Das Kaspische Meer: der Weg ist das Ziel.

Ich möchte im See baden. Auch wenn ich dabei komplett angezogen sein muss. Ich ziehe Kopftuch, eine lange Stoffhose und mein Merino-Shirt an, das muss sowieso gewaschen werden. Roland geht lockerflockig nur in Badehose neben mir ins Wasser. Das Wasser ist herrlich, total klar und hat die perfekte Badetemperatur. Wir schwimmen ein paar Runden. Alles richtig gemacht.

Bevor ich aus dem Wasser gehe, reicht mir Roland das Handtuch und ich schlinge es sofort um mich. Die nasse Klamotte klebt an mir, und naja, es zeichnet sich eben einiges ab. Ein junges Mädchen, ca. 15, kommt auf mich zu. Sie begrüßt mich auf Englisch und sagt: „No worry, this is comfort zone, no police, you are free here.“ Sie ist mit ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder hier. Im Oktober wollen sie vielleicht nach Deutschland kommen. Ich gebe ihr meine Email-Adresse und hoffe wirklich, dass ich sie wiedersehe. Damit ich mich für die großartige Gastfreundschaft aller Iraner bei ihr und ihrer Familie revanchieren kann.

Während wir uns fertig machen und die Bikes beladen, kommen die Nachbarn von links, um sich zu verabschieden. Kurz darauf bringen uns die Nachbarn von rechts eine halbe Wassermelone. Noch ist Roland nicht so weit. Ich muss sie alleine essen. Wir machen Kaffee und frühstücken, anschließend wasche ich das Geschirr ab. Auf dem Rückweg von der Waschstelle sehe ich gerade noch rechtzeitig – bevor ich den FlipFlop auf den Boden setze – dass unter mir eine kleine, braune Schlange liegt. Ich schreie, hüpfe davon und werfe dabei das Geschirr durch die Luft. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Was hab ich mich erschreckt. Unsere Nachbarin kommt gleich angelaufen, ich mache das internationale Zeichen für Schlange und zische dabei durch die Zähne. Sie nickt, lächelt und hilft mir das Geschirr aufzuheben. Ich bin kein Fan von Spinnen aber Schlangen gehen echt überhaupt nicht.

Noch später als sonst starten wir unsere Fahrt durch das Alamut Tal. Auch heute müssen wir das Alamut Castle auslassen, da der Track, den Roland ausgesucht hat, viele Offroad-Passagen enthält und uns die Zeit davon läuft. Wir fahren ein Stück die Straße zurück, die wir gestern zum Evansee hoch gefahren sind und dann weiter Richtung Norden über die Berge in Richtung Kaspisches Meer. Die Straße windet sich immer enger den Berg hoch. Der Ausblick auf die umliegenden Gipfel des Alborz Gebirge ist gigantisch. Einige von ihnen sind schneebedeckt. Ich würde am liebsten in jeder Kurve anhalten und ein Foto machen.

Wir fahren schon länger nicht mehr auf Asphalt, zuerst ist es festgefahrener Schotter, dann wird es immer steiniger mit sandigen Passagen. Die Kurven werden immer enger, irgendwann müssen wir doch oben sein, denke ich mir. Auf 2.700 Höhenmeter machen wir Halt an einem kleinen Kiosk und füllen Wasser nach. Roland checkt den Ölstand seiner nineT (das wollte er schon länger und hat es nur immer wieder vergessen) und merkt, dass gar kein Öl mehr im Schauglas zu sehen ist. Shit. Im Kiosk gibt es keines. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als weiter zu fahren. Immer weiter bergauf.
Bei 3.000 m machen wir ein Foto! Unser heutiger Highscore ist allerdings 3.215 Höhenmeter. Das Grinsen in meinem Gesicht ist riesengroß. Bis ich auf einmal Roland schreien höre. Ich schau in den Rückspiegel und sehe, wie er kurz nach einer Rechtskurve stürzt. Ich stelle Zicki ab und renne runter. Es ist nichts passiert, wir waren ja nicht schnell unterwegs. Zusammen heben wir das Bike auf. Im Sand ist ihm das Vorderrad weggerutscht. Ich vergesse blöderweise, ein Foto zu machen. Denn er macht von meinen Eskapaden immer eines.

Noch liegen min vier Stunden Fahrt vor uns und es ist bereits nach 16 Uhr. Wir müssen uns beeilen. Nachdem wir über dem Gipfel sind, geht es genauso traumhaft weiter. Serpentinen, Schotter, traumhafte Bergkulisse und tiefe Wolkenfelder, die vor uns vorbeiziehen. Immer wieder sehen wir Bienenkästen und Zelte, manchmal auch die Imker und wir winken uns gegenseitig zu. Je weiter wir Richtung Kaspisches Meer kommen, desto grüner wird es. Die Luftfeuchtigkeit steigt und die Temperatur ist mittlerweile auf 21°C gesunken. Wie unterschiedlich die Landschaft im Iran doch ist. Vor ein paar Tagen fuhren wir noch durch die Wüste bei 45°C, haben geschwitzt und jetzt habe ich Wassertropfen auf dem Visier. Wir fahren durch dichten Nebel und es fühlt sich fast wie Regen an.

Als wir das Tal erreichen, erleben wir eine Seite am Iran, die uns nicht gefällt. Überall dort, wo gecampt wird, liegt Unmengen an Müll. In den schönsten Wäldern, an Wasserfällen und Flüssen. Eine Spur der Verwüstung. Es wird alles in die Natur geschmissen, Papier, Plastik, Essensreste. Es ist wirklich ein Schweinestall. Wir haben keine Lust, an den Wasserfällen anzuhalten, so sehr ärgern wir uns.

Wir fahren weiter und finden zum Glück eine Werkstatt, die das richtige Öl hat. Castrol 20W50. Bezahlen darf Roland es aber nicht, die Rechnung will unbedingt der Besitzer vom Möbelladen nebenan übernehmen. Nach dem üblichen Nein-Doch Spiel bedanken wir uns und fahren weiter, bis wir die Küste erreichen. Hier reiht sich ein Touristenort an den anderen. Überall blinkt es, die Leuchtschilder über den Geschäften, die Brücken und sogar die Palmen. Ich sehe Zara, Kentucky Fried Chicken und einen Ikea Idea Store. Das hatte ich nun wirklich nicht erwartet. Noch dazu versinken wir mal wieder im Verkehrschaos und kommen nur schleppend vorwärts. Es wird bereits dunkel und wir haben noch kein Hotel. Ich bin müde und genervt und will einfach nur irgendwo ankommen. Trotzdem versuche ichdf, mich nicht zu ärgern. Denn der gesamte Tag war so wunderschön und eindrucksvoll, wir hatten so viele schöne Momente in den Bergen, das möchte ich mir nicht vermiesen lassen.

Kurz nach Chalous finden wir eine Unterkunft und nach kurzen Verhandlungen bekommen wir auch einen Rabatt. Das Abendessen lassen wir heute ausfallen, Roland möchte lieber das Spiel sehen und so serviere ich ihm Tee und Erdnüsse ans Bett.

Camping am Evansee

Nach dem Frühstück fahren wir los. Tehran zeigt sich morgens von der gleichen Seite wie abends. Laut und voll. Es herrscht unendlich viel Verkehr und das Straßennetz ist nach wie vor undurchschaubar. Es dauert 1,5 Stunden, bis wir aus der Stadt sind. Entnervt fahren wir auf der Schnellstraße Richtung Qazvin. Nach einer weiteren Stunde nehmen wir die Ausfahrt in die Berge. Endlich wieder Kurven, endlich Berge, diese wunderschöne Landschaft, wie wir sie vom Iran kennen. Und kühle Temperaturen. Vor lauter Fahrfreude verpassen wir den 9.000er und machen bei 9.127 km unser Foto.

Die Schnellstraße wird zur kleinen Bergstraße. Rechts, links, rechts, links. Ich fahr mich wieder schwindlig und lasse den grauenvollen Eindruck von Tehran hinter mir. Bis zum Alamut Castle schaffen wir es leider zeitlich nicht mehr. Wir planen um und wollen die Nacht am Evansee (Ovan Lake) verbringen. In einem kleinen Laden im Dorf Dikin kaufen wir ein paar Vorräte ein und fahren die letzten 30 Minuten weiter die Serpentinen den Berg entlang.

Am See angekommen, ist Roland zuerst etwas enttäuscht, denn wir sind nicht alleine. Es stehen einige Autos verteilt am See, manche in den gemauerten Picknick-Stellplätzen mit Dach, andere direkt am Ufer. Wir bleiben trotzdem und machen uns in einem der Stellplätze breit. Als wir abpacken huscht ein kleiner Fuchs vorbei. Vermutlich auf der Suche nach Essensresten.
Nachdem das Zelt aufgebaut ist, koche ich die Pasta und während wir essen, kommt der erste Besuch. Die Nachbarn links bringen Pfirsiche, Nektarinen, Bananen und Gurken. Perfekt, Obst und Gemüse hatten wir nicht eingekauft, denke ich mir. Als nächstes kommen die Nachbarn von rechts mit Eis. Das wird ja immer besser! Nachtisch. Herrlich. Wir setzen uns auf unsere Stühle und schauen auf den See.

Ich probiere das Eis. Oh Gott, Melone. Ausgerechnet! Es gibt nicht viel, das Roland nicht isst. Melone gehört dazu. Der Grund: Ein traumatisches Erlebnis aus der Kindheit. Irgendwann in den frühen 70ern ist er mit seinen Eltern auf dem Heimweg von Jugoslawien, seine Mama hatte vorher noch Wassermelone gekauft, die er und sein Bruder auf der Rücksitzbank essen. Wassermelone und eine rasante Autofahrt entlang der Küste vertragen sich wohl nicht, denn nach kurzer Zeit übergibt sich Roland im Auto. Seitdem hat er nie wieder Melone angerührt.

Roland packt das Eis aus. Ich warte. Habe mich dafür entschieden, ihn nicht zu warnen. Er probiert es. Ich schaue ihn an. Er schleckt weiter. Nach ein paar Minuten sage ich: „Mhhh, lecker, gell?“ Roland antwortet: „Ja, ich weiß nur nicht, was das für ein Geschmack ist. An irgendwas erinnert er mich.“ Ich bleibe cool, lasse mir nichts anmerken und sage: „Waldmeister, vielleicht?“ „Neee… das ist anders.“ Als er fast fertig ist, platzt es aus mir heraus: DAS IST EIN MELONENEIS! DU HAST MELONE GEGESSEN! Er guckt mich ungläubig an, lächelt und isst weiter. Hoffentlich ist der Melonenbann jetzt gebrochen.

Nach dem Abwasch besuchen wir die Nachbarn links, eine achtköpfige Familie. Oma, Opa, Tochter mit Mann und zwei Kindern, 2. Tochter mit Mann. Wir dürfen uns mit auf dem Teppich setzen, dahinter steht ein Zelt. Die 14jährige Tochter spricht etwas Englisch und so erfahren wir, dass sie aus Tehran sind, und hier öfter zum Camping herfahren. Dabei schlafen die Frauen im Zelt und die Männer auf dem Teppich davor. Was hat Roland Glück, dass er neben mir im Zelt liegen darf. Sie haben neben dem Stellplatz ein großes Feuer gemacht und bieten uns als erstes gegrillte Kartoffeln an. Sehr lecker, Kartoffeln hatte ich schon Wochen nicht mehr. Dann bereiten sie Schaschlick-Spieße vor, die Spieße sind bestimmt 50cm lang, werden mit eingelegtem Hühnchen bestückt und auf das Feuer gelegt. Oh je, bitte kein Essen mehr. Wir sind noch so satt von der Pasta. Und dem Meloneneis. Aber keine Gnade, Roland bekommt einen Spieß mit Reis und einer Joghurt-Auberginen-Knoblauch-Soße, die es in sich hat. Joghurt und Aubergine kann man nur erahnen, der Knoblauch hat unbestritten die Oberhand in diesem Gemisch. Ich esse einen Berg Reis mit der Soße und hoffe, dass damit wenigstens den Mücken der Appetit auf mein Blut vergeht. Nach ein paar netten Gesprächen gehen wir wieder zu uns, wir sind müde und wollen schlafen.

Leider ist bis kurz nach 1 Uhr an Schlaf nicht zu denken, denn Bauarbeiter reparieren irgendwas an den Laternen, ein Laster steht keine 10m weg von unserem Zelt und läuft ununterbrochen und die Arbeiter schreien sich die ganze Zeit irgendwas zu. Die Iraner schlafen also nicht nur lang, sondern sie arbeiten auch bis spät in die Nacht. Irgendwann ist der Lärm vorbei und wir können endlich einschlafen.