Ballons und Christentum

Heute ist es also soweit – wir werden das erste Mal mit einem Heißluftballon fahren. Wir sind bereits vor dem Wake-up Call vom Hotel um 4.30 Uhr wach. Roland putzt hektisch Zähne, zieht sich an, sucht seine Sachen zusammen und steht um 4.50 Uhr an der Tür. Ich soll mich beeilen, wir kommen zu spät! Roland, es sind 30 Schritte zur Rezeption, Treffpunkt ist um 5 Uhr. Ich hab noch 10 Minuten. Er geht schonmal vor. Früh aufstehen und pünktlich sein ist nur eine Frage der Motivation.

Um 5 Uhr werden wir mit einem Bus abgeholt und zum Office des Veranstalters gefahren. Dort gibt es ein kleines Frühstück und eine kurze Einweisung. Die Abfahrt zum Startplatz der Ballons verzögert sich etwas aufgrund der Windverhältnisse. Kurz vor 6 geht es dann endlich los und nach einer 5-minütigen Autofahrt stehen wir am Startplatz. In unserem Korb ist Platz für insgesamt 20 Leute, die auf die 4 „Abteile“ aufgeteilt werden. Ich stehe direkt beim Captain Ismail, der in der Mitte des Korbs die Befüllung des Ballons koordiniert. Es macht ein lautes Geräusch, sobald die Propangas-Brenner angehen und es wird etwas warm über meinem Kopf. Vier Brenner sind es, die er abwechselnd bedient. Der Ballon bläst sich immer weiter auf. Männer wuseln neben uns herum, hängen Leinen ab, reden laut mit dem Captain. Um uns herum das gleiche Bild, überall Ballons, die befüllt werden oder gerade aufsteigen. Dann geht’s auch bei uns los! Wir heben ab. Noch ist die Sonne nicht aufgegangen, aber es wird bereits hell am Horizont. Wir steigen weiter auf, fahren langsam über den Startplatz in Richtung Felsen und über die ersten Höhlen und zwischen die Feenkamine. Wir sind ein paar hundert Meter über dem Boden als die Sonne hinter den Felsen erscheint. Es ist gigantisch. Das Farbenspiel am Himmel, dazu der Blick auf die vielen Ballons vor der einzigartigen Felsenkulisse. Und natürlich die Tatsache, dass wir selbst in einem Ballon stehen und hoch über dem Boden schweben.

Ismail steuert den Ballon mittels des Propangases, er kann hoch und runter steigen, in welche Richtung wir fahren, entscheidet der Wind. 600m war unsere höchste Flughöhe, die niedrigste nur ein paar Meter, als wir durch einen Canyon fahren und der Korb Bäume streift. Es ist ein wunderbares Erlebnis und ich kann es jedem empfehlen, der noch nie eine Ballonfahrt gemacht hat.

Nach der Ballonfahrt, die eine Stunde gedauert hat, fahren wir zu einem Farmers Breakfast, das ebenfalls von unserem Hotel angeboten wird. Mit einem Jeep geht es in die Felsen zu einer Farm, auf der lauter Selbstgemachtes angeboten wird: Brot, Butter, Marmelade, Käse, Gemüse, Wein (Es war bereits nach 9 Uhr, da kann man schonmal ein Gläschen trinken). Es wachsen Auberginen, Paprika, Tomaten und Erdbeern im Sandboden, gedüngt wird mit Taubenmist, den man wie vor Tausenden von Jahren aus den alten Höhlen gewinnt, in denen die Tauben nisten. Auf der Farm laufen Hühner, Enten, Ziegen umher und es gibt natürlich Kühe. Sie vermieten auch Zimmer. Es ist ein wunderbarer Rückzugsort, wenn einem der Touristenwahnsinn in Göreme zu viel wird. Zurück im Hotel beladen wir wieder unsere Bikes und ziehen weiter.

Vom Saulus zum Paulus

Die Mittelmeerküste ist für heute unser Ziel aber zuerst halten wir in Tarsus, einer sehr alten Stadt aus dem 4. Jahrtausend vor Christus, die kurz vor der Küste liegt. Es ist ebenfalls ein Tipp von unserem Freund Helmut. Tarsus ist die Geburtsstadt des Heiligen Paulus. Wir besichtigen eine Kirche, die ihm zu Ehren erbaut wurde und außerdem den Platz, wo angeblich sein Geburtshaus stand.

Ich glaube an Gott, bin aber nicht besonders religiös. Daher muss ich erstmal recherchieren, was an dem Heiligen Paulus so besonders ist. Ich kenne natürlich das Sprichwort „vom Saulus zum Paulus werden“ und was es bedeutet, aber nicht die Geschichte dahinter. Saulus wurde 10 v. Chr. in Tarsus geboren. Zuerst verfolgte er die Christen mit aller Härte, wurde aber bekehrt und hat sich daraufhin selbst zum „Apostel Paulus“ ernannt. Seine umfangreiche Missionarstätigkeit machte ihn zu einer der bedeutendsten Figuren im Christentum und seine Schriften waren die wichtigste Grundlage für das Neue Testament. Einige Historiker halten ihn daher für den eigentlichen Gründer des Christentums als eigenständige Religion. Kirchen auf der ganzen Welt von Neuseeland bis Albanien sind nach ihm benannt und es gibt mehrere Gedenktage im Jahr. Wow, ein ziemlich bedeutender Mann also. Warum sind dann außer Roland und mir keine weiteren Touristen hier? Es müsste doch vor Pilgern nur so wimmeln? Liegt es an der aktuellen Politik? Der Jahreszeit? Die Sicherheitsbeamten können mir die Frage leider nicht beantworten, denn sie sprechen kein Wort Englisch und ich nicht Türkisch. Schade.

Es gibt noch einige weitere antike Sehenswürdigkeiten in Tarsus, wir werfen aus Zeitgründen nur noch einen Blick auf die über 2.000 Jahre alte römische Straße. Bei Ausgrabungen in den 90ern wurden neben der Straße auch Fundamente von Geschäfts- und Wohnhäuser entdeckt. Es ist anzunehmen, dass sich unter Tarsus eine komplette, alte römische Stadt befindet. Warum nicht weiter ausgegraben wird, weiß ich nicht. Ich schätze, es fehlt das Geld dafür.

Wir setzen die Reise fort und fahren an der Küste bis es dunkel wird und landen in einem kleinen Ort vor Kizkaleki. Das Hotel, das Roland ausgesucht hat, hat genau noch ein Zimmer frei, mit Blick aufs Meer. So ein Ärger, das müssen wir dann wohl nehmen. Hehe.

99 Ballons über Göreme

Tatsächlich schaffen wir es, vor Sonnenaufgang aufzustehen, um die vielen Heißluftballon am Himmel zu beobachten. Der Startplatz ist etwas außerhalb der Stadt in der Nähe der Felsen. Zuerst sieht man im Dunklen das helle Feuer, wie es den Ballon von innen beleuchtet, während er immer weiter aufgeblasen wird. Nach und nach steigen die bunten Ballons in der Ferne auf, bis der Himmel voll von ihnen ist und lassen sich vom Wind treiben. Einer fliegt so dicht über unserer Hotelterrasse vorbei, dass ich die Leute im Korb zählen kann. Es ist einmalig, die vielen Ballons vor der Felsenkulisse zu beobachten. Fast noch unterhaltsamer sind aber die Asiatinnen, die auf der Terrasse gegenüber Fotos von sich machen. Sie haben sich herausgeputzt wie für den Wiener Opernball, tragen wundervolle Kleider und riesen Hüte und werfen sich vor dem Fotografen oder sich selbst (für ein sogenanntes Selfie) in die unterschiedlichsten Posen. Eine gute Stunde beobachten wir die Ballons und beim anschließenden Frühstück beschließen wir,  eine Fahrt zu buchen. Obwohl uns 130€/Person eigentlich zu teuer sind – aber für uns beide wird es die erste Ballonfahrt überhaupt sein. Das ist doch ein Argument.

Den restlichen Tag verbringen wir am Pool und wenn wir schonmal in der Türkei sind und Geld ausgeben, buche ich auch ein Hamampaket für mich. Wir haben eine gemeinsame Reisekasse und schreiben nichts im Detail auf, sondern teilen einfach alles durch 2. Beim Tanken (und eigentlich auch Essen) bin ich leicht im Nachteil meint Roland, weil seine nineT mehr verbraucht als meine Zicki und er immer zwischen 3 und 5 Liter mehr tankt als ich. Da ist die Hamam-Anwendung als Ausgleich drin sagt Roland! Oh ich liebe meine sparsame Zicki.

Nach dem Hamam fühle ich mich so sauber wie schon lange nicht mehr. Seit drei Monaten lebe ich aus meinen Satteltaschen und tragen seitdem die gleichen Klamotten, wechseln auch gern ein paar Tage hintereinander das Shirt und die Socken nicht. Merinowolle sei Dank klappt das auch ohne zu Müffeln. Meistens zumindest. Das Hamam war also nicht nur was kosmetisches, sondern durchaus auch hygienischer Natur.

Zum Sonnenuntergang laufen wir auf einen der Felsen und lassen unsere Ballon-Souvenirs steigen. Da wir morgen um 4.30 Uhr aufsteheb müssen, gehen wir reaktiv früh ins Bett. Ich bin schon total gespannt auf die Ballonfahrt!

Weiterfahrt nach Göreme

Beim genaueren Betrachten der Bilder wird dem ein oder anderen aufgefallen sein, dass Roland mittlerweile Bart-Wildwuchs hat. Er geht deswegen nach dem Frühstück zum „Kuaför Elif“, der ihm nicht nur den Bart stutzt sondern auch Nasen- und Ohrenhaare. Ja, so macht man das hier in der Türkei. Ein halbes Kilo leichter und nur 1,40€ ärmer verlässt Roland den Laden wieder.

Die heutige Etappe ist lang, 698 km fahren wir bis Göreme. Die Straße ist quasi eine Autobahn, zweispurig, mit wenig Verkehr und ein paar schönen, langgezogenen Kurven. Wir sind wie immer spät gestartet, kommen aber schnell voran. Göreme liegt in Kappadokien ist bekannt zwei Dinge: Die Feenkamine und Ballonfahrten. Vor vielen Millionen von Jahren haben Vulkanausbrüche die Gegend mit Asche bedeckt, daraus bildete sich Tuffstein, der über die Jahre durch Wind und Wasser so abgetragen wurde, dass diese lustig aussehenden Feenkamine entstanden sind. Ab dem 4. Jahrhundert haben Christen in die weichen, bis zu 30m hohen Tuffstein-Kamine Kirchen und Wohnungen gebaut und dort gelebt. Die Ballonfahrten gibt es allerdings erst seit 1995, also noch nicht ganz so lang.

Göreme hat uns Helmut, ein langjähriger Freund meiner Familie empfohlen, der ein paar Jahre in der Türkei gelebt hat. Und er hatte mir auch gleich ein Hotel genannt, in dem wir tatsächlich spontan ein Zimmer bekommen. Das Kelebek Hotel ist ein Traum. Es ist terrassenförmig in den Felsen gebaut und in einigen der alten Höhlenwohnungen wurden Zimmer eingerichtet mit alten Fresken aus dem 12. Jahrhundert an Wänden und Decken. Es hat mehrere Terrassen, u.a. vor unserem Zimmer, einen Pool und ein Hamam. Gestern schreibe ich noch, dass mir das ursprüngliche Ostanatolien so gut gefällt und jetzt schwärme ich von einem der größten Touristenorte in der Türkei. Mei, ich bin halt flexibel, kann mich an die jeweiligen Umstände bestens anpassen.

Nach dem Einchecken gibt uns Yusuf vom Hotel noch den Tipp, morgen um 5.45 Uhr auf die Frühstücksterrasse zu kommen und den Flug der Heißluftballons anzusehen, die bei Sonnenaufgang über die Stadt fliegen – mittlerweile sind es über 100 an manchen Tagen.

Einreise Türkei und die Berge Ostanatoliens

Es regnet in Strömen als wir unsere Bikes herrichten und aufpacken. Mein Schutzblech ist ausgerissen und wird mit Draht befestigt, die Kette wird vom Dreck der georgischen Berge befreit und geschmiert und ich möchte die Birne vom Abblendlicht tauchschen, die mal wieder durchgebrannt ist. Dabei sehe ich, dass der ganze Stecker hinüber ist. Alles komplett verkokelt. Roland richtet es fachmännisch mit seinem Multitool und Klebeband und meint, ich soll es halt beobachten und den Schlüssel schnell abziehen, falls es aus dem Cockpit raucht. Alles klar.

Die Grenze ist knapp 20 km entfernt. Bei der Ausreise will die Dame unsere georgische Versicherung sehen. Verdammt. Haben wir nicht abgeschlossen. Ehrlich gesagt, haben wir es in den letzten Tagen total vergessen, uns darum zu kümmern. Also müssen wir statt 20 Lari 100 Lari Strafe zahlen meint sie. Wir bekommen einen Zettel mit unserem Namen und Kennzeichen aber der Rest ist auf Georgisch. Wir wissen nicht so recht wohin damit, wo sollen wir zahlen? Also fahren wir einfach zur türkischen Grenze und hoffen, dass sich das irgendwie von selbst regelt.

Wir müssen bei der Einreise ein bisschen warten, ansonsten geht die Abfertigung ziemlich schnell. Wir sind zum zweiten Mal auf dieser Reise in der Türkei. Ursprünglich wollte wir nochmal die Schwarzmeerküste entlang fahren, weil uns die Strecke beim Hinweg zu gut gefallen hat. Allerdings ist die Wettervorhersage für die Küste in den nächsten Tage eine Katastrophe, so dass wir kurz nach der Grenze ins Landesinnere abbiegen. Die D010 und später D950 führen uns auf bestem Asphalt durch eine fantastische Berglandschaft, vorbei an tiefblauen Stauseen. „Berge und See“ bilden für mich schon immer das schönste Panorama. Glücklicherweise hat es auch aufgehört zu regnen, es ist zwar recht kühl aber mein Kamelnierengurt wärmt hervorragend.

In Erzurum, der größten Stadt Ostanatoliens mit über 700.000 Einwohnern, suchen wir uns eine Unterkunft. Ein älterer Mann treibt seine Herde Ziegen an uns vorbei durch die Straße. Mitten über den Gehweg. Die Ladenbesitzer kennen das Spektakel, jeder hat einen langen Stock, mit dem er die Ziegen vom Ladeneingang fernhält. Ich stelle mir die gleiche Szene in München vor. Undenkbar. Was würden sich die Münchner aufregen, es würde Anzeigen hageln für den Mann. Aber hier ist das ganz normal.

Wir finden ein kleines, familiengeführtes Hotel am Eck. Keiner hier spricht Englisch, der Sohn versteht „Doubleroom“ und schreibt den Preis auf einen Zettel. 120 Lira, also 16€, inklusive Frühstück – und WiFi haben sie auch. Wir lieben Ostanatolien nicht nur wegen der Berge und schönen Straßen, es ist so wunderbar ursprünglich.

Keiner spricht Englisch, die Hotels sind klein und einfach, die Menschen wunderbar herzlich und hilfsbereit und das Essen super lecker. Das Hotelrestaurant würde bei uns höchstens als bessere Dönerbude durchgehen. Typisch für die Türkei, sind alle Speisen bereits fertig gekocht und wie in einer Kantine hinter Glas aufgereiht. Der Koch empfiehlt uns die Suppe, ich esse außerdem noch eine Art Eintopf und Roland Fleischspieß. Unermüdlich füllen sie Cay nach, sobald wir unser Glas ausgetrunken haben. Da wir beide relativ müde sind, gehen wir nach dem Essen direkt ins Bett und verzichten auf einen Spaziergang durch die Stadt.

Summit to Sea: Nach Batumi

Nach dem Frühstück laufen wir nochmal durch den kleinen Ort Ushguli. Micha und Christian sind bereits fertig aufgepackt und verabschieden sich.

Das Wetter ist herrlich, die Sonne scheint und man hat einen fantastischen Blick auf die hohen, weißen Berge. Bei vielen Pensionen stehen Pferde und die Guides warten auf Touristen, die einen Ausflug hoch zu Ross machen möchten. Weder in Kirgisitan noch hier schaffe ich es, Roland zu einem Austritt zu überreden. 1 PS ist ihm dann doch zu wenig.

Heute geht’s nach Batumi. Roland möchte unbedingt dorthin, mich zieht es nicht in das „Las Vegas am Kaspischen Meer“ wie es oft genannt wird. Aber da es quasi auf dem Weg in die Türkei liegt, sage ich ja.

Bis kurz vor Mestia ist die Straße genauso matschig wie gestern, allerdings weniger steinig. Danach geht es auf Asphalt weiter, denn die Straße Richtung Ushguli wird aktuell neu gebaut. Bis zu sechs Monate im Jahr versinkt ihre Stadt im Schnee, weshalb die Straße in die etwa 40 Kilometer entfernte Regionshauptstadt Mestia häufig gesperrt ist. Da macht Asphalt natürlich Sinn.

Wir erreichen Batumi bei Sonnenuntergang und checken im Surf Hostel im Zentrum ein. Zuerst möchten sie für ein Doppelzimmer 90 Lari (30€) von Roland, ich hab sie dann mit meiner charmanten Art überredet, 60 Lari (20€) wie bei Booking aufgeführt, zu verlangen. Die Bikes können wir sicher aber umständlich im Innenhof parken. Roland manövriert dazu erst Zicki dann seine nineT durch die parkenden Autos und schließlich die schmale Tür. Mit einem beherzten Schubser passt Zicki gerade so durch. Wiedermal bin ich froh um meine Softbags, mit Koffern hätte das nicht geklappt.

Wir ziehen uns um und laufen durch Batumi zum Pier. Es sind einige Menschen unterwegs, Jugendliche skaten, Kinder fahren auf ihren Rädern über die Promenade. Überall blinken Leuchtreklamen und hier und da hört man laute Musik. Ja, es ist ein unglaublich touristischer Ort, aber weit entfernt von Las Vegas.

Das Bergdorf Ushguli

Auf Ushguli freue ich mich besonders, da ich endlich mal wieder offroad fahren möchte. Ushguli liegt auf über 2.000 m und der Weg dorthin ist ein herrlicher Track, der uns durch kleine ursprüngliche Dörfer und viel Wald hoch in die Berge führt, inklusive Blick auf einen Gletscher.

Wie in der Wetter-App vorhergesagt, hat es hier die letzten zwei Tage geregnet und daher ist der Track vor allem eines: matschig und übersäht mit zum Teil tiefen Wasserlöchern. Ausweichen oft unmöglich. Unsere Bikes sind nach kürzester Zeit total eingesaut. Roland hat ja mittlerweile den abgefahrenen Heidenau K60 gegen einen Rennslick getauscht und steht daher nicht nur 1x quer auf der Fahrbahn. Auf einem besonders steilen und steinigen Stück lege ich Zicki kurz ab, aber was wäre ein ordentlicher Offroad-Ride ohne Sturz. Es ist herrlich. Ich genieße es so sehr, den Matsch, den schwierigen Track und die Aussicht auf die Berge um uns herum.

Wir erreichen das kleine Bergdorf Ushguli kurz vor der Dämmerung, tiefe Wolken hängen in den schneebedeckten Bergen. Auf der Suche nach einem Zimmer fahren wir blöderweise durch den Ort. Die Straße ist in einem schlimmeren Zustand als alles, was wir heute gefahren sind. Entnervt zurück auf der „Hauptstraße“ (auch kein Asphalt!) dulde ich keine weiteren Umweg mehr und wir checken in der ersten Pension ein. Dort treffen wir zwei andere Motorradfahrer, Micha und Christian, aus Hannover. Sie haben sich in Georgien zwei KTM ausgeliehen und machen hier zwei Wochen Urlaub. Wir essen gemeinsam zu Abend, trinken viel zu viel Chacha und erzählen uns die wildesten Motorradabenteuer. Es ist nach 1 Uhr, als Roland und ich ins Bett kriechen.

Sataplia Naturpark in Kutaissi

Halleluja war das ein Unwetter gestern Nacht. Auf der Terrasse vor unserem Zimmer steht kein Möbelstück mehr an seinem ursprünglichen Platz und alle Polster sind pitschnass.

Jetzt scheint wieder die Sonne und wir machen uns fertig für einen kleinen Ausflug. Es gibt mehrere Attraktionen wie einen Canyon, Höhlen und Naturparks in der Nähe von Kutaissi, wir entscheiden uns für den nahegelegenen Sataplia Park. Hier wurden über 120 Millionen Jahre alte Dinosaurier-Fußabdrücke gefunden, die sehr gut erhalten sind. Außerdem gibt es einen netten Rundweg durch den Wald, eine Aussichtsplattform aus Glas und eine kleine Tropfsteinhöhle. Alles in allem ein netter Zeitvertreib.

Zwei weitere Nächte in Tbilisi

Zwei weitere Nächte bleiben wir in Tbilisi, obwohl Zicki bereits heute repariert ist. Die Lichtmaschine wurde neu gewickelt, ein Ölwechsel gemacht und Licht und Zusatzscheinwerfer funktionieren auch wieder. Ich schaffe es, ein paar Blogeinträge zu schreiben und wasche unsere Wäsche, während Roland bei Bikeland bei seiner nineT selbst einen kompletten Kundendienst durchführt. Danach erkunden wir die Festung Narikala und sehen uns die Statue „Mutter Georgiens“ aus der Nähe an. Beides befindet sich oberhalb der Altstadt. Von hier kann man sich gleich einen guten Überblick über Tbilisi verschaffen. Die moderne Friedensbrücke von 2010 und die imposante Sameba Kathedrale von 2004, die größte Kirche im Südkaukasus, fallen sofort ins Auge und sind nur zwei Beispiele für die vielfältige Architektur der Stadt. Uns gefällt Tbilisi sehr gut.

Am Spätnachmittag holt uns Buba für einen Ride mit seinen Motorradkumpels ab, Ziel ist das Kloster Dschwari nordwestlich von Tbilisi. Von dort hat man einen wunderbaren Blick auf das umliegende Tal und den Fluss Kura, der auch durch Tbilisi fließt.

Buba fährt eine umgebaute Sportster, trägt Karohemd, eine Kutte mit seinem selbst designten Patch „Lone Lion“ und ein Braincap. Ein kleiner Outlaw könnte man auf den ersten Blick meinen. Stimmt fast. Buba ist Professor für Internationales Recht. Aber auch ein bisschen Outlaw, denn er fährt seit Jahren Motorrad, ohne den Schein zu haben. Weil er ihn gar nicht erst machen darf. Er verlor als Kind bei einem Unfall mit Starkstrom beide Hände und trägt Prothesen. Trotzdem fährt er Auto und Motorrad. Zuerst wollten die Behörden es ihm verbieten, ein normales Auto zu fahren, sie haben aber die Rechnung ohne den Herrn Professor gemacht. Den Prozess gegen das Amt hat Buba gewonnen und das gleiche versucht er jetzt auch beim Motorrad-Führerschein durchzusetzen. Seine Harley ist so umgebaut, dass er über eine Umlenkung mit dem rechten Knie Kuppeln kann. Tricky ist in meinen Augen nur das Wegfahren, da er im Stand für einen kurzen Moment beide Füße vom Boden nehmen muss. Es ist unglaublich und beeindruckend. Der Wille kann Berge versetzen.

Abends gehen Roland und ich wieder essen in das gleiche Restaurant wie gestern, allerdings isst Roland diesmal Fisch. Und ich hab wieder eine Flasche Weißwein.

Am darauffolgenden Tag machen wir erneut einen kleinen Ausflug mit den Jungs, diesmal nach Mtatsminda, einem Berg, der neben dem über 200 m hohen Fernsehturm auch einen Freizeitpark aus Sowjet-Zeit zu bieten hat. Und natürlich wieder einen grandiosen Blick auf Tbilisi. Hier springt der Zähler auf 22.000 km, aber nachdem wir nicht die ganze Gruppe aufhalten wollen, machen wir unser obligatorisches Foto erst am nächsten Tag vor der Abreise zusammen mit Buba.

Zicki muss in die Werkstatt

Roland hat extra für die Reise eine Anker Jumpstart gekauft, eine kompakte Powerbank, mit der man Autos und Motorräder fremdstarten kann. Nach dem Frühstück nehme ich Zickis Sitzbank und die vordere Verkleidung ab, damit wir an die Batterie kommen und tatsächlich, mit Hilfe der Jumpstart springt mein Bike wieder an. Das blöde ist nur, dass das Bike die ganze Zeit laufen muss, während ich sie wieder zusammenbaue und aufpacke. Aber zuerst wollen wir uns ohnehin Shatili und die Nekropolis ansehen und fahren zu zweit mit Rolands nineT los.

Die Nekropolis ist ein kleines Dorf, das aus ein paar Steinhäusern besteht, die eigentlich Gräber sind. Im 19. Jahrhundert ist in dem Dorf eine unheilbare Krankheit ausgebrochen und anstatt andere Menschen damit anzustecken, haben die Bewohner beschlossen, dass sie alle in ihrem Dorf bleiben und gemeinsam auf den Tod warten. So ist einer nach dem anderen hier gestorben, bis auf einen 12-jährigen Jungen, der als Hirte den Sommer über woanders war. Man kann durch die Fenster in die kleinen Häuschen sehen. Überall liegen Knochen, ich erkenne Rippen und Schädel. Sehr unheimlich.

Danach laufen wir durch das Wehrdorf Shatili das wunderbar erhalten ist. Man erkennt deutlich die einzelnen Etagen und Räume der Türme, die Öffnungen unter den Fenstern für die Geschütze und über manchen Türen findet man uralte Schriftzeichen. Alle Türme waren mit Gängen verbunden, so dass die Bewohner bei Angriffen ungesehen von Turm zu Turm fliehen konnten.

Zurück im Guesthouse werfen wir Zicki mit der Jumpstart an, ich baue Verkleidung und Sitzbank hin und packe die Taschen auf. Gerade als ich den Helm aufziehe, geht die blöde Kuh aus. Oh Mann. Ich hab keine Lust, alles noch mal von vorne ab- und aufzupacken. Also versuchen wir es mit Anschieben, da hier leider kein Hügel in der Nähe ist. Beim 4. Mal klappt es und ich ziehe ordentlich am Gas, damit sie nicht wieder ausgeht.

Wir müssen den gleichen Weg zurück fahren und bis zur Passhöhe darf ich Zicki nicht abwürgen. Eigentlich wollten wir heute nach Omalo in den Tusheti Nationalpark und eine der anspruchvollsten Straßen in Georgien fahren, aber wegen Zickis Zickereien geht’s direkt nach Tbilisi in die Werkstatt. Es gibt laut Google zwei, Bikeland und PitStop. Wir fahren zu Bikeland und Dimitri und sein Mechaniker Sergiu sehen sich Zicki sofort an. Währenddessen lässt Roland seinen Hinterreifen wechseln. Jawohl, nach 22.000 km muss der Heidenau K60 gehen und der Diablo Rosso kommt drauf – der Reifen, den Roland vor 15.000 km im Iran gekauft und seitdem jeden Tag ab- und wieder aufgepackt hat. Wenn wir gewusst hätten, dass der Heidenau so lange hält, hätten wir hier bei Bikeland einen vernünftigen Offroad Reifen gekauft. Aber so fährt Roland jetzt eben einen Hinterreifen, der normalerweise auf einem Supersportler drauf ist.

Inzwischen scheint Sergiu das Problem bei Zicki gefunden zu haben. Eine Phase der Lichtmaschine funktioniert nicht mehr. Sie können die Lichtmaschine neu wickeln, das dauert aber 1 bis 2 Tage. Gut, dann suchen wir uns jetzt eine Unterkunft in Tbilisi. Ein anderer Kunde, sein Name ist Buba, spricht uns an. Er lässt an seiner Sportster die Bremsbeläge wechseln und nach fünf Minuten Konversation bietet er uns das Apartment seiner Eltern an, die gerade nicht in Tbilisi sind. Wow, wir sind sprachlos und nehmen das Angebot sehr gern an.

Das Apartment liegt 5 Fahrminuten von Bikeland entfernt. Ich nehme ein Taxi, die beiden Jungs fahren mit den Bikes hinterher. Wir erreichen eine Plattenbausiedlung aus der Sowjet-Zeit. Die Fassade des Hauses ist herunterkommen, das Treppenhaus düster, zugemüllt und riecht muffelig. Buba drückt den Knopf für den Aufzug, es kracht ordentlich und als er die Tür mit aller Kraft aufdrückt meint er freudig: „Cool, the elevator works“. Aber nicht für mich. Ich schleppe lieber meine Taschen in den 6. Stock als mit diesem unberechenbaren Monster zu fahren.

Das Apartment ist ein Traum. Groß und modern, mit allen Annehmlichkeiten. Seine Eltern wohnen ein paar Stunden von Tbilisi entfernt und benutzen das Apaprtment nur, wenn sie zu Besuch sind. Wir verräumen unser Gepäck und ziehen uns schnell um. Buba möchte mit uns Essen gehen. Im Restaurant bestellt er landestypische vegetarische Gerichte für mich und Khinkali und Chatchapuli für sich und Roland. Und jetzt erfahren wir auch, wie man die Teigtaschen Khinkali richtig isst: Man beißt eine Ecke ab, trinkt den Fleischsaft und isst erst dann die Teigtasche selbst. Roland schmeckt es vorzüglich. Das Restaurant sieht unglaublich edel aus, in der Ecke steht ein Piano und die Kellner tragen zum Teil Frack und Fliege. Der Tisch biegt sich unter dem Essen und ich hab zudem eine Flasche georgischen Weißwein bestellt. Trotzdem bezahlen wir für alles zusammen inklusive ordentlich Trinkgeld keine 40€. Roland meint, in Tbilisi können wir gern länger bleiben.

Nichts geht mehr in Shatili

Auch wenn wir am liebsten noch länger in Passanauri bleiben möchten, die Uhr tickt und wir haben nur noch gute drei Wochen, bis wir wieder daheim sein müssen. Außerdem warten weitere tolle Orte in Georgien auf uns, Shatili, Omalo, Tbilisi, Ushguli und Batumi wollen wir anfahren.

Für das Frühstück fehlt nur noch Milch, die es aber leider nicht im kleinen Laden direkt ums Eck gibt. Daher gehe ich nun mit Lika und ihren Kids sowie ihrer Freundin Mary von Haus zu Haus, um nach frischer Milch zu fragen. Quasi jeder hier in der Straße hat eine oder mehrere Kühe, allerdings hat niemand Milch. Ist schon zu Käse verarbeitet worden, übersetzt Lika. Sie hat noch einen Liter Milch daheim und möchte mir unbedingt etwas abfüllen. Ein Nein akzeptiert sie nicht.

Nach dem Frühstück packen wir unsere Sachen und gerade als die Bikes fertig beladen sind, beginnt es zu regnen. Also ziehen wir unsere Regenkleidung an und wollen gerade los, als Lika meint, wir müssen noch zu ihr nach Hause kommen. Ihre Mama kocht gerade für uns. Wir sind immer noch satt vom Frühstück aber wen wundert’s, ein Nein akzeptiert sie nicht.

Ihre Mama bereitet Kartopiliani gvezeli zu, so was wie Chatchapuli, also Pizza nur nicht mit Käse gefüllt sondern Kartoffelbrei. Also Kohlehydrate in Kohlehydrate gepackt. Ich esse für mein Leben gern, und es schmeckt lecker aber mehr als zwei Stück schaffe ich einfach nicht. Ich bin voll bis obenhin. Lika schenkt uns einen kleinen Chacha ein und meint, gleich geht’s wieder besser. Wir trinken, und sie hat recht, aber was sage ich, wenn mich die Polizei anhält? Sorry, Ranzen hat gespannt, musste Chacha trinken?

Lika füllt uns noch 1L des selbst gebrannten Chacha in eine Plastikflasche ab und einen halben Liter Tkemali, das ist eine sauer-scharfe Sauce aus Kirschpflaumen, ebenfalls selbst gemacht. Mit Müh und Not schaffe ich es, einen weiteren halben Liter Sauce, Äpfel, Nüsse und die Reste von der Kartoffelpizza abzulehnen. Dafür schenkt mir ihre Mama einen handgestrickten Umgang und erst nach mehrmaligem Danke und „Wir müssen jetzt wirklich los“ dürfen wir gehen.

Bei der Einreise vor zwei Tagen hatten wir einen Flyer bekommen, dass man in Georgien seit März 2018 eine Versicherung für das eigene Fahrzeug abschließen muss. Kostet 20 Lari. Das Büro war am Kazbegi, aber angeblich kann man auch an den Paybox Automaten bezahlen. Diese Automaten stehen an jeder Ecke und viele Georgier bezahlen hier ihre Rechnungen. Handy, Versicherung, Strom, Strafzettel bis hin zu Grabgebühren. Kein Witz. Leider finde ich die Versicherung nicht und so beschließen wir, auf Risiko zu gehen und ohne zu fahren.

Es geht zuerst südlich, ab dem Zhinvali Stausee fahren wir wieder in den Norden, in die Berge und nach ein paar Kilometern wird die Asphaltstraße zu einer schönen Schotterstrecke, die sich in wunderbaren Kurven bis auf über 2.600 m windet. Danach geht’s bergab, weiter in die endlosen Berge hinein. Die Straße wird immer anspruchsvoller, die Landschaft immer spektakulärer.

Mittlerweile sind wir seit vier Stunden unterwegs, es ist Spätnachmittag und es sind noch ein paar Kilometer nach Shatili. Roland duldet nur noch kurze Fotostopps unter einer Minute, er möchte die Strecke heute wieder zurück fahren. Ich schwinge mich wieder in den Sattel, drücke den Startknopf und – nichts passiert. Ich drücke nochmal, aber es macht nur klackklackklack. Das Cockpit leuchtet kurz auf, dann ist alles dunkel. Nein, ich flippe aus. Mein erster Gedanke: die Batterie. Jedes Jahr das gleiche. Das darf doch nicht wahr sein. Zum Glück geht es bergab und ich kann Zicki losrollen und dann anmachen. In Shatili angekommen, springt Zicki trotzdem nicht an, obwohl die Fahrt die Batterie hätte laden müssen. Wir nehmen uns in einem der Gasthäuser ein Zimmer, denn es dämmert bereits und ich hab keine Lust, in diesem Zustand den Pass wieder hochzufahren. Lieber möchte ich morgen in Ruhe auf Fehlersuche gehen. Im Guesthouse ist außer uns eine Familie aus Berlin, mit denen wir uns kurz unterhalten. Sie empfehlen uns, die Nekropolis ein paar Kilometer nach Shatili anzusehen. Zuerst muss aber Zicki wieder laufen.