Ende gut, alles gut.

Wir werden von einem zarten Miau geweckt. Als wir die Tür öffnen, sitzen drei Katzen davor und schauen neugierig ins Zimmer.

Mohammed und Mina machen uns Frühstück und nach einem kurzen Telefonat haben wir die Bestätigung, dass wir unser Visum gegen 13 Uhr abholen können! Wir sind unglaublich erleichtert.

Vorher machen wir eine kurze Stadtrundfahrt mit dem Auto und gehen in einem großen Park spazieren. Es ist der iranische Sonntag – also Freitag – und viele Iraner gehen ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: Volleyball spielen. Überall im Park sind Netze aufgespannt. Seit ein paar Jahren ist die iranische Volleyball-Nationalmannschaft sehr erfolgreich und die Leidenschaft ist auf die Bevölkerung übergegangen.

Als wir an einem Riesenrad vorbeilaufen, bleiben Roland und ich stehen. Wir denken beide das gleiche: Ozapft is. Wie gern hätten wir jetzt eine kühle Maß in der Hand.

Punkt 13 Uhr treffen wir unseren Kontakt in Mashhad und Roland strahlt über beide Ohren, als er unser Pässe mit den Visa in der Hand hält. Unser Abenteuer kann weitergehen!

Wir fahren zu Mohammed und Mina, packen und machen uns auf Richtung Sarakhs zur Grenze. Es sind knapp 250km und auf unserer letzten Strecke gibt der Iran alles, um uns den Abschied so schwer wie möglich zu machen. Der Ausblick auf die Berge ist mal wieder gigantisch. Ich möchte so gern noch mehr von diesem wundervollen Land entdecken und ich bin traurig, dass wir den Iran heute verlassen. Andererseits freue ich mich, dass mir viele Gründe bleiben, nochmal hierher zu reisen.

Von wegen heute verlassen. Wir erreichen um 19 Uhr die Grenze. Sie ist geschlossen. Verdammt. Glücklicherweise ist keine 500m entfernt das Hotel Doosty, Kategorie Truckstop. Die Zimmer sind alt und abgewohnt und ich bin froh meinen Hüttenschlafsack zu haben. Aber die Betreiber sind sehr nett, lassen uns in Dollar bezahlen (12,50€ inkl. Frühstück für das Zimmer), da wir ja keinen einzigen Rial mehr haben.

Das Abendessen ist überraschenderweise fantastisch, Roland hat mal wieder Fleischspieß und ich Salat. Die Trucker vom Nebentisch reichen uns zum Nachtisch einen Teller Melone rüber. Roland isst zwei Stück. Der Iran hat uns verändert.

 

 

 

Bei Mohammed und Mina

Wenn ich gewusst hätte, was für eine Strecke heute auf mich zu kommt, wäre ich im Bett liegen geblieben. Bis Mashhad sind es auf dem schnellsten Weg 550km. Roland möchte gern einen Umweg über den Golestan Nationalpark fahren, den ich ursprünglich auch auf meiner Route hatte, aber aus Zeitgründen auslassen möchte. Machen wir aber nicht.

Die Hitze heute ist unerträglich. Das Thermometer an meinem Bike zeigt 46.5° an. Am Nachmittag halten wir an einem hier typischen Imbiss an, ich möchte eine längere Pause in einem klimatisierten Raum machen. Wir haben nur noch wenige Rial, wollen aber nicht mehr tauschen und haben Tanken und Unterkunft kurz überschlagen, es sollte reichen, auch wenn wir etwas essen. Roland bestellt wie immer einen Fleischspieß, ich gegrillte Tomaten mit Brot. Das kostet hier ja nicht die Welt. Der Besitzer ist so begeistert von uns auf den Bikes, dass wir nichts bezahlen müssen. Das kommt uns heute ausnahmsweise sehr gelegen, auch wenn wir mehrmals betonen, dass wir natürlich bezahlen wollen.

Im Golestan Park knacken wir die 10.00km. Kurzes Glücksgefühl. Dann ein Blick auf die Uhr und die weitere Route und zack ist das tolle Gefühl weg. Noch 450km bis Mashhad. Es wird tiefe Nacht sein, wenn wir dort ankommen. Unser Plan, eine Unterkunft auf der Strecke zu finden, geht nicht auf. Zwischen Bodschnurd und Mashhad sind nur ein paar kleine Dörfer, die zwar toll beleuchtet sind, es herrscht emsiges Treiben auf den Straßen, aber kein Hotel weit und breit. Es bleibt uns nichts anderes übrig als bis Mashhad durchzuhalten. Die letzten 150km sind eine Qual. Wir haben beide keine Lust mehr, fahren stur auf der Schnellstraße dahin, reden kaum, warnen uns nur wenn ein unbeleuchtetes Fahrzeug von hinten oder entgegen kommt. Die Laune ist am Nullpunkt.

Kurz vor der Stadt tanken wir und werden gleich angesprochen, ob wir Hilfe brauchen. Wir erwähnen, dass wir noch kein Hotel haben und ein junger Mann sagt sofort, wir sollen ihm folgen, er fährt uns zu einem Hotel in der Nähe – dem Parsian Tourist Hotel. Der Rezeptionist dort will gerade Feierabend machen, zeigt Roland noch die Zimmer aber meint dann: „Am besten ihr kommt mit zu mir. Ich wohne nicht weit weg, und meine Frau freut sich.“ Abgemacht. Mohammed fährt also mit seinem Fahrrad voraus, der arme strampelt sich ab, damit wir wenigstens mit 25km/h hinterherfahren können. 15 Minuten später parken wir unsere Bikes in seiner Garage und stehen kurz darauf in einer iranischen 3-Zimmer-Wohnung. Ich schätze, seine Frau Mina hat die Wohnung eingerichtet. Es sieht aus wie in einem Palast aus der Barock-Zeit. Weiße, verschnörkelte Polstermöbel mit Goldrand, die mit Plastik überzogen sind, ein riesen Teppich in einem goldenen Rahmen hängt über dem Sofa, er stellt die Krönung von Jamshid dar, wenn ich das richtig verstanden habe. Seine Mutter hat dieses Teppichbild selbst gefertigt. In 2,5 Jahren. Drei Katzen laufen durch die Wohnung, ein Kater namens Hero und zwei kleine Babykatzen, die sie von der Straße geholt haben, aufpeppeln und dann wieder aussetzen werden. Das haben sie schon öfter gemacht.

Wir machen es uns auf der Couch bequem und sie servieren uns Obst und ein saures Joghurt-Getränk, Saft und Tee. Beide sind wunderbar herzlich und fürsorglich. Ich fühle mich gerade wie eine Baby-Straßenkatze.

Die Terrassen Badab-e Surt

Es hilft nichts, wir müssen ein Stück auf der Hauptstraße am Kaspischen Meer entlang bevor wir nach einer knappen Stunde bei Sari Richtung Berge abbiegen. Die Strecke, die Roland ausgesucht hat, ist ein Traum. Wir durchqueren wieder ein Gebirge auf perfektem Asphalt. Damghan ist heute unser Ziel, vorher möchten wir uns die Badab-e Surt Terrassen ansehen. Die terrassenförmigen Mineralquellen liegen etwas erhöht und sind nur über einen Offroad-Track erreichbar. In unserem Reiseführer steht, man muss die letzten 1,5km zu Fuß gehen und als wir an der Abzweigung stehen, kommen uns tatsächlich Fußgänger entgegen.

Die Straße ist steil, sandig und von Schlaglöchern durchzogen. Trotzdem fahren wir hoch. Roland fährt los und ich mit Schwung hinterher. Was ich nicht bedacht habe: Roland wirbelt so viel Sand und Staub auf, dass ich nach ein paar Sekunden nichts mehr sehe und anstatt anzuhalten, gebe ich Gas. Ich spüre, wie ich mehrmals mit Zicki mit voller Wucht auf dem Boden aufsetze, dann verliere ich die Kontrolle und stürze. Als sich die Staubwolke legt, sehe ich, dass ich mit einem Affenzahn über mehrere Buckel gefahren bin. Schön blöd. Roland hilft mir beim Aufstellen und jetzt fahre ich vor. Langsam und vorsichtig.
Es ist bereits später Nachmittag und die Sonne taucht die Landschaft in ein fantastisches Licht. Die Terrassen schimmern in verschiedenen Rottönen, die Berge rundherum gelb-orange und der Himmel ist Knallblau. Was für ein Farbenspiel.
Auf dem Weg nach unten habe ich Mühe, nicht zu schnell zu werden, das viele Gewicht schiebt Zicki und mich ganz schön nach unten. Wir schaffen es ohne Sturz nach unten und fahren weitere 20km auf einer schönen Offroad-Strecke, die sich am Berg entlang windet zurück zur Hauptstraße und von dort weiter Richtung Süd-Osten. Bis Damghan sind wir umringt von Bergen. Diese Route war ein wichtiger Teil der Seidenstraße und ich kann nur hoffen, dass die Menschen damals den Anblick der Berge genauso genießen konnten, wie ich jetzt.

Die letzten Tage im Iran machen es einem wirklich sehr schwer, weiter zu reisen. Aber in zwei Tagen, am 13.7., beginnt unser 5-tägiges Transitvisum für Turkmenistan. Einziges Problem: Wir haben es noch nicht. Beantragt im Mai, hat die Genehmigung bis letzte Woche gedauert. Wir haben dafür extra einen Zweitpass beantragt und die Visa-Agentur hat den Pass inklusive Visum vor ein paar Tagen per Express nach Mashhad geschickt und ich prüfe jeden Abend den Sendungsstatus. Aktuell ist es in Dubai. In unserer Unterkunft in Damghan treffen wir ein Paar aus Frankreich, die auf einer GS die gleiche Tour fahren wie wir. Allerdings in der Hälfte der Zeit. Und sie haben das gleiche Problem, warten auch seit Wochen auf ihr Visum. So richtig Vorfreude auf dieses komplizierte Turkmenistan kommt bei uns noch nicht auf.

Das Kaspische Meer: der Weg ist das Ziel.

Ich möchte im See baden. Auch wenn ich dabei komplett angezogen sein muss. Ich ziehe Kopftuch, eine lange Stoffhose und mein Merino-Shirt an, das muss sowieso gewaschen werden. Roland geht lockerflockig nur in Badehose neben mir ins Wasser. Das Wasser ist herrlich, total klar und hat die perfekte Badetemperatur. Wir schwimmen ein paar Runden. Alles richtig gemacht.

Bevor ich aus dem Wasser gehe, reicht mir Roland das Handtuch und ich schlinge es sofort um mich. Die nasse Klamotte klebt an mir, und naja, es zeichnet sich eben einiges ab. Ein junges Mädchen, ca. 15, kommt auf mich zu. Sie begrüßt mich auf Englisch und sagt: „No worry, this is comfort zone, no police, you are free here.“ Sie ist mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder hier. Im Oktober wollen sie vielleicht nach Deutschland kommen. Ich gebe ihr meine Email-Adresse und hoffe wirklich, dass ich sie wiedersehe. Damit ich mich für die großartige Gastfreundschaft aller Iraner bei ihr und ihrer Familie revanchieren kann.

Während wir uns fertig machen und die Bikes beladen, kommen die Nachbarn von links, um sich zu verabschieden. Kurz darauf bringen uns die Nachbarn von rechts eine halbe Wassermelone. Noch ist Roland nicht so weit. Ich muss sie alleine essen. Wir machen Kaffee und frühstücken, anschließend wasche ich das Geschirr ab. Auf dem Rückweg von der Waschstelle sehe ich gerade noch rechtzeitig – bevor ich den FlipFlop auf den Boden setze – dass unter mir eine kleine, braune Schlange liegt. Ich schreie, hüpfe davon und werfe dabei das Geschirr durch die Luft. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Was hab ich mich erschreckt. Unsere Nachbarin kommt gleich angelaufen, ich mache das internationale Zeichen für Schlange und zische dabei durch die Zähne. Sie nickt, lächelt und hilft mir das Geschirr aufzuheben. Ich bin kein Fan von Spinnen aber Schlangen gehen echt überhaupt nicht.

Noch später als sonst starten wir unsere Fahrt durch das Alamut Tal. Auch heute müssen wir das Alamut Castle auslassen, da der Track, den Roland ausgesucht hat, viele Offroad-Passagen enthält und uns die Zeit davon läuft. Wir fahren ein Stück die Straße zurück, die wir gestern zum Evansee hoch gefahren sind und dann weiter Richtung Norden über die Berge in Richtung Kaspisches Meer. Die Straße windet sich immer enger den Berg hoch. Der Ausblick auf die umliegenden Gipfel des Alborz Gebirge ist gigantisch. Einige von ihnen sind schneebedeckt. Ich würde am liebsten in jeder Kurve anhalten und ein Foto machen.

Wir fahren schon länger nicht mehr auf Asphalt, zuerst ist es festgefahrener Schotter, dann wird es immer steiniger mit sandigen Passagen. Die Kurven werden immer enger, irgendwann müssen wir doch oben sein, denke ich mir. Auf 2.700 Höhenmeter machen wir Halt an einem kleinen Kiosk und füllen Wasser nach. Roland checkt den Ölstand seiner nineT (das wollte er schon länger und hat es nur immer wieder vergessen) und merkt, dass gar kein Öl mehr im Schauglas zu sehen ist. Shit. Im Kiosk gibt es keines. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als weiter zu fahren. Immer weiter bergauf.
Bei 3.000 m machen wir ein Foto! Unser heutiger Highscore ist allerdings 3.215 Höhenmeter. Das Grinsen in meinem Gesicht ist riesengroß. Bis ich auf einmal Roland schreien höre. Ich schau in den Rückspiegel und sehe, wie er kurz nach einer Rechtskurve stürzt. Ich stelle Zicki ab und renne runter. Es ist nichts passiert, wir waren ja nicht schnell unterwegs. Zusammen heben wir das Bike auf. Im Sand ist ihm das Vorderrad weggerutscht. Ich vergesse blöderweise, ein Foto zu machen. Denn er macht von meinen Eskapaden immer eines.

Noch liegen min vier Stunden Fahrt vor uns und es ist bereits nach 16 Uhr. Wir müssen uns beeilen. Nachdem wir über dem Gipfel sind, geht es genauso traumhaft weiter. Serpentinen, Schotter, traumhafte Bergkulisse und tiefe Wolkenfelder, die vor uns vorbeiziehen. Immer wieder sehen wir Bienenkästen und Zelte, manchmal auch die Imker und wir winken uns gegenseitig zu. Je weiter wir Richtung Kaspisches Meer kommen, desto grüner wird es. Die Luftfeuchtigkeit steigt und die Temperatur ist mittlerweile auf 21°C gesunken. Wie unterschiedlich die Landschaft im Iran doch ist. Vor ein paar Tagen fuhren wir noch durch die Wüste bei 45°C, haben geschwitzt und jetzt habe ich Wassertropfen auf dem Visier. Wir fahren durch dichten Nebel und es fühlt sich fast wie Regen an.

Als wir das Tal erreichen, erleben wir eine Seite am Iran, die uns nicht gefällt. Überall dort, wo gecampt wird, liegt Unmengen an Müll. In den schönsten Wäldern, an Wasserfällen und Flüssen. Eine Spur der Verwüstung. Es wird alles in die Natur geschmissen, Papier, Plastik, Essensreste. Es ist wirklich ein Schweinestall. Wir haben keine Lust, an den Wasserfällen anzuhalten, so sehr ärgern wir uns.

Wir fahren weiter und finden zum Glück eine Werkstatt, die das richtige Öl hat. Castrol 20W50. Bezahlen darf Roland es aber nicht, die Rechnung will unbedingt der Besitzer vom Möbelladen nebenan übernehmen. Nach dem üblichen Nein-Doch Spiel bedanken wir uns und fahren weiter, bis wir die Küste erreichen. Hier reiht sich ein Touristenort an den anderen. Überall blinkt es, die Leuchtschilder über den Geschäften, die Brücken und sogar die Palmen. Ich sehe Zara, Kentucky Fried Chicken und einen Ikea Idea Store. Das hatte ich nun wirklich nicht erwartet. Noch dazu versinken wir mal wieder im Verkehrschaos und kommen nur schleppend vorwärts. Es wird bereits dunkel und wir haben noch kein Hotel. Ich bin müde und genervt und will einfach nur irgendwo ankommen. Trotzdem versuche ichdf, mich nicht zu ärgern. Denn der gesamte Tag war so wunderschön und eindrucksvoll, wir hatten so viele schöne Momente in den Bergen, das möchte ich mir nicht vermiesen lassen.

Kurz nach Chalous finden wir eine Unterkunft und nach kurzen Verhandlungen bekommen wir auch einen Rabatt. Das Abendessen lassen wir heute ausfallen, Roland möchte lieber das Spiel sehen und so serviere ich ihm Tee und Erdnüsse ans Bett.

Camping am Evansee

Nach dem Frühstück fahren wir los. Tehran zeigt sich morgens von der gleichen Seite wie abends. Laut und voll. Es herrscht unendlich viel Verkehr und das Straßennetz ist nach wie vor undurchschaubar. Es dauert 1,5 Stunden, bis wir aus der Stadt sind. Entnervt fahren wir auf der Schnellstraße Richtung Qazvin. Nach einer weiteren Stunde nehmen wir die Ausfahrt in die Berge. Endlich wieder Kurven, endlich Berge, diese wunderschöne Landschaft, wie wir sie vom Iran kennen. Und kühle Temperaturen. Vor lauter Fahrfreude verpassen wir den 9.000er und machen bei 9.127 km unser Foto.

Die Schnellstraße wird zur kleinen Bergstraße. Rechts, links, rechts, links. Ich fahr mich wieder schwindlig und lasse den grauenvollen Eindruck von Tehran hinter mir. Bis zum Alamut Castle schaffen wir es leider zeitlich nicht mehr. Wir planen um und wollen die Nacht am Evansee (Ovan Lake) verbringen. In einem kleinen Laden im Dorf Dikin kaufen wir ein paar Vorräte ein und fahren die letzten 30 Minuten weiter die Serpentinen den Berg entlang.

Am See angekommen, ist Roland zuerst etwas enttäuscht, denn wir sind nicht alleine. Es stehen einige Autos verteilt am See, manche in den gemauerten Picknick-Stellplätzen mit Dach, andere direkt am Ufer. Wir bleiben trotzdem und machen uns in einem der Stellplätze breit. Als wir abpacken huscht ein kleiner Fuchs vorbei. Vermutlich auf der Suche nach Essensresten.
Nachdem das Zelt aufgebaut ist, koche ich die Pasta und während wir essen, kommt der erste Besuch. Die Nachbarn links bringen Pfirsiche, Nektarinen, Bananen und Gurken. Perfekt, Obst und Gemüse hatten wir nicht eingekauft, denke ich mir. Als nächstes kommen die Nachbarn von rechts mit Eis. Das wird ja immer besser! Nachtisch. Herrlich. Wir setzen uns auf unsere Stühle und schauen auf den See.

Ich probiere das Eis. Oh Gott, Melone. Ausgerechnet! Es gibt nicht viel, das Roland nicht isst. Melone gehört dazu. Der Grund: Ein traumatisches Erlebnis aus der Kindheit. Irgendwann in den frühen 70ern ist er mit seinen Eltern auf dem Heimweg von Jugoslawien, seine Mama hatte vorher noch Wassermelone gekauft, die er und sein Bruder auf der Rücksitzbank essen. Wassermelone und eine rasante Autofahrt entlang der Küste vertragen sich wohl nicht, denn nach kurzer Zeit übergibt sich Roland im Auto. Seitdem hat er nie wieder Melone angerührt.

Roland packt das Eis aus. Ich warte. Habe mich dafür entschieden, ihn nicht zu warnen. Er probiert es. Ich schaue ihn an. Er schleckt weiter. Nach ein paar Minuten sage ich: „Mhhh, lecker, gell?“ Roland antwortet: „Ja, ich weiß nur nicht, was das für ein Geschmack ist. An irgendwas erinnert er mich.“ Ich bleibe cool, lasse mir nichts anmerken und sage: „Waldmeister, vielleicht?“ „Neee… das ist anders.“ Als er fast fertig ist, platzt es aus mir heraus: DAS IST EIN MELONENEIS! DU HAST MELONE GEGESSEN! Er guckt mich ungläubig an, lächelt und isst weiter. Hoffentlich ist der Melonenbann jetzt gebrochen.

Nach dem Abwasch besuchen wir die Nachbarn links, eine achtköpfige Familie. Oma, Opa, Tochter mit Mann und zwei Kindern, 2. Tochter mit Mann. Wir dürfen uns mit auf dem Teppich setzen, dahinter steht ein Zelt. Die 14jährige Tochter spricht etwas Englisch und so erfahren wir, dass sie aus Tehran sind, und hier öfter zum Camping herfahren. Dabei schlafen die Frauen im Zelt und die Männer auf dem Teppich davor. Was hat Roland Glück, dass er neben mir im Zelt liegen darf. Sie haben neben dem Stellplatz ein großes Feuer gemacht und bieten uns als erstes gegrillte Kartoffeln an. Sehr lecker, Kartoffeln hatte ich schon Wochen nicht mehr. Dann bereiten sie Schaschlick-Spieße vor, die Spieße sind bestimmt 50cm lang, werden mit eingelegtem Hühnchen bestückt und auf das Feuer gelegt. Oh je, bitte kein Essen mehr. Wir sind noch so satt von der Pasta. Und dem Meloneneis. Aber keine Gnade, Roland bekommt einen Spieß mit Reis und einer Joghurt-Auberginen-Knoblauch-Soße, die es in sich hat. Joghurt und Aubergine kann man nur erahnen, der Knoblauch hat unbestritten die Oberhand in diesem Gemisch. Ich esse einen Berg Reis mit der Soße und hoffe, dass damit wenigstens den Mücken der Appetit auf mein Blut vergeht. Nach ein paar netten Gesprächen gehen wir wieder zu uns, wir sind müde und wollen schlafen.

Leider ist bis kurz nach 1 Uhr an Schlaf nicht zu denken, denn Bauarbeiter reparieren irgendwas an den Laternen, ein Laster steht keine 10m weg von unserem Zelt und läuft ununterbrochen und die Arbeiter schreien sich die ganze Zeit irgendwas zu. Die Iraner schlafen also nicht nur lang, sondern sie arbeiten auch bis spät in die Nacht. Irgendwann ist der Lärm vorbei und wir können endlich einschlafen.

Tehran, du schaffst mich.

Warum Tehran? Wir wollen dort gar nicht hin, auf keinen Fall in die Großstadt. Warum Tehran trotzdem heute unser Ziel ist: Roland hatte Sorgen, dass ihm sein Hinterreifen nicht bis zum Pamir Highway in Tadschikistan hält und so haben wir die letzten Tage versucht, einen Reifen irgendwo zwischen Iran und Tadschikistan aufzutreiben. Was vor allem im Iran schwierig ist, da es hier gar keine großen Motorräder gibt. Maximal 200ccm sind erlaubt, größere Bikes sind verboten und Frauen dürfen hier übrigens gar nicht Motorrad fahren. Touristinnen schon. Das nur nebenbei. Roland ist es also gelungen, über zwölf Ecken einen Reifen – wenn auch mit Straßenprofil – zu organisieren. Und den müssen wir heute abholen.

Wir stehen früh auf und sind um halb 10 auf dem Basar. Zu früh, denn die Iraner sind eher Langschläfer. Nicht mal die Hälfte der Geschäfte hat geöffnet. Aber das besondere an diesem Basar ist sowieso das alte Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, mit den wunderschön verzierten Timche-Kuppeldächern, alten Fenstern und Türen. Man sieht dem Basar sein Alter an, nichts ist restauriert, aber das macht die Atomsphäre hier umso orientalischer und schöner.

Auf dem Heimweg liegt die Mosche Aqa Bozorg von 1840. Uns gefällt die klare Architektur, alles sieht so symmetrisch aus und ist wunderbar erhalten, auch der florale, bunte Fliesenschmuck. Wir sind ganz alleine und nehmen uns Zeit, die Mosche und den versenkten Innenhof aus jedem Winkel anzuschauen.

Zurück im Hostel beladen wir unsere Bikes in der engen Gasse und fahren los Richtung Teheran. Keine Stunde später machen wir die erste Pause, ich steuere geradewegs in den Basar von Qom, da ich wie auch schon am Tag zuvor die starke Mittagssonne nicht vertrage und dringend Schatten brauche. Wir stellen unsere Bikes neben einem Gemüse-Stand ab, da läuft schon der erste Iraner zu uns herüber und überreicht uns eine Flasche eiskalte Traubenschorle. Ich würde ihn am liebsten abknutschen. Darf ich aber nicht.

Ich hole uns noch ein Sandwich und nach einer kurzen Verschnaufpause fahren wir weiter. Es hat auch heute wieder 45°C und es sind noch über 100km bis Tehran. Aber viel schlimmer als der Weg dorthin ist Tehran selbst. Wir finden uns in diesem Strassenwirrwarr nicht zurecht. Und das Navi auch nicht. Ständig müssen wir umdrehen oder Schleifen drehen. Der Verkehr hier ist der absolute Horror, die Mopeds fahren kreuz und quer in alle Richtungen. Busse, Autos, keiner hält die Spur. Alle hupen, drängeln, keiner achtet auf den anderen. Ich hatte mich recht schnell an die Fahrweise der Iraner gewöhnt, aber Tehran ist anders. Meine Nerven liegen blank. Wir halten an und ich frage verzweifelt einen Passanten, ob er uns helfen kann. Ein Bekannter von ihm auf einem Roller bietet sich an, uns zum Reifenladen zu begleiten. Er fährt voraus und nach weiteren schweißtreibenden 15 Minuten in Tehrans Stadtverkehr erreichen wir den Laden, bzw. die Reifen-Einkaufsmeile. Denn wir befinden uns einer kleinen Straße, in der sich ein Reifen- bzw. Felgen-Geschäft an das nächste reiht. Entsprechend ist das Publikum. Am Ende der Straße parken zwei weiße Porsche Cayenne.

Roland nimmt seinen Reifen von einem jungen, tätowierten Iraner in Empfang und packt ihn unter den interessierten Blicken der anderen Reifenladen-Besitzer auf sein Gepäck und wir fahren zum Hostel. Es liegt zentral aber zum Glück ein einer ruhigen Seitenstraße. Die Zimmer sind modern, aber der Innenhof ist sehr traditionell gestaltet, mit Sitzpodesten und einem kleinen Wasserlauf in der Mitte des Gartens. Es sind viele junge, Backpacker hier, vor allem aus Frankreich und Holland. Die Gemeinschaftsküche ist groß und top eingerichtet und so beschließen wir, nicht mehr rauszugehen sondern hier zu kochen. Während wir Pasta im Garten essen, planen wir die Route für morgen. Es soll so schnell wie möglich raus aus der Stadt gehen in die Berge ins Alamut Tal.

Es geht heiß her.

Kurz bevor wir losstarten, ändern Roland und Carlo die Route. Sie haben einen Track also eine unbefestigte Straße entlang der Bahnlinie gefunden, die im Westen durch die Dasht-e-Kavir Wüste verläuft.  Zuerst finden wir den Einstieg nicht, und als wir dann endlich auf dem richtigen Track sind, ist es bereits nach 13 Uhr. Die breite Schotterstraße führt entlang einer eingleisigen Bahnlinie durchs Nirgendwo, und geht ausschließlich geradeaus. Rechts und links von uns Wüste und ein paar einsame Büsche. Hin und wieder fahren wir an Häuserruinen und wir sind uns nicht sicher, ob sie 3 oder 300 Jahre alt sind. So richtig kann man das nicht erkennen. Die Sonne steht hoch am Himmel und obwohl ich unglaublich viel Wasser trinke, wird mir schwindlig. Wir sind seit über einer Stunde in der prallen Sonne unterwegs bei 45°C. An einem kleinen noch nicht ganz ausgetrockneten Salzsee machen wir Pause, ich setze mich in den Schatten meines Motorrads, esse Obst und verschnaufe.

Eine weitere Stunde und zwei entgegenkommende Zügen später, haben wir noch nicht mal die Hälfte der geplanten Strecke geschafft. Eigentlich sollten wir schon längst in der Stadt Nain sein, der geographischen Mitte Irans. Außer einer Bergkette ganz weit entfernt am Horizont ist aber nichts zu sehen. Ich merke, wie mir die Kraft ausgeht und ich sage Roland, dass ich nicht mehr lange durchhalte und eine Pause brauche. Roland meint, es sind nur noch 10 km und tatsächlich erkenne ich kurz darauf Autos, die über eine Brücke am Ende unseres Tracks fahren. Ich gebe Gas, Roland meint, ich soll jetzt nicht hetzen, aber ich muss raus aus der Sonne. Mit letzter Kraft erreichen wir eine Art gemauerte Jurte rechts neben der Straße. Ich halte an und falle quasi vom Bike, reiße mir Helm und Jacke runter, lege mich auf den Kies in den Schatten und japse nach Luft. Ich bin komplett durchgeschwitzt und mir ist schlecht, meine Hände kribbeln – jetzt bitte keinen Krampf in den Fingern flehe ich.

Ein kleiner, drahtiger Mann Mitte 60 kommt aus der Jurte und bittet uns hinein. Er setzt mich vor die Klimaanlage, rennt zum Kühlschrank und gibt mir kaltes Wasser in einer Plastikschüssel, das ich schnell austrinke. Als er meine Hände sieht, kratzt er Eis aus dem Kühlschrankfach und bringt es mir. Dann redet er wild auf Roland ein, zeigt auf mich, dann in Richtung Sonne, dann hebt er meine Jacke auf, zeigt wieder auf mich, schüttelt den Kopf und redet weiter auf Farsi mit Roland. Roland steht etwas verloren vor ihm und sagt dann zu mir: Oh je, ich glaub er schimpft mich. Dann sagt er auf Bayerisch zu dem Mann: „Ja, i woas scho, aber die hoid scho was aus. Des passt scho.“ Der Mann schüttelt den Kopf, kommt wieder zu mir, mit einem Topf und fragt, ob ich essen will. Ich bedanke mich und bedeute nein, dann sagt er „Cay“ und geht mit dem Teekessel aus der Jurte.

Roland hat inzwischen Müsliriegel gebracht, ich esse zwei und es nach einiger Zeit geht es mir besser. Ich sehe mich um. Wo bin ich hier gelandet. Es ist ein kleines, rundes Haus, innen blau gefliest, natürlich liegt ein Perser-Teppich am Boden. In der Mitte stehen ein paar Betten, ich sehe einen Kühlschrank, Fernseher, Bürostühle und unglaublich viele Männerschuhe. Also eher Schlappen. Wir wissen, dass in der Nähe ein Militärflughafen ist, aber nach Militär sieht der Mann uns nicht aus.
Er kommt zurück mit einem anderen, jüngeren Mann. Wir trinken alle zusammen Tee und er möchte ein Foto von uns machen. Denke ich aber es wird ein Video. Der drahtige Mann setzt sich zwischen Roland und mich, legt seine Arme auf unsere Schulter und fängt an, auf Farsi zu erzählen. Das Theater beginnt von vorne. Er zeigt auf Roland, auf mich, meine Jacke und die Sonne. Oh je, was hab ich nur angerichtet. Was für eine skurrile Situation, Roland und ich lachen herzlich.

Sie bieten uns an, hier zu schlafen. Wir möchten aber weiterfahren und nach einer knappen Stunde Pause sitzen wir wieder auf den Bikes. Vorher hat der Mann mir noch Toffee-Bonbons zugesteckt – falls ich müde werde – soweit ich ihn verstehe, und für Roland hat er Benzin aus einem Auto abgefüllt. Roland muss es unbedingt in seinen Ersatzkanister füllen. Geld will er natürlich keines.

In dem Moment, als wir Kashan erreichen, geht die Sonne unter. Trotzdem hat es noch 42°C. Wir checken in dem süßen Hostel ein, das uns Carlo empfohlen hat. Wie auch schon das Hotel in Yazd ist es mitten in der Stadt und sehr traditionell gehalten, was uns viel besser gefällt als normale Hotels. Von hier aus wollen wir morgen eine kleine Sightseeing-Runde starten, bevor es weiter nach Tehran geht.

Du wundervolles Yazd

Wir treffen endlich zwei Deutsche! Carlo und Felix aus Berlin sind ebenfalls im Silk Road Hotel abgestiegen. Sie machen quasi den gleichen Roadtrip wie wir, allerdings als Backpacker und haben super viel Tipps für uns, was wir uns im Iran aber auch Georgien und Armenien ansehen sollen bzw. welche Pässe und Straßen sich lohnen. Sie sind seit sieben Wochen unterwegs, viel mit Bus, Zug oder sie trampen und haben lediglich 8kg Gepäck dabei. Beeindruckend wie sehr man sich reduzieren kann, wenn man alles selber tragen muss und denke dabei an meine vollgepackte Zicki.

Wir lassen die Bikes heute stehen und erkunden Yazd zu Fuß. Im Iran beginnt die Arbeitswoche am Samstag und geht bis Donnerstag. Und da heute Freitag ist, also im Iran Sonntag, ist die Stadt so gut wie ausgestorben. Die engen Straßen und Gässchen sind menschenleer, es sind keine Kinder auf den Spielplätzen und wir hören auch kein Mopedgeräusch. Erst als wir auf die Hauptstraße kommen, ist etwas Leben in der Stadt.

Unsere erste Station ist der zarathustrische Feuertempel, der meiner Meinung nach nichts mit einem „Tempel“ zu tun hat. Es handelt sich um eine Villa, wie sie auch in Grünwald stehen könnte. Über dem Eingang ist das Symbol der Zarathustrier, ein Mann mit Flügeln und Ring in der Mitte. Jedes Element hat eine Bedeutung, mehr dazu in der Fotogalerie. In dem Feuertempel, der 1934 gebaut wurde, brennt angeblich ein Feuer, das bereits 500 n. Chr. gebrannt hat und im 12. Jahrhundert über Arkadan nach Yazd kam. In dem dazugehörigen kleinen Museum wird man über den Glauben der Zarathustrier informiert. In Yazd leben über 3.500 Anhänger dieses Glaubens, noch mehr Zarathustrier gibt es in Teheran.

Wir schlendern weiter durch die Stadt, machen eine kurze Pause am Amir-Chaqmaq-Platz und sehen uns danach mehrere Moscheen an wobei mir die Imamzadeh Jafar Mosche besonders gefällt. Jeder Raum, jeder Gang ist innen komplett mit Spiegeln und buntem Fliesendekor verkleidet. Ich komme aus dem Staunen nicht raus. Als ich den Bereich für die Frauen betrete, da ich mir den herrlichen Kronleuchter näher ansehen möchte, kommt ein ältere Dame auf mich zu zeigt mir, wie man an der Grabstätte des Abu Jafar richtig betet. Sie streift mit ihren Hände über die goldenen Gitterstäbe und dann über ihr Gesicht. Ich tue es ihr gleich, zwei-, dreimal, aber als sie dann die Gitterstäbe küsst wird es mir zu viel und ich ziehe mich zurück.

Als nächstes laufen wir 30 Minuten zum Dolatabad-Garten, den wir dann aber gar nicht besichtigen, weil uns 200.000 Rial/Person (also etwas über 2€) für einen Garten zu teuer sind. Den gleichen Eintrittspreis haben wir in Persepolis bezahlt. Während Roland die nächste Sehenswürdigkeit raussucht, mache ich ein kurzes Nickerchen an die Häuserwand gelehnt. Nichts Außergewöhnliches hier. Die Iraner schlafen überall – in öffentlichen Gärten, im Kreisverkehr, in den Hotel-Restaurants und in den Moscheen sowieso.

Als nächstes gehen wir zum Art House, von dessen Terrasse man einen großartigen Blick über die Stadt hat. Die braunen Lehmhäuser, die oft nicht mehr als zwei oder drei Stockwerke hoch sind, werden überragt von den vielen Windtürme für die Yazd berühmt ist. Durch geschickte Bauweise wird der Wind in das Innere der Häuser geleitet und kühlt so die Räume.

Ein totaler Reinfall ist die „Kampfshow“ sowie das Alexander Gefängnis. Deswegen gehe ich gar nicht näher darauf ein.

Zurück im Hotel treffen wir wieder Carlo und Felix und Roland sieht sich zusammen mit ihnen die Viertelfinalspiele an. Mich holt währenddessen quasi die Agentur-Arbeit ein. Ich werde von einem Iraner gebeten, für ihn einen Flugzettel von Englisch auf Deutsch zu übersetzen. Er bietet eine Tagestour für Touristen an und meint, ich darf seinen englischen Text gern verbessern, wenn es dann eine bessere Werbung für ihn ist. Aber bitte nicht zu viel Text, die Touristen wollen nicht so viel lesen, nur das Wichtigste in maximal drei Sätzen. Alles klar. Ich setze mich hin, recherchiere, stimme mich mit ihm ab, tippe in meinen Laptop und berate ihn dann auch noch bei der Preiskalkulation. Wer ko, der ko!

Persepolis – die Stadt der Perser

Ich wach auf und mein Auge ist stärker zugeschwollen als gestern. Sieht doch wieder super aus, meint Roland. „Wie bitte? Setz doch bitte deine Brille auf, Baby.“ Oh ja, sagt er kurz darauf kleinlaut. Naja du hast ja ne große Sonnenbrille dabei…
Wir steigen 111 Stufen empor und betreten durch das „Tor aller Völker“ Persepolis. Zu meiner Überraschung bietet mir eine Dame eine Virtual Reality Brille an. Krasser könnten die Gegensätze nicht sein. Links 2.500 Jahre alte, 7m hohe Stier-Statuen und in meiner Hand halte ich die vermeintliche Zukunft. Ich werfe einen kurzen Blick durch die Brille. Die Auflösung könnte besser sein und die Statuen vom „Tor aller Völker“ sind bunt angemalt. So möchte ich die Geschichte der Perser nicht erleben und gebe die Brille an die nette Dame zurück.

Persepolis – altgriechisch für die Stadt der Perser – ist ein 455×300 m großer Komplex aus mehreren Tempeln, Grabstätten und Gebäuden, die unterschiedlich gut erhalten und restauriert sind. Der größte Tempel, der Apadana-Tempel, misst 12.544 m². Die Reliefs an der Treppe sind wunderbar detailgetreu gearbeitet und dank unseres Reiseführers können wir die unterschiedlichen Figuren genau erkennen: Die Baktrier mit Bechern, Schalen und Kamel, die Assyrer tragen Schale, Felle, Tücher und werden von 2 Widdern begleitet, außerdem sind Elamer, Lyder, Armenier usw. in den Stein eingearbeitet.

Drei Stunden laufen wir durch Persepolis, bevor wir unsere Bikes beladen und weiter nordöstlich Richtung Yazd fahren. Die Landschaft wird immer wüstiger, es gibt nur noch vereinzelt Grün. Dafür viel Steine und eben Sand. Hier knacken wir die 8.000 km. Was für ein Wahnsinn, dass wir diese Entfernung in knapp 4 Wochen runtergespult haben.

Mittlerweile verläuft die Straße relativ gerade und wir fahren direkt auf ein Gebirge zu, das so gut wie die gesamte Breite des Horizonts einnimmt. Es ist das Shirkuh-Gebirge, das zusammen mit dem Kahranaq-Gebirge die Stadt Yazd einrahmt. Fühlt sich an wie Innsbruck, als wir aus dem Gebirge in die Stadt eintauchen. Nur wärmer und mit Palmen.

Das erste Hostel ist leider nichts, schmutzig und zu teuer sagt Roland. Wir fahren zu einem kleinen Hotel, dem Silk Road Hotel, das mitten im Zentrum in einem der traditionellen Häuser untergebracht ist. Draußen begrüßt mich die „Veg Food“-Leuchtreklame und das Zimmer kostet nur 1,4 Mio Rial. Perfekt! Aber das eigentliche Highlight ist der riesige, überdachte Patio, der liebevoll eingerichtet ist mit einem Springbrunne, den typischen, tiefen Sitzpodesten, die mit Teppich ausgelegt sind, viel Dekor und Pflanzen. Es gibt eine Station mit mehreren Sorten Tee, Kamel-Gulasch zum Abendessen und man hört orientalische Musik. Hier bleiben wir zwei Nächte.