Ich liebe die Küstenstrasse D010!

Wir starten den Tag wie wir den gestrigen beendet haben: Essen im Hotelrestaurant am Hafen. Danach finden wir endlich Zeit, mein Bike fahrwerkseitig an die Ladung anzupassen. Seit Abreise wackle ich mehr um die Kurven als dass ich fahre. Und bei 100km/h war sowieso Schluss. So komme ich Roland nicht hinterher. Also erhöht er die Federvorspannung und die Dämpfung. Das wirkt Wunder, wie sich auf der heutigen Etappe herausstellen wird.
Die Küstenstraße von Cide nach Sinop ist ein Paradies für Biker. Es gibt kein gerades Stück, nur Kurven. Lange, weite, enge schnelle, rechts, links, rechts, links. Dazu bewegt sich die Straße ständig Auf und Ab. Nachdem Zicki wieder ordentlich läuft hab ich entsprechend Geschwindigkeit drauf. Nach einer Stunde Fahrt in dieser Achterbahn spucke ich mir fast in den Helm und wir halten für eine kurze Pause an.
Die Straße verläuft bis Sinop genauso weiter, mal direkt am Meer, mal weiter oben am Berg mit einem herrlichen Blick auf die Felsenküste.
Kurz vor Sinop haben wir uns einen Campingplatz direkt am Meer ausgesucht, der sogar auf Rolands Karte von 1987 eingezeichnet ist. Wir stellen unser Zelt auf, kaufen ein bisschen Brotzeit ein, bauen den Tisch auf Rolands nineT auf und genießen unser erstes Abendessen neben unseren Bikes.
Der Campingplatz ist gut besucht. Es ist nicht Beginn des Ramadan, wie ich ursprünglich dachte, sondern Ende der Fastenzeit, genannt Bayram. In diesen vier „Feier“tagen feiern die Türken was das Zeug hält. So auch auf dem Campingplatz. Sie essen, trinken und tanzen zu lauter Musik aus ihren Autoradios. Bis spät nachts. Weit nach Mitternacht. Ich hatte mich so sehr auf eine schöne Nacht unter freiem Himmel gefreut und dann steigt neben uns der größte Rave der Schwarzmeerküste. Irgendwann ist die Musik dann doch aus, unsere Nachbarn – eine Familie aus Samsun – hat sich beschwert, wie wir am nächsten Tag erfahren. Gott sei Dank, endlich Ruhe.
Zurück an der Schwarzmeerküste.

Wir frühstücken ausgiebig und fahren erst kurz vor Mittag los. Ziel heute: Die Schwarzmeerküste. Relativ schnell sind wir in den Bergen auf 1.000 Höhenmeter. Im Gegensatz zu gestern haben wir heute perfekte Bedingungen: Schnelle und kurvige Straßen, kaum Verkehr und 25°C.
An jeder Tankstelle, an der wir bisher angehalten haben, werden wir gefragt, woher wir kommen und wohin wir noch fahren. Und wieviel ccm unsere Bikes haben. Heute werden wir sogar vom Tankwart auf einen Cay eingeladen und er möchte ein Foto mit Roland machen. It’s a men’s world… fange ich in Gedanken an zu singen…
Für die nächsten drei Stunden fahren wir die Küstenstraße entlang, die sich auf etwa 200m über dem Meer den Berg entlang schlängelt. Immer wieder durchfahren wir kleine Ortschaften. Gegen 17 Uhr halten wir die Augen offen nach einem Hotel. In einer Kurve fällt unser Blick auf eine Bucht mit smaragdgrünem Wasser, das gleichmäßig an die steil abfallende, dicht bewachsene Felsenküste schwappt. Von hier oben sieht es wie ein Idyll aus. Das müssen wir uns ansehen.
Der Weg hinunter ist steil und da wir nicht die einzigen sind, die dieses Kleinod gesehen haben, müssen wir zusammen mit einigen Autos die rauf oder runter wollen, hin und her rangieren. Fast kippt mein Bike gegen einen kleinen Omnibus. Ich schreie kurz und schaffe es, sie wieder gerade zu richten. In der Bucht gibt es ein kleines, einfaches Restaurant und eine Pension. Und es ist sogar noch ein Zimmer frei. Allerdings ist es rund herum so stark vermüllt, dass uns die Lust vergeht, hier zu übernachten. Was für eine Schande, einen so schönen Flecken Erde so verkommen zu lassen.
Da aktuell Ferien sind, gestaltet sich die Suche nach einem Hotel nicht so einfach wie erhofft. In Cide werden wir dann endlich fündig. Auf Empfehlung eines Tankwarts fahren wir zum Yali Hotel. Es liegt an einem kleinen Kreisverkehr abseits der Hauptstraße und ist nur durch eine Straße vom Wasser getrennt ist. Wir bekommen das letzte Zimmer.
Zum Hotel gehört auch ein Restaurant direkt an dem kleinen Steinstrand gegenüber. Alle neun Tische sind ein einer Reihe parallel zum Wasser angeordnet. Wir nehmen den Tisch in der Mitte und bestellen Salat mit Schafskäse, Reis und Fisch sowie Wein und Bier. Wir haben uns vorher vergewissert, dass alle Gäste Alkohol trinken und den Ramadan scheinbar nicht so ernst nehmen. Während wir unser Essen genießen, beobachten wir die Sonne, wie sie langsam hinter der Kaimauer weit draußen im Meer untergeht und den Himmel in ein kräftiges rot-orange taucht. Es könnte nicht kitschiger sein.
Es gibt nur eine Verkehrsregel in Istanbul: Hupen!

Es ist nicht die beste Idee, am ersten Tag des Fastenmonats „Ramadan“ Motorrad zu fahren. Ab Mittag legt ganz Istanbul die Arbeit nieder und fährt nach Hause. Die Straßen sind noch voller als sonst. Egal, Augen zu und durch – schließlich möchten wir heute unbedingt den asiatischen Kontinent betreten. Also rein in die hektische Blechkolonne, die sich hinaus aus der 17 Mio. Metropole bewegt.
Es gibt drei Brücken über den Bosporus und einen Tunnel. Blöderweise landen wir im Tunnel, was uns richtig ärgert, auch wenn es dort angenehm kühl war. Auf der anderen Seite angekommen, suchen wir uns einen Platz am Wasser, um wenigstens so einen Blick Richtung Istanbul zu erhalten. Ich lege meine Jacke ab und merke, dass ich bereits nach einer guten Stunde Fahrt völlig durchgeschwitzt bin. Roland geht es nicht anders. Und es liegen noch einige Kilometer vor uns.
Für die kommenden 100km brauchen wir 4 Stunden. Es sind einfach zu viele Autos und es gibt immer wieder Unfälle. Wir kommen nur langsam voran, obwohl wir uns nach kurzer Zeit ein vermutlich nur halb legales Manöver der türkischen Rollerfahrer abgeschaut haben: Wir fahren wenn es die Fahrbahnbreit erlaubt, neben dem ganz rechten Fahrstreifen an der Kolonne vorbei und hupen Autos, die im Weg stehen einfach weg. Roland fährt vor und ich hupe ihm den Weg frei. Roland hupt nämlich nicht gern, ich hingegen schon.
Generell ist die Hupe sehr beliebt bei den türkischen Verkehrsteilnehmern. Ich schätze, es wird mehr gehupt als in Rom und Neapel zusammen. Man hupt wenn man überholt oder abbiegt, jemanden grüßt oder schimpft, als Warnung oder einfach zum Spaß.
Mit letzter Kraft suchen wir uns ein Hotel in Düzce. Preis-Leistung wie immer großartig hier in der Türkei, 25€ für das Zimmer inkl. Frühstück: Ein bombastisches Frühstück, wie wir am nächsten Morgen feststellen. Nach einer Dusche gehen wir noch einen Happen Essen und schauen uns die Feierlichkeiten zu Beginn des Ramadan an. Die ganze Stadt ist voll mit Menschen. Jungs, die lässig in Grüppchen zusammen stehen, Mädchen die aus ihren Burger King Pappbechern trinken, Familien mit zwei, drei Kindern flanieren durch die Fußgängerzone, die Älteren sitzen um einen Brunnen herum und unterhalten sich lautstark. Alle Einwohner der Stadt Düzce scheinen heute auf den Beinen zu sein um die Nacht zum Tag zu machen. Es gibt laute Musik, zahlreiche Fahrgeschäfte und unglaublich viele Buden, die Essen und Süßigkeiten verkaufen. Es fühlt sich an wie eine Mischung aus Fußball-Weltmeisterschaft und Oktoberfest.