Unter den Obstbäumen

Wir verlassen Kalaihkum und gelangen kurz darauf an den Fluss Pyandzh, der die Grenze zwischen Afghanistan und Tadjikistan bildet und uns die nächsten 500 km begleiten wird.

Die Piste führt meist direkt am Ufer entlang, ab und zu bewegen wir uns etwas bergauf vom Fluss weg und haben so einen tollen Panoramablick auf das Tal und den Flusslauf. Das Wasser hat durch den Sand eine grau-braune Färbung und hin wieder säumen statt schroffen Felsen breite Sandbänke das Ufer, auf denen sich Tiere – meist Kühe – tummeln. Das Pendant zu den Schweinen in der Karibik. Irgendwie.

Auf der anderen Seite zum Greifen nah liegt Afghanistan. Genau wie auf unserer Seite führt auch dort eine schmale Piste am Fluss entlang, hin und wieder fährt ein Auto oder Moped parallel zu uns. Wir sehen kleine Dörfer: Halb fertige, braune Häuser, meist steht ein Moped davor und ein paar Hühner laufen hin und her. Kinder spielen auf einem großen Felsen direkt am Wasser und einmal winken sich Roland und ein paar Männer am Wasser zu.

Auf unserer Seite patrouillieren immer wieder kleine Gruppen junger tadjikischer Soldaten. Sie wirken müde und gelangweilt aber grüßen uns immer sehr freundlich mit einem Lächeln und Winken. Wir vermuten, dass sie verstärkt an Stellen unterwegs sind, an denen der Fluss nur ein paar wenige Meter breit ist. Und das ist oft der Fall.

Zu Beginn ist die Landschaft sehr felsig und grau und wir sehen keine Häuser und Menschen, nur ein paar Lkw kommen uns entgegen. Erst nach ein paar Stunden durchfahren wir die ersten kleinen Dörfer, die wie grüne Oasen wirken. Große Bäume stehen entlang der Piste, dahinter öffnen sich weite Wiesen und Felder.

In einem Feld stehen zwei Männer und winken. Der Fluss ist ganz ruhig geworden, er ist spiegelglatt und fliesst leise vor sich hin.

Ich halte an. Hier möchte ich campen. Es ist erst kurz nach 4 und wir sind auch noch nicht weit gekommen, aber hier gefällt es mir. Ich erzähle Roland von meinem Plan und fahre ein Stück zurück, frage die Männer, ob man hier campen darf (Ich bilde ein Zelt mit den Händen und sage „camping?“). Der ältere von beiden nickt sofort freundlich und zeigt nach oben rechts. Genau dort wollte ich hin. Zwischen die großen Obstbäume.

Wir stellen unsere Bikes unter den letzten Baum, ein Stück weg von der Straße. Unser Zelt bauen wir daneben auf. Dann entdecke ich am Rand einen kleinen Bach, Roland füllt unsere beiden Wassersäcke und befestigt sie unter einem Baum. Das wird morgen unsere Dusche sein. Zum Glück hat er das sofort gemacht, denn keine halbe Stunde später fließt hier kein Wasser mehr. Der Bach ist künstlich angelegt und wird, so vermuten wir, zur Bewässerung der Bäume und Felder genutzt.

Die Obstbäume tragen Aprikosen und eine andere Frucht, die ich noch nie gesehen habe. Sie ist weiß und hat die Form einer Brombeere, nur etwas länglicher. Ich pflücke eine und probiere sie. Schmeckt süßlich. Lecker. Ich sammle ein paar Aprikosen vom Boden auf und einiges von der anderen Frucht für unser Frühstück morgen.

Wir haben den perfekten Platz gefunden. Die Bäume spenden Schatten und sind ein Sichtschutz, wir haben frisches Obst und Wasser. Ich setze mich zufrieden auf meinen Campingstuhl und schaue über den Fluss nach Afghanistan.

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