Der letzte Tag in Asien

Von Pamukkale aus nehmen wir eine kleine Straße, die uns durch Obst- und Baumwollplantagen führt. Wir hatten bereits in Usbekistan Baumwollfelder gesehen, die Pflanzen haben aber noch nicht geblüht. Die Felder hier sind dagegen quasi vollständig weiß. Und da ich Baumwolle noch nie in ihrem Ursprungszustand gesehen habe, halten wir an und gehen ins Feld. Wattig weich fühlt sich die Baumwolle an. Roland und ich nehmen jeweils eine Blüte mit nach Hause.

Wir setzen die Fahrt fort, müssen aber kurze Zeit später wieder anhalten für unser 25.000 km Foto. Wahnsinn – 25.000 km und noch liegen mindestens 3.000 km vor uns. Insgeheim hoffe ich ja, dass wir die 30.000 km schaffen. Ich würd dafür gern ein paar Umwege in Kauf nehmen.

Kurz vor Canakkale dann die Überraschung – die D555 entpuppt sich als kleine, kurvige Straße durch eine malerische Herbstlandschaft. Die Sonne lässt die gelben und roten Blätter leuchten. Außer uns ist fast niemand unterwegs und wir genießen jeden einzelnen Kilometer dieser Traumstrecke.

Der Tag war ein super schöner Abschluss unserer Asien-Reise. Ab morgen geht’s durch Griechenland, Albanien, Montenegro und den Balkan zurück nach Hause.

Sonnenuntergang in Pamukkale

Als wir morgens zum Sandstrand laufen, ist dieser bereits total überfüllt. Soweit das Auge reicht Sonnenschirme und Liegestühle. Nach gestern Abend hab ich aber auch nichts anderes erwartet. Also Augen zu und durch! Wir legen unsere Mini-Reisehandtücher in den Sand und gehen ins Meer. Trotz der vielen Menschen ist das Wasser schön sauber.

Anschließend frühstücken wir ausgiebig und besprechen die weitere Reise. Gute Freunde von Roland sind gestern Richtung Süditalien gestartet und wir überlegen kurz, ob wir von Griechenland aus nach Bari übersetzen und sie dort treffen. Dann müssten wir allerdings auf Albanien und Montenegro verzichten. Je näher wir der Heimat kommen, umso schwieriger ist es, sich für eine Route zu entscheiden. Wir möchten auf den letzten Metern auf keinen Fall etwas „falsch machen“ und die restlichen Tage perfekt ausnutzen. Aber noch bleiben uns ein paar Tage, bis wir uns entscheiden müssen.

Ab heute ist erstmal Schluss mit Küste, es geht durchs Landesinnere Richtung Canakkale, von wo aus wir übermorgen auf den europäischen Kontinent übersetzen werden. Und da es irgendwie doof ist, den ganzen Tag einfach nur zu Fahren ohne wirkliches Highlight, beschließen wir in Pamukkale zu halten. Auch wenn es hier wieder vor Touristen nur so wimmelt. Das Timing ist mal wieder perfekt, wir erreichen Pamukkale zum Sonnenuntergang. Da man seine Schuhe ausziehen muss, um die weißen Kalksinterterrassen betreten zu dürfen, laufen wir mit unserem schweren Tankrucksack in der einen und den Boots in der anderen Hand durch das Thermalwasser immer weiter nach oben, während gegenüber die Sonne untergeht. Ein bisschen umständlich ist es schon, wir schaffen es trotzdem, den Blick auf die beleuchtete Stadt zu genießen während uns das über 30° warme Wasser zwischen den Zehen durchfließt. Hat ein bisschen was von Wellness. Über 20.000 l Wasser fließen hier täglich über die Felsen und wenn man möchte, darf man sogar baden, allerdings nur in den künstlich angelegten Becken, um die eigentlichen Terrassen nicht zu zerstören.

Wir suchen uns lieber ein Hotel mit Pool und werden direkt in Pamukkale fündig, keine 5 Minuten von den Terrassen entfernt. Das Abendessen dort ist fantastisch und wir schwimmen vor dem zu Bett gehen noch eine Runde. Seit einigen Tagen fühlt sich unsere Reise deutlich mehr nach Urlaub an als Abenteuer. Aber vielleicht ist das auch ganz gut so – in 2 Wochen muss Roland wieder im Büro sein, da kann ein bisschen Erholung vorher gar nicht schaden.

Man spricht Deutsch

Es ist erst kurz nach 9 Uhr, aber trotzdem bereits sehr warm und deswegen springen wir noch vor dem Frühstück ins Meer. Und wir sind nicht die einzigen, es liegen bereits einige Menschen am Strand.

Wie immer in der Türkei ist das Frühstück ein Gedicht. Es gibt Omlett, verschiedene Käse, Oliven, Honig, Tomaten und Gurken und natürlich frisches Brot. Gut gestärkt beladen wir die Bikes. Wir möchten heute so weit wie möglich an der Küste entlang fahren, in der Hoffnung, dass es eine schöne Strecke mit viel Kurven und Meerblick wird. Und wir werden nicht enttäuscht. Die Straße verläuft bis auf ein paar Kilometer immer am Meer, zu meiner Überraschung befinden sich rechts und links Bananen-Plantagen so weit das Auge reicht. Ich wusste ehrlich gesagt nicht, dass hier Bananen angebaut werden. Immer wieder hängen sie Staudenweise in den kleinen Buden am Straßenrand. Wir halten an, ich kaufe für 3 Lira 8 kleine Bananen, die wir sofort vernaschen, so lecker sind sie.

Kurz vor 16 Uhr biegen wir von der Hauptstraße ab Richtung Meer und fahren eine kleine Serpentine durch eine Bananen-Plantage. Roland hatte im Internet von einer Bucht gelesen, die wir auch finden, aber da man vom Parkplatz aus noch 30 Minuten zu Fuß hinunterlaufen müsste, verzichten wir darauf. Nicht weil wir faul sind, sondern weil wir heute noch ein paar Kilometer machen möchten.

Wir fahren also weiter an der Küste Richtung Westen, bis es dunkel wird und wir müde. Leider passiert das in Side. Dem schlimmsten Ort in der Türkei. Am Ortseingang wimmelt es von Touristen und Taxen. Wir drehen sofort wieder um. Glücklicherweise finden wir einen kleinen Campingplatz in der Nähe der Altstadt. Wir dürfen unser Zelt direkt neben einer alten römischen Ruine aufstellen und gehen Essen in der Fußgängerzone, die direkt zum Meer führt. Hier findet man ein Restaurant neben dem anderen, dazwischen einen Supermarkt, einen mehr als seltsamen Dessous-Laden und mehrere Friseure/Schöhnheitsalons/Tattoo- und Piercingstudios – alles in einem Geschäft. Ich kann es nicht glauben, was ich hier sehe. Einer Kundin werden auf dem Gehsteig die Haare geföhnt, die andere im Laden bekommt ein Tattoo und die daneben einen neuen Haarschnitt. Und die Damen draußen warten vermutlich auf ihren Maniküre-Termin. „Roland, lass uns schnell was essen, Bier einkaufen und dann zurück auf den Campingplatz gehen. Das ist ja unfassbar hier.“ Ein Kellner fängt uns draußen an der bebilderten Speisekarte vor seinem Restaurant ab. „Wir haben auch Wiener Schnitzel.“ sagt er in perfektem Deutsch. „Nein danke, wir möchten was Lokales.“ antworten wir. Hat er auch, erwidert der Kellner. Da die Preise für einen solchen Touristenort ok sind und es eigentlich ganz nett aussieht, gehen wir rein. Was soll ich sagen… An jedem Tisch sitzen Touristen, meistens Frauen mit schlecht blondierten Kurzhaarfrisuren in viel zu engen Kleidern, die Männer tragen Halbglatze, beige Shorts, graue Socken und braune Sandalen. Im Flatscreen über der Bar läuft Dortmund gegen Frankfurt. Drei Jungs sehen sich das Spiel an, einer trägt ein Reus Trikot. Der Kellner wünscht den Gästen am Tisch neben uns, die gerade gezahlt haben, einen guten Heimflug. Sie antworten: Danke, bis nächstes Jahr. Ich bestelle einen Cocktail, um mich zu beruhigen und dann einen zweiten. Hilft aber nix. Wenigstens schmeckt das Essen gut und nach einem kurzen Stopp im Supermarkt gehen wir auf unseren Campingplatz und trinken unser Bier im Mondschein ohne Touristen mit frischem Permanent-Make-up im Gesicht.

Ballons und Christentum

Heute ist es also soweit – wir werden das erste Mal mit einem Heißluftballon fahren. Wir sind bereits vor dem Wake-up Call vom Hotel um 4.30 Uhr wach. Roland putzt hektisch Zähne, zieht sich an, sucht seine Sachen zusammen und steht um 4.50 Uhr an der Tür. Ich soll mich beeilen, wir kommen zu spät! Roland, es sind 30 Schritte zur Rezeption, Treffpunkt ist um 5 Uhr. Ich hab noch 10 Minuten. Er geht schonmal vor. Früh aufstehen und pünktlich sein ist nur eine Frage der Motivation.

Um 5 Uhr werden wir mit einem Bus abgeholt und zum Office des Veranstalters gefahren. Dort gibt es ein kleines Frühstück und eine kurze Einweisung. Die Abfahrt zum Startplatz der Ballons verzögert sich etwas aufgrund der Windverhältnisse. Kurz vor 6 geht es dann endlich los und nach einer 5-minütigen Autofahrt stehen wir am Startplatz. In unserem Korb ist Platz für insgesamt 20 Leute, die auf die 4 „Abteile“ aufgeteilt werden. Ich stehe direkt beim Captain Ismail, der in der Mitte des Korbs die Befüllung des Ballons koordiniert. Es macht ein lautes Geräusch, sobald die Propangas-Brenner angehen und es wird etwas warm über meinem Kopf. Vier Brenner sind es, die er abwechselnd bedient. Der Ballon bläst sich immer weiter auf. Männer wuseln neben uns herum, hängen Leinen ab, reden laut mit dem Captain. Um uns herum das gleiche Bild, überall Ballons, die befüllt werden oder gerade aufsteigen. Dann geht’s auch bei uns los! Wir heben ab. Noch ist die Sonne nicht aufgegangen, aber es wird bereits hell am Horizont. Wir steigen weiter auf, fahren langsam über den Startplatz in Richtung Felsen und über die ersten Höhlen und zwischen die Feenkamine. Wir sind ein paar hundert Meter über dem Boden als die Sonne hinter den Felsen erscheint. Es ist gigantisch. Das Farbenspiel am Himmel, dazu der Blick auf die vielen Ballons vor der einzigartigen Felsenkulisse. Und natürlich die Tatsache, dass wir selbst in einem Ballon stehen und hoch über dem Boden schweben.

Ismail steuert den Ballon mittels des Propangases, er kann hoch und runter steigen, in welche Richtung wir fahren, entscheidet der Wind. 600m war unsere höchste Flughöhe, die niedrigste nur ein paar Meter, als wir durch einen Canyon fahren und der Korb Bäume streift. Es ist ein wunderbares Erlebnis und ich kann es jedem empfehlen, der noch nie eine Ballonfahrt gemacht hat.

Nach der Ballonfahrt, die eine Stunde gedauert hat, fahren wir zu einem Farmers Breakfast, das ebenfalls von unserem Hotel angeboten wird. Mit einem Jeep geht es in die Felsen zu einer Farm, auf der lauter Selbstgemachtes angeboten wird: Brot, Butter, Marmelade, Käse, Gemüse, Wein (Es war bereits nach 9 Uhr, da kann man schonmal ein Gläschen trinken). Es wachsen Auberginen, Paprika, Tomaten und Erdbeern im Sandboden, gedüngt wird mit Taubenmist, den man wie vor Tausenden von Jahren aus den alten Höhlen gewinnt, in denen die Tauben nisten. Auf der Farm laufen Hühner, Enten, Ziegen umher und es gibt natürlich Kühe. Sie vermieten auch Zimmer. Es ist ein wunderbarer Rückzugsort, wenn einem der Touristenwahnsinn in Göreme zu viel wird. Zurück im Hotel beladen wir wieder unsere Bikes und ziehen weiter.

Vom Saulus zum Paulus

Die Mittelmeerküste ist für heute unser Ziel aber zuerst halten wir in Tarsus, einer sehr alten Stadt aus dem 4. Jahrtausend vor Christus, die kurz vor der Küste liegt. Es ist ebenfalls ein Tipp von unserem Freund Helmut. Tarsus ist die Geburtsstadt des Heiligen Paulus. Wir besichtigen eine Kirche, die ihm zu Ehren erbaut wurde und außerdem den Platz, wo angeblich sein Geburtshaus stand.

Ich glaube an Gott, bin aber nicht besonders religiös. Daher muss ich erstmal recherchieren, was an dem Heiligen Paulus so besonders ist. Ich kenne natürlich das Sprichwort „vom Saulus zum Paulus werden“ und was es bedeutet, aber nicht die Geschichte dahinter. Saulus wurde 10 v. Chr. in Tarsus geboren. Zuerst verfolgte er die Christen mit aller Härte, wurde aber bekehrt und hat sich daraufhin selbst zum „Apostel Paulus“ ernannt. Seine umfangreiche Missionarstätigkeit machte ihn zu einer der bedeutendsten Figuren im Christentum und seine Schriften waren die wichtigste Grundlage für das Neue Testament. Einige Historiker halten ihn daher für den eigentlichen Gründer des Christentums als eigenständige Religion. Kirchen auf der ganzen Welt von Neuseeland bis Albanien sind nach ihm benannt und es gibt mehrere Gedenktage im Jahr. Wow, ein ziemlich bedeutender Mann also. Warum sind dann außer Roland und mir keine weiteren Touristen hier? Es müsste doch vor Pilgern nur so wimmeln? Liegt es an der aktuellen Politik? Der Jahreszeit? Die Sicherheitsbeamten können mir die Frage leider nicht beantworten, denn sie sprechen kein Wort Englisch und ich nicht Türkisch. Schade.

Es gibt noch einige weitere antike Sehenswürdigkeiten in Tarsus, wir werfen aus Zeitgründen nur noch einen Blick auf die über 2.000 Jahre alte römische Straße. Bei Ausgrabungen in den 90ern wurden neben der Straße auch Fundamente von Geschäfts- und Wohnhäuser entdeckt. Es ist anzunehmen, dass sich unter Tarsus eine komplette, alte römische Stadt befindet. Warum nicht weiter ausgegraben wird, weiß ich nicht. Ich schätze, es fehlt das Geld dafür.

Wir setzen die Reise fort und fahren an der Küste bis es dunkel wird und landen in einem kleinen Ort vor Kizkaleki. Das Hotel, das Roland ausgesucht hat, hat genau noch ein Zimmer frei, mit Blick aufs Meer. So ein Ärger, das müssen wir dann wohl nehmen. Hehe.

99 Ballons über Göreme

Tatsächlich schaffen wir es, vor Sonnenaufgang aufzustehen, um die vielen Heißluftballon am Himmel zu beobachten. Der Startplatz ist etwas außerhalb der Stadt in der Nähe der Felsen. Zuerst sieht man im Dunklen das helle Feuer, wie es den Ballon von innen beleuchtet, während er immer weiter aufgeblasen wird. Nach und nach steigen die bunten Ballons in der Ferne auf, bis der Himmel voll von ihnen ist und lassen sich vom Wind treiben. Einer fliegt so dicht über unserer Hotelterrasse vorbei, dass ich die Leute im Korb zählen kann. Es ist einmalig, die vielen Ballons vor der Felsenkulisse zu beobachten. Fast noch unterhaltsamer sind aber die Asiatinnen, die auf der Terrasse gegenüber Fotos von sich machen. Sie haben sich herausgeputzt wie für den Wiener Opernball, tragen wundervolle Kleider und riesen Hüte und werfen sich vor dem Fotografen oder sich selbst (für ein sogenanntes Selfie) in die unterschiedlichsten Posen. Eine gute Stunde beobachten wir die Ballons und beim anschließenden Frühstück beschließen wir,  eine Fahrt zu buchen. Obwohl uns 130€/Person eigentlich zu teuer sind – aber für uns beide wird es die erste Ballonfahrt überhaupt sein. Das ist doch ein Argument.

Den restlichen Tag verbringen wir am Pool und wenn wir schonmal in der Türkei sind und Geld ausgeben, buche ich auch ein Hamampaket für mich. Wir haben eine gemeinsame Reisekasse und schreiben nichts im Detail auf, sondern teilen einfach alles durch 2. Beim Tanken (und eigentlich auch Essen) bin ich leicht im Nachteil meint Roland, weil seine nineT mehr verbraucht als meine Zicki und er immer zwischen 3 und 5 Liter mehr tankt als ich. Da ist die Hamam-Anwendung als Ausgleich drin sagt Roland! Oh ich liebe meine sparsame Zicki.

Nach dem Hamam fühle ich mich so sauber wie schon lange nicht mehr. Seit drei Monaten lebe ich aus meinen Satteltaschen und tragen seitdem die gleichen Klamotten, wechseln auch gern ein paar Tage hintereinander das Shirt und die Socken nicht. Merinowolle sei Dank klappt das auch ohne zu Müffeln. Meistens zumindest. Das Hamam war also nicht nur was kosmetisches, sondern durchaus auch hygienischer Natur.

Zum Sonnenuntergang laufen wir auf einen der Felsen und lassen unsere Ballon-Souvenirs steigen. Da wir morgen um 4.30 Uhr aufsteheb müssen, gehen wir reaktiv früh ins Bett. Ich bin schon total gespannt auf die Ballonfahrt!

Weiterfahrt nach Göreme

Beim genaueren Betrachten der Bilder wird dem ein oder anderen aufgefallen sein, dass Roland mittlerweile Bart-Wildwuchs hat. Er geht deswegen nach dem Frühstück zum „Kuaför Elif“, der ihm nicht nur den Bart stutzt sondern auch Nasen- und Ohrenhaare. Ja, so macht man das hier in der Türkei. Ein halbes Kilo leichter und nur 1,40€ ärmer verlässt Roland den Laden wieder.

Die heutige Etappe ist lang, 698 km fahren wir bis Göreme. Die Straße ist quasi eine Autobahn, zweispurig, mit wenig Verkehr und ein paar schönen, langgezogenen Kurven. Wir sind wie immer spät gestartet, kommen aber schnell voran. Göreme liegt in Kappadokien ist bekannt zwei Dinge: Die Feenkamine und Ballonfahrten. Vor vielen Millionen von Jahren haben Vulkanausbrüche die Gegend mit Asche bedeckt, daraus bildete sich Tuffstein, der über die Jahre durch Wind und Wasser so abgetragen wurde, dass diese lustig aussehenden Feenkamine entstanden sind. Ab dem 4. Jahrhundert haben Christen in die weichen, bis zu 30m hohen Tuffstein-Kamine Kirchen und Wohnungen gebaut und dort gelebt. Die Ballonfahrten gibt es allerdings erst seit 1995, also noch nicht ganz so lang.

Göreme hat uns Helmut, ein langjähriger Freund meiner Familie empfohlen, der ein paar Jahre in der Türkei gelebt hat. Und er hatte mir auch gleich ein Hotel genannt, in dem wir tatsächlich spontan ein Zimmer bekommen. Das Kelebek Hotel ist ein Traum. Es ist terrassenförmig in den Felsen gebaut und in einigen der alten Höhlenwohnungen wurden Zimmer eingerichtet mit alten Fresken aus dem 12. Jahrhundert an Wänden und Decken. Es hat mehrere Terrassen, u.a. vor unserem Zimmer, einen Pool und ein Hamam. Gestern schreibe ich noch, dass mir das ursprüngliche Ostanatolien so gut gefällt und jetzt schwärme ich von einem der größten Touristenorte in der Türkei. Mei, ich bin halt flexibel, kann mich an die jeweiligen Umstände bestens anpassen.

Nach dem Einchecken gibt uns Yusuf vom Hotel noch den Tipp, morgen um 5.45 Uhr auf die Frühstücksterrasse zu kommen und den Flug der Heißluftballons anzusehen, die bei Sonnenaufgang über die Stadt fliegen – mittlerweile sind es über 100 an manchen Tagen.

Einreise Türkei und die Berge Ostanatoliens

Es regnet in Strömen als wir unsere Bikes herrichten und aufpacken. Mein Schutzblech ist ausgerissen und wird mit Draht befestigt, die Kette wird vom Dreck der georgischen Berge befreit und geschmiert und ich möchte die Birne vom Abblendlicht tauchschen, die mal wieder durchgebrannt ist. Dabei sehe ich, dass der ganze Stecker hinüber ist. Alles komplett verkokelt. Roland richtet es fachmännisch mit seinem Multitool und Klebeband und meint, ich soll es halt beobachten und den Schlüssel schnell abziehen, falls es aus dem Cockpit raucht. Alles klar.

Die Grenze ist knapp 20 km entfernt. Bei der Ausreise will die Dame unsere georgische Versicherung sehen. Verdammt. Haben wir nicht abgeschlossen. Ehrlich gesagt, haben wir es in den letzten Tagen total vergessen, uns darum zu kümmern. Also müssen wir statt 20 Lari 100 Lari Strafe zahlen meint sie. Wir bekommen einen Zettel mit unserem Namen und Kennzeichen aber der Rest ist auf Georgisch. Wir wissen nicht so recht wohin damit, wo sollen wir zahlen? Also fahren wir einfach zur türkischen Grenze und hoffen, dass sich das irgendwie von selbst regelt.

Wir müssen bei der Einreise ein bisschen warten, ansonsten geht die Abfertigung ziemlich schnell. Wir sind zum zweiten Mal auf dieser Reise in der Türkei. Ursprünglich wollte wir nochmal die Schwarzmeerküste entlang fahren, weil uns die Strecke beim Hinweg zu gut gefallen hat. Allerdings ist die Wettervorhersage für die Küste in den nächsten Tage eine Katastrophe, so dass wir kurz nach der Grenze ins Landesinnere abbiegen. Die D010 und später D950 führen uns auf bestem Asphalt durch eine fantastische Berglandschaft, vorbei an tiefblauen Stauseen. „Berge und See“ bilden für mich schon immer das schönste Panorama. Glücklicherweise hat es auch aufgehört zu regnen, es ist zwar recht kühl aber mein Kamelnierengurt wärmt hervorragend.

In Erzurum, der größten Stadt Ostanatoliens mit über 700.000 Einwohnern, suchen wir uns eine Unterkunft. Ein älterer Mann treibt seine Herde Ziegen an uns vorbei durch die Straße. Mitten über den Gehweg. Die Ladenbesitzer kennen das Spektakel, jeder hat einen langen Stock, mit dem er die Ziegen vom Ladeneingang fernhält. Ich stelle mir die gleiche Szene in München vor. Undenkbar. Was würden sich die Münchner aufregen, es würde Anzeigen hageln für den Mann. Aber hier ist das ganz normal.

Wir finden ein kleines, familiengeführtes Hotel am Eck. Keiner hier spricht Englisch, der Sohn versteht „Doubleroom“ und schreibt den Preis auf einen Zettel. 120 Lira, also 16€, inklusive Frühstück – und WiFi haben sie auch. Wir lieben Ostanatolien nicht nur wegen der Berge und schönen Straßen, es ist so wunderbar ursprünglich.

Keiner spricht Englisch, die Hotels sind klein und einfach, die Menschen wunderbar herzlich und hilfsbereit und das Essen super lecker. Das Hotelrestaurant würde bei uns höchstens als bessere Dönerbude durchgehen. Typisch für die Türkei, sind alle Speisen bereits fertig gekocht und wie in einer Kantine hinter Glas aufgereiht. Der Koch empfiehlt uns die Suppe, ich esse außerdem noch eine Art Eintopf und Roland Fleischspieß. Unermüdlich füllen sie Cay nach, sobald wir unser Glas ausgetrunken haben. Da wir beide relativ müde sind, gehen wir nach dem Essen direkt ins Bett und verzichten auf einen Spaziergang durch die Stadt.

Summit to Sea: Nach Batumi

Nach dem Frühstück laufen wir nochmal durch den kleinen Ort Ushguli. Micha und Christian sind bereits fertig aufgepackt und verabschieden sich.

Das Wetter ist herrlich, die Sonne scheint und man hat einen fantastischen Blick auf die hohen, weißen Berge. Bei vielen Pensionen stehen Pferde und die Guides warten auf Touristen, die einen Ausflug hoch zu Ross machen möchten. Weder in Kirgisitan noch hier schaffe ich es, Roland zu einem Austritt zu überreden. 1 PS ist ihm dann doch zu wenig.

Heute geht’s nach Batumi. Roland möchte unbedingt dorthin, mich zieht es nicht in das „Las Vegas am Kaspischen Meer“ wie es oft genannt wird. Aber da es quasi auf dem Weg in die Türkei liegt, sage ich ja.

Bis kurz vor Mestia ist die Straße genauso matschig wie gestern, allerdings weniger steinig. Danach geht es auf Asphalt weiter, denn die Straße Richtung Ushguli wird aktuell neu gebaut. Bis zu sechs Monate im Jahr versinkt ihre Stadt im Schnee, weshalb die Straße in die etwa 40 Kilometer entfernte Regionshauptstadt Mestia häufig gesperrt ist. Da macht Asphalt natürlich Sinn.

Wir erreichen Batumi bei Sonnenuntergang und checken im Surf Hostel im Zentrum ein. Zuerst möchten sie für ein Doppelzimmer 90 Lari (30€) von Roland, ich hab sie dann mit meiner charmanten Art überredet, 60 Lari (20€) wie bei Booking aufgeführt, zu verlangen. Die Bikes können wir sicher aber umständlich im Innenhof parken. Roland manövriert dazu erst Zicki dann seine nineT durch die parkenden Autos und schließlich die schmale Tür. Mit einem beherzten Schubser passt Zicki gerade so durch. Wiedermal bin ich froh um meine Softbags, mit Koffern hätte das nicht geklappt.

Wir ziehen uns um und laufen durch Batumi zum Pier. Es sind einige Menschen unterwegs, Jugendliche skaten, Kinder fahren auf ihren Rädern über die Promenade. Überall blinken Leuchtreklamen und hier und da hört man laute Musik. Ja, es ist ein unglaublich touristischer Ort, aber weit entfernt von Las Vegas.