Das Bergdorf Ushguli

Auf Ushguli freue ich mich besonders, da ich endlich mal wieder offroad fahren möchte. Ushguli liegt auf über 2.000 m und der Weg dorthin ist ein herrlicher Track, der uns durch kleine ursprüngliche Dörfer und viel Wald hoch in die Berge führt, inklusive Blick auf einen Gletscher.

Wie in der Wetter-App vorhergesagt, hat es hier die letzten zwei Tage geregnet und daher ist der Track vor allem eines: matschig und übersäht mit zum Teil tiefen Wasserlöchern. Ausweichen oft unmöglich. Unsere Bikes sind nach kürzester Zeit total eingesaut. Roland hat ja mittlerweile den abgefahrenen Heidenau K60 gegen einen Rennslick getauscht und steht daher nicht nur 1x quer auf der Fahrbahn. Auf einem besonders steilen und steinigen Stück lege ich Zicki kurz ab, aber was wäre ein ordentlicher Offroad-Ride ohne Sturz. Es ist herrlich. Ich genieße es so sehr, den Matsch, den schwierigen Track und die Aussicht auf die Berge um uns herum.

Wir erreichen das kleine Bergdorf Ushguli kurz vor der Dämmerung, tiefe Wolken hängen in den schneebedeckten Bergen. Auf der Suche nach einem Zimmer fahren wir blöderweise durch den Ort. Die Straße ist in einem schlimmeren Zustand als alles, was wir heute gefahren sind. Entnervt zurück auf der „Hauptstraße“ (auch kein Asphalt!) dulde ich keine weiteren Umweg mehr und wir checken in der ersten Pension ein. Dort treffen wir zwei andere Motorradfahrer, Micha und Christian, aus Hannover. Sie haben sich in Georgien zwei KTM ausgeliehen und machen hier zwei Wochen Urlaub. Wir essen gemeinsam zu Abend, trinken viel zu viel Chacha und erzählen uns die wildesten Motorradabenteuer. Es ist nach 1 Uhr, als Roland und ich ins Bett kriechen.

Zicki muss in die Werkstatt

Roland hat extra für die Reise eine Anker Jumpstart gekauft, eine kompakte Powerbank, mit der man Autos und Motorräder fremdstarten kann. Nach dem Frühstück nehme ich Zickis Sitzbank und die vordere Verkleidung ab, damit wir an die Batterie kommen und tatsächlich, mit Hilfe der Jumpstart springt mein Bike wieder an. Das blöde ist nur, dass das Bike die ganze Zeit laufen muss, während ich sie wieder zusammenbaue und aufpacke. Aber zuerst wollen wir uns ohnehin Shatili und die Nekropolis ansehen und fahren zu zweit mit Rolands nineT los.

Die Nekropolis ist ein kleines Dorf, das aus ein paar Steinhäusern besteht, die eigentlich Gräber sind. Im 19. Jahrhundert ist in dem Dorf eine unheilbare Krankheit ausgebrochen und anstatt andere Menschen damit anzustecken, haben die Bewohner beschlossen, dass sie alle in ihrem Dorf bleiben und gemeinsam auf den Tod warten. So ist einer nach dem anderen hier gestorben, bis auf einen 12-jährigen Jungen, der als Hirte den Sommer über woanders war. Man kann durch die Fenster in die kleinen Häuschen sehen. Überall liegen Knochen, ich erkenne Rippen und Schädel. Sehr unheimlich.

Danach laufen wir durch das Wehrdorf Shatili das wunderbar erhalten ist. Man erkennt deutlich die einzelnen Etagen und Räume der Türme, die Öffnungen unter den Fenstern für die Geschütze und über manchen Türen findet man uralte Schriftzeichen. Alle Türme waren mit Gängen verbunden, so dass die Bewohner bei Angriffen ungesehen von Turm zu Turm fliehen konnten.

Zurück im Guesthouse werfen wir Zicki mit der Jumpstart an, ich baue Verkleidung und Sitzbank hin und packe die Taschen auf. Gerade als ich den Helm aufziehe, geht die blöde Kuh aus. Oh Mann. Ich hab keine Lust, alles noch mal von vorne ab- und aufzupacken. Also versuchen wir es mit Anschieben, da hier leider kein Hügel in der Nähe ist. Beim 4. Mal klappt es und ich ziehe ordentlich am Gas, damit sie nicht wieder ausgeht.

Wir müssen den gleichen Weg zurück fahren und bis zur Passhöhe darf ich Zicki nicht abwürgen. Eigentlich wollten wir heute nach Omalo in den Tusheti Nationalpark und eine der anspruchvollsten Straßen in Georgien fahren, aber wegen Zickis Zickereien geht’s direkt nach Tbilisi in die Werkstatt. Es gibt laut Google zwei, Bikeland und PitStop. Wir fahren zu Bikeland und Dimitri und sein Mechaniker Sergiu sehen sich Zicki sofort an. Währenddessen lässt Roland seinen Hinterreifen wechseln. Jawohl, nach 22.000 km muss der Heidenau K60 gehen und der Diablo Rosso kommt drauf – der Reifen, den Roland vor 15.000 km im Iran gekauft und seitdem jeden Tag ab- und wieder aufgepackt hat. Wenn wir gewusst hätten, dass der Heidenau so lange hält, hätten wir hier bei Bikeland einen vernünftigen Offroad Reifen gekauft. Aber so fährt Roland jetzt eben einen Hinterreifen, der normalerweise auf einem Supersportler drauf ist.

Inzwischen scheint Sergiu das Problem bei Zicki gefunden zu haben. Eine Phase der Lichtmaschine funktioniert nicht mehr. Sie können die Lichtmaschine neu wickeln, das dauert aber 1 bis 2 Tage. Gut, dann suchen wir uns jetzt eine Unterkunft in Tbilisi. Ein anderer Kunde, sein Name ist Buba, spricht uns an. Er lässt an seiner Sportster die Bremsbeläge wechseln und nach fünf Minuten Konversation bietet er uns das Apartment seiner Eltern an, die gerade nicht in Tbilisi sind. Wow, wir sind sprachlos und nehmen das Angebot sehr gern an.

Das Apartment liegt 5 Fahrminuten von Bikeland entfernt. Ich nehme ein Taxi, die beiden Jungs fahren mit den Bikes hinterher. Wir erreichen eine Plattenbausiedlung aus der Sowjet-Zeit. Die Fassade des Hauses ist herunterkommen, das Treppenhaus düster, zugemüllt und riecht muffelig. Buba drückt den Knopf für den Aufzug, es kracht ordentlich und als er die Tür mit aller Kraft aufdrückt meint er freudig: „Cool, the elevator works“. Aber nicht für mich. Ich schleppe lieber meine Taschen in den 6. Stock als mit diesem unberechenbaren Monster zu fahren.

Das Apartment ist ein Traum. Groß und modern, mit allen Annehmlichkeiten. Seine Eltern wohnen ein paar Stunden von Tbilisi entfernt und benutzen das Apaprtment nur, wenn sie zu Besuch sind. Wir verräumen unser Gepäck und ziehen uns schnell um. Buba möchte mit uns Essen gehen. Im Restaurant bestellt er landestypische vegetarische Gerichte für mich und Khinkali und Chatchapuli für sich und Roland. Und jetzt erfahren wir auch, wie man die Teigtaschen Khinkali richtig isst: Man beißt eine Ecke ab, trinkt den Fleischsaft und isst erst dann die Teigtasche selbst. Roland schmeckt es vorzüglich. Das Restaurant sieht unglaublich edel aus, in der Ecke steht ein Piano und die Kellner tragen zum Teil Frack und Fliege. Der Tisch biegt sich unter dem Essen und ich hab zudem eine Flasche georgischen Weißwein bestellt. Trotzdem bezahlen wir für alles zusammen inklusive ordentlich Trinkgeld keine 40€. Roland meint, in Tbilisi können wir gern länger bleiben.

Am Aralsee

Überraschung! Roland hat eine Route an den Aralsee geplant. Und zwar bis ans Wasser. Quasi als Entschädigung dafür, dass wir nicht durch Usbekistan gefahren sind und dort an den Schiffsfriedhof, den ich ja unbedingt sehen wollte. Aber zuerst frühstücken wir, mitten in der kasachischen Wüste mit Blick auf die in der Ferne vorbeifahrenden Züge. Wir sind zuerst knapp 100 km auf der Hauptstraße unterwegs und biegen dann nach Westen auf eine kleinere Straße ab. Die Landschaft wird schlagartig grüner, wir fahren an einem tiefblauen See vorbei, Pferde weiden zwischen Bäumen, Kühe liegen auf einer Wiese. Wie toll, so grün hatte ich mir Kasachstan gar nicht vorgestellt.

So plötzlich wie diese Oase aufgetaucht ist, so schnell ist sie auch wieder weg, kaum dass wir den See verlassen haben. Wir folgen nun einem Offroadtrack, keine Spur mehr von Leben. Nur Sand und Steine. Es ist heiss aber erträglich. Nach einer Stunde sehen wir das erste Dorf. Auch nach so vielen tausend Kilometern durch das wilde Zentralasien wundere ich mich immer noch, wenn im hinterletzten Eck auf einmal Zivilisation auftaucht. Der Ort besteht aus ein paar alten Häusern vor denen kaputte Autos stehen und… Kamele. Kurze Freude! Ich liebe Kamele einfach. Die Straße durch das Dorf ist sandig und als wir durch sind, meint Roland wir haben uns verfahren und müssen wieder zurück. Also kämpfe ich mich nochmal durch den Sand und als ich mit Zicki wegrutsche, helfen mir ein paar Jungs und ein älterer Mann wieder auf. Roland hat inzwischen nach dem Weg gefragt (unglaublich aber wahr) und wir biegen links ab.

Die Straße führt weiter ins Nirgendwo. Eine weitere Stunde vergeht. Kein Anzeichen dafür, dass hier bald wieder Wasser kommt. Wobei mein Navi anzeigt, dass wir uns bereits mitten im Aralsee befinden müssten. Aber um uns herum nur Wüste. Die Straße wird immer ekelhafter, besteht nur noch aus tiefen Furchen und Schlaglöchern. Im nächsten Dorf versuchen wir wieder nach dem Weg zu fragen, aber die Menschen hier verstehen gar nichts. Selbst als wir nach Wasser fragen, auf Russisch und auf die leere Flasche zeigen, schauen uns die Männer an wie Autos und sagen keinen Ton. Es ist fast etwas gespenstisch. Warum reden sie nicht mit uns? Vielleicht denken sie sich, was will die Alte, hat doch nen 5l Kanister hinter sich auf dem Moped. Wenn sie mit mir reden würden, hätte ich ihnen gern erklärt, dass 5l nicht reichen, falls wie hier irgendwo übernachten müssen, weil wir den blöden See nicht finden. Aber nachdem dieses Gespräch nur in meinem Kopf stattfindet, setzen wir unsere Fahrt erfolglos fort.

Nachdem wir mit Rolands Route leider nicht weiter kommen, bleiben wir nach dem unheimlichen Dorf kurz stehen und ich gebe in Mapsme den Kokaral Damm ein, der am südlichen Ende des nördlichen Aralsee sein soll. 45km sind es bis dorthin. Es ist bereits Nachmittag. Wer weiss, wie lange wir bis zum Damm brauchen und dann müssen wir auch wieder zurück. Wir überlegen kurz ob wir uns das wirklich antun wollen, aber die Neugier siegt. Wir wollen den Aralsee, das Wasser, sehen.

Die folgenden 45 km sind die unangenehmsten Kilometer auf der ganzen bisherigen Reise. Wir haben die Wahl zwischen Pest und Cholera, dem übelsten Waschbrett oder Sand neben dem Waschbrett. Wir fahren beides, für mehr Abwechslung. Ein Jeep kommt uns entgegen, ein anderes überholt uns. Die Frage, was die Männer hier machen spare ich mir. Roland hat bei einer Pinkelpause Schrotpatronen gefunden. Die Männer sind bestimmt Jäger, ob legal oder illegal weiß ich nicht. Auf jeden Fall winken sie uns nicht freudestrahlend zu aus ihren Autos.

Endlich verändert sich die Landschaft um uns herum, es wird grüner, hohes Gras und Sträucher, wir sehen Enten und Reiher. Neben der Fahrbahn liegt ein kleines Holzboot. Der See kann nicht mehr weit sein. Aber wie oft hab ich das heute schon gedacht… Dann tatsächlich um 17 Uhr haben wir es geschafft, wir sehen den Damm und das Wasser! Was bin ich happy. Es gibt ihn noch, den Aralsee. Ein paar Männer in Fischerhose stehen auf dem Damm, im Wasser sehen wir mehrere kleinere Boote, auf denen Fischer ihre Netze einholen. Fotografiert werden wollen sie nicht. Warum wohl.

Viel Zeit haben wir nicht, wir möchten zurück zu dem ersten See dort zelten und geben Gas. Der Rückweg fühlt sich immer irgendwie schneller an, finde ich. So auch heute. Wir fetzen über das Arschbrett, hinter uns geht die Sonne unter. Auf einmal scheuchen wir – unabsichtlich – eine große Herde Pferden auf. Zuerst galoppieren sie links von uns durch das hohe Gras, dann queren sie die Fahrbahn und rasen im gestreckten Galopp für ein paar hundert Meter direkt vor uns her. Ihre Hufe trommeln auf die harte Fahrbahn und werfen Dreck und Staub auf. Ich fühl mich wie in einem Wildwestern Film und kanns kaum glauben! Die GoPro hab ich längst angemacht, trotz Waschbrett hole ich mein Handy raus und filme mit der linken Hand und versuche gleichmäßig Gas zu geben. Ich möchte dieses unglaubliche Ereignis so gut wie möglich festhalten. Mittlerweile bin ich mir nicht mehr sicher, ob wir in Kirgisistan oder hier in Kasachstan mehr Pferde gesehen habe. Dieses Ereignis ist auf jeden Fall einmalig, da sind Roland und ich uns einig. Einfach unglaublich!

Irgendwann erreichen wir wieder den Asphalt. Auf einer Brücke stehen dekorierte Jeeps, eine Hochzeitsgesellschaft macht Fotos. Sie stoppen uns und wir sollen mit Braut und Bräutigam ein Foto machen. Oh Gott so wie ich aussehe? Seit Tagen ohne Dusche, in den dreckigen Klamotten? Ich versuche meine Helmfrisur in den Griff zu kriegen und wir gehen zum Brautpaar. Ich stehe neben der Braut und hoffe inständig, dass mein Dreck nicht auf ihr Prinzessinnenkleid rüber springt. Es wird gefilmt und fotografiert, wir bekommen ein alkoholfreies Getränk zum Anstoßen und fahren wieder weiter. Ich war so durch den Wind, dass ich total vergessen habe, dem Fotograf mein Handy zu geben. Es gibt leider kein Foto von uns und dem Brautpaar.

Wir schaffen es gerade rechtzeitig zum See, um im Hellen unser Zelt aufzubauen und den Sonnentuntergang zu genießen. Der Platz ist herrlich, wir zelten am Sandstrand, weit weg von der Straße. Nur die vielen Mücken hier sind eine Plage und nerven so sehr, dass ich mich relativ schnell ins Zelt verziehe.

1kg kirgisischer Honig

Wir haben fantastisch geschlafen und ich freu mich, als ich beim Aufwachen das laute Rauschen des Flusses höre. Wir haben bisher immer super Plätze zum campen gefunden und am liebsten ist es mir natürlich an einem Fluss oder See. Ein Bad morgens im kalten Wasser ist der beste Start in den Tag.

Die Bäume um uns herum bieten gut Schatten, so dass wir uns Zeit lassen mit der Abreise. Es ist ein wunderschöner Tag, heiss und es sieht nicht nach Regen aus. Unser Ziel ist der Toktogul See ganz im Westen von Kirgisistan, je nachdem wie die Strecke beschaffen ist, werden wir eventuell irgendwo auf dem Weg nochmal übernachten müssen.

Anfangs durchfahren wir einen Canyon auf bestem Asphalt. Greifvögel ziehen über uns ihre Kreise und Esel und Pferde kreuzen unseren Weg. Leider müssen wir aufgrund von Straßenbauarbeiten nach 40 km umdrehen, aber der Canyon ist es wert, ihn zweimal zu durchfahren.

Danach nehmen wir eine andere Route und fahren auf Schotter durch ein Tal weiter nördlich. Nachdem wir über eine Stunde weder Auto noch Mensch noch Tier gesehen haben, kommen uns zwei Fahrradfahrer entgegen. Es sind Annabelle und Sascha, die wir in Dushanbe und dann in Osh gesehen hatten. Was für ein Zufall, die Freude ist groß. Ihren kleinen Findelhund Ginny haben sie vor Bishkek bei einer Nomadenfamilie unterbracht. Wir tauschen unsere Erfahrungen der letzten Tage aus und diverse Routentipps, dann fahren wir wieder weiter. Annabelle schreibt ebenfalls einen Blog über ihre Reise mit dem Rad nach Neuseeland. Den Blog findet ihr hier

Der Track führt immer weiter bergauf und in eine nicht enden wollende Bergkette hinein. Um uns herum ist mittlerweile alles grün, die Wiesen und Berghänge. Entsprechend viele Jurten und Herden sehen wir, die Gegend hier ist die perfekte Sommerweide. Sobald Kinder uns hören, rennen sie von der Jurte so schnell sie können Richtung Straße und wollen, dass wir mit der Hand abklatschen. Wenn es klappt, lachen sie laut und hüpfen vor Freude.

Immer wieder durchfahren wir kleine Bergflüsse. Ich liebe Wasserdurchfahrten! Durch eine riesen Pfütze lasse ich allerdings Roland mein Bike fahren. Der Untergrund ist super schlammig und da ich Zicki kaum halten kann wenn sie kippt, gehe ich lieber kein Risiko ein.

Wir haben heute den ganzen Tag noch keinen Minimarkt gesehen. Wo auch! Wir waren immer auf kleinen Tracks in den Bergen unterwegs. Zahlen hätten wir sowieso nur mit Dollar können, da wir absolut blank sind. Kein einziger Som mehr in unserem Geldbeutel. Fürs Abendessen hab ich noch eine Portion Pasta mit Sauce, aber sonst nichts mehr.

Es dämmert als wir durch ein Dorf, das an einem breiten Fluss liegt, fahren, aber leider gibt es hier keinen Shop. Dann fällt das Frühstück morgen eben aus. Wir suchen uns einen Platz auf einem gemähten Stück Wiese ca. 100m nach dem letzten Haus mit Zugang zum Fluss. Unten stehen drei Jungs und angeln.

Gerade als alles aufgebaut und die Pasta fertig ist, besuchen uns die drei Jungs. Mit dem Handy in der Hand und google Translator entsteht eine kleine Unterhaltung, wie wir heißen und woher wir kommen. Roland fragt, ob sie einen Fisch gefangen haben. Der älteste verneint. Sie gehen wieder weg und wir essen fertig.

Kurze Zeit später stehen sie wieder da, der älteste hat ein 1kg Glas Honig in der Hand. Wir hatten heute überall Bienenkästen gesehen. Kein Wunder, die Umgebung hier ist perfekt für Imker und ihre Bienen. Die Wiesen sind voller blühender Wildblumen. Der Junge möchte uns das Glas Honig verkaufen. Für 500 Som. Haben wir leider nicht. Nur Dollar. 10$ sagt er. Oha, den schlechten Wechselkurs kennen wir doch schon vom Zoll. Wir lieben Honig und wollten uns bereits vor ein paar Tagen welchen auf dem Markt kaufen, der war uns aber zu teuer. Ich sage zu Roland, hey wenn die uns morgen Früh Brot bringen, nehmen wir den Honig. Abgemacht. Ich tippe in sein Handy: Bringt ihr uns morgen Früh Brot? Ja, die Antwort. 2 Fladenbrote für 2$. Wucher! Der kleine ist ein dreister Geschäftsmann. Ach egal denke ich mir und sehe es von der positiven Seite: er ist tüchtig und engagiert und wir bekommen Frühstück. Also nehmen wir das Glas und er die 10$. Als letztes tippe ich in sein Handy: Das ist sehr sehr viel Geld, zeige es allen und schaue ihnen tief in die Augen. Alle drei nicken. Erziehungsauftrag erfüllt. Zuletzt schreibt er: Tomorrow 10am there will be food. Und sie gehen wieder. Roland betrachtet das große Glas Honig. Wie sollen wir das nur in unserem übervollen Gepäck unterbringen.

Keine fünf Minuten später stehen die Jungs erneut vor uns und ein älteres Mädchen ist auch dabei. Sie laden uns zu sich nach Hause ein. Es wird kalt Nachts schreibt sie in ihr Handy. Wir antworten, wir haben einen dicken Schlafsack, ich öffne das Zelt und einer der Jungs krabbelt sofort rein und begutachtet Isomatte und Schlafsack. Sie schreibt: Aber es gibt hier auch einen Wolf. Die Jungs heulen dramatisch. Ok, gleich haben sie mich. Jetzt noch eine Vampirgeschichte und ich ziehe um. Roland lacht, lehnt nochmal ab, wir sagen ihnen gute Nacht und hoffen, das war ihr letzter Besuch heute.

Es ist längst Nacht. Wir setzen uns mit unserem Bergquell-Wasser, in dem Roland eine Multivitamin Tablette aufgelöst hat, in die Stühle und sehen in den Sternen-Himmel. Mehrere Sternschnuppen fallen vom Himmel und ich schicke schnell ein paar Wünsche nach oben. Was ich mir gewünscht habe, verrate ich nicht. Sonst geht es ja nicht in Erfüllung.

Eine weitere Nacht unter freiem Himmel

Wir haben die Gewitternacht heil überstanden. Es hat aufgehört zu regnen, es weht nur noch ein kräftiger Wind, der den sonst so ruhigen Yssykköl aufwühlt. Wellen schlagen ans Ufer wie am Meer.

Wir packen zusammen und frühstücken, als es doch wieder anfängt zu regnen. Also legen wir unseren Regenkombi zurecht, frühstücken zu Ende, bauen das Zelt ab und beladen die Bikes.

Gute zwei Stunden fahren wir im Regen, zuerst am See entlang bis zu seinem westlichen Ende und dann über eine kaum befahrene Offroad Strecke, die über die malerische Ortotokoi Talsperre führt. Hier knacken wir die 16.000 km und ich werfe mich zur Feier des Tages in meinen Bikini (Foto folgt). Die weitere Route führt nördlich am Songköl vorbei, eine Bergkette versperrt allerdings die Sicht auf den See.

Rolands Bike sieht mittlerweile aus, als wäre er im Obi durch die Haushaltswaren-Abteilung gefahren und die hatten grad eine Laura Ashley  Sonderedition im Verkauf. Am linken Bag hängen ein türkisfarbener Trichter, eine pinke Bürste und ein orangefarbener Lappen. Ich bin gespannt, was er als nächstes hin hängt.

In einem kleinen Dorf kaufen wir unsere Vorräte für das Abendessen ein und ich fasse es nicht, als die Verkäuferin zu einem Abacus greift, um die Lebensmittel zusammen zu zählen. Kassen sieht man hier eh nie außer in den großen Supermärkten. Alle kleinen Läden benutzen einen Taschenrechner. Aber ein Abacus?

Der Abacus wurde vor Tausenden von Jahren vermutlich in Zentralasien erfunden. Die russische Version heißt Stschoty, war bis in die späten 90er Jahre weit verbreitet und wurde selbst in Postfilialen oder Ämtern so lange genutzt. Und hier in dem kleinen Bergdorf bis heute.

Gegen 19.30 Uhr suchen wir uns einen Platz zum Zelten und finden an einem Fluss das passende Fleckchen. Umringt von Bäumen kann uns niemand sehen und wir haben einen super Ausblick auf die Felsen am gegenüberliegenden Ufer. In der Dunkelheit werfen die von den Autos angeleuchteten Bäume mysteriöse Schatten an die Felsen. Hundert Milliarden Sterne funkeln am Himmel und der Fluss rauscht. Es ist mal wieder ein perfekter Abend in Kirgisistan.

6 Stunden für 50 km: der Tosor Pass

Ich wache auf und mein erster Gedanke gilt dem Fluss, den wir heute durchqueren müssen. Ich hab keine Angst, zu fallen oder nass zu werden, aber ich möchte gern, dass meine elektronischen Geräte und die Dokumente, das Carnet de Passages und unsere Ausweise, trocken bleiben und nicht leiden. Also wird alles doppelt in Tüten gepackt, auch wenn meine Taschen laut Hersteller absolut wasserdicht sein sollen.

Gibek und die beiden Männer sind bereits wach und arbeiten in dem kleinen Zelt nebenan. Tulu sitzt vor einer kleinen Zentrifuge und dreht und dreht und dreht. Er trennt „Moloko“ also Milch und „Smetana“. Rechts läuft die Milch, links Smetana ab.

Der Himmel ist klar und die Sonne scheint. Nach dem Frühstück, das bis auf die Marmelade, die jetzt aus roten Beeren ist, genau wie das Abendessen ausfällt, beladen wir unsere Bikes. Wider Erwartens hat es gestern nicht geregnet, die Bikes sind trocken. Noch.

Als wir uns verabschieden, zeigt uns Ulan den richtigen Weg über den Fluss und der ist total easy machbar. Was für ein Glück. Happy setzen wir unsere Fahrt fort. Mindestens 50 km sind es bis zum Issykul und noch haben wir den höchsten Punkt des Passes nicht erreicht. Der Track ist wie gestern steinig und eng, da ich aber eine viel bessere Sicht habe, fährt es sich leichter. Ich fahre wieder voraus, durchquere einige kleine Flüsse hochmotiviert und werde mutiger. Beim vierten oder fünften Fluss passiert es. Ich fahre auf einen großen Stein, es reisst mein Vorderrad rum und es schmeißt mich nach rechts. Zicki und ich liegen im Wasser. Roland und Vincent eilen herbei und wir versuchen, Zicki aufzuheben. Sie hat sich blöderweise verkeilt und es braucht ein paar Versuche, bis sie wieder steht. Ich bin pitschnass. Ich liebe meine absolut wasserdichten Daytona Boots aber hier haben selbst sie keine Chance. Das kalte Wasser schiesst von oben literweise in meine Stiefel.

Zicki steht, lässt sich aber weder vor noch zurück bewegen. Sowohl vor dem Vorderrad als auch Hinterrad erfühlt Roland einen großen Stein, der sich leider nicht entfernen lässt. Also müssen wir das Bike über das Vorderrad nach rechts heben. Hat geklappt. Vorne ist sie frei. Jetzt kann ich versuchen, sie rauszufahren. Ich sitze auf, gebe Gas und die Männer schieben. Mit lautem Motorheulen und Druck von hinten klappt es, Zicki und ich sind „an Land“.

Als nächstes fährt Vincent durch und bleibt ebenfalls in der Mitte des Flusses stecken, fällt aber nicht, da Roland immer noch im Fluss steht, Vincents GS packt und mit raus schiebt. Roland selbst fährt als letzter, bzw. läuft. Er lässt die Füße sicherheitshalber gleich im Wasser, sie sind ja eh schon nass.

Für mich ist es das erste Mal. Fallen im Fluss und den ganzen Tag pitschnass weiter fahren. Ich leere das Wasser aus beiden Stiefeln aus und hoffe, dass der Rest irgendwie während der Fahrt trocknet. Denkst du! Es ist viel zu kalt. 8°C hat es mittlerweile. Die Griffheizung läuft auf höchster Stufe und schafft es wenigstens meine Handschuhe von unten zu trocknen und die Hände zu wärmen.

Die folgenden Flüsse gehen wir zuerst ab bevor wir sie durchfahren. Einige sind ziemlich breit und haben viel Wasser, Ein- und Ausfahrt sind oft sehr hoch aber mit vereinten Kräften schaffen wir alle ohne weitere Stürze.

Auf einem relativ geraden Stück überholen wir zwei Jungs auf einem Esel. Was machen die beiden hier? Im absoluten Nirgendwo. Keine Jurte, kein Zelt weit und breit zu sehen. Absolut nichts. In solchen Momenten ärgert es mich, dass ich kein Russisch spreche. Zugern würde ich sie fragen, was sie hier treiben.

Dann folgt der eigentliche Anstieg auf den Pass. Die Straße ist steil und unwegsam, überall große Steine, ich finde keine ordentliche Spur und falle ein paar Mal. Vincent ebenfalls, er verliert mehrmals seinen linken Koffer, der sowieso nur noch mit einem Zurrgurt und einer Yak Schnur befestigt ist. Er flucht schon seit Tagen über die Alukoffer und will sich Softbags kaufen, wie wir sie haben, wenn er zurück in Frankreich ist. Macht mehr Sinn, meint er. Er fällt ja so oft.

Roland kämpft sich ebenfalls hoch, schafft es aber bis zum Pass ohne Sturz. Laufen muss er trotzdem viel, weil er abwechselnd Vincent und mir beim Aufheben des Bikes hilft. Die Passhöhe beträgt 3.890 m. Es hat 5°C, der Wind pfeift und viele Wolken hängen in den umliegenden Gipfeln. Wie gewohnt um uns herum Gletscher, sowie ein smaragdgrüner kleiner See unterhalb des Tracks. Geschafft. Es ist der 4. Tag ohne Dusche, ich stecke seit 48 Stunden in den gleichen Klamotten, ich bin pitschnass, erschöpft und friere. Und trotzdem fühle ich mich großartig. Die letzten 2 Tage waren das Abenteuer, das ist eigentlich am Pamir Highway erwartet und heute in Kirgisistan gefunden habe.

Wie so oft, wenn man rauf fährt, muss man auch wieder runter. Der Issykul See liegt auf 1.600m. Die folgenden zwei Stunden fahren wir eine zuerst sehr steile Etappe, wieder mit viel Geröll und später eine wunderbar festgefahrene Serpentine den Berg hinab. Es nieselt zuerst leicht, hört aber dann irgendwann auf. Je weiter wir nach unten kommen, desto grüner wird es. Die letzte Etappe führt durch einen Canyon und ist sehr sandig, hier legt Roland sein Bike kurz ins Gebüsch. Na endlich, Danke für die Solidarität.

Es ist später Nachmittag, als wir in Tamra am See ankommen und wir schaffen es alle zur Tankstelle. Die Befürchtung von gestern, der Sprit könnte nicht reichen, hat sich Gottseidank nicht bewahrheitet. Für die 50 km bis hierher haben wir knapp 6 Stunden benötigt. Was für ein Trip!

Bis zum Camping in der Nähe von Kyzyl-Suu sind es noch 50 km. Ich fahre hinter Vincent, Roland am Schluss. Als wir durch einen Ort fahren, werden Vincent und ich von der der Polizei rausgewunken – zurecht. Wir waren etwas zu schnell. So ein Mist. Die Polizei hier ist äußerst korrupt und bekannt dafür, auch gern Radargeräte zu manipulieren, um mehr abzukassieren. Ich ziehe Helm und Jacke aus, gehe zum Polizeiauto. Normalerweise versuche ich in einer solchen Situation die Frauenkarte zu spielen, heute ist es eher dir Mitleidsnummer mit meinen fettigen Haaren und verschmutzen Klamotten.
Der eine Polizist schaut mich an, sagt irgendwas von Tourist und winkt mich weiter. Der andere reibt Daumen und Zeigefinger. Geld? Sicher nicht. Ich zucke mit dem Schultern, drehe mich um und gehe. Vincent ebenfalls. Nochmal Glück gehabt.

Es ist heiss am See, fast 30°C. Eben noch in der Kälte und jetzt die Hitze. Ich fühle mich langsam unwohl, will endlich irgendwo ankommen, meine dreckigen Klamotten loswerden und duschen. In Kyzyl-Suu biegen wir von der Hauptstraße ab. Es folgen 20 km Arschbrett mit Sand. Das darf doch wohl nicht wahr sein. Meine Nerven liegen blank und Roland steht es auch schon bis zum Hals. Zu allem Überfluss finden wir den Campingplatz nicht und keiner kann uns helfen. Ich bin kurz vor dem Durchdrehen. Ein junger Kirgise spricht englisch und er empfiehlt uns das Natali Resort in 3 km. Ein Resort. Mir ist inzwischen alles egal. Wir fahren weitere 3 km Arschbrett. Als wir gerade mit der Dame am Eingang versuchen zu verhandeln, die kein Wort Englisch spricht, kommt ein Mann auf uns zu. Sein Name ist Sergej, er ist Deutsch-Russe und lebt in Bielefeld. Sergej macht uns 2 Zimmer klar. Ihn hat der Himmel geschickt!

Unser Doppelzimmer kostet 27$/Nacht. Was für ein Schnäppchen. Wir checken ein und keine 5 Minuten später stehe ich unter der warmen Dusche. Endlich Haare waschen, frische Kleidung anziehen und zum Abendessen gibt es Pizza. Was für ein Kontrast, aber zum Glück kann ich beides genießen: das wilde Leben in den Bergen und Komfort im Resort.

Eine Nacht auf dem Jailoo

Die Nacht war kalt. Um die 0°C sagt Vincent. Ich hab nicht gefroren, aber die beiden Männer. Ich hatte mich vor der Reise ausführlich über Schlafsäcke informiert und dann einen aus Daune bis -1°C Komfort gewählt. Daune benötigt etwas mehr Pflege als Kunstfaser, wärmt aber besser und ist auch vom Packmass her kleiner. Mein Schlafsack bekommt von mir die volle Punktzahl.

Wir haben unsere Zelte ziemlich weit weg vom See aufgestellt. Das hatten wir gestern bei unsere Ankunft nicht richtig einschätzen können. Lieber zu weit weg als morgens im Wasser aufwachen denke ich mir. Und der Blick ist trotzdem schön!

Unser Frühstück ist gigantisch, da wir in Naryn eingekauft hatten. Kaffee, Tee, Saft, Brot, Aprikosen, Tomaten, Gurken, Käse, Joghurt. Entsprechend lang sitzen wir und diskutieren über die Route, die wir zum Issykul fahren. Ich hab auf der Karte eine Straße entdeckt, die zuerst östlich verläuft, an einem 4.000er Gipfel vorbei und dann nach Norden zum See führt. Diese Route wird es. Es sind gut 250 km, d.h. wir sollten irgendwo vorher tanken, denn unser Sprit inkl. Kanister reicht noch für ca. 220-250km meint Roland…

Wir nehmen vom See weg den Kalmak-Pass und fahren dann ein Stück auf der A365 bis zum nächsten Ort Sarybulak. Leider gibt es hier keine Tankstelle. Man sagt uns, wir müssten zurück nach Naryn, da auf unserer Route nichts mehr kommt. Gar nichts mehr. Naryn wäre ein Umweg von 70km, worauf wir echt keine Lust haben. Also Risiko. Wir sind zu dritt, wenn einem von uns der Sprit ausgeht, finden wir schon irgendwie eine Lösung.

Der Track ist ein Traum. Endurowandern vom Feinsten. Auf einem fest gefahrenen Feldweg überqueren wir einen Berg nach dem anderen, immer wieder sehen wir große Herden Pferde, Schafe und Ziegen auf den grünen Hängen. Kühe stehen selten auf den Wiesen, meistens tauchen sie urplötzlich hinter einer Kurve auf unserer Fahrspur auf und gehen auch nur sehr ungern auf die Seite. Euter voraus! warnen wir uns dann durch die Helmkommunikation

Wir halten oft, genießen den Ausblick auf die umliegenden Berge und machen Fotos. An einem klaren Gebirgsbach füllen wir unsere Wasserflaschen auf. Gegen Spätnachmittag wird der Track schwieriger. Steil und steinig mit ein paar Wasserdurchfahrten. Dann wird er zu einer schmalen Serpentinenstraße mit viel Schotter, die immer weiter den Berg hinauf führt. Ich übernehme die Führung, es fällt mir leichter die richtige Spur zu finden, wenn ich voraus fahre.

Aus Endurowandern wird Endurobergsteigen. Der Track wird immer heftiger und wir kommen nur langsam voran, müssen die Bikes durch Passagen voller Geröll manövrieren. Rechts neben uns Gletscher. Wir sind bereits auf über 3.000m. Es dämmert. Noch 60 km bis zum Issykul. Es ist anstrengend. Zuerst schmeissst es mich, dann Vincent. Es ist nichts passiert, aber ich merke, wie Kraft und Konzentration nachlassen. Für die letzten 10 km haben wir fast eine Stunde gebraucht.

Es ist bereits dunkel, als wir an zwei Jurten vorbei fahren. Der Track führt durch den Fluss unterhalb der Jurten. Ich fahre langsam und mit Fernlicht durch matschige Furchen den Hang hinunter. Unten ankommen ist uns allen sofort klar, dass wir diesen Fluss heute nicht überqueren. Wir leuchten ihn mit unseren Bikes ab. Er ist zu tief und das Ufer fällt zu steil ab. Roland läuft ein Stück flussabwärts und sucht mit der Taschenlampe einen Weg, findet aber nichts. Wir müssen für heute aufgeben und wollen gerade weiter oben einen Platz für die Zelte suchen, als uns zwei Männer entgegen kommen. Sie sprechen kein Englisch aber deuten uns, wir sollen hoch zur Jurte kommen. Gedankenübertragung. Mit letzter Kraft prügel ich Zicki nach oben. An der Jurte empfangen uns eine Frau, zwei Kinder und 4 Hunde. Unsere Zelte sollen wir nicht aufbauen, die Männer meinen es regnet heute Nacht. Wir sollen mit ihnen zusammen in der Jurte schlafen. Ich wehre mich nicht. Hauptsache irgendwo schlafen.

Kaum in der Jurte, macht uns Gibek, die junge Frau, Abendessen. Salat, Brot, frische Butter aus Kuhmilch, eine Marmelade aus Aprikosen und natürlich Cay. Wir essen zusammen mit ihr und den Kindern am Tisch in der Mitte der Jurte, die Männer sitzen etwas entfernt am Eingang. Die Kinder, das sind Began der 9jährige Sohn und die 1,5 Jahre alte Aitunuk. Gibeks Mann heisst Ulan, der andere Taku. Sie sind Halbnomaden, d.h. sie leben den Sommer über von Juni bis September hier oben in den Bergen auf der Sommerweide – genannt „Jailoo“ auf kirgisisch.

Wir verständigen uns mit Händen und Füßen aber wie immer klappt das ganz gut. Vincent zeigt ihnen Bilder von Italien und Frankreich an seinem iPad, dann essen die Männer. Ulan holt einen Teller von der Kommode, darauf ein gekochter und halb abgefressener Schafschädel. Ich versuche meine Mimik zu beherrschen. Ulan nimmt ein Messer, schneidet Fleisch ab und gibt es Vincent. Würg. Kalter Schafskopf wie ekelhaft. Vincent macht auch kein allzu begeistertes Gesicht, isst aber tapfer. Als Ulan mir ein Stück anbietet, lehne ich dankend aber bestimmt ab. Keine 10 kirgisischen Pferde bringen mich dazu, sowas aus Höflichkeit zu essen.

Roland und ich gehen draußen Zähne putzen. Es ist finster, kein Mond ist zu sehen aber unglaublich viele Sterne und die Milchstraße. Roland nuschelt mit Zahnbürste im Mund: Ich zeig dir was, aber erschrick nicht. Er leuchtet mit der Stirnlampe schnell nach links und sagt: „Somebody is watching you.“ Mindestens 200 Schafaugen sind auf uns gerichtet. Keine 5 m entfernt von uns ist eine riesige Herde. Ich lache und verpruste dabei etwas Zahnpasta. Die Schafe hatte ich noch gar nicht bemerkt.

Als wir in die Jurte zurück kommen, hat Gibek den Tisch weggeräumt und die Matten zum Schlafen ausgelegt. Ich liege ganz links außen, neben mir Roland, dann Vincent. Es folgen die Kinder und die Männer. Als wir alle auf den Matten liegen, bereitet Gibek noch schnell einen Brotteig vor, sie verknetet dazu Mehl und Wasser in einer Plastikschüssel und legt eine andere darüber. Der gute Hefeteig. Dann legt sie sich ebenfalls auf die Matte, ihr Mann Ulan schaltet das Licht aus und wir sagen uns alle good night.

Obwohl ich hundemüde bin, kann ich lange nicht einschlafen. Zu viele Gedanken schwirren in meinem Kopf. Was für ein verrückter Tag. Die anstrengende Fahrt, die großartige Landschaft und am Ende die volle Dröhnung kirgisischen Nomadenlebens. Immer wieder bellen die vier Hunde lautstark und laufen los. Irgendwann höre ich auch ein Pferd wiehern. Zugern würde ich sehen, was genau draußen los ist. Es ist bereits nach 2 Uhr als ich zum letzten Mal auf mein Handy sehe.

Das Pamir Abenteuer beginnt!

Wir verabschieden uns mittags von Aziz und starten unsere Reise auf dem Pamir Highway, der von Dushanbe bis nach Osh in Kirgistan verläuft und ca. 1.200 km lang ist. Seine höchste Erhebung ist der Ak Baytal Pass mit 4.655m kurz vor dem Karakol-See. Der Pamir Highway ist die zweithöchste befahrbare Pass-Straße der Welt, weiter rauf geht es nur am Karakorum Highway in Pakistan. Mein eigentlicher Plan war es, genau dorthin zu fahren. Ich hatte in der Vorbereitung auf unserer Reise immer wieder eine neue Routenplanung erstellt, aber nie ging es sich zeitlich aus. Anfangs war ich enttäuscht, aber mittlerweile habe ich mich damit abgefunden „nur“ die Nummer 2 zu fahren. Man kann eben nicht alles auf einmal haben, wenn die Zeit begrenzt ist.

Die erste Etappe führt von Dushanbe nach Kaleikhum. 270km sind es insgesamt, 160 davon offroad. Noch ist es warm, knapp 30°C und auch ein bisschen bewölkt, nicht alle umliegenden Berggipfel sind sichtbar. Die Landschaft ist trotzdem atemberaubend schön und wechselt von schroffen Felsen zu begrünten Hängen. Zuerst fahren wir auf Asphalt, nach etwas über 100km auf losem Schotter. Immer wieder umfahren wir im Slalom tiefe Schlaglöcher. Ab und zu kommen uns 40-Tonner plus Anhänger entgegen. Die meisten kommen aus China. Böse Zungen nennen den Pamir Highway auch Plastic Road. Mit dem Motorrad ist die Straße ein Abenteuer, mit dem Lkw für mich totaler Wahnsinn. An manchen Stellen ist die Piste so schmal, dass ich auf die linke Spur wechsle, weil es rechts unfassbar tief bergab geht. Die Lkw Fahrer müssen extrem mutig und schwindelfrei sein, ihr Fahrzeug durch solche engen Passagen zu manövrieren. Offensichtlich haben sie auch Respekt vor uns, denn alle winken uns aus ihrem Fahrerhaus zu. Apropos Respekt: Wir überholen ein paar Radler und Roland und ich sind uns einig: Wer den Pamir Highway mit dem Fahrrad fährt, ist der wahre Held.

Auf halber Strecke haben wir 13.000km seit unserer Abreise Anfang Juni geschafft und machen unser obligatorisches Beweisfoto.

In Kürze wird die Sonne untergehen und es ist klar, dass wir mal wieder im Dunkeln fahren werden, da wir noch lange nicht am Ziel sind. Da die Birne von meinem Abblendlicht zum 3. Mal durchgebrannt ist und ich nur Fernlicht habe, fahre ich voraus. Eine Serpentinenstraße halb Asphalt halb Schotter schlängelt sich den Berg nach unten und wir gelangen an den Fluss Obikhumbou der in den Pyandzh Fluss mündet, den Grenzfluss zwischen Tadjikistan und Afghanistan. Wirklich sehen kann ich den Fluss nicht im Dunklen, aber hören, so stark rauscht er.

Kurz vor Kaleikhum ist nochmal eine Pass- und Permit-Kontrolle. Für alle anderen Reisenden ein Hinweis: Um den Pamir zu fahren muss man beim Visum „GBAO Permit“ auswählen – kostet nichts extra aber nur so darf man hier fahren.

Im Ort angekommen werden wir gleich vom Besitzer des Hostels abgefangen, das uns Aziz genannt hatte. Er scheint auf uns gewartet zu haben. Wir parken unsere Bikes umständlich rückwärts in dem schmalen Eingang seines Hostels aber wenigstens stehen sie so sicher. Zum Abendessen gibt es eine kräftige und gut gewürzte Rindersuppe mit Gemüse und Kartoffeln, dazu Brot, Salat und Obst. Roland hat noch schnell Bier gekauft (1,5l Plastikflasche) und wieder mal sitzen wir geschafft aber auch glücklich über einen wunderschönen ersten Fahrtag am Pamir an unserem Tisch und lassen den Tag Revue passieren.

47,5°C

Nachdem wir das halbe Buffet leer gegessen haben, gehen wir zum Pool. Es sind einige Familien hier, die Jungs spielen mit den Vätern Wasserball und die gestylten Mütter schwimmen mit den noch gestylteren Mädchen oder sonnen sich auf der Liege. Wir schwimmen eine Zeit lang und diskutieren unsere ersten Eindrücke aus Turkmenistan. So richtig begreifen können wir nicht, was hier abgeht. Bevor wir zum brennenden Gas-Krater mitten in der Karakum-Wüste fahren, wollen wir doch noch eine kleine Sightseeing-Tour durch Ashgabat wagen und fahren um 13 Uhr los.

Man darf hier so gut wie nichts fotografieren, an jeder Ecke steht Polizei oder Militär. Sonst sind die Straßen leer. Oft sind wir das einzige Fahrzeug auf der Straße und Menschen sehen wir auch keine. Gespenstisch. Für wen wurden die vielen Hochhäuser gebaut, wer wohnt in den Neubauten am Stadtrand? Wir fühlen uns wie in einer Filmkulisse, allerdings keine aus Pappe. Die Bauwerke sind massiv, zum Teil aus italienischem Marmor. Das ist kein Fake!

Wir fahren ein paar Monumente ab, machen schnell Handy-Fotos oder ich drücke auf die GoPro, die rechts am Sturzbügel montiert ist. Dann passiert es: Ein Polizist winkt uns zu sich heran. Wir halten vor ihm, er zeigt auf Rolands Motorrad uns sagt etwas auf Turkmenisch. Wir zucken mit den Schultern und sagen: „English?“ Der Polizist lacht und zum Vorschein kommt eine vergoldete obere Zahnreihe. Wir stellen uns dumm, sage ich zu Roland durch unsere Helmkommunikationsanlage. Dann zeigt er auf Rolands Licht. Mist. Mein Abblendlicht ist seit gestern wieder kaputt, die Birne ist zum 2. Mal innerhalb von 3 Wochen durchgebrannt. Wie hat er das denn gesehen? Wir schalten unser Licht ein und aus, ich mach einfach die Zusatzscheinwerfer an. Aber nein, das Licht meinte er gar nicht. Er sagt wieder irgendwas, wir lächeln. Dann holt er einen Block heraus und meint: „Straf“  Alles klar denke ich mir. Der braucht Geld für die untere goldene Kauleiste. Nicht mit uns! Wir zucken wieder mit den Schultern und sagen: „English please“ Er lacht gequält. Jetzt wird es mir zu blöd. Ich sage Roland, dass wir jetzt fahren, schaue den Polizisten an, verabschiede mich laut: „Thank you, bye bye“ starte den Motor und wir fahren weiter. Ich lass mich nicht abzocken.

Es ist inzwischen 15 Uhr, wir müssen schnellsten aus der Stadt raus und in die Wüste. Der Krater, den wir uns ansehen wollen liegt bei Derweze im Norden von Turkmenistan auf dem Weg zu unserem Grenzübergang nach Usbekistan. Der Krater, auch Tor zur Hölle genannt, ist 200m breit und 50m tief und entstand Anfang der 70er Jahre aus Versehen bei Bohrungen. Die Bohrplattform stürzte ein und um die Freisetzung des Erdgases zu verhindern, wollte man es verbrennen. Und es brennt bis heute. Das wollen wir uns ansehen und dort in der Nähe zelten, denn nachts soll der Krater besonders eindrucksvoll sein.

Es ist – mal wieder – abartig heiß. 47,5°C. Alle 50 km müssen wir anhalten, weil mir das Atmen schwer fällt und ich keine Kraft mehr habe. Ich weiß nicht mehr weiter. Was mache ich falsch? Ich fahre sogar mit offener Jacke, trinke ununterbrochen Wasser aus meinem Camelbak aber das hilft nichts. Roland das alte Kamel hat auch keinen Spass bei der Hitze aber er spürt es nicht so sehr wie ich.

Gegen 18 Uhr machen wir an einer Tankstelle Rast, ich bin entkräftet, die Beine kribbeln und die Finger krampfen. Es frustriert mich so sehr, dass ich anfange zu weinen und Roland sage, dass ich nicht mehr weiterfahren kann. Nicht mehr weiterfahren will. Es sind noch 100 km und dann kommt erst der schwierige Offroad-Track durch den Wüstensand. Ich fühle mich nicht in der Lage, das durchzustehen. Wir setzen uns in das kleine Restaurant auf eines der Sitzpodeste und bestellen Essen. Roland versucht mich zu motivieren, er weiß, es gibt keinen anderen Ausweg, als weiterzufahren. Ich dachte eher daran, dass mich einer der netten Lkw-Fahrer samt Motorrad zum Krater mitnimmt. Roland lacht und meint, ich muss das schon selber schaffen. Nach einer dreiviertel Stunde habe ich neuen Mit gefasst und geht es weiter. Ich schaffe die 100 km an einem Stück und als wir an der Abfahrt in Richtung Wüste stehen, ist die Sonne bereits untergegangen. Ich stelle mich schonmal mental darauf ein, dass wir ein Stück des Tracks im Dunkeln fahren werden. Angst habe ich keine, denn falls wir nicht mehr weiterkommen, haben wir alles dabei, was wir für eine Nacht in der Wüste brauchen: Ein Zelt, ausreichend Wasser und Benzin sowie genug zu essen.

Relativ bald kommen die ersten sandigen Passagen, die erstaunlicherweise ganz wunderbar klappen. Seitdem die Sonne weg ist, geht es mir viel besser und ich bin hoch motiviert, es bis zum Krater zu schaffen. Es geht ein Stück bergauf über eine sehr steinige Passage, dann wieder bergab mit viel Sand. Ich liege das erste Mal. Roland hilft mir auf. Immer wieder teilt sich der Track in mehrere Spuren und wir müssen mehrmals anhalten und den richtigen Weg suchen. Es ist inzwischen dunkel und ich bin mir nicht sicher, ob es besser oder schlechter ist, dass ich nicht mehr so genau sehe, auf welchem Untergrund ich mich bewege.

Auf einem steilen Stück mit tiefem Sand stürze ich wieder. Roland ist bereits fast ganz oben und etwas weiter hinter dem Hügel können wir das rötliche Licht des Kraters sehen. Wir sind uns trotzdem nicht sicher, ob wir auf dem richtigen Weg sind und laufen mit unseren Stirnlampen einmal unten am Hügel entlang und dann oben. Der Weg unten ist besser, nicht so sandig und so beschließen wir, beide Motorräder auf dem steilen Stück zu wenden und wieder runterzufahren. Was für ein Act, vor allem mein Bike steckt tief im Sand fest. Aber es war die richtige Entscheidung. 10 Minuten später fahren wir direkt auf den Krater zu. Geschafft! Ich bin erleichtert und stolz und geniesse den Anblick. Ein 200m breiter, brennender und rot glühender Krater und um ihn herum stockfinstere Nacht. Auf der anderen Seite des Kraters sehen wir kleine Lichter, es sind mehrere Taschenlampen, wir fahren dort hin und erreichen ein kleines Camp. Wir suchen uns einen Platz für unsere Zelt abseits der japanischen Reisegruppe (ja so was gibt es auch hier am Ende der Welt), quatschen kurz mit einem anderen Biker (Vincent aus Frankreich, unterwegs auf einer 1150GS) und gehen dann nochmal zum Krater, machen Fotos und hören dem Rauschen und Knistern des Feuers zu. Unzählige Sterne stehen am Himmel. Direkt über dem Krater erkenne ich den kleinen Wagen, ich drehe mich um und sehe die Milchstraße. Genauso magisch habe ich mir die Nacht in der Wüste vorgestellt.

Die Terrassen Badab-e Surt

Es hilft nichts, wir müssen ein Stück auf der Hauptstraße am Kaspischen Meer entlang bevor wir nach einer knappen Stunde bei Sari Richtung Berge abbiegen. Die Strecke, die Roland ausgesucht hat, ist ein Traum. Wir durchqueren wieder ein Gebirge auf perfektem Asphalt. Damghan ist heute unser Ziel, vorher möchten wir uns die Badab-e Surt Terrassen ansehen. Die terrassenförmigen Mineralquellen liegen etwas erhöht und sind nur über einen Offroad-Track erreichbar. In unserem Reiseführer steht, man muss die letzten 1,5km zu Fuß gehen und als wir an der Abzweigung stehen, kommen uns tatsächlich Fußgänger entgegen.

Die Straße ist steil, sandig und von Schlaglöchern durchzogen. Trotzdem fahren wir hoch. Roland fährt los und ich mit Schwung hinterher. Was ich nicht bedacht habe: Roland wirbelt so viel Sand und Staub auf, dass ich nach ein paar Sekunden nichts mehr sehe und anstatt anzuhalten, gebe ich Gas. Ich spüre, wie ich mehrmals mit Zicki mit voller Wucht auf dem Boden aufsetze, dann verliere ich die Kontrolle und stürze. Als sich die Staubwolke legt, sehe ich, dass ich mit einem Affenzahn über mehrere Buckel gefahren bin. Schön blöd. Roland hilft mir beim Aufstellen und jetzt fahre ich vor. Langsam und vorsichtig.
Es ist bereits später Nachmittag und die Sonne taucht die Landschaft in ein fantastisches Licht. Die Terrassen schimmern in verschiedenen Rottönen, die Berge rundherum gelb-orange und der Himmel ist Knallblau. Was für ein Farbenspiel.
Auf dem Weg nach unten habe ich Mühe, nicht zu schnell zu werden, das viele Gewicht schiebt Zicki und mich ganz schön nach unten. Wir schaffen es ohne Sturz nach unten und fahren weitere 20km auf einer schönen Offroad-Strecke, die sich am Berg entlang windet zurück zur Hauptstraße und von dort weiter Richtung Süd-Osten. Bis Damghan sind wir umringt von Bergen. Diese Route war ein wichtiger Teil der Seidenstraße und ich kann nur hoffen, dass die Menschen damals den Anblick der Berge genauso genießen konnten, wie ich jetzt.

Die letzten Tage im Iran machen es einem wirklich sehr schwer, weiter zu reisen. Aber in zwei Tagen, am 13.7., beginnt unser 5-tägiges Transitvisum für Turkmenistan. Einziges Problem: Wir haben es noch nicht. Beantragt im Mai, hat die Genehmigung bis letzte Woche gedauert. Wir haben dafür extra einen Zweitpass beantragt und die Visa-Agentur hat den Pass inklusive Visum vor ein paar Tagen per Express nach Mashhad geschickt und ich prüfe jeden Abend den Sendungsstatus. Aktuell ist es in Dubai. In unserer Unterkunft in Damghan treffen wir ein Paar aus Frankreich, die auf einer GS die gleiche Tour fahren wie wir. Allerdings in der Hälfte der Zeit. Und sie haben das gleiche Problem, warten auch seit Wochen auf ihr Visum. So richtig Vorfreude auf dieses komplizierte Turkmenistan kommt bei uns noch nicht auf.