einem Riesenrad vorbeilaufen, bleiben Roland und ich stehen. Wir denken beide das gleiche: Ozapft is. Wie gern hätten wir jetzt eine kühle Maß in der Hand.

Punkt 13 Uhr treffen wir unseren Kontakt in Mashhad und Roland strahlt über beide Ohren, als er unser Pässe mit den Visa in der Hand hält. Unser Abenteuer kann weitergehen!

Wir fahren zu Mohammed und Mina, packen und machen uns auf Richtung Sarakhs zur Grenze. Es sind knapp 250km und auf unserer letzten Strecke gibt der Iran alles, um uns den Abschied so schwer wie möglich zu machen. Der Ausblick auf die Berge ist mal wieder gigantisch. Ich möchte so gern noch mehr von diesem wundervollen Land entdecken und ich bin traurig, dass wir den Iran heute verlassen. Andererseits freue ich mich, dass mir viele Gründe bleiben, nochmal hierher zu reisen.

Von wegen heute verlassen. Wir erreichen um 19 Uhr die Grenze. Sie ist geschlossen. Verdammt. Glücklicherweise ist keine 500m entfernt das Hotel Doosty, Kategorie Truckstop. Die Zimmer sind alt und abgewohnt und ich bin froh meinen Hüttenschlafsack zu haben. Aber die Betreiber sind sehr nett, lassen uns in Dollar bezahlen (12,50€ inkl. Frühstück für das Zimmer), da wir ja keinen einzigen Rial mehr haben.

Das Abendessen ist überraschenderweise fantastisch, Roland hat mal wieder Fleischspieß und ich Salat. Die Trucker vom Nebentisch reichen uns zum Nachtisch einen Teller Melone rüber. Roland isst zwei Stück. Der Iran hat uns verändert.